Mein gestohlenes Handy ist zurückgekommen – mit Fotos von Drogen und intimen Chatverläufen

Auf dem Handy die Daten zweier Männer. Schnell weiß ich mehr über sie als über meine Freunde. Was passiert, wenn ich Kontakt mit den beiden aufnehme?

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27 April 2017, 11:16am

Als ich das Handy anschalte, gucken mich zwei riesige, braune Kinderaugen an. Das Hintergrundbild zeigt ein Mädchen mit kurzen, schwarzen Haaren, vielleicht zwei, vielleicht drei Jahre alt. Das Gerät vibriert, arabische Push-Meldungen poppen auf. Ist das wirklich mein Handy? Nachrichtensignale und Fehlermeldungen blinken um die Wette. Eine Tastensperre gibt es nicht.

Sechs Wochen vorher: Ich wache an der Endstation der Bahn in Düren auf – nach der Geburtstagsfeier meines Bruders bin ich betrunken im Regionalzug von Bochum nach Köln eingepennt und 50 Kilometer zu weit gefahren. Mein Rucksack ist weg. Jackpot für den Dieb, Desaster für mich. Tschüss Geld, tschüss Papiere und das Schlimmste: tschüss Handy. Kontakte von alten Kellner-Kollegen, Reeperbahn-Fotos vom Mädels-Trip nach Hamburg und suffseelige Partyvideos von der Hochzeit einer Freundin – alles weg, weil ich für Sicherheitskopien zu faul war. Und jetzt ist alles in der Hand eines Fremden.

Wer mein Handy durchstöbert, weiß mehr über mich, als würde er meine Eltern ausfragen. Meine Bahn-App zeigt, dass ich diesen Monat schon zweimal in Berlin war, die letzten Sucheingaben bei Google-Maps verraten die Adresse einer Freundin, wer mein Zahnarzt ist und die letzten zehn Kneipen, in denen ich war. In meinen Chatverläufen kann man lesen, wie ich meinem Freund versaute Nachrichten schreibe und mich über eine Arbeitskollegin und das letzte Kackspiel von Schalke auskotze. In der Bildergalerie findet man Karneval-Selfies im Clownskostüm und abfotografierte Rechnungen. Mein digitales Ich wurde gestohlen.


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Im Vergleich zu 2009 (102.023 geklaute Handys) hat sich bis 2013 mit 236.550 Stück die Zahl der gestohlenen (und angezeigten!) Handys mehr als verdoppelt, ergab eine Anfrage der Linken, aktuellere Zahlen für ganz Deutschland gibt es leider nicht. Aber alleine in NRW wurden in den ersten beiden Monaten dieses Jahres über 8.000 Taschendiebstähle angezeigt. Ob, wie in meinem Fall, auch das Handy geklaut wurde, zeigt die Statistik allerdings nicht. Die Aufklärungsquote liegt bei unter sieben Prozent.

Ich hatte Glück. Als ich eineinhalb Monate später mein Handy aus einem Päckchen der Bundespolizei ziehe, fühlt es sich nicht mehr wie ein Stück meines Ichs an. Auf dem Anschreiben steht "Übersendung von sichergestelltem Stehlgut". Meine Anzeige war offensichtlich erfolgreich. Und es steht noch etwas auf dem Schrieb: "Sollten sich auf dem Handy und der Speicherkarte Daten befinden, welche nicht von Ihnen sind, sind diese unverzüglich zu löschen." Aber die Versuchung ist zu groß – wie oft bekommt man so einen Exklusiv-Zugang zu einem fremden Leben?

Ich fühle mich, wie sich die Agenten der NSA bei ihrem Zugang zum Kanzlerinnenhandy gefühlt haben müssen. Als ich neben den Kinderbildern immer wieder Selfies von demselben Typen sehe – schwarzes gegeltes Haar, grimmiger Blick, Boss-Pose von schräg unten fotografiert – denke ich: "Selbst schuld. Immerhin hast du mein Handy geklaut."

