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Dieser Mann verklagt Deutschland, weil sein Schwager von einer US-Drohne getötet wurde

Faisal bin Ali Jaber hat uns erzählt, warum der Drohnenkrieg im Jemen nur der al-Qaida hilft—und warum er optimistisch ist, dass er ihn mit seiner Klage gegen Deutschland beenden kann.

von Matern Boeselager
20 Oktober 2014, 9:50am

Salim und Walid bin Ali Jaber. Fotos: Privat

Dass der Drohnenkrieg der USA zu großen Teilen über Deutschland koordiniert wird, hat die deutsche Öffentlichkeit spätestens mit der NDR-Reportage „Der Geheime Krieg“ achselzuckend zur Kenntnis genommen—die Drohnenschläge sind ein bisschen zu weit weg, um sich damit wirklich zu beschäftigen. Für die Menschen im Jemen ist die Gefahr, bei einem amerikanischen Drohnenangriff getötet zu werden, allerdings sehr real—weshalb drei Angehörige von Opfern jetzt die Bundesrepublik Deutschland verklagen.

Am 29. August 2012 trafen sich fünf Männer in einem Dattelhain außerhalb einer Moschee in Khashamer, einem 5000-Seelen-Dorf im Südjemen. Sekunden später feuerte eine US-Drohne drei Hellfire-Missiles auf die Gruppe. Vier der Männer wurden sofort getötet. Beim Versuch zu entkommen, wurde der Fünfte von einer weiteren Missile, die seinen zerschmetterten Körper in einen Schafstall schleuderte, getötet.

Drei der Männer wurden vom jemenitischen Verteidigungsministerium als Mitglieder von al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel (AQAP) beschrieben, die getötet worden seien, als sie sich „mit ihren Kameraden trafen“. Die beiden „Kameraden“ hatten aber überhaupt nichts mit ihnen zu tun: Es handelte sich um Salim bin Ahmed Ali Jaber, einen geachteten und für seine harte Linie gegen die al-Qaida bekannten Prediger, und seinen Neffen, Walid bin Ali Jaber, den einzigen Polizisten des Dorfes.

Laut Faisal bin Ali Jaber, dem Schwager des Imams Salim, hatten die al-Qaida-Leute ihm einen Besuch abgestattet, weil er ein paar Tage zuvor eine besonders unverblümte Predigt gegen die al-Qaida-Ideologie gehalten hatte. Den Drohnenpiloten war das offensichtlich egal.

Zusammen mit zwei weiteren Angehörigen und mit der Hilfe der NGOs Reprieve und ECHHR hat Faisal jetzt die Bundesrepublik Deutschland verklagt. Ziel der Klage ist nicht etwa Schadensersatz, sondern dass die Bundesrepublik „die Nutzung der Air Base Ramstein … für Einsätze von unbemannten Fluggeräten“ unterbindet und die Rechtswidrigkeit dieser Einsätze feststellt (hier ist die Anklageschrift in voller Länge zu lesen). Sollte er Recht bekommen, müssten die USA die komplette Infrastruktur für ihren Drohnenkrieg neu aufbauen.

Ich habe Faisal am Freitag in Berlin getroffen, wo er mir erzählt hat, warum sein Schwager keine Angst vor al-Qaida hatte, wie es sich anfühlt, in der Nacht mit Plastiktüten auf die Suche nach Körperteilen seines Neffen zu gehen, und warum er trotzdem glaubt, dass wir alle in Frieden leben können.

Faisal bin Ali Jaber. Foto: Reprieve

Faisal, hatte Ihr Schwager irgendetwas mit Terrorismus zu tun?
Um das Jahr 2011, während Salim freiwillig als Imam arbeitete, breitete sich al-Qaida auf der Arabischen Halbinsel immer mehr aus, vor allem in den Provinzen Abyan und Schabwa. Das führte auch bei uns in Hadramaut zu einer stärkeren Polarisierung, also nahm Salim es auf sich, sich dagegen auszusprechen und den Menschen den richtigen Weg zu zeigen und sie vor dem Weg von al-Qaida zu warnen. Er und einige andere Imame schufen Bildungsprogramme für Kinder in ihren Moscheen, wo sie sie über Frieden und toleranten Glauben unterrichteten.

Was ist in den Tagen vor dem Angriff passiert?
Alle Leute aus unserem Dorf kehren in den Ferien nach Khashamer zurück, auch die, die zum Beispiel in Saudi-Arabien arbeiten. Deshalb finden um diese Zeit, nach dem Fest des Fastenbrechens, viele Hochzeiten statt, weil die Leute sowieso schon angereist sind. Mein Sohn sollte in dem Jahr auch heiraten.

