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Die rumänische Regierung besetzt ihre eigene Nationalbibliothek

Es gibt kaum noch Bücher in der rumänischen Nationalbibliothek, da eine Menge Politiker die Lesesäle, Konferenzräume, Vortragssäle, Buchläden und Magazine wie Privateigentum nutzen.
Ioana Moldoveanu
Bucharest, RO
6.3.14

Die rumänische Nationalbibliothek

Dass das rumänische Kulturministerium vier Büroetagen der damals frisch renovierten rumänischen Nationalbibliothek bezog, ist mittlerweile zwei Jahre her. Das Ganze wirkte zunächst wie eine Trick, um ein paar Monate Miete zu sparen. Dass es als langfristige Lösung gedacht sein könnte, hielt niemand für möglich. Immerhin war die Bibliothek mit einem Darlehen der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung gebaut worden. Mit Geld also, das für die kulturelle Entwicklung gedacht war und nicht dafür, einigen Regierungsministern schöne Büroräume zu verschaffen.

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Aber man hat sich geirrt. Wie in einer offiziellen Regierungsvereinbarung bekannt gegeben wurde, plant das Ministerium nun, fünf Etagen Büroräume zu beziehen, die für Bibliotheksangestellte vorgesehen waren. Gleiches gilt für das Erdgeschoss, den Hauptkorridor und das Zwischengeschoss, die eigentlich öffentlich zugänglich sein sollten.

In der Vergangenheit wurden diese Räume für Kulturveranstaltungen der Bibliothek genutzt, die gelegentlich ein bisschen Geld einbrachten. Jetzt will das Kulturministerium die Räume vermieten, für Hochzeitsfeiern bis hin zu Kebab-Läden. Inwiefern das der rumänischen Kultur zugute kommt, bleibt offen.

„Derzeit verhindert das Ministerium, dass das Gebäude seinen ursprünglichen Zweck erfüllen kann. Implizit trifft das auch auf die europäischen Darlehen zu, mit denen die Bibliothek gebaut wurde“, hieß es in einer Pressemitteilung des Verbands der Bibliothekare der Nationalbibliothek.

Was sie damit sagen wollen: Was das Ministerium mit den europäischen Geldern anstellt, ist nicht nur unmoralisch, sondern illegal.

Ich habe Bogdan Trâmbaciu angerufen, einen Beamten des Kulturministeriums, der beim Abschluss des Bankdarlehens beteiligt war. Er erzählte mir: „Das Darlehen hat nichts mit der Funktionalität des Gebäudes zu tun. Das Ministerium hat sich dafür entschieden, den Gemeinschaftsbereich zu verwenden, weil er von der Bibliothek nicht richtig genutzt wurde. Das Geld fließt wieder in das Gebäude, dessen Instandhaltung sehr teuer ist. Die Bibliothek kann die Räume trotzdem noch nutzen.“

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Die Vorsitzende der Lesesaalabteilung Doina Stănescu ist dagegen anderer Meinung: „Alle Institutionen, die dem Kulturministerium unterliegen, verwalten sich selbst“, sagt sie. „Warum also gilt das nicht für die Nationalbibliothek, zumal es früher auch so war?“

Eine Antwort darauf ist, dass die Regierung die Nationalbibliothek als ein Unternehmen anzusehen scheint, das Profit abwerfen muss—auch wenn es sich um ein öffentliches Gebäude handelt, das vom Steuerzahler bezahlt wurde. Außerdem scheint es dem Kulturministerium entfallen zu sein, dass Bibliotheken die kulturelle Identität eines Landes repräsentieren sollen, nicht die Geldgier der Regierung. Dadurch, dass die Regierung Lesesäle, Konferenzräume, Vortragssäle, Buchläden, das Buchmuseum, das Café und Teile des Magazins besetzt oder vermietet, bleibt der Bibliothek nur noch eine winzige Fläche, um ihren sozialen und pädagogischen Zweck zu erfüllen.

„In der Bibliothek herrschen Zustände, die vielleicht im 19. Jahrhundert akzeptabel waren—es gibt nur noch ein Magazin und einen Leseraum“, sagten die Bibliothekare in einer Pressemitteilung.

Das Kulturministerium hat innerhalb der Bibliothek Türen verschlossen, was den Büchertransfer zwischen den verschiedenen Abteilungen erschwert.

Vor Kurzem habe ich einige verregnete Tage damit verbracht, mir die acht Stockwerke der Stadtbücherei von Amsterdam anzuschauen. Dort habe ich in Büchern gelesen, von denen man in Bukarest nur träumen kann—unter anderem deshalb, weil man hier jetzt nur noch bis in den ersten Stock gelangt. Ich habe keine Ahnung, was es in den anderen Stockwerken noch gibt. Außerdem ist das Gebäude am Wochenende und unter der Woche ab 18 Uhr geschlossen. Zwischen Arbeit, Essen und Schlafen bleibt damit nicht mehr viel Zeit für einen Bibliotheksbesuch.

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Falls du es doch während der Öffnungszeiten schaffen solltest, ist es oft schwierig, an ein bestimmtes Buch heranzukommen. Es gibt nicht genügend Angestellte, die die Tausenden Bücher auspacken und einordnen könnten. Ganz zu schweigen von den fehlenden Regalen.

Den Bibliothekaren zufolge werden etwa 1.000 Angestellte benötigt. Tatsächlich gibt es aber nur knapp über 200. Außerdem sind nur fünf Reinigungskräfte eingestellt, die die öffentlich zugänglichen Flächen sauber machen. Einer der Beschäftigten, der seinen Namen nicht nennen wollte, erzählte mir, dass „die Toiletten für die Angestellten von den Bibliothekaren selbst geputzt werden.“

Der Marketingabteilung der Bibliothek sagte, dass es im Januar und Februar des letzten Jahres über 50 Veranstaltungen gab. Mit den Einnahmen konnten die vorhandenen Steuerzahlungen und die Gelder aus dem europäischen Darlehen ergänzt werden. Diese Jahr kam nur ein Bruchteil dieser Veranstaltungen zustande, da sich die Bibliothek für jedes einzelne Event auf dem Grundstück die Erlaubnis des Ministeriums holen muss.

Währenddessen wird die Bibliothek für diese Defizite verantwortlich gemacht—auch wenn es die Schuld des Ministeriums ist, dass die Einrichtung nicht ausreichend finanziert wird. So gibt es auf der über 30.000 Quadratmeter großen öffentlichen Fläche nur 58 Computer. Andererseits verdient das Kulturministerium mit einer Samsung-Werbung auf einer Seite des Bibliotheksgebäudes fast 220.000 Euro. Mit diesem Geld schaffte sie sich jedoch Fernseher für ihre eigenen Büros an.

Es ist keineswegs das erste Mal, dass die Nationalbibliothek von der Regierung annektiert wurde. 2002 verwandelte der ehemalige Premierminister Adrian Năstase, der jetzt wegen Korruption im Gefängnis sitzt, das Gebäude fast in einen neuen Regierungssitz. Acht Jahre später schlug ein Abgeordneter namens Silviu Prigoană vor, dass das Parlament in die Nationalbibliothek ziehen könnte.

Beide Male schlugen Angestellte in den Medien Krawall und konnten sich und die Einrichtung über Wasser halten. Jetzt droht das Ministerium jedoch damit, die Bibliothek zu verklagen, wenn sie das Gebäude nicht freigibt. Um ein staatliches Gerichtsverfahren aufzuhalten, bedarf es leider oft mehr als einer Briefkampagne und ein paar wütender Kommentatoren.