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Riesige Penisprothesen und die No Angels – Unsere Redakteure erinnern sich an ihre ersten Konzerte

Wir haben die wichtigsten Ereignisse unserer Autoren aufschreiben lassen, damit sie endlich alles hinter sich lassen können.

von Noisey Staff
13 März 2017, 1:39pm

Header: Julian beim Tote Hosen Kinderkonzert. Foto vom Autor.

Es gibt Momente im Leben, die vergisst man nicht. Entweder, weil sie so peinlich oder so einschneidend waren, dass sie uns an Abenden, an denen wir den Schlaf unbedingt brauchen, in Erinnerung gerufen werden und vor Scham oder Aufregung noch ein paar Stunden wach halten. So zeigt uns unser Körper, dass wir die Katastrophen-Jahre der Pubertät nie so richtig hinter uns lassen sollten. Warum auch immer. Als kleines Katharsis-Programm haben wir deshalb unsere Kollegen gebeten, ihre ersten Konzerterlebnisse für uns niederzuschreiben – denn das soll ja bei der Verarbeitung helfen. Ein paar davon sind zwar nicht wirklich peinlich – wer kann schon sagen, Michael Jackson gesehen zu haben –, aber es schadet nicht, sich diese Erlebnisse mal von der Seele zu schreiben.

Julian, 25
Die Toten Hosen Kinderkonzert

Mein erstes Konzert, von dem ich aus Erzählungen weiß und von dem ein großartiges Foto existiert, war von den Toten Hosen – ein Kinderkonzert im Rheinstadion in Düsseldorf. Das muss vor knapp 20 Jahren gewesen sein. Ich kann mich nicht mehr dran erinnern, finde es aber großartig, dass die Hosen so ein Konzert gegeben haben. Punk für die Kinder!

Ich habe die Hosen bis heute leider zu oft gesehen – was damit zusammenhängt, dass mein Vater früher mal ihr Tourpromoter war und sie mich mittlerweile auch auf Festivals verfolgen. Deswegen kann ich ihre Musik heute nicht mehr hören – mal abgesehen davon, dass ihre neuen Sachen eh scheiße sind. Nach meinem Blick auf dem Foto zu urteilen, war ich damals vielleicht auch schon kein großer Fan – in meinen Teenager-Jahren war ich dann auch in der Ärzte-Fraktion.

Verena, 24
No Angels

Foto via Flickr | Arne List | CC by 2.0

Soweit ich mich erinnere, war mein erstes Konzert eines der No Angels. Als Kind war ich ein wirklich riesiger Fan der Band. Und wenn ich Fan sage, dann meine ich Fan: Ich habe Zeitungsschnipsel in diversen Mappen gesammelt, hatte VHS-Kassetten, Shirts, sogar ein glitzerndes No Angels-Parfum. 

Als mir meine Mutter schließlich offenbarte, dass wir nach Passau fahren würden, wo die frühen No Angels auf einem Stadtfest oder etwas ähnlichem auftreten würden, bin ich natürlich durchgedreht. Vom Konzert selbst weiß ich nicht mehr allzu viel, außer dass ich natürlich mein No Angels-Shirt anhatte und es der beste Tag meines bisherigen, noch ziemlich jungen Lebens war. Ich saß auf den Schultern meines Firmpaten und sang einen Phantasie-Text zu "Daylight in your eyes" mit, weil ich noch kein Englisch konnte. Früher war alles besser.

Hanna, 26
Sarah Connor

Ich mochte ihre Musik nicht einmal wirklich, aber meine beste Freundin hat sie damals sehr geliebt und ich somit auch. Wir waren zirka zehn oder elf und hatten rücken- und bauchfreie Oberteile an. Meine Mutter wusste das nicht und sie wäre vermutlich gestorben, aber die Mutter meiner besten Freundin hatte ebenfalls ein rücken- und bauchfreies Oberteil an, dazu alle drei Buffalos. Sarah trug auf der Bühne ebenfalls quasi nichts, ich werde nie dieses glitzernde Oberteil vergessen, das so gut wie nur ihre Brüste bedeckte und ein Schmetterling war. Dafür habe ich keine Ahnung mehr, wie das Konzert ablief. Aber ich habe mich erwachsen gefühlt wie nie zuvor und wahrscheinlich auch danach nie wieder.

Markus, 34
Blümchen

Mein erstes Konzert war niemand Geringeres als Jasmin Wagner, auch bekannt als Blümchen. Ich war damals 13 und weiß noch, dass ich mit einem Schulkollegen hinging, der aussah wie ein 40-Jähriger mit zu kurzen Beinen, was vermutlich an den vielen Partydrogen lag, die er seit einem Jahr anstelle des Nachmittagsunterrichts genossen hatte. 

Das Konzert war im Linzer Posthof und so dermaßen ein Ereignis für mich, dass ich mir ein komplett neues Outfit dafür zulegte: Eine blitzblaue Stoffhose und ein aschgraues Shirt mit V-Ausschnitt und einem sehr techno-bunten dicken Querstreifen auf der Brust, der entweder wie Star Trek oder wie Love Parade aussah. 

