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The Grievous Sins Issue

Al-Qaida will Afrika

Obwohl der Krieg offiziell vorbei ist, schaut es nicht so aus, als könnten die malischen Soldaten ohne die Franzosen alleine für Sicherheit sorgen. Dabei sind viele ihrer Gegner nur Kinder, die als Dschihadisten kämpfen.

von Aris Roussinos
06 Mai 2013, 1:00pm


Malische Soldaten patrouillieren in den Straßen von Gao. (AP Foto/Jerome Delay)

Im Februar hat sich die malische Armee der versammelten Presse präsentiert, nachdem sie erfolgreich die islamistischen Aufständischen in der Stadt Gao in der Sahara zurückgeschlagen hatte. Journalisten aus der ganzen Welt standen in einem staubigen Gerichtssaal mitten in der Stadt. Gao ist eine konservative Stadt, wo sogar sechs Monate alte Säuglinge Hidschab tragen. Und seit letztem Jahr ist sie der Schauplatz erbitterter Kämpfe in einem internationalen Konflikt, der weit über Mali und seine 15 Millionen-Bevölkerung hinausreichen könnte, und der verhindern soll, dass al-Qaida in Afrika Fuß fasst.

Die Pressetour sollte eine Art Siegesfeier sein, und die französischen Soldaten, die die malischen Truppen im vorangegangenen Kampf militärisch unterstützt hatten, standen schweigend am Rande des zentralen Gerichtsgebäudes in Gao und sahen amüsiert zu, wie die Malier die Reporter über das Schlachtfeld führten. Gendarmen, über und über behängt mit Munitionsgürteln, führten die Journalisten durch das Gebäude, zeigten auf abgerissene Körperteile und tote Dschihadisten, die zusammengekrümmt auf dem Boden lagen. Ein Soldat zeigte auf einen abgerissenen Kopf, der mit dem Gesicht nach unten im Staub lag. „War das ein Malier?“, fragte ich. Der Gendarm drehte den Kopf mit dem Fuß um und sah sich das Gesicht an. Aus dem Mund tropfte dunkles Blut und eine Fliege krabbelte in die Nase. „Nein, vielleicht Algerier oder Nigerianer“, sagte der Gendarm und grinste stolz. Ganz in der Nähe, in der Stadthalle, neben einem Körper, der auf einer Treppe—über seine Maschinenpistole gebeugt—kauerte, zeigten die Soldaten auf eine breite Blutspur, die an der Wand hoch und die Decke entlang verlief. „Selbstmordattentäter“, sagten sie. „Da ist sein Kopf.“ Es war eher ein Gesicht als ein Kopf, das mit verwirrtem Gesichtsausdruck zerknittert und mit staubigem Stirnrunzeln auf dem Boden lag und durch die Explosion vom Schädel gerissen worden war. Der Kameramann vermied es bewusst, diesen Anblick zu filmen. „Das dürfen wir sowieso nicht im Fernsehen zeigen“, sagte später einer der Reporter. „Da kann man sich die Mühe gleich sparen.“

Kurz vor unserer grausigen Tour war ich nach Mali ge­reist, um zu sehen, was der französische Militäreingriff für Folgen gehabt hatte. Ich sollte mit einem französischen Militärkonvoi von der Hauptstadt Bamako nach Gao fahren: eine fünftägige Fahrt durch die Wüste. Wir würden der erste Konvoi sein, der die Stadt erreicht, wo in den vorangegangenen sechs Monaten al-Qaida und ihre Verbündeten vor Ort die Macht an sich gerissen und eine islamistische Theokratie errichtet hatten, indem sie versuchten, den Jugendlichen den Dschihad einzutrichtern und den Einheimischen mit Peitschen und Schlachtermessern die Gesetze der Scharia einzubläuen. Die französischen Truppen hatten die Stadt schließlich zurückero­bert, mit Kampfjets und Kriegshubschraubern, und wir brachten ihnen Lebensmittel, Wasser in Flaschen und Stromgeneratoren: die plumpen, logistischen Annäherungsversuche einer modernen Armee, die versucht, einen Fuß in die Tür zu kriegen. Während wir durch die Sahara fuhren, kamen immer wieder Dorfbewohner aus ihren Hütten und begrüßten uns als Befreier, wobei sie die französische Flagge schwenkten und riefen: „Vive la France!“ Und: „Danke, danke!“ Aber je mehr man sich Gao nähert, desto mehr wächst auch der islamistische Einfluss, und ich sollte bald merken, dass nicht alle Einheimischen ihre französischen Retter mit derselben Begeisterung empfingen.

