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Willkommen in der traurigen Welt des Hatefuck-Porno

Eigentlich wollten wir nur wissen, wie es ist, hauptberuflich Sexpartnerinnen vor der Kamera zu demütigen. Stattdessen stießen wir auf eine neue Dimension des Frauenhasses.

von Pasquale Stolz
24 Juni 2015, 11:50am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von Rafael Santeria

Update, Mai 2017: Mittlerweile distanziert sich Rafael Santeria von seiner Zeit in der Hatefuck-Szene und möchte auch mit seinen ehemaligen Geschäftspartnern nichts mehr zu tun haben. Mehr über seinen Sinneswandel und seine Pläne, sich für mehr Fairness in der Pornobranche einzusetzen, erfahrt ihr auf Broadly.

Im 21. Jahrhundert ist Pornographie in vielerlei Hinsicht im Mainstream angekommen. Und doch gibt es in der Porno-Subkultur noch immer Praktiken, die meilenweit von breiter gesellschaftlicher Akzeptanz entfernt sind. „Hatefuck" ist ein Beispiel für den nicht massentauglichen Erwachsenenfilm. Das Sub-Genre ist durch ausgiebige Erniedrigung des meist weiblichen Sexualpartners durch einen männlichen Akteur gekennzeichnet. Anders als beim klassischen BDSM wird hier jedoch keine Einvernehmlichkeit betont, sie wird oftmals sogar absichtlich in Frage gestellt. Die Protagonistinnen werden als „willenlose Objekte" dargestellt und herablassend behandelt.

Dies äußerst sich zum Beispiel in beleidigenden Körperbeschriftungen mit Edding oder Lippenstift und verhöhnenden Kommentaren von Seiten des Drehpartners oder gar des Kameramannes. Die mitwirkenden Männer äußern Beleidigungen mit Bezug auf das Äußere der Frau, stellen indiskrete Fragen zum Elternhaus, zur psychologischen Vorgeschichte und natürlich zum Sexualleben. Häufig gibt es in Hatefuck-Filmen mehrminütige Einleitungen in Form solcher „Interviews" zu sehen. Der Sexualakt an sich ist lieblos, stellenweise sogar brutal inszeniert. Die Darstellerinnen wirken hilflos und überfordert, während der „überlegene" Drehpartner ihre Körperöffnungen bis ins Extreme dehnt oder Oralverkehr bis zum Erbrechen praktiziert. Diese systematische Erniedrigung dürfte auch für hartgesottene Pornofans nur schwer zu ertragen sein. Dementsprechend drängt sich einem an allen Ecken und Enden der Eindruck auf, dass da in der „Hatefuck"-Szene etwas gewaltig schief läuft.

Es wird im äußersten juristischen, psychologischen und ethischen Graubereich gespielt, aber offenbar mit stattlichem ökonomischem Erfolg. In Zeiten, in denen selbst „normale" Pornographie immer extremer zu werden scheint, bedient Hatefuck offensichtlich nicht mehr nur den Geschmack von sexuell verwirrten Sonderlingen. Während sie hierzulande noch ein Nischendasein fristet, trauen sich im Ausland mittlerweile auch größere Produktionsfirmen an die fragwürdige Thematik heran. Rafael Santeria ist Pornodarsteller und Produzent in Personalunion und und sowas wie ein deutscher Hatefuck-Pionier. Wir sind sicherlich nicht gerade zart besaitet, was grenzwertige Fetische oder Meinungsäußerung abseits des gesellschaftlichen Konsens angeht. Aber der Hass, den Santeria tatsächlich in Hatefuck zu stecken scheint, war doch schockierend. Deswegen bleibt zu hoffen, dass seine Aussagen zur „natürlichen" Rolle der Frau Teil seines Porno-Alter-Egos ist und von ihm nur vor laufender Kamera ausgelebt werden. Ansonsten gilt, wie in so vielen Fällen: Bitte nicht nachmachen, Kinder.

VICE: Wie würdest du als Produzent und Darsteller Außenstehenden die Hatefuck-Szene beschreiben?
Rafael Santeria: In Amerika und Osteuropa sind Hatefuck- und (extreme) SM-Elemente längst fester Bestandteil der Mainstream-Pornographie, das kann in Deutschland natürlich auch ganz schnell passieren. Das ist aber auch nicht mein wichtigster Impuls. Hatefuck ist ein persönliches Faible und ein netter Steigbügel. Mir geht es wesentlich stärker darum, den deutschen und vor allem meinen Porno so alternativ, jung, attraktiv und außergewöhnlich zu machen, wie es geht. Auf lange Sicht wird die Orientierung darauf gehen, noch mehr punkrockige Hipster-, Hippie-, und Antifa-Weiber vor die Kamera zu ziehen. Der große Vorteil: Wenn sich irgendwer weigert, dann lasse ich meinen Frust einfach vor der Kamera raus. Hass ist ja eine omnipotente Antwort auf alle Widrigkeiten des Lebens.

