Angeblich ​um Frauen zu schützen: Betrunkene Pegida-Hools greifen die Kölner Polizei an
Alle Fotos: Felix Huesmann
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Angeblich ​um Frauen zu schützen: Betrunkene Pegida-Hools greifen die Kölner Polizei an

Neonazis, die mit Glasflaschen und Böllern um sich werfen: Pegida NRW hat sich in die Debatte um #koelnhbf eingebracht.
11.1.16

Eigentlich hatte der Tag in Köln friedlich und sympathisch angefangen: Während sich die ersten Rechtsextremen am Breslauer Platz hinter dem Kölner Hauptbahnhof treffen und von der Polizei kontrolliert werden, startet auf der anderen Seite ein Flashmob. Etwa tausend Frauen demonstrieren vorm Dom gegen sexuelle Gewalt—ohne rassistische Untertöne, dafür zu Kölschem Liedgut schunkelnd.

Ziemlich cool. Am Dom protestieren hunderte, vor allem Frauen, gegen sexualisierte Gewalt und Nazis. — Sebastian Weiermann (@SWeiermann)9. Januar 2016

Der Breslauer Platz, der schon 2014 den ersten HoGeSa-Krawallen als Startpunkt diente, ist währenddessen zweigeteilt. Der größere Teil des Platzes ist für die Gegenproteste abgesperrt: Das Bündnis „Köln gegen Rechts" und andere antifaschistische Gruppen und Bündnisse wollen hier sowohl gegen Rassismus als auch gegen sexuelle Gewalt demonstrieren.

Auch der Flashmob vom Dom schließt sich teilweise der Kundgebung an. Insgesamt stehen hier je nach Angaben zwischen 1.300 (sagt die Polizei) und 4.000 (sagt „Köln gegen Rechts") Menschen, hören sich Redebeiträge an und buhen die anreisenden Neonazis mit lauten Sprechchören aus.

Aggressionen schon vor Demobeginn

Etwa hundert Meter und ein paar Polizeiabsperrungen weiter ist die Stimmung schon zu Beginn eine ganz andere. Die Demonstranten, die hier ankommen, haben mit dem gerne nach außen getragenen Selbstbild von Pegida nichts zu tun. Statt „besorgten Bürgern" versammeln sich hier vor allem betrunkene Hooligans und stramme Neonazis. Darunter der nordrhein-westfälische NPD-Vorsitzende Claus Cremer, Thomas „Steiner" Wulff vom nationalsozialistischen Flügel der NPD und eine ganze Reihe Aktivisten der kleinen Splitterpartei „Die Rechte". Als Letztere gemeinsam mit einer Gruppe „Hooligans gegen Salafisten" am Bahnhof ankommen, explodiert scheinbar schon auf dem Gleis der erste Böller.

Als die Gruppe den Bahnhof verlässt, stürmen die Hools in Richtung der Journalisten und halten ihr Banner hoch. Sie brüllen Parolen wie „Deutschland den Deutschen, Ausländer raus" und „Deutschland Hooligans". Alles erinnert an den Beginn der HoGeSa-Krawalle im Oktober 2014. Kurz darauf versucht der Mob, ein Kamerateam anzugreifen.

Bürgerliche Frauenrechtler in — Felix Huesmann (@felixhuesmann)9. Januar 2016

Einige Meter vom Bahnhofsausgang entfernt stehen zwei kleine Durchsuchungszelte der Polizei—genutzt werden die allerdings nur für stichprobenartige Kontrollen. In einer Abschlussmeldung am Abend wird die Polizei Köln mitteilen, dass sie dabei unter anderem einen Nothammer, Drogen und Böller sichergestellt hat.

Alkoholisiert und enthemmt

Offiziell strikt verboten hatte die Polizei den Teilnehmern der Pegida-Demo außerdem, Glasflaschen zu ihrer Versammlung mitzunehmen. Während das Verbot am Bahnhofsausgang zumindest teilweise durchgesetzt wird, bildet sich auf der anderen Seite der Kundgebung so etwas wie ein Paradies für trinkfreudige Hooligans: Knapp außerhalb des Kundgebungsbereichs können sie sich an einem Kiosk mit Bier und Jägermeister eindecken.

Die wenigen Polizisten, die daneben stehen, unterbinden weder den Alkoholkonsum, noch dass die Hooligans mit den Bierflaschen zurück in die Kundgebung gehen und unterwegs Journalisten bedrohen. Erst kurz bevor sich die Pegida-Demonstration in Bewegung setzt, bittet die Polizei per Lautsprecherdurchsage mehrmals höflich darum, die Bierflaschen wegzustellen und sich zurück in die Versammlung zu begeben. Ein Teil der Demonstranten, deren Gesamtzahl von der Polizei auf 1.700 geschätzt wird, ist zu diesem Zeitpunkt aber schon sichtlich alkoholisiert und enthemmt. Als die Demonstration gegen 15:20 Uhr endlich loszieht, stellen sich viele Beobachter nicht mehr die Frage, ob es heute knallen wird. Fraglich sind nur noch um Zeitpunkt und Ausmaß.

