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Musik

Pierced Arrows erledigen das selbst

Ted und Toody Cole sind wahrscheinlich schon länger auf Tour, als ihr ohne die Hilfe eurer Eltern scheißen könnt.

Ted und Toody Cole sind wahrscheinlich schon länger auf Tour, als ihr ohne die Hilfe eurer Eltern scheißen könnt. Vor etwa acht Jahren haben sie aufgehört, älter zu werden (im Gegensatz zu ihrem Publikum) und folgen weiter ihrem Schicksal als fliegende Holländer des Garagerock. Nach dem Ende Dead Moons 2006 engagierte das Pärchen Kelly Halliburton, den Sohn eines Freundes, als Drummer und gründeten sich als Pierced Arrows neu. Nicht, dass irgendwer gedacht hätte, sie könnten aufhören. Sie haben gerade einen Vertrag mit Vice Records unterschrieben, werden aber vermutlich weiter alles selbst machen wollen. Wenn wir sie gelassen hätten, hätten sie auch dieses Interview alleine durchgezogen.

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Fred: Ihr stellt hier aber wirklich ernsthafte Fragen, oder?

VICE:  Sehr ernsthafte Fragen!

Fred: Wir werden später getestet, oder?

Jaja. Ich will die Geschichte hören, die ich eben verpasst habe.

Kelly: Hahaha. Ok. Wir haben eine richtig gute Show im Debaser in Stockholm gespielt. Die Show war sehr geil, aber wir waren auch total müde, weil wir an dem Tag weit gefahren waren. Wir sind also alle zurück ins Motel und dachten, wir könnten ausschlafen. Um acht Uhr morgens klingelt mein Telefon und ich fing schon an, richtig böse zu werden. Ich gehe also ran: ‚Hallo?!' Es meldet sich ein Typ, schwedische Stimme mit englischem Akzent: ‚Du kennst mich nicht, aber ich bin ein Riesenfan von dir! Ich hab eure Show gestern gesehen und ihr wart super, ich will dir was zurück geben'. Ich sagte, dass ich noch schlafe und dass er es an der Rezeption abgeben soll. Er will es aber unbedingt persönlich abgeben. Ich sagte, dass wir um elf auschecken und er soll dann vorbei kommen. Er meinte es wäre dann vielleicht schon zu spät und fragt mich irgendwann, ob er mir sagen soll, was es ist. Und ich, total schlaftrunken, in einem stockdunklen Raum, mit jemandem am Telefon den ich nicht kenne, der mir was geben will, sage ‚Ok, sag mir was es ist.' - ‚Ein Blowjob!'

Toody: Haha.

Kelly: Mein erster Gedanke war, dass es einer meiner Freunde aus Stockholm ist, aber dann ist mir aufgefallen, dass alle meine Freunde in Stockholm entweder zu politisch korrekt sind oder um acht Uhr morgens noch viel zu betrunken sind, um so etwas zu starten. Ich lehne also höflich ab.

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Hat er so einfach aufgegeben?

Kelly: Nein. Zehn Minuten später klingelt das Telefon schon wieder und wieder ist dieser Typ dran und sagt ‚Ich weiß, du denkst das ist ein Witz, aber ich will wirklich zu dir in dein Hotelzimmer kommen und Dir einen blasen." Ich lehne nochmal ab und er fragt, was ich dazu sagen würde, wenn seine Freundin mitmachen würde. Ich sagte, dass ich mit jemandem zusammen bin. Dann fragt er mich, ob ich beschnitten bin. Ich lege auf und gehe zurück ins Bett, kann aber nicht mehr einschlafen und stehe wieder auf und will zum Frühstück und erzähle den anderen was mir passiert ist und es stellt sich heraus, dass er zuerst bei denen angerufen hat und sie ihm meine Zimmernummer gegeben haben.

Haha. Wer von euch war das?

Toody: Ich habe ihm Kellys Zimmernummer gegeben.

Kelly: Ich habe bei der Rezeption angerufen und Sie gebeten keine Anrufe mehr zu mir durchzustellen. Aber jetzt flippe ich jedesmal total aus, wenn ich jemand mit einem englischen Akzent treffe.

Ihr wolltet über ernste Themen sprechen. Seit wann gibt es euch in dieser Konstellation?

Toody: Es gibt uns seit fast drei Jahren. Fred und ich wollten was Neues machen, nachdem wir mit Dead Moon aufgehört hatten.  Also haben wir Kelly dazu geholt, und die Chemie stimmte, die Songs waren super, und alles hat ziemlich schnell sehr gut zusammen gepasst. Vor unserer ersten Show haben wir höchstens einen Monat geprobt.

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Ihr habt Jahrzehnte als Dead Moon gespielt. Wie ist es, jetzt unter anderem Namen zu spielen?

Toody: Es ist nur eine Fortsetzung, es sind neue Songs, die Fred schreibt, eine neue Richtung in die wir alle gehen. Jedesmal, wenn du mit neuen Leuten arbeitest, wird alles ein bisschen anders. Du bekommst eine neue Identität. Es ist toll, ich liebe es. Es ist ganz neu und aufregend für uns. Für Kelly, der ja eigentlich Bassist ist und jetzt Drummer geworden ist muss es ja schließlich auch aufregend sein.

Kelly: Ja, anderes Instrument, andere Herausforderung.

Du siehst auch wie ein Bassist aus.