Offiziell begann der Krieg im Januar 2012, als eine Rebellengruppe der Tuareg, eines nomadischen Wüstenstamms aus der Sahara, wichtige Städte im Norden von Mali eroberte, den unabhängigen Staat der Tuareg ins Leben rief und ihn „Azawad“ taufte. Ihre Armee bezeichnete sie als Nationale Bewegung zur Befreiung des Azawad (MNLA), und sie agierte als eine säkulare politische Gruppe, selbst wenn die Tuareg in Mali hauptsächlich Muslime sind, denen aber—im Gegensatz zu den Strenggläubigen—nicht verboten ist, Unzucht zu treiben und von Zeit zu Zeit Alkohol zu genießen. Bald ging sie eine Zweckgemeinschaft mit einer Kombination verschiedener Dschihadistengruppen ein, die ebenfalls in der Region tätig waren: der Bewegung für Einheit und Dschihad in Westafrika (MUJAO), der islamistischen Tuareg-Fraktion Ansar Dine und al-Qaida im islamischen Maghreb (AQIM). Ebenso wie Afghanistan in den 1990er Jahren dienten Malis nördliche Gebiete Afrikas engagiertesten Terroristengruppen als Tummelplatz und Refugium, um von hier aus den Dschihad zu planen, Kokain nach Europa zu schmuggeln und westliche Geiseln zu nehmen und horrende Lösegelder zu erpressen. Obwohl die Tuareg schon immer Nomaden waren, fordern sie bereits seit 50 Jahren ein eigenes Territorium. Und so wollten sie, laut der Einigung zwischen der MNLA und den Dschihadisten-Gruppen, dieses neue Gebiet und die neue Grenze Seite an Seite beherrschen: Die Islamisten sollten die Tuareg dabei unterstützen, ihr Recht einzufordern, während diese ihnen im Gegenzug dafür erlaubten, im Gebiet von Azawad das islamische Gesetz durchzusetzen.

Aber nachdem sie einige Monate lang die nördlichen Städte Bamako, Kidal und Gao gemeinsam regiert hatten, wandten sich die Dschihadisten gegen ihre weltlichen Verbündeten, entmachteten die MNLA und errichteten ihre eigenen islamistischen Emirate, in Konkurrenz zueinander und mit einer stärkeren Konzentration auf islamistische Regeln. Timbuktu wurde von Ansar Dine eingenommen, die jede Art von Musik in der Stadt verboten, die einst für ihre Musik so berühmt gewesen war, während Gao, die größte Stadt im Norden, von der MUJAO überfallen wurde, einer einheimischen Dschihadisten-Gruppe, die von arabischen Anführern befehligt wurde und traurige Berühmtheit erlangte, als sie begann, Dieben die Hände abzuhacken. Kein Mitglied der internationalen Gemeinschaft rührte einen Finger, bis man fürchten musste, dass die Islamisten weit über den Norden des Landes hinaus Einfluss gewinnen würden. Schließlich befahl die französische Regierung, die das Land bis 1960 als Kolonie verwaltet hatte, Luftangriffe gegen die Dschihadisten zu fliegen. Am 12. Januar 2013 griffen die ersten Kampfjets Gao an und bombardierten strategische Orte, wie zum Beispiel das städtische Zollhaus, eine Islamistenbastion im Zentrum der Stadt, und stellten die volle Kampfkraft der französischen Luftwaffe zur Schau.

Die französischen Piloten bereiteten das Feld für die Bodentruppen, die Gao und Timbuktu rasch zurückeroberten und die Dschihadisten vertrieben, die in die kargen Berge des Nordens flohen. Diejenigen unter ihnen, die blieben, vermischten sich mit der einheimischen Bevölkerung, wo man vermutete, dass sie darauf warteten, eine Guerilla-Gegenoffensive zu starten.

Auf der Straße nach Gao wirkte alles ganz ruhig, während die Franzosen ihre Rolle als Befreier genossen. Es war alles so einfach gewesen—vielleicht zu einfach—und die französischen Offiziere im Konvoi wiegelten meine Fragen über einen möglichen drohenden Aufstand ab. „Wir sind hier nicht in Afghanistan“, sagte ein Hauptmann. „Die Menschen hier lieben uns. Sehen Sie nicht, wie sie uns zuwinken, wenn wir vorbeifahren?“

Kurz nach diesem Gespräch hielt der Konvoi abrupt an, und an diesem Abend fuhren wir nicht mehr weiter. Französische Späher hatten vor uns auf der Straße zwei frisch verlegte Sprengsätze entdeckt, eine Taktik der Rebellen, die den westlichen Soldaten noch aus langen und blutigen Kämpfen gegen unsichtbare Gegner im Nahen Osten bekannt war.