Beim Konzert selbst sind wir hauptsächlich herumgestanden und ein bisschen gehüpft, aber eine Sache hat sich mir in die Netzhaut gebrannt: nämlich die Bühnenshow, bei der Blümchen auf einer Schaukel voller Blümchen (duh) vor und zurück geschwungen ist – und mein stark pubertierendes, 13-jähriges Ich die ganze Zeit versucht hat, einen Blick unter ihren kurzen Techno-Rock zu werfen. Die blitzblaue Hose war jedenfalls nicht ganz die richtige Entscheidung.

Sandro, 23
The Misfits

Die Misfits tourten 2007 anlässlich ihres 30. Geburtstags durch Amerika, Mexico und Europa und machten dabei Halt im Club Vaudeville in Lindau. Weil das nur zehn Minuten Autofahrt von unserem damaligen Wohnort in der Vorarlberger Provinz entfernt war, durften mein kleiner Bruder und ich ihn begleiten – damals waren wir 12 und 13 Jahre alt. Unser Vater hat uns früher Mixtapes im CD-Format geschenkt und damit unseren Musikgeschmack maßgeblich (zum Guten) beeinflusst.

Um meine Erinnerung ein bisschen aufzufrischen, hab ich mich durch die Untiefen des Internets gewühlt, um zu checken, wie verzerrt meine Erinnerungen wirklich sind. Dabei bin ich zwar draufgekommen, dass das Publikum nicht nur aus Irokesen-Trägern und Vollzeit-Punks bestand. Wie der Kollege meines Vaters es allerdings schaffte, sechs Bier zu trinken, ohne dabei auch nur einmal pissen zu gehen, ist mir bis heute ein Rätsel.

Noch heute denke ich sehr oft an mein erstes Konzerterlebnis. Vor allem dann, wenn ich mein Misfits-Shirt aus der H&M-Frauenabteilung trage. Außerdem hat der Gig bei mir eine sofortige Konzertsucht ausgelöst und ich nenne diese Show auch heute noch als Grund dafür, dass ich auch mal eine Woche lang nur Reis mit Ketchup esse, damit ich eine bestimmte Band live ansehen kann. Danke, Papa!

Ben, 29
Rammstein

Foto rechts: Autor

Als ich zarte zehn Jahre alt war, hing am "schwarzen Brett" meines Heimatdorfes ein schauderhaft anmutendes Plakat mit einem bleich geschminkten Kopf auf schwarzem Hintergrund, dessen Augen nach oben gedreht und dessen Mund mit einem chirurgischen Spreizer geöffnet war. Durch den Quelle-Katalog meiner Mutter fand ich heraus, dass es sich dabei um das Tourplakat einer Band handelte, die gerade ihr neues Album herausbracht hat – die Band hieß Rammstein und das Album Sehnsucht, mit dem sie damals den großen Durchbruch in Amerika feierten und im Zuge dessen auch ein Konzert in Österreich absoliverten. Ich flehte meine Mutter an, sie soll mir dieses Album bestellen. Kurze Zeit später avancierte Rammstein zu meiner absoluten Lieblingsband und so war es für mich selbstverständlich, dass ich auch zum anstehenden Gig fahren musste.

Als verfrühtes Geburtstagsgeschenk traten mein Vater und ich also am Morgen des 18. Juli 1998 die Reise zum Forestglade Festival in Wiesen an. Ich kann mich leider nur noch schemenhaft an das tatsächliche Konzert erinnern, was mir aber im Gedächtnis blieb, war der gelassen-amüsierte Blick meines Vaters, als Rammstein-Sänger Till  mit einer Penisprothese Milch ins Publikum spritze. Der Security, der so um meine Sicherheit besorgt war, hob mich von der ersten Reihe in den Backstage-Bereich und anschließend kaufte ich so ziemlich jeden Fetzen Merchandise, den ich in die Finger bekam (siehe Foto).

Auf alle Fälle hat mich dieses Konzert nachhaltig geprägt, Psychologen mögen sich uneins darüber sein, ob dies zu meinem Vor- oder Nachteil passierte, aber ich werde zumindest gelassen-amüsiert grinsen, wenn ich mal eine Penisprothese brauche.

Josef, 33
Firewater

Ich war erst sehr spät auf meinem ersten Live-Konzert. Ich hatte Populärmusik immer gemieden, weil ich schon mit zehn ein leicht prätentiöser Typ war. Aber in meinen frühen Teens warfen mich ein paar Oberstufler mit Dreads am Kopf, Dosenbier und vielen Joints im Gepäck in ihren Mazda und nahmen mich mit zum ersten Kozert meines Lebens (es war auch irgendwie mein erstes richtig arges Fortgehen und Party außerhalb meiner Heimatstadt). 

