FYI.

This story is over 5 years old.

Stuff

Mein Mitbewohner war ein jüdischer Nazi-Skin

Nachdem ich in meinem Block von einer Horde 13-jähriger ausgeraubt worden bin, sagte ich meiner vergammelten Kellerabsteige auf Wiedersehen und zog in ein Erwachsenen-Apartment ins lebensbejahende Greenpoint. Der Typ bei dem ich einzog, verdient seinen...
1.3.11

Nachdem ich in meinem Block von einer Horde 13-jähriger ausgeraubt worden bin, sagte ich meiner vergammelten Kellerabsteige auf Wiedersehen und zog in ein Erwachsenen-Apartment ins lebensbejahende Greenpoint. Der Typ bei dem ich einzog, verdient seinen Lebensunterhalt damit, in schicken Nachtclubs Gypsy-Jazz zu spielen und solange meine wertvolle Comicsammlung nicht bei einer Überschwemmung den Bach runter geht handelt es sich für mich um eine ziemlich optimale Situation.

Anzeige

Über die letzten Monate habe ich immer mehr über den Typen erfahren, der einfach so in mein Zimmer kommen und mich im Schlaf umbringen könnte, wenn er grade in der Stimmung ist. Erst habe ich erfahren, dass er Jude und 31 ist. Dann, dass er sich hauptsächlich von Salat und Joghurt mit gefrorenen Blaubeeren und diesen Eiweiß-Gerichten ernährt, die man sich in der Mikrowelle machen kann und die ich gerne „Unglückskuchen“ nenne.

Manchmal hat er erwähnt, dass er während seiner Highschool-Zeit in einer Reihe bescheuerter Bands gespielt hat- zum Beispiel Bafroom, Dranons, Zeehas und The Rykies. Irgendwie sind wir auf's CBGBs gekommen oder Laibach oder so und da ist mir aufgegangen, dass die Rykies eine ethnisch gemischte Naziband war, die seit 1998 im CBGBs Hausverbot hat. Der Sänger war ein schwarzer Typen namens Dylan Sparrow, ein asiatisches Mädchen spielte Bass und für Gitarre und Mischpult war mein Mitbewohner (jüdisch) verantwortlich.

Ich fragte, ob sie mal was aufgenommen hätten. Er verschwand in sein Zimmer, von dem ich nie das Innere gesehen habe, und kam mit einer CD zurück. Sie hatten 1998 ein komplettes Album aufgenommen, nur um es ihren Freunden vorzuspielen. Wir haben es angemacht und ich war ziemlich überrascht, wie gut es tatsächlich war. Es ist beim besten Willen nicht großartig, aber wenn dir Lard gefällt – es hört sich ein bisschen so an – aber mit Jello Biafra als schwarzem Teenager und mit etwa einer Million Samples. Die Platte beginnt mit Indiana Jones und der letzte Kreuzzug und den Worten „We’re going back to Germany“ vor einem Song über fucking Regina Regenbogen. Gegen Ende gibt es einen Song namens „We Know Y’Gay“ (wie „Enola Gay“), bei dem es um den Titelsong der Unendlichen Geschichte geht. Das Rykies-Album ist nur der Versuch von ein paar Teenagern, wahnsinnig offensiv zu sein und schmutzige Sachen auf einer Platte zu verewigen. Aber sie haben es wirklich besser hingekriegt als die meisten und es ist eine ziemlich lustige kleine Platte mit witzigen Hass-Hymnen.

Anzeige

Das hier ist die Platte der Rykies mit dem umwerfenden Titel N.A.Z.I (North American Zionist Investigation). Weiter unten auf der Seite gibt es auch noch eine Tracklist.

Vice: Erzähl mir, wie ihr im CBGBs Hausverbot bekommen habt.

Dylan: Wir hatten ein paar mal im CBGBs gespielt und anfangs schienen sie sich uneinig in Bezug auf die Musik, weil sie, wie in den meisten Locations auch, nur wirklich an dir interessiert waren, wenn du ihnen eine Menge Geld eingebracht - oder ihre Einrichtung zerlegt hast.

Den ersten Konflikt gab es damals zwischen uns und ihrem in-House live Tonmann. Live-Tonmänner in Rockschuppen haben diese lustige Angewohnheit – wenn du keine bekannte oder berühmte Nummer bist, sprechen sie manchmal mitten in einem Song mit dir über die PA, um dir und allen anderen mitzuteilen, dass sie glauben, dein Set sei gleich vorbei. Wir haben den Ton-Typ daraufhin mit dem Hitlergruß bedacht und dann weitergespielt. Diese Strategie hat Mr. Soundman veranlasst zu fluchen und uns zur Musik zu drohen, was wirklich perfekt gepasst hat, also haben wir uns bei ihm mit einem weiteren Hitlergruß bedankt. Ich glaube, er wusste das nicht zu schätzen. Weil quasi unsere komplette Musik aus dem PA kam (sogar Alex’ Gitarre ist über einen SansAmp gelaufen), waren wir ziemlich leicht auszuschalten – was dann auch passierte.