Die Sprengsätze mussten bei Tageslicht entschärft werden. Also verbrachten wir die Nacht auf einer französischen Militärbasis und wurden vom Surren gepanzerter Fahrzeuge in einer Festung aus Lehmziegeln in den Schlaf gelullt. Es kam mir vor, als wäre Mali immer noch eine französische Kolonie. Als wir unser Lager unter dem Sternenhimmel aufschlugen, kam ein junger Kavallerieoffizier der Fremdenlegion zu unserem Lagerfeuer, um sich mit uns zu unterhalten. Er war zufrieden: Seine Männer hatten gerade einen Aufständischen in der nahe gelegenen Wüste aufgegriffen, zusammengeschnürt auf die Ladefläche des Geländewagens geworfen wie ein gefesseltes Schaf und in die Festung gefahren. „Diese Dschihadisten sind Feiglinge“, sagte er. „Wenn wir sie fangen, schreien sie wie die Hühner. Das sind keine Krieger, so wie die Taliban. Wenn wir einen von ihnen fangen, halten meine Männer ihn fest und ich pinkele auf ihn drauf.“


Französische Soldaten verlassen ihre gepanzerten Fahrzeuge und bereiten die Stürmung des Marktplatzes von Gao vor.

Einige Tage später kamen wir in Gao an. Obwohl die Dschihadisten aus der Stadt vertrieben worden waren, waren die Überreste ihrer strengen Herrschaft noch allgegenwärtig. Schwarze Plakatwände mit der al-Qaida-Flagge begrüßten unseren Convoi am Stadttor: „Willkommen im islamischen Staat Gao“ stand da in geschwungener, weißer Schrift auf Französisch. Der Emir von Gao und geistige Führer der MUJAO, Abdelhakim al-Sahrawi, war ein großer Freund von Plakaten. „Tragt den Hidschab“, forderten sie an jedem Kreisverkehr, „Gehorcht der Scharia, bekämpft die Ungläubigen“. Anders als in Timbuktu hatte es hier nie viele Musiker gegeben, doch die Dschihadisten verhängten trotzdem ein Verbot gegen ihre Melodien und Harmonien.

Am nächsten Tag nahm mich eine Gruppe von Einheimischen mit zum Platz der Scharia, einem staubigen Paradeplatz, der als Gaos Hauptplatz fungiert. Ich sollte mir die Haufen von grauschwarzer Asche ansehen, die den Sand sprenkelten. Hier hatten die Islamisten die CDs, SIM-Karten, Fernseher und alle Zigaretten der Stadtbewohner verbrannt, wie mir ein paar Schaulustige erzählten. Einige von ihnen nahmen mich mit zu einer Betonsäule, die von Macheten-Hieben zerhackt und mit Blut beschmiert war. „Und hier haben sie den Menschen die Hände abgehackt“, erklärten mir die Männer. „Wir haben das mit unseren eigenen Augen gesehen.“ Sie holten einen kleinen Jungen, der sich in die Hocke setzen und seine Arme hinter die Säule ausstrecken musste, und ahmten mit ihren Händen und Armen nach, wie die Verstümmelungen abgelaufen waren. Erst die rechte Hand und dann die linke. Ich fragte die Männer, wie sie sich fühlten, als sie das mit ansehen mussten. Da zuckten sie die Schultern. „Das waren keine anständigen Kinder“, sagte einer von ihnen. „Sie waren Diebe. Allesamt missraten.“

Es überraschte mich nicht, dass ein paar von den Bürgern die Islamisten mit offenen Armen empfangen hatten. Die MNLA war ein schlechter Sieger gewesen, hatte die Bars der Stadt leer getrunken, Frauen und Kinder vergewaltigt und Geschäfte und Häuser geplündert. Als die Bürger von Gao im letzten Juni auf die Straße gingen, um gegen die Tuareg und ihre Vorherrschaft zu protestieren, gab die MNLA Schüsse mitten in die Menge der Demonstranten ab. Am gleichen Tag putschten die Dschihadisten gegen ihre weltlichen Verbündeten und nahmen die Stadt innerhalb weniger Stunden ein. Sie stellten die Ordnung wieder her—aber eine Ordnung ohne Kompromisse. Wenigstens waren sie besser als die MNLA, sagten mir die Leute auf der Straße. Es gab weder Vergewaltigungen noch Diebstähle, und die Geschäfte liefen gut. Und wenn man fürs Rauchen ausgepeitscht wurde—na und? Zigaretten sind ohnehin schlecht für die Gesundheit.