Pack eine Frau und lass das Tier aus dir raus. Du willst ihr schaden? Schade ihr! Du willst sie verletzen? Verletze sie! Du willst sie fertig machen? Mach sie fertig! Du bist ihr ungnädiger Schöpfer und Zerstörer. Ihr Henker, Sklaventreiber, Vergewaltiger, Folterknecht. Das Ganze in einen juristisch adäquaten Rahmen bringen, produktions-, situations- und leicht marktgerecht: Und schon hat man einen Hatefuck-Streifen, der sich verkaufen lässt.

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Ich habe mir ja gedacht, dass du einen krassen Standpunkt vertrittst. Aber das hört sich für mich ziemlich krank an. Wie viel in deinen Filmen ist denn „echter Hass", wie viel ist Performance für die Kamera?
Ich finde, ich wirke vor der Kamera meistens sogar noch recht umgänglich. Ein, zwei mal kamen mir etwas unwillkürlich Dinge über die Lippen: „Stinkt ein bisschen nach Zigaretten, die Kleine, aber ansonsten macht sie das schon ganz gut". Nach dem Orgasmus: „Das klingt ja fast, als würde ein Tier geboren werden". „Nimm ihn tiefer rein, sonst trete ich dir den Brustkorb ein"—in diesen Momenten war ich manchmal selber etwas über die Spontaneität solcher Aussagen erschrocken. Aber ein Augenzwinkern ist dann doch meistens mit drin.

Würdest du sagen, dass du dich als Alpha-Männchen siehst, das auf Männer herabschaut, die ein gesellschaftlich akzeptables und reflektiertes Frauenbild haben?
Ich sehe mich nicht als geborenes Alpha-Tier: Zu schmal, zu leicht, zu unsicher, psychiatrisch vorbelastet, ordentliche Mommy-Issues. Aber die Knöpfe drücken kann ja—theoretisch—jeder und davon zehre ich durch andauernde Übung. Im Grunde genommen könnte auch ein halbwegs dressierter Rottweiler meinen Job vor der Kamera übernehmen, aber je höher der intelligente Input, desto differenzierter das Produkt. Für mich ist das teilweise nachteilig, weil ich natürlich viel höhere ethische, sexuelle, psychologische (Selbst-)Zweifel im Gepäck habe als der Rottweiler oder einige der rottweilerähnlichen Darstellerkollegen.

Kann es sein, dass dein fragwürdiges Weltbild von deiner eigenen Unsicherheit geprägt wurde?
Mit Sicherheit. Es war ein langer Weg, ineffiziente und selbstschädigende Denk- und Verhaltensweisen aus mir zu eliminieren. Ich war mehrfach in stationärer psychiatrischer Behandlung und bis vor wenigen Monaten durchweg in ambulanter Therapie, teils auch mit medikamentöser Unterstützung. Fun-Fact: Die häufig wechselnden TherapeutInnen waren fast ausschließlich Frauen! Ich hatte seit ca. 2008 mit einer generalisierten Angststörung und Depressionen zu tun. Starke psychosomatische Nebenbeschwerden, Panikattacken. Kapitalsubjekt im Jahr 2000+ par excellence. Für diese Beschwerden schäme ich mich nicht—genau so wenig wie für den nachvollziehbaren Zusammenhang zwischen meinen persönlichen Erfahrungen mit Frauen und meinen heutigen Lebensentscheidungen.

In jeder deiner Antworten lässt sich eine deutlich frauenfeindliche Tendenz erkennen. Woher kommt dieser ausgeprägte Hass auf das andere Geschlecht?
Ja, die meisten Frauen hasse ich. Besonders die ganz Schönen und die ganz Hässlichen. So ähnlich wie ich sage: „Kinder brauchen Eltern, die sie führen, disziplinieren und erziehen!", sage ich: „Frauen brauchen Männer, die sie führen, disziplinieren und erziehen!". Manchmal zweifele ich daran, dass ich überhaupt „frauenfeindlich" in dem Sinne bin, obwohl ich ja sogar das Wort „misogyn" über dem Schwanz tätowiert habe.

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Man kommt doch nicht als Frauenhasser auf die Welt. Was hat dich im Bezug auf das weibliche Geschlecht so traumatisiert? Wann hast du zum ersten Mal gemerkt, dass aus Sicht des Normalbürgers bei dir etwas ganz gewaltig verkehrt läuft?
Mama Säuferin, politischer Kontakt mit dem Feminismus in der autonomen Szene, haufenweise Frauen haben ihren Sadismus und ihre Dummheit an mir erprobt. Das zwischenmenschliche Vertrauen, dass bei Männern selbst in der Feindschaft selten verletzt wird, ist das erste, was auf der Strecke bleibt, wenn eine Frau ihre Tage kriegt oder anderweitige Stimmungsschwankungen nicht auspendeln kann. Die Frau meint es nicht böse, sie ist so spontan und willkürlich in ihren Entscheidungen wie ein Pferd. Aber bei einem Pferd, das seine Fohlen verletzt, austritt, davonläuft, womöglich gar krank oder verhaltensgestört agiert, würde jeder Züchter den Gnadenschuss oder das Schlachthaus erwägen.

