Health

Wie die Antibabypille Frauen komplett zerstören kann

Eine neue Studie zeigt, dass junge Frauen, die auf hormonelle Verhütung setzen, anfälliger für Depressionen sind. Wir haben da mal direkt nachgefragt.

von Morgan Harries
05 Oktober 2016, 9:13am

Titelillustration: Ben Thomson

Im Zuge einer Studie haben dänische Forscher mehr als eine Million Frauen zwischen 15 und 34 über einen Zeitraum von durchschnittlich sechs Jahren hinweg beobachtet. Dabei fanden sie heraus, dass Frauen, die die Kombinationspille nehmen, um 23 Prozent wahrscheinlicher Antidepressiva verschrieben bekommen als Frauen ohne Pille (bei Minipille-Nutzerinnen liegt die Wahrscheinlichkeit um 34 Prozent höher). Bei Teenagerinnen sieht das Ganze sogar noch drastischer aus: hier liegt die Wahrscheinlichkeit um 80 Prozent höher.

Ob das bedeutet, dass Frauen, die die Pille nehmen, auch tatsächlich häufiger an Depressionen leiden oder z.B. einfach häufiger zum Arzt gehen, wurde dabei nicht geklärt. Dass die Pille aber Nebenwirkungen haben kann, ist bekannt. Und wenn du selbst nicht schon mal irgendwelche unerwünschten Nebenwirkungen der Pille erlebt hast, dann bestimmt eine Freundin—egal ob nun die berüchtigten Stimmungsschwankungen oder den plötzlichen Brustwachstum. In selteneren Fällen kann es auch zu Angstzuständen kommen. Und in noch selteneren Fällen zu ernsthaften Sehschäden oder Herzstillstand.

Aus diesem Grund haben wir mit mehreren jungen Frauen über deren Erfahrungen mit den Nebenwirkungen der Antibabypille gesprochen. Dabei sind uns relativ normale, aber auch extrem ungewöhnliche Geschichten zu Ohren gekommen.

Explodierende Zellen

Vor ein paar Jahren wachte ich mit schlimmen Kopfschmerzen auf und das ganze Schlafzimmer war wie von goldenem Glitzer überzogen—das war bei Weitem nicht so aufregend, wie es jetzt vielleicht klingt. Ich tat das Ganze damals noch als üble Migräne ab und ignorierte die Schmerzen, die dann irgendwann auch wieder weggingen. Eine Woche später entwickelte sich in meinem Sichtfeld jedoch plötzlich eine graue Wolke und mein damaliger Freund bestand darauf, dass ich sofort zu einem Augenarzt gehe.

Wie sich dann herausstellen sollte, leide ich an einer extrem seltenen Augenkrankheit namens "akute parazentrale Makulopathie", welche laut den Ärzten dadurch verursacht wird, dass die Pille die Blutkörperchen in meinem linken Augen erst verkrampfen und dann absterben lässt. Der "goldene Glitzer" war damals also das Absterben der Zellen. Die Krankheit ist so selten, dass sich die Mediziner nichtmal sicher sind, ob daran nun Koffein oder die Pille schuld ist. Da ich Tee und Kaffee hasse und so ziemlich jeder andere Mensch, der daran leidet, eine junge, die Pille nehmende Frau ist, braucht man hier nicht lange rätseln. Es gibt keine Heilung und mir wurde nur geraten, mein Leben lang auf jegliche Form der hormonellen Verhütung zu verzichten, denn das Ganze soll ja nicht noch mal passieren. Die graue Wolke in meinem Sichtfeld wird jedoch nie wieder weggehen.

Vielen Dank, Pille!
– Kim, 26

Die körperliche Hölle auf Erden

Vergangenen Dezember fing ich an, eine Pille mit Desogestrel zu nehmen, weil ich die normale Östrogen-Pille aufgrund einer Blutgerinsel-Vorgeschichte in meiner Familie lieber meiden wollte. Innerhalb von nur drei Wochen bekam ich dann so schlimme Angstzustände, dass ich sogar die Symptome eines Herzinfarkts verspürte. Ich wurde so depressiv, dass ich jeden Tag wegen Kleinigkeiten in Tränen ausbrach. Außerdem war ich fest davon überzeugt, bald zu sterben. Die ganze Situation glich einem einzigen Albtraum. Meine Lust auf Sex war komplett verflogen, ich dachte, dass mich jeder hasste, und ich fand obendrein kaum noch Schlaf. Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, brachte die Pille außerdem noch meine Periode völlig durcheinander: Nachdem ich sie eine Woche genommen hatte, bekam ich intensive Blutungen und litt neun Tage am Stück an schlimmen Krämpfen. Auch an Weihnachten. Es war brutal.

Ich hörte schließlich auf, die Desogestrel-Pille zu nehmen, als ich nach einer meiner schlimmsten Panikattacken dachte, einen Schlaganfall erlitten zu haben. In den darauffolgenden zwei Wochen war ich abends weiterhin schläfrig, hatte mit Stresskopfschmerzen zu kämpfen und fühlte mich so ängstlich und depressiv, dass ich auch körperlich erkrankte. Als Mitte Januar mein Studium weiterging, meinte mein Arzt schließlich zu mir, dass mein Körper durch die ganzen Angstzustände eine Art Adrenalin-Erschöpfung erlitten hatte. Das war eine richtig beschissene Zeit und meine Periode ist auch heute noch unregelmäßig und richtig schmerzhaft.
– Lucy, 21

Die unendliche Periode

Foto: Hey Paul Studios | Flickr | CC BY 2.0

Alle Arten der Pille haben bei mir ständig auftretende Perioden ausgelöst. Ohne Pause, ununterbrochen.

