Sämtliche Bilder mit freundlicher Genehmigung vom Havelka Verlag
Hochhäuser kannten Zürcher lange Zeit vorwiegend von Fotos aus New York und aus Fritz Langs Metropolis. Bis die Stadt Zürich wegen einer Wohnungskrise während der 50er-Jahre, den 17.000 Quadratmeter grossen Baugrund der Firma Locher kaufte. Sie schrieb ein neuartiges Wohnungsbauprojekt aus und brachte dieses vors Volk, das dem Projekt mit satten 85 Prozent zustimmte.1966 war es dann soweit: Das Hochhaus war fertig gebaut. Trotz der 85 Prozent Zustimmung erhob sich aber Widerstand gegen dessen Höhe und Dichte. Die Schweizer mochten es schon immer lieber klein und Dichte macht ihnen ja auch heute noch Stress. Dass die Siedlung damals noch ausserhalb der Stadt stand, tat der Debatte keinen Abbruch.
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Das Lochergut wirkte wohl wie der Mahnfinger einer nahenden Zukunft, vor der viele auch heute noch Angst haben: Noch nie waren so viele Wohnungen auf so wenig Fläche gebaut worden—ein erstes bisschen Grossstadt in der Schweiz, ein erstes Symbol der futuristischen, urbanen Rauheit. Der zur Verfügung stehende Raum war knapp, möglichst funktional berechnet und wurde den unterschiedlichsten Menschen zum Lebensraum. Von der kulturellen Durchmischung über die Anordnung der Fenster bis zur Liftgrösse befand und befindet sich alles im Lochergut in einer andauernden Pilotphase und genau daher zieht es seinen besonderen Charme.

Pipilotti Rist, die einige Zeit ihres Lebens im Wohnkoloss verbracht hatte, meinte im Interview mit den Autorinnen, auf die Platzverhältnisse im Lochergut angesprochen:
Und für Max Frisch war der Bau ein Symbol für Hoffnung auf eine sich vielleicht doch einmal wandelnde Schweizer Mentalität:„Was mich noch fasziniert, ist diese Tür vom Balkon in das Treppenhaus, die scheinbar der Fluchtweg sein solle. Ich habe es aber nie ausprobiert. So eine Art Klappe—das wollte ich eigentlich immer einmal herausfinden. Das Treppenhaus wird ja überhaupt nicht gebraucht, es fahren alle Lift. Über die Liftgrösse habt ihr auch schon gehört, wieso er so und so gross ist? Nein? Damit genau ein Sarg reinpasst."
"Mit Freude steht der Heimkehrende vor den ersten zürcherischen Hochhäusern; auch wenn man nicht sagen kann, dass sie ragen, so zeigen sie doch bereits, wie viel Himmel es noch gäbe auch über der Schweiz, wenn wir uns nicht ducken würden."
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Heute ist der Komplex ein nicht mehr wegzudenkender Fels in der Stadtlandschaft. Um dem einmaligen Bau und seinen Bewohnern ein Denkmal zu setzen, laden die Autorinnen Evelyne Schneider, Raffaella Endrizzi und Verleger Nils Havelka am Sonntag, 28. Februar von 16.00 bis 19.00 Uhr in Lea's Waschsalon im Lochergut.In der Ausstellung „True Love Lochergut" begegnen dir Bewohner aus den letzten fünfzig Jahren, die, wie das Gebäude selbst, das Quartier und die Stadt geprägt haben und wiederum vom grossen „Affenfelsen" in Aussersihl geprägt wurden. Es werden künstlerische Arbeiten, Interviews und Porträts zum Lochergut und von den Bewohnern produzierte Moment-Aufnahmen präsentiert. Charaktere wie Pipilotti Rist, Max Frisch, Familie Jovicic und Guido Pally treffen aufeinander und begegnen den Gästen, mal als Text, mal als Bild und mal in Fleisch und Blut.Wir haben als Auszug aus der Ausstellung ein paar Bilder, die teils von den beteiligten Künstlern und teils von den Bewohnern des Locherguts mit Wegwerfkameras geschossen wurden:
