Wie ein Idiot (ich) über tausend Dollar für Sushi ausgab

"Nein, nein. Wir brauchen die Rechnung in Dollar", sagte ich in der Annahme, dass die Zahl vor meinen Augen der Preis in Yen war. Ich war bereit, aus dem Fenster zu springen.

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Sep. 23 2016, 4:00am

Titelfoto: Standbild aus 'Jiro Dreams of Sushi' | Foto: Magnolia Pictures

Unsere Theaterkarten waren sehr teuer, aber immerhin waren unsere Plätze auch sehr weit von der Bühne entfernt. Vor ein paar Jahren sorgten Ian McKellen und Patrick Stewart in New York für Schlagzeilen, weil beide zur gleichen Zeit gemeinsam in zwei verschiedenen Theaterstücken mitspielten. Die Karten gingen schnell weg und als mein Freund Matt mich fragte, ob ich lieber Niemandsland oder Warten auf Godot sehen möchte, fiel meine Wahl auf Godot. Immerhin hatte ich davon schon gehört. Aber gut, man bekommt nicht immer das, was man will. Am Ende hatten wir zwei sehr teure Karten für Niemandsland.

Matt fragte mich, ob wir vorher nicht Sushi essen wollen—um 18:45 Uhr. Das Stück begann um 20 Uhr, aber er könnte etwas früher von der Arbeit loskommen. Da ich meinen Lebensunterhalt als Autor verdiene und von zu Hause aus arbeite, gehen alle mit ihren geregelten Erwachsenen-Tagesabläufen ständig davon aus, dass ich zu jeder Zeit abrufbar bin. Und ich nehme ihnen das immer übel—größtenteils auch, weil es stimmt. Matt fragte mich, ob ich die Dokumentation Jiro Dreams of Sushi gesehen hätte. "Natürlich", log ich.

Wie sich herausstellte, hatte einer von Jiros Schützlingen unweit vom Theater sein eigenes Sushi-Restaurant eröffnet. Einfach hervorragend sollte es sein. Damit war die Entscheidung gefallen: Wir würden unsere Bäuche erst mit nährstoffreichem rohem Fisch füllen und dann Magneto und Professor X dabei zusehen, wie sie altbackene Dialoge vortragen.

Wir betraten ein unscheinbares Bürogebäude. Der Sicherheitsmann erklärte uns, dass wir unser Sushi im dritten Stock finden würden. Wir waren aufgeregt. In Manhattan bedeutet ein Restaurant, das sich ein paar Stockwerke weiter oben befindet, entweder großartiges Essen oder eine Steakhouse-Kette. Wir traten durch einen roten Vorhang in das leere Restaurant und wurden von einer sehr netten Bedienung in Empfang genommen.

Wir erfuhren, dass Jiros Protegé Toma heute Abend persönlich da war. Wir sollten uns doch direkt an die Theke setzen. Matt wurde ganz schwindelig vor Aufregung. Der Meister persönlich würde direkt vor unseren Augen unser Sushi zubereiten. Plötzlich war ich etwas enttäuscht, dass wir nur eine Stunde Zeit hatten. Ich liebe Sushi und ich war bereit, es hier ordentlich krachen zu lassen.

Wir fingen mit Thunfisch an und gingen dann zu etwas fettigerem Thunfisch über. Dann bestellten wir Toro—wieder Thunfisch. Nach jeder Rolle räumte die Bedienung unsere Teller ab und brachte neue zusammen mit frischen, warmen Erfrischungstüchern. Essstäbchen waren hier nicht gern gesehen, genauso wenig wie Soßen zum Tunken. Selbst Soja-Soße nicht! Es war, als wären wir auf dem Mars. Vielleicht auch in Japan.

Toma hatte einen Assistenten, der haargenau so aussah wie er—nur proportional kleiner, wie die nächstgrößte Matrjoschka. Gemeinsam bereiteten sie uns das mit Abstand beste Sushi zu, das ich jemals gegessen habe oder essen werde. Nach jedem Gericht schrieb Toma eine Zahl in ein kleines Büchlein, drehte sich mit einem Lächeln zu uns um und schlug ein weiteres, spektakuläres Häppchen vor.

Die Uni waren besonders gut. Uni ist Seeigel, der über eine unfassbar weiche Konsistenz verfügt—etwa wie Frozen Yogurt mit Bootsrumpfgeschmack. Ich liebte das Zeug. Und wir brauchten keine Garantie, dass die Seeigel heute frisch waren. Nur wenige Meter von uns entfernt schlug Toma ein lebendiges Exemplar in zwei Hälften.

