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Popkultur

Ohne Smartphone lebt es sich besser

Ich glaube an die Macht der Technik, mein Kulturverständnis ist vom Internet geprägt, doch indem ich mich dem iPhone-Boom verweigere, habe ich das Gefühl, mich dem Bullshit der Anderen entziehen zu können.
12.2.16

Foto: Carrrrrlos | Flickr | CC BY-ND 2.0

Es fühlt sich abgedroschen an, überhaupt zu fragen, aber hat es seit der Erfindung des Fernsehers ein technisches Gerät gegeben, das unser Leben so schnell und ausgiebig verändert hat wie das iPhone? In der Theorie wirkten Steve Jobs' „drei Revolutionen in einem" mehr wie eine Verbesserung diverser anderen Produkten: einen Schritt besser als ein Blackberry, ein Mini-Laptop, die sexy Apple-Version eines WAP-fähigen Nokia. Doch in der Praxis ist das iPhone zum wichtigsten Gerät unserer Zeit geworden, eines, das noch schneller und härter eingeschlagen ist als das Internet—denn das hat ein gutes Jahrzehnt gebraucht, bevor es mehr als ein Pornovideo und die IMDb auf einem beigen Kleinwagen in deiner Wohnzimmerecke war.

Das iPhone hat nicht nur die Art und Weise geändert, wie wir miteinander kommunizieren, was Jobs beim ursprünglichen Launch 2007 als seine Absicht erklärte, sondern es hat auch unser Verhalten, unsere Denkweisen und unsere Sicht der Welt verändert. Innerhalb von weniger als zehn Jahren sind iPhones und Smartphones immer mehr zu unseren Portalen zur Außenwelt geworden: Arbeit, Spaß, Sex und Kultur. Um etwas davon zu konsumieren, musst du durch ein iPhone durch. Im Jahr 2016 leben bedeutet, dass du eins haben musst. Leute mit Blackberrys sind die neuen Leute mit Myspace-Profilen oder Liegefahrrädern. iPhones sind wie das Modell T von Ford: der Standard, der alles andere dominiert.

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Aber ich habe keins. Und das ist eine Entscheidung, über die ich jeden Tag meines Lebens froh bin. Es fing mit einer unglücklichen Begegnung vor etwa zwei Jahren an (sie waren zu zweit, ich war nur einer, kein Freizeit-Superheld in Sicht, und ein leicht zu verhökerndes 250-Euro-Gerät in meiner Hand) und ich bin mir ziemlich sicher, dass es auch dabei bleiben wird. Es fing nicht mit ideologischen Überlegungen an, sondern eher mit Faulheit und Angst vor Bürokratie: Ich hätte in einen Laden gehen müssen, um das Ganze zu organisieren. Dann hätte ich den entwürdigenden Vorgang durchmachen müssen, diverse Upgrades und Steuern entschieden abzulehnen und stattdessen einfach das zu verlangen, was ich vorher schon hatte, wobei man mich behandeln würde wie den Typen, der sich im chinesischen Restaurant Pommes bestellt. Also habe ich es aufgeschoben, und aus „Das mache ich morgen" wurde „Das mache ich nächste Woche", und dann wurde „nächste Woche" einfach zu „niemals".

Ich hatte das Gefühl, dem System ein Schnippchen geschlagen zu haben. Indem ich mich weigerte, mir ein Smartphone zuzulegen, hatte ich mich dem Bullshit der Menschen entzogen.

Zuerst war es schwierig und nervig und es passierte mir ziemlich häufig, dass ich versetzt, ausgeschlossen oder einfach völlig vergessen wurde. Doch bald bemerkte ich, wie sich meine Sicht der Dinge veränderte. Ich wachte nicht länger auf und sah gleich die Probleme einer anderen Person, die an meiner Psyche nagten. Ich lernte wieder, Tag von Nacht, Arbeit von Freizeit sowie Wichtiges von Trivialem zu unterscheiden. Es gab kein „Hey Leute, wir müssen diesen One-Pager heute echt noch hinkriegen" mehr. Es gab keine Bitten mehr, dass ich dies und jenes sofort machen solle. Die Leute fingen an, sich zu bemühen, mir entgegenzukommen, und im Gegenzug fing ich an, nach der eigentlichen Zeit zu leben anstatt meiner ganz persönlichen Zeitrechnung zu folgen. Ich fing an, aus Busfenstern zu sehen, zu lesen und mehr zu beobachten. Ich hörte auf, so viel über mich selbst nachzudenken.