Ich wühle mich durch das Telefon. Fremde Apps: ein arabischer Sportnachrichten-Dienst, eine Taschenlampen-App, das Spiel Fighting Tiger und eine Klingelton-App. Ich finde fremde Nummern von Menschen mit arabischen Namen. Meine Urlaubsbilder finde ich nicht. Stattdessen: Fotos des Marktplatzes von Bergheim, einer Kleinstadt 40 Kilometer westlich von Köln, das Video eines kleinen Mädchens, ein etwas älterer Junge (ihr Bruder?) mit einem McDonald's-Becher vor einem Schaukasten am Kölner Bahnhof.

Im Facebook-Messenger fallen mir die Bilder auffällig hübscher Frauen auf, blond, europäisch aussehend. Die Chatverläufe sind kurz. Meistens auf Arabisch, manche auf Französisch, Italienisch, einige auf Englisch. Ein Sprachtalent? Ein Geflüchteter? Zwischendrin Nachrichten von jungen Männern: "Are you in Europe again?" Dann die Nachrichtenverläufe mit den schönen Frauen. Er will wissen: "You want sex?" Nächste Frage: "You want a picture of my dick?" Ich schmeiße das Handy aufs Bett, renne ins Bad, hole Desinfektionsspray und wische Rückseite und Bildschirm ab.

In dem Soldatenbild geht es um die marokkanische Polsario-Front: "Das sind die Gründe, warum die marokkanischen Streitkräfte einen Schlag der separatistischen Polisario nicht verhindern." Darunter: Sportnews der App "Hespress Sport"

Kurzes Zögern – will ich wirklich wissen, was da jetzt kommt? Ich scrolle weiter. Die kataloghübsche Dame will kein Dickpic. Sie antwortet einfach nicht mehr. Ich bin erleichtert. Trotzdem wird mir bewusst, dass ich gerade eine Stalkerin bin, die kurz davor ist, sich Geschlechtsteile eines Fremden anzuschauen. Ich mache trotzdem weiter.

Ich dringe weiter in das Gedächtnis meines Handys vor. Ein Backup des Nachrichtendienstes Telegram offenbart Fotos eines anderen Typen: mittelgroß, nettes Lächeln, nicht mehr allzu viele Haare auf dem Kopf, Anfang 30.

Er könnte Fußballtrainer in einem Dorfverein sein. Das Backup ist eine Eintrittskarte in das Leben eines zweiten Menschen. In der Bildergalerie sehe ich das Meme eines Koalas am Steuer ("I am koalafied to drive"), Catcontent, Screenshots einer Facebook-Einladung zum Geburtstag (bei der von 159 Menschen vier zugesagt haben) und vor allem Fotos. Eines ist aus dem Fenster hinaus fotografiert – eine Straße in Köln. Unten: Partytreiben. Weiter: feiernde Leute auf einer WG-Party. Dann Strandbilder, Palmen, das Foto einer Gemüsepfanne.

Weiterwischen: ein Spiegel, Messer, ein Stück von einem Strohhalm und eine alte Telefonkarte. Daneben ein Unterteller mit einem aufgestochenen Tütchen weißem Pulver. Auf dem Spiegel zwei weiße Lines. Der gleiche Spiegel taucht noch einmal auf, jetzt liegen außer den Lines noch ein paar Pillen darauf.

Eine halbe Stunde später kenne ich von dem Typen seine Bankverbindung (Foto seiner Bankkarte), seinen Heimatort (die EC-Karte stammt von einer Bank aus einer Kleinstadt in NRW), seine aktuelle Adresse (aus abfotografierten Strafzetteln), sein Autokennzeichen, sein Urlaubsziel, seine bevorzugten Feier-Orte. Ich kenne die Stimme vom Koks-Spiegel-Typen (freundlich und verbindlich, perfektes Deutsch), weil ich auch Backups von Sprachnachrichten und einige kurze Videos finde.

Erst jetzt wird mir klar, dass Typ Nummer eins – der Grimmige mit den Kindern – nicht zwingend der Dieb sein muss, sondern mein Handy möglicherweise gebraucht gekauft hat. Vielleicht ist ja auch Typ zwei der Dieb? Geklaut wurde mein Handy in einer Nacht Anfang August 2015. Als ich die Daten der Bilder checke, merke ich, dass die von Typ Nummer eins aktueller sind: Sie entstanden einen knappen Monat nach dem Diebstahl. Die Backup-Daten von Typ Nummer zwei sind von März, und damit ein halbes Jahr älter. Zu diesem Zeitpunkt war mein Handy noch gar nicht geklaut. Ich merke: Es sind Daten einer fremden SD-Karte, die nun in meinem Handy steckt. Wie ist die in mein Handy gekommen?