Wir fuhren vom Innviertel nach Wels, um uns Firewater anzusehen. Eine grölende Alternative Rock-Combo, die einen Haufen Punks und Freunde des gediegenen Pogo anlockte. Wir kamen viel zu spät, da noch geraucht und Schwammerl konsumiert werden mussten (letzteres nicht von mir, ich war nur megabetrunken) und erwischten gerade mal noch die letzten drei Nummern der Band. 

Ich fand die Jungs sehr super und ihr "Psychopharmacology" finde ich eigentlich heute noch ziemlich geil. Die Nacht ist extrem nebulös, aber irgendwann kam es zu Pöbeleien zwischen Oi-Skins und Leuten aus unserer Gruppe. Wir schliefen dann bei Bekannten, es war ungemütlich, alle schräg drauf und aggro. Alles in allem war dieses Abenteuer eher scheiße, Firewater aber definitiv super und das Highlight dieses Landjugend-Desasters.

Samantha, 30
Michael Jackson

Foto via Flickr | Daniele Dalledonne | CC by 2.0

Ich war wirklich noch sehr klein bei meinem ersten Konzert. Ich war erst fünf Jahre alt, als ich mit meiner Mutter und meinen Brüdern bei Michael Jackson im damaligen Praterstadionwar. Als alleinerziehende Mutter von zwei großen Michael Jackson-Fans, ist ihr nichts anderes übrig geblieben, als mich (das Nesthäkchen der Familie) mitzunehmen. Ich kann mich leider nicht mehr an viel erinnern, nur dass wir sehr weit von der Bühne entfernt waren. Wir hatten Sitzplätze ganz weit oben. Von Michaels Performance weiß ich nur noch, dass eine funkelnde Person auf der Bühne herumgefuchtelt hat – waren wohl seine Tanzeinlagen.

Christoph, 24
Sportfreunde Stiller

In der Wien-Woche, in der Landeier wie ich vor allem den Zugang zu einem Elektromarkt schätzten, kaufte ich mir das erste Album meines Lebens, an das ich mich gern erinnere: Stadium Arcadium von den Red Hot Chili Peppers. Ein guter Kumpel, der Musiknarr der Klasse, redete mir aber auch noch die Sportfreunde Stiller mit You have to win Zweikampf ein. Das sei absolut etwas für mich, dem damals noch sportlichen Fußballer. Wenig später traten die Sportis beim Saisonabschluss eines Skigebiets in der Nähe auf. Es war kalt, mittelmäßig voller Teenies und der Geruch von Glühwein und Eristoff Ice lag in der Luft. Bei "7 Tage, 7 Nächte" hab ich meine Stimme verloren. Mehr weiß ich nicht mehr. Für das erste Konzert eh ganz okay. 

Fredi, 25
Sido

Mein erstes Konzert war ein Sido-Konzert. Ich war 14, großer Fan vom "Arschficksong" (kam am Ende vier Mal hintereinander) und seinen Werken generell. Bin ich auch noch immer. Eigentlich habe ich davor Flo Rida im Empire sehen wolllen, aber damals dachte ich, dass Konzerte im Club um 22:00 Uhr anfangen. Ich durfte nur bis 1:00 Uhr fortgehen und Flo Rida ist erst irgendwann um 2:00 Uhr aufgetreten. Damals hat mich der Eintritt das gesamte Taschengeld gekostet. An Sido denke ich bis heute sehr gerne zurück. Fan von Konzerten bin ich trotzdem nicht geworden. Es hat mich genervt, dass es so voll war und ich kaum Platz zum tanzen hatte. Ich fühle mich bis heute extrem dumm, in einer Herde zu stehen und einem anderen Menschen beim Rumhampeln vorne zuzuschauen. Deshalb bereue ich bis heute auch gar kein Konzert auf dem ich war, weil es extrem ausgewählte Konzerte waren.

Benji, 27
Petsch Moser, A Life A Song A Cigarette und Herbstrock

Mein erstes Konzert ist im Vergleich zu den anderen hier beschriebenen ein bisschen weniger aufregend. Zumindest auf dem Papier (oder Bildschirm). Für mich war es natürlich das ärgste Abenteuer, mit dem Zug in die große Stadt – ja Linz war für mich Landei quasi eine Metropole – zu fahren, um im Posthof die Bands zu sehen, die ich sonst nur von FM4 kannte. Petsch Moser hatten damals den Hit "Gustav K." und ich ließ mir die CD sogar signieren. Sie waren meine Helden, leider hab ich keine Ahnung, was aus ihnen geworden ist. Herbstrock kennt man heute als HVOB, damals machten sie allerdings noch auf Wir Sind Helden und A Life A Song A Cigarette gibt's nach wie vor. Ob das Konzert gut war oder nicht, konnte ich damals wahrscheinlich sowieso noch nicht einschätzen also behaupte ich jetzt einfach mal, dass es eines der besten Konzerte war, auf dem ich jemals ein Velvet Underground-Shirt anhatte. 

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