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Reisen

Als einheimische Touristin in Berlin

Krieg, Verbrechen, Hitler und Depression: Wir haben die Hauptstadt einen Tag durch die Augen eines Touristen betrachtet.

von Lisa Ludwig
01 November 2014, 10:00am

​Zugezogene sind schrecklich, Schwaben die menschgewordene Pest und von Leuten, die in der Hauptstadt Urlaub machen wollen, brauchen wir gar nicht erst anfangen. Geht es nach den Berlinern, oder zumindest denjenigen, die schon ein paar Jahre in der Stadt wohnen, sollte die Einwohner- und Besucherfluktuation gen Null tendieren. Weil es natürlich ein bisschen einfach ist, sich als Außenstehender über eine ganze Menschengruppe aufzuregen, haben unser VICE-Fotograf Grey und ich beschlossen, einen Tag lang in die Haut des Stadtfeinds Nummer Eins zu schlüpfen und Berlin durch die Augen eines Touristen zu erleben. Dass die Urlaubssaison als solche vorbei ist, spielt dabei absolut keine Rolle. Da Berlintouristen sich zu großen Teilen aus Rentnern, Schulklassen oder Wochenendbesuchern rekrutieren, eignet sich ein Donnerstag Ende Oktober genau so gut wie jeder andere Tag für unser Experiment. Um uns vollkommen in unsere neuen Rollen einzufühlen, treffen wir uns am Hauptbahnhof; einem völlig grundlos bombastischen Angebergebäude.

Hauptbahnhof

Alle Fotos: Grey Hutton

Wenn der erste Eindruck entscheidend ist, dürfte Berlin die Hauptstadt der enttäuschten Erwartungen sein. Zu diesigem Nieselregen entfaltet sich an der verglasten Bahnhofsfront ein Panorama aus Baustellen und chaotischer Verkehrsführung. Wir wollen ein Gefühl für die ersten Momente eines Berlinbesuchers bekommen und schlendern zwischen verwirrten Rentnern und gestressten Kleinfamilien durch die Halle. Direkt unter einer Art Ritter-Sport-Schokoladendenkmal scheint der inoffizielle Treffpunkt für japanische Reisende zu sein, insgesamt gestaltet sich die Touri-Situation aber ziemlich farblos und unbefriedigend. Vielleicht halten sich die Leute aber auch einfach nicht gerne in diesem furchtbaren Bahnhof aus. Wir ziehen weiter, nachdem wir uns reichlich mit Flyern und Tourguides eingedeckt haben. Künstlich gespannt, was die miesepetrige Hauptstadt uns sonst noch so zu bieten hat.

Bundestag

Nach der einminütigen Fahrt mit der U55, der kürzesten und albernsten Linie aller Zeiten, die kein Berliner jemals freiwillig benutzen würde, befinden wir uns am ersten touristischen Highlight unserer Tour: dem Bundestag. Mittlerweile nieselt es etwas stärker. Wenn ich mich gerade wirklich im Urlaub befinden würde, wäre ich echt angepisst. Vereinzelte Schulklassen und mäßig interessierte Rentner horten sich wie Tiere in freier Wildbahn zu kleinen Gruppen zusammen und werfen uns argwöhnische Blicke zu. Niemand steht für einen Rundgang durch die verglaste Reichstags-Kuppel an und auch sonst bietet sich ein Szenario der absoluten Tristesse.

Ein einsamer Touristenführer umkreist sein schreiend rotes Steh-Rollen-Ding wie ein suizidgefährdeter Bussard. Der unangefochtene Platzhirsch ist allerdings ein Mittzwanziger, der mitten auf der nassen Wiese kniet und offensichtlich ein angeregtes Telefongespräch führt. Bisher macht Berlin vor allem den Eindruck eines spärlich besiedelten Ödlands, dessen Bebauung noch nicht ganz abgeschlossen ist.

Straße des 17. Juni

Als wir einen Schleichweg nahe der Straße des 17. Juni in Richtung Pariser Platz entlang schreiten, erreicht die Stimmung einen erneuten Tiefpunkt. Ein Mann im Bärenkostüm sitzt verlassen auf einer Parkbank und winkt, zunehmend so wirkend, als hätte er mit seinem Leben bereits abgeschlossen, den Passanten zu. Gegen Geld kann man ein Foto mit ihm machen und weil ich glaube, dass es genau das ist, was ordentliche Touristen tun würden, setze ich mich zu ihm. Schräg gegenüber befindet sich das Mahnmal zur Verfolgung der Roma und Sinti in Deutschland: Ein rundes Wasserbecken, in dessen Mitte ein dreieckiger Stein mit einer Rose liegt. Es regnet jetzt stärker. „Ich finde, dass die Regentropfen und die Kreise, die sie auf dem Wasser ziehen, dieses Mahnmal erst richtig komplett machen. Das ist wirklich schön", sagt Grey. Wir sind beide sehr nachdenklich.