Auf ihre eigene brutale Weise versuchte die MUJAO in ihrem Amputationswahn, so menschlich wie möglich zu sein. „Wir sind nicht grausam“, hatte Abdelhakim, der Führer der MUJAO, dem einzigen Chirurgen der Stadt, Dr. Abdelaziz Maiga, während eines unangenehmen Treffens in seinem Krankenhausbüro gesagt. Ich habe den Arzt dort später interviewt. „Wir wollen niemanden töten, Allah behüte“, hatte Abdelhakim dem Doktor gesagt. „Aber wir müssen Allahs Gesetz befolgen.“ Also schlug er eine Lösung vor: Könnte der Doktor ihnen nicht die Hände abschneiden, nachdem er sie betäubt hatte? Das wäre doch viel hygienischer und sauberer. Abdel Aziz dachte darüber nach, lehnte aber höflich ab. „Wie Sie wollen“, sagte Abdelhakim achselzuckend, als er von seinem Stuhl aufstand und das Büro verließ. Ein paar Tage später rief er Abdelaziz aus einem nahe gelegenen Dorf an und verkündete stolz. „Es ist schon in Ordnung“, sagte er. „Wir brauchen Sie nicht mehr. Wir haben eine andere Lösung gefunden. Sobald wir Ihnen die Hände abgehackt haben, tauchen wir die Stümpfe in kochendes Öl, um die Wunden auszubrennen. Das funktioniert wirklich gut. Wir haben es schon an drei Dieben ausprobiert.“

Am nächsten Tag brachte mich eine Gruppe von einheimischen Milizionären, die der malischen Regierung treu ergeben sind, die Gao-Patrouille, zu einem Kindergarten, der voller Munition war, die sie in einem geheimen Unterschlupf der Terroristen gefunden hatte. Während draußen die Kinder auf der Schaukel spielten, öffnete die Patrouille verstaubte Kisten mit russischen Raketen, die ich mir ankucken sollte. „Die haben wir erst heute Morgen in einem Terroristenversteck hier ganz in der Nähe gefunden“, sagte ihr Anführer. „Jeden Tag finden wir etwas Neues: Gewehre, Munition oder Sprengstoff.“

Ganz offensichtlich hatten die Dschihadisten Waffenvorräte zur Verteidigung von Gao versteckt—oder für die Rückeroberung der Stadt von den Franzosen. Um dies zu verhindern, hat das malische Militär zusammen mit seinen nigerianischen Verbündeten einen Ring aus Stahl um die Stadt errichtet, mit Kontrollpunkten an jedem Eingang, um die Einheimischen und ihre Autos zu durchsuchen und ihre Papiere zu überprüfen. So würde es unmöglich für die Aufständischen sein, Waffen nach Gao zu schmuggeln, um einen Aufstand zu proben. Aber die Massen an Waffen, die wir fanden, bewiesen, dass sie das gar nicht nötig hatten. Die von hohen Mauern umgebenen Gelände und verlassenen Villen von Gao waren—so musste das Militär feststellen—randvoll mit Waffen angefüllt, die nur darauf warteten, von Eindringlingen oder Einheimischen benutzt zu werden, um die französischen Besatzer zu verjagen.


Französische Soldaten ziehen sich vom Markt-platz zurück, kurz bevor Hubschrauber die letzten überlebenden Dschihadisten mit Geschütz-feuer nieder-mähen.

Nach einer Woche verließ ich Gao wieder, um im sicheren Bamako, der Landeshauptstadt auf der anderen Seite der Nation, die bisher noch vom Krieg verschont geblieben war, einen Film zu schneiden. Und ausgerechnet an dem Tag, als ich in Bamako eintraf, griffen die Rebellen Gao mit aller Macht an. Die Handvoll Journalisten, die noch in der Stadt geblieben war, berichteten, dass schwarz gekleidete Mudschahedin das Stadtzentrum angegriffen, die Polizeistation besetzt und von den Dächern aus auf die malischen Soldaten auf der Straße geschossen hätten. Französische Hubschrauber kreisten in der Luft und schossen Raketen auf die von den Rebellen in Schach gehaltene Polizeistation ab, bis die Kämpfe erstarben. Ein paar Stunden, nachdem sie begonnen hatten, zogen sich die Dschihadisten wieder aufs Land zurück.