Irgendwann lehnte sich Matt zu mir rüber und sagte: "Das wird teuer." Ich stimmte ihm zu. Das Essen war unglaublich und der Service beispiellos. Ich bin noch nie in einem Restaurant so umschwärmt worden—von dem einen Mal mal abgesehen, als ich ein Stück Metall in meiner Calzone gefunden hatte (es war nur Glas). Wir machten uns darauf gefasst, mindestens einen Hunderter hier zu lassen. Mit Pech 150 Dollar.

Als die Rechnung kam, atmeten wir einmal tief durch. "Das wird teurer als das Theater", sagte ich noch aus Spaß. Wir öffneten gemeinsam den Zettel wie verdammte Golden-Globe-Moderatoren.

Auf der Rechnung stand eins-eins-null-null. Elfhundert. Eintausend einhundert. 1.100 US-Dollar.

Wie ich oben schon erwähnt habe, verdiene ich mein Geld als Autor. Ich hatte keine 1.100 US-Dollar. Matt genauso wenig.

Meine erste Reaktion war, dass es sich um einen Druckfehler handeln muss. "Nein, nein. Wir brauchen die Rechnung in US-Dollar", sagte ich in der Annahme, dass die Zahl vor meinen Augen der Preis in Yen war. Der Laden war immerhin authentisch. Warum sollten sie da bei der Rechnung aufhören? Aber nein. Es waren elfhundert amerikanische Dollar. Unsere Bedienung, und das muss ich ihr hoch anrechnen, wies uns ruhig darauf hin, dass die Rechnung korrekt ist. Das Uni sei schließlich "frisch" gewesen.

Ich gab ihnen meine Kreditkarte, die mit fast absoluter Sicherheit abgelehnt werden würde. Wenn ein Bankkonto lachen könnte, meins hätte sich nicht mehr eingekriegt. Ich wollte uns auch nur etwas Zeit verschaffen, damit wir unser weiteres Vorgehen besprechen konnten. Matt war der Meinung, wir sollten uns am besten damit rausreden, dass wir auf eine derartig hohe Rechnung einfach nicht vorbereitet gewesen waren. Sie hätten uns auch nicht gewarnt, dass ein einziges Stück Uni—konservativ geschätzt—100 Dollar kostet. Ich hörte ihm nicht wirklich zu, sondern starrte stattdessen auf das nahegelegene Fenster und fragte mich, wie gefährlich ein Sturz aus zehn Metern Höhe ist, wenn ich mich bei der Landung gut abrolle. Können wir nicht einfach aufstehen und wegrennen?

Matt hatte einen Plan. "Ich werde alles auf meine Kreditkarte packen. Dann werde ich meinen Anbieter anrufen und es anfechten. Ich werde den Kauf anfechten."

Als sie mit meiner abgelehnten Karte zurückkehrten, gab Matt ihnen seine Kreditkarte, drehte sich zu mir und versetzte mir einen weiteren Schlag: "Scheiße! Wir können nicht kein Trinkgeld geben." Und er hatte natürlich Recht. Der Service war erstklassig. Was sind eigentlich 20 Prozent von 1.100? Locker mehr als das, was ich in der Woche davor für Essen ausgegeben habe.

Das Sushi war fantastisch gewesen. Aber das spielte jetzt eigentlich keine Rolle mehr, oder? Klar, ich fühlte mich gut. Großartig sogar. Richtig gesund. Ich hatte das Gefühl, ein paar Kilometer joggen oder das Heck eines Autos ein-, zwei Zentimeter vom Boden heben zu können. Wenn ich so darüber nachdenke, war ich in jenem Jahr wahrscheinlich kein einziges Mal krank.

Aber ich war noch nichtmal ansatzweise satt. Ich fühlte mich so, wie man sich nach einem guten Essen zu fühlen hat: energiegeladen, aufgeweckt und ausgeglichen. Aber ich bin Italiener und erkenne dementsprechend ein gutes Essen nicht als solches an, wenn ich mir danach nicht den Bauch halten muss. Auf dem Weg zum Theater murmelte Matt immer wieder "... einfach anfechten, das ist alles ... den Kauf anfechten..." Direkt nach dem Stück ging ich zum Bankautomaten, hob die hohe Summe von meinem Sparkonto ab und drückte ihm das Geld in die Hand.

Wie sich herausstellt, kannst du nicht einfach teures Zeug kaufen und dann "den Kauf anfechten". Matt bezahlte die Rechnung mit der Zeit vollkommen ab. Allein von den Zinsen hätte er eine Woche lang zu Mittag essen können.

Wir einigten uns darauf, beim nächsten Mal einfach Pizza zu bestellen und X-Men zu gucken. Ich kann mich nämlich immer noch nicht an auch nur ein Wort aus diesem verdammten Stück erinnern.

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