Die Demonstration läuft erst wenige Meter, als die Frequenz der explodierenden Böller immer höher wird. In den ersten Reihen, direkt hinter dem „Gewaltfrei und Vereint"-Transparent der Pegida kocht die Stimmung sichtbar weiter hoch—ohne dass es dafür einen konkreten Anlass gäbe. Bis auf eine Handvoll junger Frauen mit einem kleinen Papierschild sind keinerlei Gegendemonstranten in Sichtweite, die Polizei hält sich bereits seit Beginn des Tages mehr als zurück. Auch außerhalb der eigentlichen Demonstration und von den Polizisten unbeobachtet laufen einige Hooligans zwischen den Journalisten herum. Mit jedem gelaufenen Meter erinnert die Situation immer stärker an die ersten HoGeSa-Krawalle 2014.

Nach nur wenigen hundert Metern stoppt die Polizei die Demo schließlich: Die Böllerwürfe reißen nicht ab und vor allem im vorderen Teil sind viele Demonstranten teilweise mit Sturmhauben vermummt. Aus den Lautsprechern der Polizei ertönt die Ansage, dass es erst weiterginge, wenn die Vermummung abgelegt würde. Die Reaktion der Hooligans: Aggressives Geschubse, mehr Böller und vor allem ein immer intensiver werdender Hagel aus Glasflaschen, der sowohl auf die Polizisten als auch die Journalisten hinter der Polizeikette niedergeht. In diesem Moment ist klar: Die Demonstration wird nicht weitergehen. Die Polizei fordert die Demonstranten auf, sich zurück zum Breslauer Platz am Hauptbahnhof zu begeben, aber niemand leistet dem Folge.

Guter Spruch der Polizei bei Pegida-Demo in Köln: 'Dieses Verhalten ist asozial. Ende der Durchsage' Hier das Video: — David Schraven (@David_Schraven)10. Januar 2016

Die Demonstranten brüllen den Hundertschaftsbeamten laut entgegen: „Wo wart ihr Silvester?" Nachdem die Polizisten sich die Flaschen- und Böllerwürfe eine ganze Weile einfach gefallen lassen, versuchen sie, den Mob schließlich mit massiv Pfefferspray und dem Einsatz der Schlagstöcke zurückzutreiben. Erst eine halbe Stunde nach Beginn der Ausschreitungen wird auch einer der Wasserwerfer eingesetzt.

Bei Temperaturen unter 7 Grad Celsius hat das einigen Erfolg. Meter für Meter treiben die Einsatzkräfte die Hooligans zurück, noch immer fliegen aber Flaschen, Böller und andere Gegenstände. Insgesamt werden dabei nach Angaben der Kölner Polizei mehrere Polizisten und ein Journalist verletzt.

Zurück auf dem Breslauer Platz beruhigt sich die Stimmung zunächst etwas. Auf der kleinen Bühne tritt nach einer Weile mit Dominik Roeseler, der Anmelder der Demonstration, ans Mikrofon. Der Mönchengladbacher ist Ratsherr für die kleine rechtsextreme Partei „Pro NRW" und hat auch die HoGeSa-Demonstrationen mitorganisiert. Lautstark beschwert er sich darüber, dass die Polizei aus heiterem Himmel Bürger angegriffen habe, das sei „ein Trauerspiel".

Untätige Polizei

Während der ganzen Krawalle nimmt die Polizei lediglich 15 Personen fest. Außerdem, schreibt die in einer Pressemitteilung, würden nun Foto- und Videoaufnahmen ausgewertet, um gegebenenfalls weitere Strafverfahren einzuleiten. Ähnliches hatte die Polizei schon nach den Krawallen im Oktober 2014 verlautbart. Tatsächlich wurde aber nur ein kleiner Teil der Straftäter im Nachhinein ermittelt und verurteilt.

Dafür, dass die Demonstration zwischenzeitlich in einer ähnlichen Art eskaliert ist wie bereits 2014, trägt die Polizei eine Mitverantwortung. Strikte Personenkontrollen und ein durchgesetztes Alkohol- und Glasflaschenverbot sind bewährte Mittel, um einen möglichst friedlichen Demonstrationsverlauf sicherzustellen. Bei der Hooligan-Kundgebung im Oktober 2015 hat das gut funktioniert. An diesem Samstag setzen die Beamten beides bestenfalls halbherzig um. Dass die Hooligans das als Einladung zum Krawall verstehen, ist kaum verwunderlich. Und dass die Polizei sich das eine halbe Stunde lang gefallen lässt, wirkt wie ein Kuschen vor dem Mob.

Die Neonazis, Hooligans und sehr besorgten Bürger der Pegida-Demo hingegen haben vor allem eines erreicht: Sie haben eindrucksvoll gezeigt, wie wenig es ihnen um Frauenrechte oder gar Antisexismus geht. Es geht vor allem den Hooligans nicht darum „Frauen zu schützen", sondern um rassistische Hetze und einen erlebnisreichen Gruppenausflug mit Alkohol und Ausschreitungen. Vielen der Demonstranten, so scheint es, kamen die Übergriffe der Silvesternacht da mehr als nur gelegen.