Dieser Mann organisiert Sexpartys für HIV-positive Männer

Und seit Kurzem sind dort auch "Negative" willkommen, die PrEP nehmen.

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04 November 2016, 9:19am

Richard Keldoulis | Foto: Rebecca Camphens

Seit 2012 veranstaltet der Amsterdamer Club Church die Party "Hello Pozzums". Die Veranstaltung richtet sich speziell an schwule Männer, die HIV-positiv sind. Seit Kurzem sind dort aber auch "negative" Männer willkommen, die die HIV-Präventionspräparate PrEP (oder Truvada) einnehmen.

Club Church ist eine Bastion des ungehemmten Vögelns. Es ist der einzige Club in Amsterdam, in dem es an allererster Stelle noch darum geht, es hemmungslos miteinander zu treiben. Der Club ist voller Cruise-Spots, an denen die Gäste sich näher kommen können—und für diejenigen, die die Dunkelheit bevorzugen, gibt es natürlich auch einen Dark Room.

Der Club wurde 2008 von dem Australier Richard Keldoulis und seinem Geschäftspartner Wim Peeks gegründet. Während die Umtriebe der Gentrifikation in der Hauptstadt der Niederlande an allen Ecken zu spüren sind—eine Reihe der Schwulenbars und Saunas haben in den letzten paar Jahren geschlossen—, haben Keldoulis und Peeks es sich zur Mission gemacht, die Szene am Leben zu halten. Neben Club Church betreiben sie auch die letzte Schwulensauna der Stadt, Sauna Nieuwezijds. Ich habe mich mit Keldoulis über PrEP, Sexpartys und den Wandel von Amsterdams Schwulenszene unterhalten.

VICE: Wie bist du Clubbetreiber geworden?
Richard Keldoulis: Bevor ich mit Church anfing, hatte ich einen kleinen Kiosk in der Nähe des Homomonument. Den hatten wir 1998 aufgemacht. Wir verkauften dort Souvenirs und organisierten Veranstaltungen zum Königinnentag, Gay Pride, usw. Das haben wir etwa zehn Jahre lang so gemacht. In dieser Zeit haben wir auch immer wieder Partys im Club LA veranstaltet, der früher hier im Gebäude war. Irgendwann bekamen wir die Gelegenheit den Club zu kaufen und so fing dann alles an.


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Wie hat sich die Stadt verändert, seit du hergezogen bist?
Es ist grauenvoll geworden. Jedes Jahr schließen mehr schwule Orte. Es fühlt sich an, als würde gerade niemand mehr etwas Neues machen. Als ich hier 1990 ankam, gab es 34 Darkrooms in Amsterdam. Heute befinden sich die einzigen Darkrooms in Schwulenbars. Und es gibt keinen anderen Club wie unseren. Manche Menschen glauben, dass das ein Zeichen der wachsenden Gleichheit ist, weil schwule Menschen jetzt anfangen, in gemischte Bars zu gehen. Ich finde das furchtbar.

Warum?
Ich finde, eine lebendige Schwulenszene fördert die Kreativität im urbanen Umfeld, wie Richard Florida das mal beschrieben hat. Ich glaube, es wird immer einen Kampf der Kulturen geben. Die eine Seite sagt: "Verhaltet euch einfach normal" und die andere Seite sagt: "Normal macht das Leben langweilig." Aber eine große Schwulenszene fördert die kreative Klasse und hinterfragt, was "normal" eigentlich ist. Man sollte nicht nach Uniformität streben, das ist schlecht für die Stadt.

"Nach der Entdeckung des Penizillin gab es eine schöne Zeit, in der Menschen keine Angst vor tödlichen Geschlechtskrankheiten hatten und der Sex frei war. 1981 erschien dann AIDS auf der Bildfläche und machte alles kaputt. Hoffentlich können wir mit PrEP jetzt da weitermachen, wo wir bei der sexuellen Revolution aufgehört haben."