Eine Woche später machte ich mich wieder mit einem neuen französischen Konvoi auf den Weg nach Gao, diesmal mit einer bis an die Zähne bewaffneten Infanterie von gepanzerten Fahrzeugen—ein Zeichen dafür, dass ihre Generäle mit Problemen rechneten. Von ihrer riesigen Luftwaffenbasis außerhalb von Gao aus, der zentralen Schaltstelle des französischen Mali-Einsatzes, übten die Franzosen Kontrolle über die Stadt und die umliegende Umgebung aus. Sie hatten die einsame Straße Richtung Süden abgesperrt bzw. den Abschnitt, den sie zu dem Zeitpunkt immer befuhren. Doch der Angriff bewies, was die französischen Offiziere von Anfang an befürchtet hatten: Die ländliche Gegend und menschenleere Wüste, die Gao umgeben, und das restliche nördliche Mali waren noch immer von Aufständischen besetzt. Die Einheimischen kennen das Land gut, erklärte ein französischer Feldwebel auf der Rückreise. Nachts schleichen sie sich heraus und legen neue Sprengsätze auf der Straße aus. Tagsüber studieren sie die Bewegungen der französischen Konvois und wägen deren Stärken und Schwächen ab.

„Hier ist es wie in Afghanistan“, sagte der Feldwebel und zeigte müde mit seiner Zigarette auf die Wüste. „Der einzige Unterschied ist, dass es hier weniger Berge gibt.“ Ein malischer Journalist, der mit den Rebellen in Kontakt gestanden hatte, sagte etwas Ähnliches, allerdings in einer etwas unheilvolleren Formulierung: „Wenn ihr, die Franzosen, die Journalisten, durch Gao und die Dörfer fahrt, seht ihr die MUJAO nicht. Aber die MUJAO sieht euch“, sagte er lächelnd. „Die MUJAO sieht euch. Tu comprends?“

Da sich die Franzosen im Flughafen von Gaillot verschanzt hatten, fiel die Verantwortung für die Zerstörung der MUJAO-Schläferzellen der malischen Armee zu. Das war theoretisch eine gute Idee: Dadurch, dass man dem Krieg ein malisches Gesicht gab, würden die bunt zusammengewürfelten einheimischen Militärkräfte die nötige Erfahrung im Kampf gegen die Rebellen bekommen, die sie brauchten, wenn—oder falls—die Franzosen sich schließlich zurückziehen würden, und man sorgte gleichzeitig dafür, dass der militärische Einsatz nicht so sehr an den Irakkrieg erinnerte. In der Praxis funktionierte das Konzept nicht so gut. Die malischen Militärkräfte stammten fast alle aus den Volksstämmen des tiefen Südens, die Zauberamulette und Juju-Fetische im Gepäck hatten und deren Kenntnis der Bevölkerung von Gao und ihrer Stadtpolitik beinahe gleich null war. Als ich in die Stadt zurückkehrte, stellte ich fest, dass sich ihr Bemühen, für Sicherheit zu sorgen, darauf beschränkte, verdächtige Tuareg zu verhaften, die nicht genügend Abstand zu Militäreinrichtungen oder dem einzigen sich noch im Betrieb befindlichen Hotel gehalten hatten.

„Unter der MUJAO gab es wenigstens nicht diese vielen Kontrollpunkte und Durchsuchungen“, sagte mir ein Kaufmann im Schatten seiner Markise. Trotz des Angriffs in der letzten Woche schien alles wieder seinen normalen Gang zu gehen. „Natürlich haben sie nach Waffen gesucht, aber sie haben nicht deine Papiere überprüft oder dich stundenlang ohne Grund festgehalten. Und die Geschäfte liefen auch gut.“ Ich sagte, dass das gar nicht so schlecht klänge. „Das war es auch nicht. Was soll ich sagen, die MUJAO war eigentlich in Ordnung.“

Ein paar Tage später interviewte ich ein Opfer der Straftatamputation auf dem Platz der Scharia und versuchte herauszufinden, warum man ihn verstümmelt hatte. Er stotterte und wand sich, machte widersprüchliche Aussagen und gab fragwürdige und zu Tränen rührende Geschichten zum Besten, um die Tatsache zu verschleiern, dass er ein kleiner Krimineller war, den man beim Ausrauben eines Geschäfts erwischt hatte. Mitten in seiner Geschichte kam ein gut angezogener Geschäftsmann vorbei und fing an, meinen Interviewpartner aufs Schlimmste zu beschimpfen. „Du Scheißkerl, du verdammter Dieb“, schrie er. „Wenn du kein verdammter Dieb wärst, hätten sie dir auch nicht die Hand abgeschnitten. Das passiert mit Dieben wie dir! Und glaub ja nicht, dass ich Mitleid mit dir habe, bloß weil du nur noch eine Hand hast, du dreckiger Hurensohn.“


Französische Soldaten beziehen Stellung auf dem zentralen Platz Gaos, dem Platz der Scharia und ehemaligen Ort der Strafamputationen durch die MUJAO.