An Freitagen kann es vorkommen, dass ein besuchender Imam in der Dorfmoschee spricht. Salim ergriff also die Gelegenheit und hielt am 24. August eine Predigt, in der er über das Töten sprach. Er zitierte eine Sure, in der es heißt: „Wer einen Menschen tötet, der keinen Mord begangen oder auf der Erde Unheil gestiftet hat, so ist es, als ob er alle Menschen getötet hätte.“ Dann forderte er al-Qaida heraus, die doktrinäre Grundlage für ihre ungerechtfertigten Morde in einer Debatte zu beweisen.

Den Menschen gefiel seine Predigt, gleichzeitig wunderten sie sich auch über seinen Mut. Manche sagten ihm: „Sei vorsichtig, die Menschen, mit denen du dich anlegst, sind Kriminelle—sie könnten dir etwas Schreckliches antun.“ Auch Salims Vater kontaktierte mich und bat mich, Salim ins Gewissen zu reden, dass er sich etwas zurücknehmen soll, damit er nicht zur Zielscheibe für al-Qaida wird. Aber im Laufe des Gesprächs überzeugte mich Salim, dass er das tun musste.

„Da ich die Welt sowieso verlassen werde, sollte ich meine Zeit hier nutzen, um für Gerechtigkeit und gegen Ungerechtigkeit zu sprechen“: Salim bin Ali Jaber. Foto: Ahmed Alrbaky, Familie

Am Montagabend wurde getanzt und Gedichte wurden vorgelesen, wie das vor einer Hochzeit üblich ist. Am 28. August war die Hochzeit meines Sohnes. Der schicksalsreiche Tag war der 29. August.

Was passierte an dem Tag?
Am späten Nachmittag kamen drei Bewaffnete ins Dorf und suchten nach Salim. Sie sagten dem Kameltreiber, er solle ihn holen. Salim weigerte sich, sie draußen zu treffen, er sagte, sie sollen in die Moschee oder zu seinem Vater zum Abendessen kommen, um sich wie vernünftige Menschen zu unterhalten.

Aber schließlich haben sie sich doch getroffen?
Ja, mein Neffe Walid, der Polizist war, überzeugte Salim, sich mit ihnen zu treffen, um sie loszuwerden. Wäre ich da gewesen, hätte ich Salim niemals gehen lassen. Sein jugendlicher Leichtsinn hat Walid sein eigenes und das Leben Salims gekostet.

Sie setzten sich zu viert unter eine Palme, ca. 50 Meter von der Moschee entfernt. Einer der Männer blieb im Auto sitzen. Der Kameltreiber kam noch einmal vorbei, um nach dem Rechten zu sehen, und Walid sagte ihm, er könne gehen, er habe die Situation unter Kontrolle. Also ging er und als er seine Haustür erreichte, schlugen die vier Missiles ein.

Vier Missiles?
Ja. Ich saß auf meiner Terasse beim Abendessen mit der Familie. Ich hörte zuerst ein Summen. Als ich hochsah, sah ich einen orangenen Funken, dann eine erste Explosion, und dann hörte es sich an, als würde der Berg auf uns fallen.

Die ersten beiden Missiles scheinen dort eingeschlagen zu sein, wo Walid und Salim mit den beiden Kämpfern saßen. Die dritte schlug nah davon ein und erwischte den Mann, der im Auto gesessen hatte. Er hatte wohl versucht, wegzurennen, und die Missile schlug neben ihm ein und schleuderte ihn gegen eine Wand in der Nähe. Deshalb war sein Rücken völlig verbrannt, aber sein Gesicht noch halbwegs erkennbar—nur dass wir nicht wussten, wer er ist. Die vierte Missile traf das Auto.

Das Auto der drei Kämpfer. Foto: Faisal bin Ali Jaber

Nach dem ersten Einschlag rannten alle hin, aber der zweite Einschlag zwang sie, Abstand zu halten. Walids Bruder Hissam war der Erste, der schließlich an dem Einschlagsort ankam.

Waren die Körper noch zu finden?
Überall waren Körperteile verteilt. Walids Bein wurde 70 Meter durch die Luft geschleudert und landete vor dem Schild am Ortseingang, auf dem „Willkommen in Khashamer“ steht. Sein halbes Gesicht fehlte. Einer der fremden Männer war so verbrannt, dass man nur noch eine Hand und einen Fuss erkennen konnte. Obwohl es schon dunkel war, sammelten wir die Körperteile so gut es ging in Plastiktüten. Am nächsten Morgen machten wir damit weiter, bis wir auch den letzten Finger gefunden hatten.

Haben alle sofort verstanden, was passiert war? Gehören Drohenangriffe in Hadramaut zum Alltag? 
Die Drohne, die Khashamer am 29. August traf, war der erste Drohnenangriff in einem Dorf in Hadramaut. Monate vorher hatte es einen Angriff auf ein Auto mitten in der Wüste gegeben. Niemand hätte je gedacht, dass die Drohnen in einem Dorf angreifen würden. In den Monaten vorher hatten wir uns daran gewohnt, dass Drohnen über uns kreisten, aber wir dachten, sie würden nur beobachten. Bis zu dem Tag, als sie zuschlug. Das hat unsere Welt auf den Kopf gestellt, jetzt nennen wir es „das Monster von oben“. Nach diesem Angriff gab es dann noch einige Angriffe in Hadramaut.