Ich glaube, es war die visuelle Aufmachung von einem unserer Flyer für eine Show, die wir mit Deuce & a Quarter gespielt haben, die uns in Schwierigkeiten brachte. Auf dem Flyer waren diese verzerrten Hakenkreuze und ein „Entartete Kunst“ Stempel, von dem ich dachte, er wäre widersprüchlich genug, es aber scheinbar nicht war. Der Club wurde darauf aufmerksam gemacht und wir wurden von Hilly Crystal zu einem ernsten Gespräch gebeten. Er erklärte uns, dass er zwar unsere Idee, diese Art von Bildern als Parodie zu benutzen, verstünde, dass er aber keine Skinheads und Nazis im Club haben wolle und wir deshalb aufhören müssten. Ich fand seine Argumente eigentlich ganz überzeugend - obwohl die wütend aussehende, mittel-alte Frau, die mit ihm an der Tür stand und für das Booking verantwortlich war, nicht ganz so reserviert rüber kam. Ich machte den Fehler zu erklären, dass es für das, was wir machen einen anerkannten Präzedenzfall gibt – als ich Laibach erwähnte schrie er nur: „LAY-BACK INTERESSIEREN MICH NICHT!“ Ich trage ihnen aber trotzdem nichts nach. Wir warn nur Teenager und Klugscheißer, die sich hätten denken können, dass die Leute auf unsere komplizierte, Masturbations-Idee nicht klar kommen würden. Aber trotzdem, die Rykies haben gerockt!

Anzeige

Was haben eure Familien über die Rykies gedacht?

Dylan: Meine Eltern wussten nicht wirklich etwas über die Rykies. Sie haben meistens einfach mit den Augen gerollt und wahrscheinlich gedacht, es wäre nur eine Frage der Zeit bis ich das verarbeitet habe.

Alex: Mein Cousin, der zufällig eine Demo gehört hat, hat am Anfang gedacht, es sei eine verrückte britische Punk Band. Ich glaube, er mochte es. Aber er hat auch gesagt, dass wir nicht zu unseren Faschismus-Fetisch stehen würden. So wie: „Gibt’s doch zu, Faschismus ist sexy.“ Ich glaube, er denkt jetzt, das wäre eins der größeren Projekte an denen ich arbeite.

Wie viele Shows habt ihr gespielt?

Dylan: Also ich und Alex haben seit 1993 zusammen gespielt. Die erste Show, die wir jemals gespielt haben, war eine Talentshow in Buck’s Rock Sommerlager als wir 14 oder 15 waren. Wir haben dann weiterhin viel zusammen gemacht – vielleicht wäre die bekannteste Band Zeehas, die irgendwie der Ursprung der Rykies war, obwohl strukturell weniger fragwürdig. Also haben wir hunderte Shows zusammen gespielt, aber als Rykies sind wir nur ein Dutzend mal aufgetreten, bevor es dann langweilig wurde.

Warum habt ihr das ganze Album aufgenommen und nicht veröffentlicht? Wie viele Leute haben die Platte gehört?

Dylan: Wir haben das nur zum Spaß gemacht. Wir sind da einfach rausgewachsen. Ich glaube, wir hatten auch Schwierigkeiten einiges davon als pure Parodie zu rechtfertigen – und selbst wenn wir die Kritik ignoriert hätten (es gab genug – sogar von Kollegen) glaube ich, ohne den visuellen Aspekt eine ethnisch gemischte Nazi-Band zu sehen, ist das Konzept gestorben und alles was übrig geblieben wäre, ist lächerlicher Nazi-Rock. Uns ist auch aufgefallen, dass einige der etwas einfältigen Typen um uns herum aufgrund des „Hass“-Aspekts der Musik irgendwie abschnallen – sogar einige der anderen Bandmitglieder, was nicht unsere Absicht war. Wir waren und sind im Herzen Verfechter des Egalitarismus und ich hab nie an das Konzept der Rasse geglaubt, obwohl ich denke, dass war damals meine jugendliche Art mit dem wahren sozialen Gewicht von Ismen klarzukommen. Das verkörpern und karikieren einiger Dinge, die wir (als nicht-Arier der Upper-West-Side) am meisten gehasst haben, war eigentlich nur der Versuch sie etwas besser zu verstehen. Ich glaube, das haben wir erreicht- so umständlich es auch war.

Anzeige

Wenn es um das Album geht, dann sprechen wir hier über überspielte Kassetten für neun bis zehn Leute. Das war 1997, als Internet und Mp3 noch nicht die essentiellen Mittel zur Verbreitung deiner Musik gewesen sind. Soweit ich weiß, war kein uns bekanntes Label daran interessiert, sich mit uns einzulassen. Obwohl ich gehört habe, dass John Zorn uns wohl zu schätzen wusste - stimmt das, Alex?

