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Interviews

Ein Forscher erklärt, warum in der Schweiz die Suizid-Rate sinkt

Die Verkleinerung der Armee hat Leben gerettet.
7.10.16
ZVG

Thomas Reisch, Ärztlicher Direktor des Psychiatriezentrums Münsingen und Präsident vom Berner Bündnis gegen Depression forscht seit Jahren zum Thema Suizidprävention. Eine seiner Untersuchungen ist dabei besonders interessant: Der Zusammenhang zwischen der Armeeverkleinerung und der sinkenden Suizidrate unter Schweizer Soldaten.

Im Interview mit VICE erklärt der Suizidforscher, wer ihn bei seiner Forschung unter Druck setzt und weshalb Netze unter Brücken eben doch etwas nützen.

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VICE: Herr Reisch, wie kamen Sie auf den Zusammenhang zwischen der Schweizer Militärreform Armee XXI und Suizidrate?
Thomas Reisch: Wir haben gesehen, dass es bei den Schusswaffensuiziden einen deutlichen Abfall gibt: In einem Jahr knickt die Kurve des Bundesamts für Statistik plötzlich ein. Das war 2004, genau zum Zeitpunkt der Einführung der Armee XXI. Daraufhin haben wir uns überlegt, dass das eigentlich plausibel ist, da ab dann nicht mehr so viele Schusswaffen zur Verfügung stehen.

Weniger Armeewaffen, also weniger Suizide. Weshalb sind Sie sich sicher, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt?
Bei der Prävention durch Einschränkung der Suizidmethode gibt es zwei Möglichkeiten: Bei der ersten wird die Waffe physisch nicht mehr verfügbar gemacht. Bei der zweiten geht es darum, dass jemand nicht mehr mit einer Waffe trainiert. Wir kamen auf die Idee, dass es da einen kombinierten Effekt geben muss: Mit der Armee XXI üben weniger Leute mit einer Waffe und haben auch sonst weniger Zugang zu Waffen. Daher die Hypothese, dass es bei der Altersgruppe, die von der Armeereform betroffen ist, also bei Männern im Alter von 19 bis 43 Jahren, ab 2004 einen Effekt geben muss. Wir haben diese Kernaltersgruppe mit den anderen verglichen, die nicht betroffen sind – einschliesslich Frauen. Tatsächlich war der Knick frappant.

Wie gross ist die Auswirkung der Armeereform?
78 Prozent aller Suizide wurden bei dieser Gruppe verhindert. Auf die Bevölkerung hochgerechnet sind das etwa 160 Männer. Wie beeindruckend hoch diese Zahl ist, konnte durch die Studie erstmals mit harten Zahlen belegt werden. Die restlichen 22 Prozent wählten eine andere Methode, am stärksten den Eisenbahnsuizid.

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Weshalb greifen nicht mehr Männer einfach zu einem anderen Mittel? Ist keine Waffe da, kann man ja auch von der Brücke springen.
Das wissen wir nicht genau. Es ist aber hochwahrscheinlich, dass jeder Mensch eine bestimmte Methode für sich gewählt hat. Fällt diese weg, so sucht er meistens nicht nach einem Ersatz. Warum?
Wird der Mensch suizidal, schaltet das Frontalhirn ab. Verzweiflung macht, dass er nicht mehr denken kann. Die Methodenwahl hängt dann unter anderem davon ab, wie sich Bekannte von ihm umgebracht haben oder was er in den Medien mitbekommen hat. Das wird dann im entscheidenden Moment abgerufen.

In Militärkreisen war man wohl nicht begeistert von den Resultaten.
Es gab extreme Anfeindungen. Vor der Abstimmung «Für den Schutz vor Waffengewalt» im Jahr 2011 wurde mir vorgeworfen, meine Forschung sei politisch motiviert. Ich bekam sogar eine Drohung, doch die war nicht richtig ernst zu nehmen. Auch als ich das wissenschaftliche Paper einreichte, unterstellte mir einer der beiden Reviewer eine politische Motivation. Er sagte, ich hätte die falsche Analysemethode verwendet. Also habe ich die Methode umgestellt – und kam so zu noch deutlicheren Resultaten.

Sie haben immer wieder betont, dass in der Bevölkerung noch immer viel zum Thema Suizid missverstanden wird. Was ist der am weitesten verbreitete Irrtum?
Zum Beispiel die Annahme, dass die Leute einfach eine andere Methode nutzen, wenn die erste nicht funktioniert. Dabei ist bewiesen: Methodenrestriktion rettet Leben. Beispiele sind die Netze wie beim Berner Münster oder Armaturen, die keine Möglichkeiten bieten, sich zu erhängen. Dasselbe gilt auch bei Medikamenten: In Grossbritannien wurden früher Paracetamol-Fläschchen in grossen Mengen in Drogerien zu verkauft. Das führte oft zu einem grausamen Tod. Heute sind sie nur noch in kleinen Mengen in der Apotheke erhältlich, was die Häufigkeit dieser Methode deutlich senkte. Ein anderes Beispiel ist die Vergiftung mit Haushaltsgas: Bewusst wurde dort das Kohlenstoffmonoxid herausgenommen; zudem riecht es heute stark. Früher war es die Hauptmethode, heute ist es nicht mehr von Bedeutung.

