FYI.

This story is over 5 years old.

Musik

Musikreviews der Woche mit Uns, I Break Horses, Leverage Models und mehr

Indietronic-Nachzügler, unaufdringlicher Herzscheiß und Leute, die du nicht kennen musst. Unserer Reviews.

UNS
Gegengift
Noisolution/Indigo

Das letzte Mal, dass ich jemanden eine dreiviertel Stunde lang in hysterischem Tonfall wirre Satzfragmente brüllen hörte, hatte ein Kumpel von mir ein paar Pilze zu viel gegessen und sich in einem paranoiden Wahn eingeredet, ich hätte ihn vergiftet, um an seine Playstation ranzukommen. Er ging mir in seiner Hysterie derart auf den Sack, dass ich kurz versucht war, seine unbegründeten Anschuldigungen tatsächlich in die Realität  umzusetzen, um in Ruhe weiter über die Pigmente der Raufasertapete seines Wohnzimmers nachdenken zu können. Auf jeden Fall lustig, dass diese ähnlich nervigen Neo-NDW-Hipsterpunks ihre Platte ausgerechnet auf den Namen „Gegengift“ getauft haben. Vielleicht waren wieder die gleichen Pilze im Spiel, aber wenn sie das nächste Mal nüchtern sind, sollten sich diese Typen vielleicht noch mal den Unterschied zwischen „Dadaismus“ und „Schwachsinn“ erklären lassen.

Anzeige

AGGRO MERLIN

MOORYC
Roofs
Freude am Tanzen/Rough Trade/Kompakt/Finetunes

Aha, „Indietronic“. Ich wusste gar nicht, dass diese Genrebezeichnung noch existiert. Aber im idyllischen Jena, wo das Freude am Tanzen-Kollektiv seinen Landsitz unterhält, ticken die Uhren ja auf durchaus sympathische Weise etwas langsamer. Ob ihr neuester Act Mooryc so etwas wie eine Uhr überhaupt besitzt, wage ich angesichts dieser recht introvertierten Downtempo-Nummern allerdings zu bezweifeln. Es gab ja mal eine große Indietronic-Ära, da konnte man mit dem richtigen Notwist- oder Postal Service-Stück die schönsten Frauen zum Dahinschmelzen bringen. Wenn du demnächst Mooryc auflegst, werden sie dich für einen depressiven Verlierer halten, aber ich bin mir nicht sicher, ob man ihm das ankreiden kann.

MARKUS KRACHER

LEVERAGE MODELS 
s/t
Hometapes

Diesen Shannon Fields musst du nicht wirklich kennen. Aber sicher kennt er dich. Er kennt Hinz und Kunz. Schlimmer noch: er ist einer von diesen Netzwerkertypen, die dich so lange vollquatschen, bist du dich auf Sachen einlässt, die du hinterher garantiert bereust. Das von ihm zusammengequasselt Projekt Leverage Models biedert sich mit dünnbrüstigst vorgetragenen Melodien an die Seite der Achtziger an, die in eingeschworenen Kreisen den totalen Glanzverfall überdauert hat. Und nun geht er selbstverständlich vor allem mit den Namen der Leute hausieren—darunter Trevor Dunn, Kelly Pratt und Jon Natchez—die sich darauf eingelassen haben, mit ihm diesen Käse zu reiben. Warnung: Shannon Fields musst du nicht kennen!

Anzeige

ROBO POP

Schweden-Klischee Dunkelheit, Nebel, Sehnsucht, Bars, Lichter der Großstadt, Elektronik, ätherische Vocals, Emo-Quatsch im Herz und dieser ganze Kram: du kennst das. Und es funktioniert eben, so ähnlich wie damals die erste Platte von The XX auch funktioniert hat, nämlich weil die Unaufdringlichkeit und Melancholie so exakt den ganzen Herzscheiß rüberbringt, den du dir nicht mehr eingestehen willst, seit du als „erwachsen“ giltst, zumindest rechnerisch. Der bescheuerte Bandname ist dann der „comic relief“ in der Gleichung, kann die Großartigkeit des Albums aber zum Glück dann auch nicht mehr in die Knie zwingen.

PRUE FAITH