Alex: Ich glaube, wir haben die CD 1999 gemacht. Also haben wir wahrscheinlich Kopien verteilt, die es irgendwie zu ihm geschafft haben. Und er meinte: „ Ahhhhhhhhh, die Nazi-Band“.

Was habt ihr Jungs für Musik gehört, die euch dazu inspiriert hat?

Alex: Ich habe viel Laibach gehört. Mr. Bungle, Björk, Aqua, Lärm. Enya, Sex Pistols, Oingo Boingo, Kurt Weill und Marc Ribot.

Dylan: Ich weiß nicht, was uns dazu „gebracht“ hat, diese Platte zu machen – aber ja, ich würde auch zuerst Laibach angeben. Und wir haben auch viele von diesen christlichen Kinderplatten aus den 80ern gehört. Die hießen Kid’s Praise! Psalty’s Camping Adventure. Ich glaube auch, dass uns der Song „Someone’s Gonna Die“ von Blitz inspiriert hat. Und Kubrick. Und die Mad Gear Gang von Final Fight. Und Enya.

Könnt ihr sagen, wo die ganze Samples herkommen?

Alex: Für Rainbow Brite habe ich die 5/4 Beat von NIN’s „March of The Pigs“ genommen und daraus einen 4/4 gemacht. Für das Intro haben wir Indiana Jones gesampelt: Der letzte Kreuzzug.

Anzeige

Dylan hat immer Kassetten gesammelt, die er auf der Straße gefunden hat, und daher haben wir unser Opening zu „UCP“.

Für unseren Titelsong haben wir Tschaikowskis Violinenkonzert gesampelt und daraus die Basis der Harmoniefolge während der Strophen gemacht. Der Anfang von „Anti-Slant-Eyes“ kommt von Starship Troopers.

Das Outro von „Anti-Slant-Eyes“ ist außerdem das Lead-In von „Lesbionic Plague“ und kommt aus Clockwork Orange.

Außerdem Background-Stimmen von meiner kleinen Schwester und meinem Abschlussball-Date von der Highschool.

Wir haben eine von Dylans gefundenen Kassetten als Intro für „Round-U-Up“ benutzt.

„Bismarck“ hat die Akkordfortschreibung von Bryan Adams’ „Summer of 69“. Dann haben wir noch einen Shout von Laibachs „Alle gegen Alle“ benutzt und die Übergangsgesänge kommen von „Legend of the Overfiend“.

„Fuck the Police“ hat ein Sample von Laibach für die Bass Drum bekommen.

„Farley“ ist von einer christlichen Propaganda-Platte.

Der Drum-Sound aus „What the Fuck You Should be Dead“ kommt vom Anfang von Alice in Chains’ „Man in a Box“.

Das meiste von „We Know Y’Gay“ basiert auf Lamahls „Neverending Story“. The Bridge ist natürlich von OMDs „Enola Gay“ inspiriert.

Alles andere haben wir bunt zusamengewürfelt. Es sind wahrscheinlich noch mehr gesampelte Stücke dabei.

Ihr habt dieses eine Stück auf der Platte, in dem es heißt: „“Niggers fucking nigger ladies/ making little nigger babies/ Monkey see and monkey die/ Niggers flying in the sky!” Ich hab die Platte ein paar mal gehört und bei dieser Zeile hab ich mich totgelacht und mich gleichzeitig ein bisschen krank gefühlt von der Überbeanspruchung der Nigger-Sache.

Alex: Ich auch.

Dylan: Versuch mal, das vor einer großen Menschenmenge mit einem ernsten Gesicht zu singen. Ich habe ein paar Jahre später eine Remix-CD des gesamten Rykies-Album gemacht und ein bearbeitetes Sample von den Beach Boys Song „A Thing or Two“ benutzt, wo Bryan sagt: „When I see my baby/when I see little girl“. Seine Betonung in der letzten Zeile „little girl“ hörte sich für mich am Anfang an wie das N-Wort an. Ich musste sogar mehrmals reinhören um sicher zu gehen, dass er nicht „When I see my nigger girl“ singt. Ich hab in mich hinein gelacht, weil ich wahrscheinlich die einzige Person war, die instinktiv so eine unschuldige Textzeile zu etwas macht, das den Rykies entspricht. Wir hatten viele Songs, in denen wir uns drüber lustig machen, paranoid zu sein. Zum Beispiel der Song „We Know Y’ Gay“ versucht, die Schule zu attackieren. Aber der Song ist so voll von homoerotischer Ästhetik, dass er sich’s letztendlich selber besorgt.

Du kannst dir Alex’ aktuelle Projekte unter www.myspace.com/alexsimonmusic und www.lavozlavoz.com anhören. Dylans aktuelle Sachen findest du unter http://www.myspace.com/gtozone.

Und hier ist die Trackliste: bt double u: RainbowBrite, Purify America, Theme Song, AntiSlantize, Lesbionic Plague, I Have A Dream, U Want To Die, Round U Up, Bizmark, Cops, Farley, U Should Be Dead, We Know Y’Gay, Giuliana (Bring Me The Head Of)