War die lebendige Schwulenszene auch der Grund, warum du nach Amsterdam gezogen bist?
Absolut. Ich habe eine Weile in Japan gelebt, bevor mein Visum dort abgelaufen war. Ich musste mir also überlegen, wo ich als nächstes hin will. In Amsterdam habe ich meine Freiheit gefunden. Ich konnte kiffen und einfach ich selbst sein. Die Niederlande waren damals sehr fortschrittlich. Als ich hier ankam, sah ich Schwänze im Lokalfernsehen! In Australien wäre das undenkbar gewesen. Die Niederländer gehen viel offener mit Sex um. Und ein Club wie Club Church hätte da, wo ich herkomme, keine Chance zu überleben.

Glaubst du nicht, dass du Schwulenclubs auch wegen der Apps verschwinden? Du findest heutzutage schließlich per Knopfdruck Sexpartner.
Das mag eine Rolle spielen. Aber in Madrid und Berlin haben sie auch Internet und in diesen Städten gibt es noch immer eine riesige Schwulenszene.

Was ist der größte Vorteil daran, einen Sexclub zu besitzen?
Der Dark Room ist quasi mein natürliches Habitat, meine Spielwiese. Ich habe aus persönlichem Interesse angefangen, in diesem Bereich zu arbeiten. Und Sex verkauft sich schließlich, nicht wahr? Jetzt kann ich ein erfolgreiches Geschäft mit meinem Kampf für sexuelle Freiheit kombinieren.

Als du 2012 angefangen hast, Partys für seropositive Männer zu veranstalten, hast du dazu geschrieben: "Menschen mit HIV werden in der Cruisingszene immer noch diskriminiert. HIV-positive Männer wollen eine Veranstaltung genießen können, bei der HIV die Norm ist, bei der es kein Stigma gibt. Club Church möchte einen Raum schaffen, in dem sich HIV-positive Männer körperlich uneingeschränkt bewegen können, in dem der HIV-Status keine Hürde darstellt." Jetzt ladet ihr auch seronegative Männer ein, die PrEP nehmen. Warum?
Wir möchten das Tabu um HIV abbauen—auch innerhalb der Schwulenszene. Wir wollten einen Ort für seropositive Männer schaffen, an dem sie ungeschützten Sex haben können. Wir wissen aber auch schon seit ein paar Jahren, dass du, wenn du deine Medikamente regelmäßig nimmst, nicht das Risiko mit dir rumschleppst, andere anzustecken. Außerdem können Männer, die PrEP nehmen, kein HIV bekommen. Schwuler Sex wird also immer sicherer. Letzten Endes sind die gefährlichsten Männer die jungen Typen, die ihren Status nicht kennen.

Fühlst du dich für das Wohl deiner Gäste verantwortlich?
Ich habe mich schon immer für ihre Sicherheit verantwortlich gefühlt. Wir haben überall im Club Kondome ausliegen und es gab sogar Zeiten, in denen wir rumgegangen sind und kontrolliert haben, ob die Leute sie auch benutzen. Das machen wir aber nicht mehr, weil PrEp die Sache weniger risikoreich macht. Am Ende kann ich dir eh nicht vorschreiben, wie du Sex zu haben hast.

Wie fühlst du dich damit, dass HIV immer weniger zu einer Bedrohung wird, auch dank der neuen Medikamente?
Das ist natürlich eine großartige Entwicklung. Weißt du, als Penizillin während des zweiten Weltkriegs erhältlich wurde, wurde Syphilis viel weniger problematisch. Deswegen gab es bis in die 1980er diese schöne Zeit, in der die Menschen sich weniger vor tödlichen Geschlechtskrankheiten gefürchtet haben. Sex war in dieser Phase entsprechend unbeschwert. Dann erschien 1981 AIDS auf der Bildfläche und machte alles kaputt.

Hoffentlich können wir jetzt da weitermachen, wo wir mit der sexuellen Revolution aufgehört haben. Ich persönlich genieße bereits viel mehr Freiheiten. Früher habe ich noch geradezu religiös Kondome benutzt, aber seit ich PrEP nehme, habe ich die Kondome über Bord geworfen und, was noch viel wichtiger ist, auch die Angst.

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