Jetzt wissen wir, was die Drohen uns antun können. Aber da wir nicht wissen, wen sie töten, wann sie töten, warum sie töten, haben wir immer Angst, wenn wir sie hören. Aber selbst wenn man sie nicht hört, bedeutet das nicht, dass sie nicht da sind.

Teile der Missiles, die von Human Rights Watch als Hellfire-Missiles identifiziert wurden. Foto: Faisal bin Ali Jaber

Wie haben die Bewohner von Khashamer auf den Angriff reagiert?
Wir waren alle verstört, traumatisiert und verzweifelt. Nach dem Angriff kamen drei Männer von der Regierung ins Dorf, und in unserer Verzweiflung schrien wir sie an: „Wenn Salim und Walid al-Qaida sind, dann sind auch all unsere Frauen und Kinder al-Qaida, dann könnt ihr uns gleich alle umbringen!“ Es war eine traurige Reaktion, wir hatten den Glauben verloren. Ein paar Tage lang war die Situation sehr angespannt, aber wir haben uns gefangen, und am Freitag nach den Angriffen gab es eine große Demonstration. 

Was hatten die Angriffe noch für Folgen für die Menschen?
Es gab eine Reihe von psychologischen Reaktionen. Ein Junge, dessen Badezimmer bei dem Angriff einstürzte, war so in Schock, dass er seitdem fast nicht mehr spricht—aber wenn er ein lautes Geräusch hört, schreit er. Meine eigene Tochter stand nach dem Angriff zwanzig Tage nicht mehr aus ihrem Bett auf.

Ich bin vor einer Woche zum ersten Mal seit den Angriffen wieder nach Khashamer gefahren. Ich habe es vorher nicht übers Herz gebracht. Das Leben hat sich völlig verändert. Niemand verlässt das Haus nach acht Uhr. Die Straßen sehen aus wie Friedhofswege. Egal, wie heiß es ist, die Menschen schlafen nachts nicht mehr auf den Dächern—dort kann die Drohne dich sehen.

Warum sind Sie nach Deutschland gekommen? Was hoffen Sie zu erreichen?
Das Ziel ist zuerst Gerechtigkeit. Es geht aber auch darum, andere Unschuldige vor amerikanischen Drohnenagriffen zu schützen. Und ich will den Menschen in meiner Gegend zeigen, dass wir Unschuldige auf zivilisierte Weise schützen können, auf legalem Wege. Um zu zeigen, dass man keine Waffen in die Hand nehmen muss, um sich gegen die Drohnen zu wehren. Dass wir alle zusammen leben können, wenn wir die Missverständnisse ausräumen. Und schließlich geht es darum, al-Qaidas Propaganda zu begegnen, die sagt: Entweder wirst du getötet, oder du musst töten. Ich will zeigen, dass es einen anderen Weg gibt.

Warum verklagen Sie nicht die amerikanische Regierung?
Es bedeutet nicht, dass ich nicht auch die Vereinigten Staaten anklage, wenn sich die Gelegenheit ergibt. Wenn sich ergeben würde, dass Russland oder Frankreich am geheimen Drohnenkrieg im Jemen beteiligt sind, würden wir sie auch verklagen. Es gibt aber klare Beweise, dass die Ramstein Air Base an der Tötung Unschuldiger beteiligt ist.

Sind Sie optimistisch, dass Sie damit Erfolg haben werden?
Ich bin optmistisch, weil Deutschland und Jemen schon immer eine gute Beziehung hatten. Und die deutsche Regierung ist bekannt dafür, dass sie Menschenrechte und das Recht respektiert.

Ich bin aber nicht hier, um vage Zugeständnisse zu bekommen—ich brauche einen Erfolg für den Jemen. Es gibt bei uns jetzt viele junge Männer, die glauben, sie können nur zu ihrem Recht kommen, wenn sie al-Qaida beitreten und kämpfen. Und es gibt dort Menschen, die mich kritisieren. Sie sagen: „Du gehst da hin und bettelst deine Mörder an, dass sie aufhören, uns zu massakrieren. Wie kannst du deinen Henker anflehen?“ Ein juristischer Erfolg ist die beste Möglichkeit, ihnen zu begegnen, zu zeigen, dass man keine Waffen braucht.

Es geht nicht um Geld, es geht darum, eine Situation zu schaffen, in der die Menschen sicher zusammenleben können—wo wir in Sicherheit leben, und wo die USA sich sicher fühlen. Ich bin mir sicher, dass Salim diese Schritte segnen würde.