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Musik

Untiel the Light Takes Us - Eine Kritik

16.8.10

Eigentlich hatten wir vor, der Premiere der Black Metal-Dokumentation „Until the Light Takes Us“ beizuwohnen. Irgendwas kam dazwischen. Im Nachhinein bedauerlich. Es soll bereits während und nach der Vorführung im Kinosaal manches Raunen und Protest durch die Reihen gegangen sein. Die selbst ernannte marxistische Presse war dermaßen entrüstet, dass sie es fertig brachte, in ihrer anschließenden Berichterstattung den Namen eines der Protagonisten, Varg Vikernes (Burzum, Mayhem etc.), auf beachtliche zwei verschiedene Weisen falsch und nicht ein einziges Mal richtig zu schreiben. Und das, obwohl – so hieß es dort – tiefgreifende Recherchen von beeindruckenden drei Stunden vorausgingen.
Wir machten uns also darauf gefasst, ein tendenziöses, hetzerisches, die NS-Ideologie hofierendes Elaborat vorgeführt zu bekommen. In all den Minuten, in denen wir dann während der Vorführung gelangweilt auf die Uhr schauten, hofften wir, der kontroverse Sprengstoff würde endlich zünden, nur, um nicht in der nächsten Minute einzuschlafen.

Der Film erzählt so gut wie nichts Neues. Seine Besonderheit ist einzig und allein die Nähe, mit der er seine Hauptfiguren einbindet. Das sind insbesondere der angesprochene Vikernes und Gylve Nagell (Darkthrone etc.) – jeweils stellvertretend für zwei verschiedene Gesinnungsprofile der damaligen Szene: dem Denker und Ästheten (Nagell) und dem großtuenden möchtegern-Ideologen (Vikernes). Dem Film wird nun vorgeworfen, er böte eine kommentarlose Projektionsfläche für notorische Neonazis. Sollte dem tatsächlich so sein, muss man wohl sagen: Elfmeter verschossen, Neonazi!

Es ist anzunehmen, dass Vikernes als prominenter Kopf einer Auslegung von Black Metal, die sich aus antichristlichen, antisemitischen, reaktionären, heidnischen und antiimperialistischen Brocken ihr verschwurbeltes idologisches Süppchen kocht, in den gezeigten, vorwiegend während seiner Haftzeit entstandenen Interviews das gesamte Programm seiner demagogischen Selbstdarstellung abspulte. Davon ist aber gerade genug zu sehen, dass er sich selber als das entlarvt, was er ist: ein demagogischer Selbstdarsteller (zwei Sätze auf Vikernes Blog geben übrigens mehr Grund zur Aufregung als sämtliche seiner Einlassungen in diesem Film). Eingriffe von Autorenseite (abgesehen von der Materialauslese) sind dafür nicht nötig, bzw. stünden der Eigendemontage nur im Weg. Der Vorwurf, ein geschichtlich lückenhaftes Werk abzuliefern, fällt denkbar leicht. Aber faktische Lückenlosigkeit ist in diesem Format, einer Zusammenführung dokumentarischer Elemente und eines atmosphärisch verdichten Genreportraits, das Distanzlosigkeit nicht nur nicht ablehnt, sondern zum Mittel erklärt, schlichtweg nicht machbar. Die wirklichen Fehler begeht der Film ohnehin an anderen Stellen. In den Momenten, in denen er in Bereiche ausfranst, die er nicht substanziell bearbeiten kann. In dem Moment, in dem Akteure zu Wort kommen, die nichts zu sagen haben. In dem Moment, in dem neue Einsichten ermöglicht werden, um sie dann doch nicht zu verfolgen. Beispielsweise als Nagell, der „seinen“ Black Metal als den vergangenen Traum einer unkorrumpierbaren, drastischen Form reinster Selbstanalyse begreift, auf den Künstler Bjarne Melgaard trifft und feststellen muss, dass Black Metal-Ästhetik ihrerseits als Analysematerial bildender Kunst herhalten muss. In dem Moment, in dem ein interessanter Dialog hätte entstehen können, wird eine Zigarettenpause eingeschoben. Symptomatisch für den gesamten Film.

Ein wirkliches Psychogramm der Ursprünge des norwegischen Black Metal, im Sinne eines außer Kontrolle geratenen, sich selbst und medial aufschaukelnden Aufstands der Halbwüchsigen, ist auch nach diesem Film noch überfällig. Man findet darin Ansätze, aber auch zu viele vergebene Chancen. Die Frage, ob man Kunst wertschätzen kann, wenn sie von Idioten entworfen wurde, bleibt unbeantwortet. Aber das war auch zu erwarten. Der größte Erkenntnisgewinn dieser 93 Minuten ist vermutlich, dass der Mörder, Brandschatzer und vermeintliche Szenevordenker Varg Vikernes seine Cornflakes knusprig mag. Das ist es, was der Film liefert, den Rest, das hat er ja ganz richtig erkannt, erledigt die Resonanz der Medien.