In der folgenden Woche arbeitete ich mit der malischen Nachbarschafts-Patrouille zusammen, machte Bombenwerkstätten in verlassenen Häusern im Stadtzentrum ausfindig und fotografierte sie. Die tägliche Ausbeute war erschreckend: versiegelte Pakete mit Schießpulver russischer Herkunft und riesige Sprengkörper, die aus Gaszylinder hergestellt worden und mit militärtauglichem Sprengstoff gefüllt waren, von denen jeder einzelne ein leicht gepanzertes französisches Kriegsfahrzeug hätte in die Luft schleudern können. Beunruhigender aber war die Tatsache, dass die Malier, denen die Standorte dieser Waffenverstecke mitgeteilt worden waren, es versäumten, die französische Armee zu informieren, und als die Franzosen dann schließlich gewarnt wurden, hatten sie nicht die nötigen Fachleute, um die Bomben zu entschärfen. Denn die französischen Bombenspezialisten befanden sich alle in den Bergen im hohen Norden und versuchten, den letzten malischen Stützpunkt der AQIM auszuheben. Deshalb hatten die Soldaten in Gao keine Möglichkeit, die Sprengsätze zu entschärfen.

Ein paar Tage später gegen Mitternacht weckte mich der dumpfe Knall einer Explosion in der Nähe von meinem Hotel. Ein paar Kilometer von Gao entfernt, am Ufer des langsam fließenden Niger, liegen die Dörfer Kadji und Bourem, beide islamistische Stützpunkte, die noch von der französischen Armee eingenommen werden mussten. Im Schutze der Dunkelheit fuhr ein Dschihadisten-Elitekommando in traditionellen Fischerpirogen lautlos von Kadji aus den Fluss entlang, um die Kontrollpunkte an den über Land zugänglichen Eingängen von Gao zu umgehen. So konnten sie unentdeckt ins Stadtzentrum schleichen, und Selbstmordattentäter bahnten ihnen den Weg in die Hauptgebäude der Stadt, die Stadthalle und das Gerichtsgebäude. Ihre überlebenden Kameraden preschten dann vor und verschanzten sich in Vorbereitung auf einen harten Kampf. Die Malier sperrten das Stadtzentrum ab und warteten auf den Morgen und den Beginn der Kämpfe. Als hätten sie bereits geahnt, dass dies die schlimmsten Gefechte sein würden, die Gao bisher erlebt hatte.

Nach einer unruhigen Nacht und einem hastigen Frühstück, bestehend aus Nescafé und Zigaretten, sprang ich in einen malischen Kleintransporter voller ängstlicher Soldaten und fuhr in Richtung Stadtzentrum, von wo bereits Kanonenfeuer zu hören war. Es war eine chaotische Situation: Die Malier wussten zwar, dass die Streitkräfte der MUJAO wieder in der Stadt waren, aber sie hatten keine Ahnung, wo sie sich versteckt hielten oder wie viele sie erwarteten. Kugeln von versteckten Scharfschützen flogen uns aus allen Richtungen um die Ohren, und schließlich setzte der Befehlshaber ein altes gepanzertes Fahrzeug ein, um damit die Tore des Gerichtsgebäudes zu durchbrechen, während Soldaten und Gendarmen Schutz suchend hinter ihm her liefen. Als die Eisentore dem Aufprall nachgaben, beschoss man den Gerichtshof mit Maschinengewehren, um eine Reaktion zu provozieren. Und das funktionierte, denn kurz darauf standen wir unter Beschuss und mussten in Deckung gehen.

Der Befehlshaber schickte eine Einheit in das Postgebäude, das gegenüber dem Gerichtsgebäude lag, um es von möglichen Scharfschützen zu befreien und gegenüber den Dschihadisten Position zu beziehen. Ich begleitete fünf Soldaten in das Gebäude. Während sie die Treppen hochstiegen, lief ihnen der Schweiß die angespannten Gesichter herunter. Sie schossen die Türen auf und bedachten jeden Raum mit mehreren Gewehrsalven, um schließlich—mit einer Mischung aus Erleichterung und Enttäuschung—festzustellen, dass das Gebäude leer war. „Oben auf dem Dach“, sagte einer der Soldaten. Wir rannten die nächste Treppe hoch, liefen aufs flache Dach und winkten den malischen Soldaten auf der Straße unter uns zu, um ihnen zu bedeuten, dass wir zu ihnen gehörten. Aber das verstanden sie zunächst nicht und schossen eine Maschinengewehrsalve auf uns ab.