Mit 16 fing ich an, die Kombinationspille zu nehmen. Die ersten paar Monate lief noch alles gut, aber dann hatte ich ständig entweder meine Tage oder vaginalen Ausfluss. Also verschrieb mir mein Arzt eine andere Pille, aber alles blieb gleich. Dann bekam ich plötzlich auch noch richtig schlimme Akne und ich sollte die Minipille nehmen. Aber auch die brachte nichts—weder bei meinen Pickeln noch bei meinen Problemen im Intimbereich. Als ich dann ein Jahr später mit meinem Freund Schluss machte, hörte ich auch auf, die Pille zu nehmen. Und siehe da, da unten wurde wieder alles normal!

Später nahm ich dann ein Mittel gegen meine Akne, das natürlich die Wirkung der Pille beeinträchtigten könnte. Deswegen wird empfohlen, hier zusätzlich noch Kondome zu verwenden. Wenn man nämlich schwanger werden sollte, kann das Kind aufgrund der vielen Chemikalien an Fehlbildungen leiden. Ich musste also jeden Monat zum Arzt gehen und einen Schwangerschaftstest machen.

Unterm Strich kann man sagen, dass meine Vagina durch die ganzen Hormone extra viel Pflege braucht. Inzwischen hat sich die Situation jedoch beruhigt, denn ich nutze nun die Spirale. Zum Glück habe ich mit 21 endlich herausgefunden, was bei mir am besten funktioniert.
– Clara, 21

Unentschlossene Brüste

Ich nehme die Pille nun schon seit gut vier Jahren—und das immer wieder mit Unterbrechungen. Dadurch habe ich viel zugenommen. Zwar pochen die ganzen Ärzte immer wieder darauf, dass es keine wissenschaftlichen Beweise für die Gewichtszunahme durch die Pille gibt, aber das Hungergefühl wird definitiv stärker.

Das Ganze hatte aber auch einen Vorteil: Mein Busen ist ebenfalls größer geworden. Während der Pillenpause schrumpfte er jedoch immer wieder auf seine normale Größe zurück und deswegen zieren mich jetzt auch viele unschöne Dehnungsstreifen—und meine linke Brust hängt mehr als die rechte. Der Horror.

Aber ganz ehrlich, das Schlimmste an der Pille ist die Tatsache, dass die Frau für die Verhütung verantwortlich ist und nicht der Mann. Den Kerlen ist es meistens nämlich gar nicht bewusst, was wir körperlich und geistig durchmachen müssen, nur damit wir ohne Kondom ficken können. Deshalb bin ich auch echt froh darüber, dass wohl schon bald diese Verhütungsspritze für den Mann kommt.
– Sofia, 22

Einfach experimentieren!

Mit 17 hatte ich meinen ersten festen Freund und deshalb entschied ich mich dazu, das Thema Verhütung in die eigenen Hände zu nehmen. Also ging ich zur örtlichen Beratungsstelle und dort sagte man mir, dass ich die Kombinationspille aufgrund meiner Migräne vergessen könnte. Das Schlaganfall-Risiko sei einfach zu groß. Und obwohl ich der Krankenschwester auch von meinen Depressionen erzählte, informierte sie mich nicht darüber, welche Auswirkungen die Minipille auf meine psychische Gesundheit haben könnte. Nein, mein Körper müsse sich einfach nur ein paar Wochen daran gewöhnen.

Nach gut einem Monat mit der Pille war meine Haut richtig schlimm, meine Stimmungsschwankungen fielen immer extremer aus, mir ging es ständig schlecht und ich brach immer wieder spontan in Tränen aus. Meine Periode wurde außerdem immer intensiver und schmerzhafter—manchmal hatte ich sogar so starke Schmerzen, dass ich gar nicht aufstehen konnte. Ich verstand nicht, was da mit mir los war. Erst als ich selbst ein wenig nachforschte, fand ich heraus, dass das alles Nebenwirkungen der Pille waren. Ich setzte sie sofort ab.


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Später probierte ich mit einem neuen Partner eine neue Pille aus. Leider mit dem gleichen Ergebnis. Mein Arzt sagte mir, dass die Sache mit der Pille nicht so einfach ist, wie es sich junge Frauen oft vorstellen. Immerhin handelt es sich bei dem Präparat um eine relativ neue Erfindung, die sich immer noch in der Entwicklung befindet und bei der wir gar nicht so genau wissen, welche Folgen sie bei bestimmten Frauen nach sich zieht. Ich habe in Bezug auf die hormonelle Verhütung also keine wirklichen Optionen—außer ich bin dazu bereit, die Nebenwirkungen zu ertragen.

Mir wurde also geraten, einfach mit meinem jungen und fruchtbaren Körper herumzuexperimentieren und zu hoffen, dass die Pille eines Tages nicht mehr die Nebenwirkungen hervorruft. Also nehme ich sie inzwischen wieder—und bei mir wurde eine Angststörung diagnostiziert, die möglicherweise durch die Pille verschlimmert wird. Eigentlich will ich nicht als eine weitere Teenagerin auf Antidepressiva enden, aber ich will halt auch noch kein Kind bekommen. Sex macht mir Spaß und ich bin gerne glücklich. So lange ich weiterhin auf die hormonelle Verhütung setze, werden sich diese beiden Szenarien nie ganz ausschließen.
– Georgia, 19

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