Versteckt zwischen zwei Bäumen dudelt aus einer Box traurige Instrumentalmusik; beinahe wirkt es, als hätte ein Daily-Soap-Regisseur diesen Moment inszeniert.

Brandenburger Tor

Es fällt einem nicht wirklich schwer, in touristische Beeindrucktheit zu verfallen, wenn man auf dem Pariser Platz steht; auch wenn man dabei passiv-aggressiv von depressiven Kutschponys angestarrt wird. So wirklich viel zu tun und sehen, gibt es außer dem Brandenburger Tor dann aber auch wieder nicht. Vielleicht ist das einer der Gründe dafür, dass die anwesenden Berlinbesucher sich fotografieren, als gäbe es kein Morgen mehr. Neben uns entscheidet sich ein Typ dafür, dass Selfies mit Sonnenbrille einfach besser kommen und im Hintergrund demonstrieren ein Dutzend NSA-Gegner zu Scooter-Musik gegen die Totalüberwachung. Anscheinend haben wir alles gesehen, was es am Touristen-Hotspot Nummer Eins zu sehen gibt. Es ist Zeit, weiter zu ziehen.

Holocaust-Mahnmal

Schon jetzt zeichnet sich ab, dass 90 Prozent der Berliner Sehenswürdigkeiten irgendetwas mit Tod oder Gefangenschaft zu tun haben. Der einzige Weg, mit all dem Schmerz, melancholisch perfekt durch grauen Dauerregen untermalt, umzugehen, scheint für viele Touristen, und somit auch uns, die emotionale Flucht nach vorne zu sein. Inmitten des Mahnmals, das nicht nur auf ​Instagram, sondern auch auf ​Grindr zu den beliebtesten Fotohintergründen aller Zeiten zu gehören scheint, gibt es dementsprechend hysterisches Kichern statt andächtiges Schweigen.

Ein Mann knipst seine Frau, die sexy zwischen den Steinblöcken posiert, größere Menschengruppen laufen Gefahr, mit ihren Regenbogen-Regenschirmen steckenzubleiben und ein Teenager hat sich dazu entschieden, dem Holocaust mit dem Tragen eines US-Truppenhelms zu gedenken. Berlin ist ein düsterer, trister Ort und ich fühle mich innerlich tot. Am vernebelten Horizont zeichnen sich die Hochhäuser des Potsdamer Platzes ab, unserem nächsten Ziel.

Potsdamer Platz

Es ist für mich nach wie vor nicht ganz ersichtlich, warum der Potsdamer Platz Teil von nahezu jeder größer angelegten Touri-Tour sein muss. Insbesondere dann, wenn keine Filmpremieren stattfinden. Mehrere Minuten lang starren wir ins Leere und sinnen darüber nach, was genau die Faszination des Sony Centers sein könnte. Wir kommen nicht drauf. Das einzige Highlight ist ein älterer Asiate, der mit sehr wütendem Gesichtsausdruck Selfies macht. Wir entscheiden uns, schon jetzt mit der Bahn zum Checkpoint Charlie zu fahren. Die allgemeine Stimmung ist von zutiefst melancholischer Niedergeschlagenheit zu enttäuschter Langeweile gekippt. Wird es nie wieder aufhören zu regnen?

Checkpoint Charlie

Ein bisschen beeindruckend ist es schon, dass wir es durch mehrere Touristenecken geschafft haben, ohne unmittelbar mit der Berliner Mauer konfrontiert zu werden. Damit ist am Checkpoint Charlie, dem ehemaligen Grenzübergang zwischen amerikanischem und sowjetischem Sektor, allerdings endgültig Schluss. Die U-Bahn-Ausgänge spucken im Minutentakt Dutzende Besucher auf die stark frequentierte Kochstraße und erstmals bekommt man den unmittelbaren Hass der Anwohner im vollen Maße zu spüren.

„Scheiß Touristen" mosert ein Anzugträger Mitte 40 im Vorbeigehen, während mir aus meinem mittlerweile komplett nassen Haar Regenwasser über die Stirn läuft. Die Hoffnung, in einem der Dutzenden Berlin-Shops eine Art Mütze zu finden, die unser Budget nicht komplett ausreizt, zerschlägt sich recht schnell. Stattdessen gibt es an jeder Ecke zu Dumpingpreisen Teile der Berliner Mauer zu kaufen. Ob diese Steinversatzstücke rechtmäßig erworben oder in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus der Eastside Gallery geklopft wurden, bleibt offen.