Wir krochen auf dem Dach in Position und die Malier begannen, unkontrollierte und ungezielte Kalaschnikowschüsse in die grobe Richtung abzugeben, in der sie die Dschihadisten vermuteten, die—mit Unterbrechungen—immer wieder auf uns schossen, in der Hoffnung, die Zahl der Rebellen vor der eigentlichen Attacke zu reduzieren. Etwa eine halbe Stunde lang beschossen die malischen Soldaten das Gerichtsgebäude mit Raketengranaten und Geschützfeuer, wobei ihre Feuerkraft mehr durch Eifer gekennzeichnet war als durch Genauigkeit. Die Dschihadisten dagegen reagierten mit sorgfältig platzierten Schüssen. Obwohl sie in der Unterzahl und schlechter bewaffnet waren, legten sie doch wesentlich mehr Disziplin an den Tag als die malischen Alliierten der Franzosen.

Dann kam ein übergewichtiger Korporal zu uns aufs Dach und übernahm das Kommando; sein Hintern hing fast aus der Hose heraus. Anscheinend verfügen die Malier nicht über Funkgeräte. Stattdessen unterhielt sich der Korporal freundlich mit seinem Vorgesetzten auf dem Handy, während er mit seiner freien Hand die Kalaschnikow auf das Gerichtsgebäude abfeuerte. Nach einer kurzen Zigarettenpause, die durch das anhaltende Rattern der Gefechte und das fröhliche Kreischen der malischen Maschinengewehreinheit untermalt wurde—die es scheinbar gar nicht hatte erwarten können, in Kämpfe verwickelt zu werden—stolperten wir die Treppe wieder hinunter auf die Straße, um uns dem Gerichtsgebäude zu nähern. Der Korporal hatte einen Plan und sein Vorgesetzter würde ihm zuhören müssen, ob er wollte oder nicht. „Wo ist der Befehlshaber?“, schrie der Korporal, dem vor lauter Adrenalin und Frustration die Tränen über die Wangen liefen. „Wo zum Teufel ist er hin?“ Als er ihn endlich fand, packte der Korporal seinen Vorgesetzten am Arm und schrie ihm ins Ohr, dass sie die Einfriedungsmauern des Gerichtsgebäudes mit den gepanzerten Fahrzeugen herunterreißen müssten, bevor sie das Gebäude stürmten. „Da muss ich erst die Erlaubnis einholen“, sagte der Befehlshaber entschuldigend, und der Korporal reagierte darauf mit einem gequälten Stöhnen und einer Flut von Flüchen. Doch die Erlaubnis, weiter vorzustoßen, erübrigte sich kurz darauf, als eine Kugel der Dschihadisten den Befehlshaber ins Bein traf. Während er schreiend im Staub lag, befahl der Korporal den anderen, mit allem, was sie hatten, zurückzuschießen.


Ein Dschiha­dist, der noch ein Kind war, getötet von einem französischen Soldaten.

Ich lief zu der niedrigen Mauer, welche die Straße—in der die malischen Soldaten Stellung bezogen hatten—von den Dschihadisten im Garten des Gerichtsgebäudes trennte. Ein Dutzend Männer entleerten ihre Magazine abwechselnd und immer wieder über diese Mauer. Zwar trafen sie nichts, aber es sah gut aus und sie hatten ihren Spaß. Als ein gepanzertes Fahrzeug auf die Dschihadisten zufuhr, rannten wir 50 Meter die Straße hoch, um unsere Gewehre neu zu laden und auf den Durchbruch zu warten. Die Kugeln der Dschihadisten flogen über unsere Köpfe hinweg, als die Malier erneut auf alles schossen, was sich bewegte, und dabei zum Teil völlig exponiert auf der Straße standen.

Das gepanzerte Fahrzeug riss die Mauer herunter und zog sich zurück, während die Maschinengewehrkugeln an seiner dünnen Panzerwand abprallten. Plötzlich wurde der Feuerhagel eingestellt, zumindest von unserer Seite aus: Den Dschihadisten gelang es weiterhin, die malischen Soldaten in Schach zu halten, während diese sich gegenseitig Zigaretten zuwarfen, ihre Taschen nach Ersatzmunition durchsuchten und darum stritten, was sie als Nächstes tun sollten. Der unausgereifte Plan bestand darin, das Gerichtsgebäude zu stürmen. Aber nachdem sie der Kugelhagel der Dschihadisten entmutigt hatte, ließen sie diesen Plan bald wieder fallen. Nachdem die Gefechte vier Stunden angehalten hatten, ging der malischen Armee die Munition aus. Sie hatten nichts erreicht. Jetzt mussten die Franzosen kommen, um sie zu retten.