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Auf der Patrouille mit Südkoreas Suizid-Rettungsteam


Soll man überhaupt im Detail über die Wirksamkeit dieser Methoden sprechen? Es könnte ja auch als Ratgeber verstanden werden.
Wenn – wie hier jetzt – darüber berichtet wird, wie sich Leute das Leben nehmen, führt das zu einem Konflikt: Es kann auch als Anleitung gelesen werden. Andererseits soll aber das Tabu aufgelöst werden. Es ist nämlich wichtig, dass die Leute aufgeklärt werden. Depression als Grunderkrankung ist schliesslich behandelbar.

Wie kann man damit die Leute abholen?
Etwa mit Präventionskampagnen, wie sie bald die SBB durchführen wird. Solche Kampagnen haben früher nur die Frauen erreicht. Da gab es beeindruckende Zahlen: Die Suizidversuche wurden deutlich reduziert. Neueste Zahlen zeigen nun, dass Männer – wenn auch nicht so stark – immer häufiger bereit sind, über dieses Thema zu sprechen.

Oft hört man, die wohlhabende Schweiz habe eine speziell hohe Suizidrate. Schaut man sich die Zahlen der WHO an, so liegt die Schweiz auf Platz 43.
In den letzten Jahren ist viel passiert. Die Suizidrate war deutlich höher. Die Armee XXI und Massnahmen wie Brückensicherungen haben sich ausgewirkt. Generell gibt es aber ein Nord-Süd-Gefälle: Im Mittelmeerraum sind die Suizidraten tiefer.

Weshalb?
Eine Hypothese ist, dass die Kultur im weiteren Sinn eine Rolle spielt. Das spiegelt sich bereits in der Schweiz wieder: Im Tessin ist die Suizidrate viel geringer als im deutschsprachigen Raum. In der Schweiz hat der Kanton Appenzell Innerrhoden die höchste Suizidrate. Zudem gibt es ein Ost-West-Gefälle: Länder wie Litauen und Ungarn haben eine höhere Suizidrate, zudem gibt es tendenziell im angloamerikanischen Raum weniger als in den deutschsprachigen und skandinavischen Ländern.

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Was führt generell Leute dazu, sich das Leben zu nehmen?
Nach dem Modell des Psychologen Thomas Joiner sind mehrere Grundvoraussetzungen wichtig. Erstens die Fähigkeit, sich überhaupt das Leben nehmen zu können. Je nach Studie gehen die Zahlen auseinander, doch man geht davon aus, dass rund die Hälfte der Menschen diese Fähigkeit hat. Zweitens spielt das Alleinsein oder genauer gesagt eine verhinderte Zugehörigkeit eine Rolle, also wenn jemand aus einer Gemeinschaft herausgeworfen wird. Das kann der Verlust des Partners oder eine Kündigung sein – so entsteht ein grosses Loch. Betroffene erleben sich als Last – sowohl für sich selbst wie auch für andere. Sie denken: Wenn ich weg bin, geht es anderen besser. Das ist aber ein grosser Irrtum: Nach einem Suizid leiden im Durchschnitt vier bis sechs andere Menschen während vielen Jahren darunter.

Oft wird gesagt, dass die Leistungsgesellschaft und der Druck auf dem Arbeitsmarkt die Suizide fördert.
Arbeitslosigkeit ist ein Faktor, sie ist jedoch nicht in allen Ländern gleich ausschlaggebend. Dort, wo die Arbeitslosigkeit gross ist, sind Suizide mit diesem Motiv von relativ geringer Bedeutung. Es wird als weniger schlimm empfunden, wenn man einer von vielen Betroffenen ist. In Ländern mit einer geringen Arbeitslosigkeit wird man hingegen nach einem Jobverlust schneller zum Aussenseiter.

Welche Unterschiede zwischen Männern und Frauen sind bei Suiziden feststellbar?
Die grössten Unterschiede zeigen sich bei der Methodenwahl: Männer nutzen Methoden, die möglichst effektiv und die ihnen gleichzeitig vertraut sind. Sie sind fasziniert von Schusswaffen, sind geübter damit und nutzen daher diese Methode häufiger. Für Frauen ist es eher wichtig, dass die anderen Leute weniger leiden, wenn sie tot aufgefunden werden. Daher sind bei ihnen Suizide mit Medikamenten häufiger.

Bei manchen Methoden – etwa wenn sich jemand vor den Zug wirft – zieht man noch andere Menschen mit in die Tragödie. Stellen Suizidgefährdete überhaupt solche Überlegungen an?
Manche vermeiden diese Methode bewusst. Sie denken: Ich möchte das dem Lokomotivführer nicht antun. Jugendliche wählen aber häufiger den Eisenbahnsuizid, da sie vom Sozialbewusstsein noch weniger in der Lage sind, das einzuschätzen.

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