Als mein Handy geklaut wurde, fühlte ich mich nackt. Jetzt, wo es wieder da ist, fühle ich mich schmutzig. Ich weiß mehr über zwei völlig fremde Typen als über meine besten Freunde – war mein Stalking-Exzess falsch? Ich fühle mich, wie sich ein Voyeur mit Gewissensbissen nach dem Abspritzen fühlen muss. Meinen Stalking-Binge kann ich nur dadurch erklären, dass die Fremden auf meinem Handy mir völlig ausgeliefert waren. Weil ich keine Konsequenzen ihrerseits befürchten musste, habe ich mich immer tiefer in ihr Leben gewühlt.

"Was sie getan haben, ist eine Bewältigungsstrategie", sagt Psychotherapeut Stefan Grimm aus Köln. "Sie sind zum Profiler geworden, haben Informationen zum Tathergang gesammelt", erklärt er. "Durch den Diebstahl wurde Ihre Intimsphäre perforiert. Durch die Schlüssellochperspektive haben Sie die Rollen verkehrt und die Täter zu Opfern gemacht. Das dient dazu, die Kontrolle und ein Gefühl der Sicherheit zurückzuerlangen."

Ich habe mein Handy tatsächlich irgendwann ausgemacht und in der hintersten Ecke einer Schublade versteckt. Ich brauche es sowieso nicht mehr – schon nach ein paar Tagen hatte ich ja ein neues. Zwischendurch kam mir der Gedanke, bei dem Koks-Spiegel-Typen, dessen Adresse ich ja kenne, einfach mal zu klingeln. Aber was sollte ich ihm sagen? "Hallo, ich habe deine Daten auf meinem Handy gefunden und weiß nun alles über dich?"

Ich fasse schließlich den Entschluss, beide auf Facebook anzuschreiben. Vorher rufe ich aber bei Polizei und Staatsanwaltschaft an. Mit Hilfe der Vorgangsnummer auf dem Brief erfahre ich bei der Kölner Bundespolizeiinspektion, dass mein Handy in Aachen gefunden wurde, vermutlich in einem Rucksack mit anderem Stehlgut. Wahrscheinlich handelte es sich nicht um meinen Rucksack, denn sonst hätte ich auch diesen wiederbekommen, so der Polizist. Und die zuständige Staatsanwaltschaft in Köln sagt mir: Es gab ein Ermittlungsverfahren gegen den Mann, dessen Gmail-Konto und Sexchats auf meinem Handy waren – also Typ Nummer eins. Meine Anzeige sei dabei lediglich ein Untervorgang gewesen. Offenbar nicht relevant genug, um mich als Geschädigte und mögliche Zeugin zu befragen. Ob es in dem Verfahren um Diebstahl, Hehlerei oder etwas anderes ging, finde ich nicht heraus. Dafür aber, dass das Verfahren eingestellt wurde. Der Polizist von der Bundespolizei Köln erklärt mir, dass dies häufig der Fall sei, wenn der Aufwand für die Staatsanwaltschaft im Verhältnis zu der zu erwartenden, geringfügigen Strafe Überhand nähme. Besonders bei Ersttätern oder geringem Diebesgut sei das der Fall. Mir wurde mein Privatleben geklaut. Gering finde ich das nicht.

Ich schreibe beiden eine Nachricht über Facebook, obwohl ich weiß, dass ich jetzt mindestens einem Kriminellen schreibe (der womöglich alles Mögliche über mich weiß): "Hi, ich habe deine Daten auf meinem Handy gefunden, das mir vor einiger Zeit geklaut wurde. Hast du eine Erklärung, wie sie dahin gekommen sind?"

Von beiden keine Antwort.

Wahrscheinlich ist meine Nachricht im Messenger-Filter stecken steckengeblieben. Wenn ich will, dass beide das sehen, müsste ich eine Freundschaftsanfrage versenden.

Ich verzichte. Das ist mir zu privat.

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