Gepanzerte Kampffahrzeuge der 92. Infanterie rollten auf unsere Position zu und demonstrierten eindrucksvoll die französische Feuerkraft. Wir gingen hinter ihnen in Deckung und liefen Schritt für Schritt die Straße entlang auf die hintere Mauer des Gerichtsgebäudes zu, die an den einst malerischen Marktplatz von Gao grenzt. Die Fahrzeuge öffneten ihre hinteren Türen mit einem lang anhaltenden Piepton und die französischen Infanteristen sprangen aus ihren klimatisierten Stahlbäuchen und streckten die Islamisten mit kurzen Gewehrsalven, Kanonenfeuer und Raketen nieder, während die Malier hinter einer kleinen Mauer saßen und entspannt das Geschehen verfolgten.

Ich war mit ihnen nach Gao gekommen—kräftige Jungs vom Land aus Südwestfrankreich, die immer nur vom Essen sprachen und in den Ecken der gepanzerten Fahrzeuge Rugbybälle versteckten. Jetzt folgte ich ihnen durch die überfüllten Straßen des Marktplatzes, wo sie das zu Ende bringen wollten, was die Malier nicht geschafft hatten. Sie spähten um die Kolonnaden herum, schossen in die offenen Fenster über unseren Köpfen und schlichen durch den verlassenen Markt. Ein kräftiger polynesischer Korporal sah durch den Infrarotsucher seines Gewehrs und überprüfte die Gassen, während ich ihm über die Schulter sah. Da sprang ein Dschihadist etwa zehn Meter von uns entfernt aus einem Marktstand heraus und zielte mit seiner Waffe auf uns. Der Korporal streckte ihn mit einem einzigen Schuss nieder. Zehn Minuten lang sahen wir zu, wie das Opfer des Korporals im Staub und in der sengenden Sonne langsam krepierte—während andere französische Schützeneinheiten das Stadtzentrum von den letzten überlebenden Dschihadisten befreiten—bevor ihn ein Gnadenschuss tötete. Der tote Dschihadist war noch ein Kind, vielleicht 15 Jahre alt; ihm wuchs noch nicht mal ein Bart. Aber es hieß: er oder wir. Er kannte das Risiko. Vielleicht wollte er ja einen Märtyrertod sterben. Den hat er jedenfalls bekommen.


Das Bein eines Selbstmord­attentäters, das von einem Hund auf die Straße geschleift wurde

Am nächsten Tag, als die Dschihadisten erneut besiegt worden waren und die französischen und malischen Soldaten und Polizeikräfte ausschwärmten, um die Toten zu zählen, machte ich mich alleine auf den Weg, um nach dem Leichnam des Jungen zu suchen, den ich am Tag zuvor hatte sterben sehen. Ich fand ihn dort, wo wir ihn zurückgelassen hatten: in den Ruinen des Marktplatzes. Sein Gesicht war jung und unschuldig. Seine offenen, verstaubten Lippen waren von dunklem Blut verkrustet. Von einem nahe gelegenen Baum ertönte friedliches Vogelgezwitscher und die Blätter raschelten sanft im Wind. Schillernde Fliegen glitzerten wie grün goldene Juwelen, während sie über sein Gesicht krabbelten.

Ich setzte mich neben ihn auf den Boden und starrte ihn lange Zeit an. Wie lange, weiß ich nicht. Schließlich kam der Polizeichef mit seinem bewaffneten Gefolge an mir vorbei. Ein hoch gewachsener Mann in einem Chelsea-Fußball-Trainingsanzug machte mit einer billigen Kamera ein Foto von dem Jungen und sagte: „Das wären drei auf dem Marktplatz und dreizehn insgesamt.“ Der Polizeichef brummte nichtssagend vor sich hin. „Da hinten liegen noch mehr Leichen“, sagte ein Offizier zu mir. „Nein, danke“, sagte ich. „Ich glaube, ich habe genug.“ Ein Dutzend Dschihadisten, einige von ihnen noch Kinder, hatten Hunderte von malischen Soldaten einen ganzen Tag lang in Schach gehalten, bis die Franzosen gezwungen gewesen waren einzugreifen. Das Stadtzentrum war eine schwelende Ruine. Trotz des Geredes der Politiker in Paris, die sagten, dass der Kampfeinsatz in Mali bald beendet sein würde, hielt ich es für sehr unwahrscheinlich, dass die Franzosen in nächster Zukunft nach Hause fahren würden.

Ground Zero: Mali, unsere Dokumentation über Mali, Dschihadisten und französischen Soldaten am Nullpunkt läuft auf VICE.com.

Text und Fotos von Aris Roussinos
Illustration von Jordan Rein

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