Ich als Hatefucker habe mich für einen spektakulären Erziehungsprozess entschieden. Ich kann kaum psycho-biographisch antworten: Die Frauen, die mir geschadet haben, sind heute wahlweise tot, fett, geisteskrank, unglücklich und/oder werden von mir wieder gefickt. Ich muss niemandem persönlich böse sein. Die restlichen Kandidatinnen werden auch noch nachziehen.

Keine Frage ohne ausschweifende pseudo-philosophische Antwort. Du scheinst total Ich-bezogen. Dein Hass auf Frauen und deine generell menschenverachtenden Tendenzen müssen dir im täglichen sozialen Leben doch tierische Probleme machen. Ich meine keine einzige Frau zu kennen, die sich auf einen philosophierenden, Frauen hassenden Hatefucker einlassen würde.
Ich habe keine Nachschubprobleme mit Frauen, die sich von mir in den Mund pissen lassen. Ich kenne erstaunlich viele, die meinem Standpunkt positiv und neutral begegnen. Viele meiner Berlin-Bekanntschaften haben sich ohne mein aktives Zutun als Antifeministinnen und Frauenfeindinnen geoutet. Und warum sollte ich von der Frau verlangen, dass sie ihre eigene Natur begreift? Das fällt ja selbst Männern schwer. Frauen verlangen naturgemäß nach Führung. Egal ob feministische Hardlinerin oder ultradevote Disko-Bitch: Keine Frau dieser Welt möchte ernsthafte Widerworte geben. Unterm Strich lässt sie sich lieber entwürdigen als gar keinen Schutz oder—schlimmer noch—keine Aufmerksamkeit zu genießen. Davon profitiere ich bis ans Ende der sauerstoffbasierten Lebenswelt. Zur Not greift man eine Stufe in der Sozialwertskala weiter runter, dort wo die Zähne etwas schiefer, die Brüste etwas lascher, die Hüften etwas breiter und die „realen" vorherigen Gewalterfahrungen etwas ausgeprägter werden.

Für jeden aufgeklärten, emanzipierten Menschen musst du so was wie der Antichrist sein.
Kurz und knapp: Manchmal höre ich, dass irgendwelche Bekannten von Bekannten, Berliner B-Prominenz und ehemalige Antifa-Wegbegleiter, kollektiv ins heimische Schnuffeltuch mosern, manchmal auch bei meinem Umfeld lästern. Aber es sind alles mehr so Schattengespräche. Ganz besonders toll finde ich, dass mich manch ein Hardliner aus der Branche selbst verbrämt, weil er mit „meinen Ansichten" nicht klar kommt. Wenn ich mir dann aber ansehe, was die Leute stattdessen für einen „Generation MTV"-untauglichen Fake-Shit auf die Beine stellen, dann bin ich frohen Mutes, dass wir uns ökonomisch und persönlich nicht in die Quere kommen werden. Für eidesstattliche Verfügungen hat es bislang nicht gereicht, aber ein Klappentext von mir hat mal die Zensurbehörden beschäftigt. Lustigerweise bei einem Femdom-Film, den meine Chefin Hera Delgado produziert hat.

Dein Chef ist weiblich? Wie passt das denn bitte zusammen?
Hera Delgado ist „Deutschlands einzige Fetisch-Regisseurin" und meine Mentorin, Mama und Hauptverantwortliche in Personalunion. Hera unterstützt—vielmehr: gibt vor—Frauen in unserem Umfeld ihren standesgemäßen Platz zu gewährleisten. Darin ist sie eine ausgezeichnete Organisatorin. Unter anderem dafür respektiere ich sie genau so sehr, wie es ihren Leistungen entspricht. Unsere Zusammenarbeit ist ausgezeichnet! Mehr noch: Hera und mich verbindet eine spirituelle und gewissermaßen matriarchale Verbindung. In weltanschaulicher Hinsicht tun wir uns gar nichts. Hera ist bekennende Frauenfeindin.

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Noch mehr Überraschungen gefällig? Ich führe eine liebevolle und äußerst ausgewogene Beziehung mit meiner festen Drehpartnerin. Alle unsere Arbeit, einschließlich Drehs mit anderen Frauen, passiert seit einigen Monaten quasi nur noch zusammen.

Dass du sowohl beruflich als auch privat genügend Gespielinnen findest, die sich von dir mit Essenresten überhäufen oder gar Schlimmeres mit sich machen lassen, verwundert mich ja schon in gewisser Weise. Dass du als bekennender Frauenfeind eine angeblich „liebevolle" Beziehung führst, macht mich sprachlos. Wie muss ich mir euer Zusammenleben vorstellen?
JezziCat und ich haben uns auf ein sexuelles und romantisches Zwischending eingependelt: Die Beziehung ist klar hierarchisch, teilweise durch erzieherische Maßnahmen, SM-ähnliche Übereinkünfte und ähnliches geprägt, aber umgeht Verletzungen oder Schädigungen langfristiger Art. Durch eine gesunde „zwischengeschlechtliche Energiearbeit" führen wir eine ausgesprochen harmonische, wenn auch turbulente und aufregende Beziehung. Ich hasse auch dieses Mädchen auf die ein oder andere Weise, aber Liebe und Hass stammen ja bekanntlich aus dem selben Topf.