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​Diese Berliner bekämpfen Radioaktivität mit Energy Drinks

Die Nuklearkatastrophe in Fukushima Daiichi liegt 4 Jahre zurück, doch noch immer sickert kontaminiertes Wasser in den Ozean. Ein Interview mit den Leuten hinter Fukushima Water.

von Lisa Ludwig
12 März 2015, 9:47am

Ein Energy Drink mit original radioaktiv-versuchtem Wasser aus Fukushima, der gegenüber Red Bull ähnlich overpowered ist wie Godzilla gegen das japanische Militär? Was so absurd ist, dass es schon fast wieder wahr sein könnte, ist eine neue Social-Awareness-Kampagne der außergewöhnlichen Art. Abgerundet wird das ganze von einer Fake-Dokumentation, in der ein Investigativteam den geheimnisvollen Zutaten des Supergetränks auf die Schliche kommen will.

Gegründet von den beiden Berliner Kreativen Kenzi Benabdallah und Stefan Wittemann soll Fukushima Water an die Nuklearkatastrophe im Jahr 2011 erinnern, bei der es nach einem Erdbeben zu mehreren Un- und Störfällen im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi gekommen ist. Vier von sechs der Reaktorblöcke wurden im Zuge dessen zerstört, die Bevölkerung musste wegen der hohen Strahlenbelastung evakuiert werden und seither fließt radioaktiv verseuchtes Wasser von der japanischen Provinz aus direkt in den Pazifischen Ozean.

Wir haben bei den beiden Berlinern nachgefragt, wie sie auf die Idee gekommen sind und—natürlich—wie viele Leute da draußen wirklich geglaubt haben, dass sie mit Fukushima Water demnächst das langerwartete Wundermittel zur tagelangen Produktivität in Händen halten können.

VICE: Wieso Fukushima? Habt ihr irgendeine persönliche Verbindung zu den Vorfällen?
Wir würden nicht sagen, dass sich die Leute nicht mehr für Fukushima interessieren, aber das Thema steht einfach nicht mehr so im Fokus, weil so viel Anderes in der Welt passiert. Das wollen wir ändern. Auch wenn wir nicht persönlich involviert sind, hat uns alles, was in Fukushima Daiichi passiert ist, betroffen und besorgt gemacht. Das ist kein lokales Problem, sondern eine Umweltkatastrophe mit globaler Auswirkung. Deswegen sind wir alle betroffen.

Wie seid ihr überhaupt auf diese Idee gekommen?
Bevor wir die finale Idee hatten, gab es zwei wichtige Punkte, die uns die ganze Zeit im Kopf herumgeschwirrt sind. Erstens: Die Katastrophe ist echt schon ein bisschen her, die Folgen bestehen aber nach wie vor. Und Zweitens: Wir haben ziemlich viele Berichte gelesen, nach denen die Verantwortlichen öffentliche Statements geändert haben und so viele Dinge erst viel zu spät ans Licht kamen.

Wir wollten wieder mehr in den Fokus rücken, dass nach wie vor radioaktiv verseuchtes Wasser in den Pazifik läuft—genauer gesagt: Fukushima Water. Wir haben das Problem in ein Produkt verwandelt. Es sollte absurd sein, damit die Leute aufmerksam werden und darüber sprechen und wir wollten das Verhalten der Firma hinter dem Atomkraftwerk aufgreifen, indem wir das exakte Gegenteil tun—klare Fakten kommunizieren (auch wenn sie nicht echt sind) und die Leute bewusst informieren, anstatt zu vertuschen, was wirklich los ist.

Wie war die Rückmeldung bisher?
Bisher war die Rückmeldung größtenteils positiv. Die Leute sind sehr hilfsbereit und haben wirklich verstanden, was wir erreichen wollen und warum wir es genau so gemacht haben. Wie bei wahrscheinlich allem gibt es auch die, die es nicht verstehen und sich negativ geäußert haben. Aber egal, wir sind froh über jede Meinung und jeder soll sagen dürfen, was er denkt. Diese Kampagne soll auf gar keinen Fall den Anspruch haben, der Wahrheit letzter Schluss zu sein. Wir wollten nur eine öffentliche Diskussion ankurbeln.

Eure „Dokumentation" sieht ziemlich aufwendig und professionell aus.
Die Doku und der Werbespot wurden von Florian Tscharf und einer Gruppe Studenten von der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg gedreht. Die Dreharbeiten haben ungefähr vier Tage gedauert und es waren an die 50 Leute beteiligt—vom Regisseur über die Schauspieler bis hin zur Postproduktion.

Shoko Hara, unsere Motion-Designerin, hat übrigens vor drei Jahren schon einen Kurzfilm namens Abita über Fukushima gemacht.

Wie viele Leute haben gedacht, dass ihr wirklich einen neuen Energy Drink auf den Markt bringen wollt?
Es gab einige, die wirklich gedacht haben, dass das ein echtes Produkt ist—zumindest kam das in einigen Reaktionen und Tweets so rüber. Aber kurz nachdem wir die Marketing-Kampagne für das „Produkt" gestartet haben, haben wir auch die Dokumentation veröffentlicht. Am Schluss des Films sagen wir ja klar, dass wir diesen absurden Drink nur deshalb bewerben, um die Leute auf das wahre Umweltproblem aufmerksam zu machen.

Letzte Frage: Energy Drink oder Kaffee?
Stefan: Weder noch.
Kenzi: Definitiv Kaffee—aber nur mit nicht verseuchtem Wasser.