Ich hatte das Gefühl, dem System ein Schnippchen geschlagen zu haben. Indem ich mich weigerte, mir ein Smartphone zuzulegen, indem ich nicht länger auf Abruf allen zur Verfügung stand, hatte ich mich dem Bullshit der Menschen entzogen. Manchmal sehe ich, wie Leute zu unchristlichen Zeiten E-Mails austauschen und kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ich gerade Zeuge eines seltsamen Brauchs bin, den ich nie verstehen werde. Wie ein komisches religiöses Fest in einem Dorf, das ich bei der Durchreise sehe. Es fühlt sich einfach nicht mehr an, als wäre das meine Scheiße, die ich da vor mir habe.

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Damit wir uns verstehen: Ich bin kein Technophobiker, Zeitreisender oder sonst jemand, der sich als „retro" versteht. Meine Arbeit und mein Verständnis der Kultur sind so gut wie vollständig im Internet verwurzelt. Wie die meisten meiner Generation mag ich Sneaker, Techno, Twitter und illegale Streams. Ich glaube fest an die Macht der Technik.

Und für lange Zeit fiel es mir schwer, diesen Widerspruch zu erklären: Wie konnte ich den Großteil meiner Zeit im Internet-Kapitalismus vertieft an einem Laptop verbringen und gleichzeitig aus Prinzip kein iPhone haben? Es erschien mir absurd, heuchlerisch und hochgradig prätentiös. Doch instinktiv wusste ich, dass ich einfach keins wollte und dass mein Leben sich sofort zum Besseren verändert hatte, seit ich keins mehr hatte.

Dann kam das Noyzelab-Interview mit Aphex Twin raus, das inzwischen gelöscht worden ist. Darin gab es einen Absatz, in dem der Interviewer erklärte, Richard D. James besäße trotz seiner riesigen Technik-Sammlung und trotz seiner Faszination und seinem Fachwissen bezüglich Synthesizern, Computern und allem Möglichen an Hard- und Software kein Handy. „Sie machen das Leben der Menschen einfach nicht besser", sagte er.

Sieh dich um, und du wirst feststellen, dass die Leute auf schreckliche und erbärmliche Art völlig besessen von den Dingern sind.

Damit konnte ich etwas anfangen. Ich recherchierte weitere Leute, die kein Smartphone hatten. Kanye behauptet, drei Jahre lang keins gehabt zu haben (auch wenn eine Google-Bildersuche einen anderen Eindruck vermittelt), Werner Herzog benutzt auch kaum eins, und der Autor Mark Fisher hat sie als „individualisierte Kommandozentralen" bezeichnet. Und vielleicht hat es ja auch mehr Gewicht, dass es eine ganze Reihe besorgniserregender Studien und Statistiken gibt, in denen die Auswirkungen dieser Technologie auf unser Leben deutlich werden. Eine neuere Studie ist zu dem Ergebnis gekommen, dass 58 Prozent aller Briten sich unglücklich oder gestresst fühlen, wenn sie auf ihr Handy sehen. Forscher der Uni Bonn sind in einer groß angelegten Studie zur Smartphone-Nutzung zum Ergebnis gekommen, dass die vorherrschende Handy-Kultur „abhängig, unproduktiv und unglücklich" macht.

Diese Handys haben massive Auswirkungen auf unsere Konzentrationsfähigkeit. Sieh dich mal um, wenn der Zug Verspätung hat, oder wenn du überhaupt unterwegs bist, oder wenn du in einer Bar sitzt: Du wirst sehen, dass die Leute auf schreckliche und erbärmliche Art völlig besessen von den Dingern sind. Sie starren auf die Bildschirme und suchen nach Antworten, erhalten aber keine. Manche halten es sogar für in Ordnung, während eines Gesprächs kein einziges Mal vom Handy aufzusehen. Wir verlassen uns in jeder Lebenslage so sehr auf sie, bis hin zu dem Punkt, an dem wir nicht mehr lernen, uns zu orientieren; bis wir nicht mehr wissen müssen, wie man mit Leuten redet; bis wir einfach nicht mehr ohne leben können.

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Das alte Klischee von den Menschen, die eigentlich den Computern dienen und nicht umgekehrt, ist nie so ganz Wirklichkeit geworden. Niemand ist tatsächlich so sehr in seinen oder ihren Laptop verliebt. Das sind einfach nur die Dinger, an denen wir arbeiten und halbwegs unterhaltsame Sitcoms anschauen. Aber iPhones sind anders. Sie sind Werkzeuge des Systems, die Finger am langen Arm des Kapitalismus, die sich in unser Leben strecken und uns auf die Schulter tippen, um uns daran zu erinnern, dass Arbeit auf uns wartet.

Denn trotz seinen Vorlieben für Gras, Tennisschuhe und Bob Dylan war Steve Jobs im Grunde ein Erzkapitalist, der wusste, dass ein Gerät, das nur zum Spielen taugt, die Welt niemals im Sturm erobern würde. Damit eine Erfindung wirklich unsere Kultur und unsere ganze Welt dominieren kann, muss sie auch zu einem Teil der Industrie werden—so wie der Verbrennungsmotor, das Flugzeug oder der Fernseher. Ansonsten wäre das Handy nur ein Tamagotchi mit Facebook drauf.

iPhones sind Geldmaschinen, die in einem komplett freien Markt existieren. Du kannst dein Geld darauf ausgeben und du kannst dein Geld darauf verdienen. Sogar die verspielten Aspekte eines iPhones können zu Geld gemacht werden. Du kannst kaufen, verkaufen, werben und investieren. Sie sind nicht Snake oder eine pixelige Tetris-Version. Sie sind eine Industrie, die genau wie auch wir selbst völlig abhängig ist von Jobs' totemartigen Rechteck.

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Versteh mich nicht falsch, man kann viele spannende Sachen mit einem iPhone machen, wie zum Beispiel ganze Filme drehen. Und in gewisser Weise bewundere ich, wie praktisch und leicht zu verwenden sie sind. Aber ich frage mich, was passieren würde, wenn wir sie irgendwann nicht mehr hätten. Ich mache mir Sorgen um das, was bereits mit unserer Sicht auf uns selbst passiert. Ich frage mich, ob der Junge, der eine Selfie-Sucht entwickelte, nicht lediglich den Anfang darstellt. Ich sorge mich um eine Kultur, in der Leute sich nicht einmal aufraffen können, etwas anzusehen, das länger ist als ein Vine, und um eine Epidemie der geistigen Krankheit unter Menschen, die zu sehr in sich selbst gefangen sind.

Es macht mich auch traurig, dass wir in einer Welt leben, die solch unglaubliche technische Wunder hervorgebracht hat, doch die meisten dieser Träume wurden vor meiner Zeit zur Realität, und die Träume, die ich für die technologische Zukunft hatte, bleiben unverwirklicht, während der Großteil der Tech-Industrie sich darum zu kümmern scheint, dass wir leichter an unsere Arbeits-Mails rankommen. Das fliegende Skateboard scheint jeden Tag weiter in die Zukunft zu rücken, doch die Vorstellung, dass dein Chef mit einem iPhone herausfinden kann, wo du warst und warum du mit diesem einen Bericht in Verzug geraten bist, scheint dafür viel näher.

Ich bin immer noch froh, kein iPhone zu haben, weil es mir erlaubt, mich aus einem Neo-Kapitalismus auszuklinken, mit dem ich nicht einverstanden bin, weil ich mich so einfach besser fühle und weil ich diese Handys auch einfach nicht so spannend finde. Bald kündige ich vielleicht sogar den Vertrag, den ich immer noch bezahle.