Museumsinsel

Zeit für Anspruch, denken wir uns, und begeben uns zu einer der kulturellen Zentren Berlins, der Museumsinsel. Wenn der Louvre ein paradiesisches Atoll mit Palme wäre, besäße der Bereich zwischen Pergamon- und Neuem Museum den Charm einer Bohrinsel. Minutenlang umläuft man eine riesige Baustelle, bis man dann schließlich doch an einem der Eingänge angekommen ist. Leider haben wir weder Zeit noch Geld, um uns die Büste von Nofretete anzugucken, dafür mache ich Fotos von den Pferdedenkmälern. Für Instagram. Ein Stand nahe der Brücke wirft die Frage auf, warum man an nahezu jeder touristisch stark frequentierten Ecke Berlins Gasmasken kaufen kann. Hätte man Nazideutschland souvenirmäßig nicht irgendwie geschmackvoller aufbereiten können? Der Fotograf fühlt sich „sehr schwach"; es ist Zeit, etwas zu essen.

Alexanderplatz

Für unseren ersten und einzigen Snack des Tages haben wir uns den Alexanderplatz auserkoren. Obwohl man da absolut nichts tun kann, außer einzukaufen oder für den Fernsehturm anzustehen, zieht es jede Menge Touristen in die städtebauliche Perle des Ostens; normalerweise zumindest. Vielleicht liegt es am mittlerweile chronisch gewordenen Nieselregen, vielleicht ist heute auch einfach ein schlechter Tag. Tatsache ist: Gefühlt lediglich 15 Leute versuchen, ihr strahlendes Gesicht und den Fernsehturm auf ein und dasselbe Handyfoto zu kriegen. Wir haben unser ganz persönliches Berlin-Erinnerungsfoto schon auf dem Weg gemacht. Mit zwei Flaschen Ampelmännchen-Bier. Ach ja, Ampelmännchen. Eine weiterer Touristenfetisch, den niemand versteht.

Hunger in der Hauptstadt und wir wären keine richtigen falschen Berlinbesucher, wenn wir keine Currywurst essen würden. Als wir endlich ein Bistro finden, in dem man sitzen kann (Tourist sein ist wahnsinnig anstrengend. Auch mit Bier.), kommt die ganz große Enttäuschung. Currywurst mit Bratkartoffeln (!) für 7 (!!) Euro? Und dann haben sie die Wurst nicht mal eingeschnitten? Wird einem als Tourist eigentlich jegliche Menschenwürde abgesprochen? Wir nutzen die Zeit, um unsere bisherige Tour Revue passieren zu lassen. In Berlin regnet es, niemand ist gut gelaunt, alles hat irgendwie mit Krieg oder sonstigen Verbrechen an der Menschheit zu tun und wenn man dann schließlich irgendwann ermattet zusammenbricht, bekommt man nicht mal eine ordentliche Wurst. Kein Wunder, dass das hier die Partyhauptstadt Europas sein soll. In irgendetwas muss man seine Enttäuschung ja ertränken.

Warschauer Straße

Unsere letzte Station wird primär von Pub-Crawl-Touren angesteuert, für das ganz große Besäufnis sind wir aber entschieden zu müde. Stattdessen schleppen wir uns mit letzter Kraft zu einem der vielen Fotoautomaten an der Warschauer Brücke; schließlich sollte jeder Berlinbesuch mit einem Erinnerungsbild in angemessen abgefuckter Qualität enden. Es ist ziemlich unangenehm, minutenlang darauf zu warten, dass die Fotos fertig gedruckt sind. Nüchtern, erschöpft, nass bis auf die Knochen und mit schlechtem Currywurst-Atem sind wir so offensichtlich als Touristen zu erkennen, dass ich anfange, mich selbst zu hassen. Als der Strip endlich aus dem Automaten kommt, bin ich mir endgültig sicher, dass Berlin uns dafür bestrafen möchte, dass wir Touristen sind. Das Bild ist nahezu schwarz und fasst damit den deprimierendsten Tag seit Langem perfekt zusammen.

Wehmütig denke ich an den Depri-Lautsprecher des Sinti und Roma Mahnmals. Wenn die Berliner Tourismusbranche auch nur ansatzweise konsequent wäre, würde sie einem direkt bei der Ankunft einen Audioguide mit den bekanntesten Enya-Songs in die Hand drücken. Zumindest sieht bei all dem Regen niemand, wenn man weint.

Folgt Lisa und Grey bei Twitter: @antialleslisa @greyman01

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