Anzeige
Drogen

Kiffende Olympia-Sportler haben es bei Kontrollen leichter als nüchterne Autofahrer

In Rio dürfen sie Medaillen gewinnen, in Deutschland gehts zum Idiotentest.

von Michael Knodt
12 August 2016, 4:13am

Illustration: Sarah Schmitt

Die Welt-Anti-Doping-Agentur WADA hat vor drei Jahren den Grenzwert für sportliche Cannabis-Konsumenten gesenkt. Besonders in den USA wurden bis dahin immer mehr Sportler wegen Dopings gesperrt, bei denen THC-Spuren gefunden worden waren. Unter den Basketballprofis der NBA ist Cannabis ziemlich beliebt. Im vergangenen Jahr forderten einige der Spieler, es für den medizinischen Gebrauch zu legalisieren. Auch in Deutschland gab es unter Basketballern schon Cannabis-Dopingfälle.

Mit dem neuen, höheren Grenzwert erteilt die WADA den Sportlern zwar keinen Freischein für einen bekifften Wettkampf, passt sich aber doch der Realität an. Maximal 150 Nanogramm THC-COOH dürfen nun in jedem Milliliter Blut vorhanden sein, bevor es als Doping gilt. THC-COOH ist Carbonsäure, ein Abbauprodukt des Cannabis-Wirkstoffs THC. Es kann Hinweise auf einen Konsum liefern, der bereits Tage oder Wochen zurückliegt. Einige Fachleute bezweifeln, dass der Wert wirklich viel darüber aussagt, wie oft jemand kifft. Länder wie Tschechien verzichten bei Drogenkontrollen im Straßenverkehr mittlerweile darauf, ihn zu messen.

In Deutschland bestimmt die Polizei bei diesen Kontrollen neben dem aktiven THC auch den Anteil der Carbonsäure im Blut. Selbst Autofahrer, die nie bekifft gefahren sind und einen Wert von über 75 Nanogramm Carbonsäure aufweisen, gelten als regelmäßige Kiffer. Bei einem höheren Wert liegt laut einer immer wieder vor Gericht zitierten Stellungnahme der Uni München regelmäßiger Konsum vor, bei 150 Nanogramm sogar ein Abhängigkeitsverhalten. In beiden Fällen verliert man in der Regel die Fahrerlaubnis für eine längere Zeit und muss zur Medizinisch-Psychologischen Untersuchung, dem "Idiotentest".

In Rio hingegen kann man mit diesen Werten ganz legal Medaillen gewinnen. Dort wird zu den 150 Nanogramm sogar noch eine Messtoleranz hinzugerechnet. Olympioniken müssen erst bei 175 Nanogramm mit Konsequenzen rechnen. Das heißt, wer 160 Nanogramm Carbonsäure im Blut hat, darf bei Olympia starten, würde aber bei einer Verkehrskontrolle in Deutschland als fahruntauglich gelten. Derjenige müsste ein Jahr lang seine Cannabis-Abstinenz auf eigene Kosten bei einem Testlabor nachweisen. Inklusive Beratung kostet das schnell 1.000 bis 2.000 Euro.

Übrigens: Im deutschen Straßenverkehr wird die Konzentration von THC und Carbonsäure pro Milliliter Blutserum gemessen. Das macht kein anderes Land auf der Welt. Üblich ist es, den Wert im Gesamtblut zu bestimmen, auch bei der WADA. Dadurch erscheinen die deutschen Grenzwerte noch strikter, als sie es ohnehin schon sind.

So wurde beispielsweise in der konservativen Schweiz vor einigen Jahren ein THC-Grenzwert für Bus-, Bahn- und Tramfahrer eingeführt. Dieser ist vergleichbar mit der Null-Promille-Grenze für Taxifahrer und liegt in der Eidgenossenschaft bei 1,5 Nanogramm pro Milliliter. Der Wert hierzulande ist 1 Nanogramm pro Milliliter scheinbar nur unwesentlich niedriger. Berücksichtigt man aber den Umstand, dass der schweizerische Grenzwert im Gesamtblut und nicht im Serum bestimmt wird, sieht das ganz anders aus. Umgerechnet gelten dann in der Schweiz Fahrer von Bussen und Bahnen mit bis zu 3 Nanogramm pro Milliliter Blutserum noch als nüchtern—dreimal so viel wie in Deutschland.

Tagged:
Weed
gras
Drogen
polizei
Marihuana
olympische spiele
Vice Blog