Kelly: Ja, ich bin einfach zu groß für die Drums.

Fred: Aber er gibt sich Mühe. Er hat da so ein Jazzding laufen, wenn er mit Zahnbürsten spielt. Wenn wir Akustik Sets spielen hat er die, weil der Sound nicht so laut ist. Die kann er dann auch gleich zum saubermachen benutzen.

Toody: Er benutzt es eher als optischen Effekt, glaube ich.

Kelly: Damit bekomme ich das Blut und das Bier wieder von den Drums runter.

Offensichtlich hat sich an eurer Lebensphilosophie nicht viel geändert.

Kelly: Ich komme aus der DIY Punk Szene und was die damals bei Dead Moon gemacht haben und was wir damals gemacht haben und heute machen ist sehr ähnlich. Wir wollen am Boden der Tatsachen bleiben. Es gibt keine Rockstars, da, wo wir herkommen.

Fred: Es ist wichtig, dass du die künstlerische Kontrolle behältst. Es soll sich niemand einmischen, der keine Ahnung hat und nicht dabei war, als der Song geschrieben wurde.

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Kelly: Für uns ist es von Anfang an DIY. Wir schreiben diese Songs und wir üben, meistens nur einmal alle sechs Monate, und wir nehmen Sie in dem Studio unseres Freundes auf. Fred produziert die Songs selbst, wir machen das Artwork entweder selber, oder lassen es einen engen Freund machen. Es bleibt alles in unserem Freundeskreis, sogar unser Merchstand wird von Freunden betrieben. Und das ist uns wirklich wichtig. Das ist unser Leben und unsere Kultur.

Kelly: Wir machen das schon so lange dass wir keine Illusionen mehr haben reich und berühmt zu werden. Wir machen das, weil wir davon überzeugt sind. Aber wir können einfach nicht mehr damit aufhören.

Kelly: Wir werden dass hier solange machen, bis wie physisch nicht mehr dazu in der Lage sind. Und sogar dann werden wir aus dem Altersheim noch Songs für irgendein junges Kid schreiben. Wir werden in Rollstühlen sitzen und Gehhilfen haben.

Aber wie macht ihr die tatsächlichen CDs DIY?

Toody: Wir produzieren die Masters, aber wir stellen nicht die Tonträger her, dazu braucht man eine Riesenfabrik.

Ach so, es gibt nämlich Gerüchte, dass ihr wirklich alles selbst macht, und sogar selbst die Platten presst.

Fred: Zur Hölle nein, dann müssten wir ja jede Platte individuell herstellen. Ich würde mein Leben hassen.

Kommen eigentlich Labels und klopfen an eure Tür?

Toody: Nein, nicht so oft. Wir sind auf Vice zugekommen, weil wir letzes Jahr mit den Black Lips getourt sind, und je länger wir uns mit denen unterhalten haben, und je länger wir drüber nachgedacht haben, desto besser fanden wir die Idee. Vice ist zwar ein internationales Label hat aber ein echt familiäres Feeling. Sie haben ein kleines Büro, nicht so viele Bands, sie sind unheimlich kooperativ, sie haben uns künstlerische Freiheit gegeben. Wir sind viel zu alt und zu stur um mit einem größeren Label klarzukommen.

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Kelly: Ich glaube, dass größere Labels wissen, dass wir an Ihnen nicht interessiert sind.

In eurer Biographie steht, dass ihr damals heimlich geheiratet habt, weil es in der Szene uncool war, überhaupt zu heiraten.

Fred: Ja, niemand wusste, dass wir verheiratet waren Nur ihre Familie. Sogar die Bandmitglieder haben es erst eineinhalb Jahre später rausgefunden.

Tooby: Er war der Sänger in einer Rock'n'Roll Band. Da musste man Single sein.

Ihr wart offiziell die erste Punk Band in Portland, oder? Vorher gab es keine andere.

Fred: Ja, wir haben mit den Ramones gespielt.

Fred: Von den King Bees gibt es zwei 7''. Eine ist die richtige mit drei Songs und eine ist die abgefuckte Version mit nur zwei Songs. Das Studio, in dem wir die Songs aufgenommen hatten, fing an zu brennen, während sie die Songs produzierten. Unser Tape hatte also überall Rauchspuren und die Typen wussten nicht, was sie damit machen sollten. Also hört man am Anfang dieses brummende Geräusch. Es hat gebrannt, während sie das Mastertape gemacht haben!

Tooby: Ja, das waren die alten Zeiten in Portland.

Warum haben sich Dead Moon aufgelöst? Ihr habt euch dazu nie wirklich geäußert.

Tooby: Es ist einfach so passiert. Wir hatten alles erreicht was wir konnten, wir, besonders Fred, haben uns ziemlich eingesperrt gefühlt. Alle wollten immer die gleichen dreißig, vierzig Lieder hören, die Subpop Anthology kam raus, die Doku The Dead Moon Story kam raus. Es war irgendwie beendet. Es wurde für Andrew immer komplizierter auf Tour zu gehen. Wir wollten einfach auf dem Höhepunkt aufhören. Die Leute sollten sich nicht fragen: Warum touren die denn immer noch?

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OK, warum tourt ihr denn immer noch?

Fred: Weil wir immer noch nicht wissen, was wir verdammt noch mal tun.

FOTOS: CHRISTOPH VOY