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Ich war bei einer Cannabis-Gala und habe die Zukunft gesehen

Noch ein wenig Horsd'œuvres und Gras gefällig? Aber immer doch!

von Manisha Krishnan
18 Januar 2016, 10:19am

Alle Fotos: bereitgestellt von Allison Elkin

Wenn Marihuana in Zukunft überall legal sein wird, dann werden sich viele Kiffer an den Moment zurückerinnern, an dem ihnen endlich klar wurde, dass ein Ende des Verbots in Sicht war. Vorbei sind dann die Zeiten, in denen man sich noch in irgendwelchen dunklen Ecken öffentlicher Parks herumschleichen musste, um für zu viel Geld zu wenig Gras zu bekommen.

Für mich kam dieser Moment, als ich vor Kurzem Gast bei einem Cannabis-Ball in der Innenstadt Torontos war.

Angekündigt als „Kanadas erste Vaping-Gala" wurde die Go Greene Winter Gala an einem „vornehmen, privaten Veranstaltungsort" abgehalten, den die Ticketbesitzer erst am Tag des Events erfuhren. Bei Go Greene handelt es sich um eine Aktivistengruppierung, die sich für die Vielfalt innerhalb der Cannabis-Gemeinschaft einsetzt. Gegründet wurde das Ganze von der ehemaligen TV-Journalistin Charlo Greene, die im Herbst 2014 Berühmtheit erlangte, als sie live im Fernsehen ihren Job hinschmiss.

Als wir bei der angegebenen Adresse ankamen—ein riesiges Backsteingebäude mit abblätternder, weißer Farbe—, musste ich feststellen, dass ich dort schon mal bei einer anderen, weniger formellen Gras-Veranstaltung gewesen war. Damals war ich jedoch schon nach meinem ersten Tütchen total breit, was vielleicht auch erklärt, warum ich es nicht geschafft habe, die faszinierende Inneneinrichtung zu fotografieren. Die Flurwände des Gebäudes waren aber zum Glück immer noch mit außergewöhnlichem Zeug wie etwa einem Spielzeug-Teufelsdreizack oder einem Gummihühnchen behangen. Auch das ein oder andere Loch ließ sich entdecken. Meine Fotografin stolperte auch direkt mal rückwärts in einen Haufen aus Metallschrott und Styropor-Blöcken. Ich muss an dieser Stelle wohl kaum erwähnen, dass die Veranstalter die Sache mit dem „vornehmen Veranstaltungsort" nicht so genau genommen haben, aber das war mir eigentlich ganz recht. Irgendwie bin ich nämlich noch nicht bereit dafür, dass Kiffer ihre Partys in den gleichen Clubs veranstalten, in denen auch Drake abhängt.

Auf einem Tisch vor der Tür zum Partysaal waren haufenweise Goodies wie etwa THC-Limo, -Kekse und -Süßigkeiten aufgestapelt. Ich riss mich zusammen, was in diesem Fall bedeutete, dass ich das ganze Zeug nur in meine Tasche stopfte, weil ich wusste, dass ich stoned niemals ein Interview führen könnte. Als wir schließlich mit grünen Armbändchen ausgestattet waren, betraten wir den eigentlichen Veranstaltungsort, der wie eine riesige Hotbox anmutete. Grüne Lampen erleuchteten den Raum, goldene Ballons formten die Worte „Go Greene" und der ebenfalls grüne Filzteppich war mit Paketklebeband am Boden befestigt.

Die gut 80 Gäste waren in der Einladung angewiesen worden, sich schick zu kleiden—und die meisten sind diesem Aufruf auch nachgekommen. So konnte ich eine Menge Kleider, Anzüge und bunt zusammengewürfelte Kopfbedeckungen ausmachen. Viele der Anwesenden posierten vor einem Hintergrund für Fotos und dabei stachen vor allem die Namen der verschiedenen Sponsoren aus der Cannabis-Industrie ins Auge. Man kann sich die ganze Szenerie ungefähr so wie bei einem Filmfestival oder in nervigen Clubs vorstellen.

„Wir haben hier die Möglichkeit, schicke Klamotten zu tragen und eine heiße Sohle aufs Parkett zu legen. Ich finde es echt gut, dass sich die ganzen Leute hier mal für etwas anderes als eine Gerichtsverhandlung ordentlich angezogen haben", meinte die langjährige Patientenanwältin Tracy Curley zu mir. Die sonst als „Weed Woman Canada" bekannte Frau trug zum Anlass einen langes, knallgrünes Kleid inklusive passender Brille, die einen starken Kontrast zu ihren roten Haaren bildete.

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Obwohl auf die meisten ihrer Bemerkungen ein Kichern folgte, erzählte mir Curley auch, wie besorgt sie darüber ist, dass Bill Blair, der ehemalige Polizeichef Torontos, für die Legalisierungspläne der Liberalen verantwortlich ist.

„Das macht mir Angst, weil er sich vor allem mit der Prohibitionsseite des Ganzen beschäftigt. Ich hoffe jedoch, dass [der neue kanadische Premierminister Justin] Trudeau und seine Partei auch uns Gehör schenken werden."

Als der Abend schon gut zur Hälfte vorbei war, hielt Charlo Greene eine Rede über die ganze Arbeit, die an der Legalisierungsfront noch zu erledigen ist. Dabei trug sie ein minzgrünes Ballkleid, ihre gefärbten Haare fielen über ihre Schultern und sie nahm kein Blatt vor den Mund, als sie das Cannabis-Verbot vor mir als Form der Sklaverei bezeichnete.

„Prohibition und Massenverhaftungen gehen Hand in Hand, wenn man für jeden Menschen, der ins Gefängnis wandert, einen Dollar bekommt. Und die Polizei hat ein eigennütziges Interesse daran, immer wieder die gleichen Leute hinter Gitter zu bringen. Genau hier kommt es dann soweit, dass Menschen als Ware angesehen werden", meinte sie.

Zu Greenes Mission gehört es auch, den Leute zu helfen, deren Strafregister aufgrund des Kriegs gegen Drogen durch die Decke gehen.

„Wenn diese Menschen aufgrund von Cannabis-Verbrechen einsitzen und dann wieder freikommen, ist es ja nicht so, als ob sie plötzlich wieder eine weiße Weste hätten. Nein, ihnen wird dann der Zugang zu Bildung erschwert und sie können auch nicht mehr überall wohnen. Im Grunde wird man so zum Bürger zweiter Klasse."

Trotz der durchaus auch bedrückenden Thematik war die allgemeine Stimmung der Veranstaltung—ein Hybrid aus Konzert, Kiff-Session und Gelegenheit zum Netzwerken—doch eher fröhlich.

Es waren auch überall Caterer unterwegs, die auf ihren Tabletts in Prosciutto eingewickelte Melonenstücke und Bohnenkuchen servierten, während im Hintergrund HipHopper und DJs auftraten. Hinter der Bar standen zwei Mitarbeiter, die eigentlich nur da waren, um mit ihren Gasbrennern Joints anzuzünden—Alkohol wurde nämlich keiner ausgeschenkt, was aber wahrscheinlich auch die bessere Entscheidung war.

Sarah Gilles, die beim Promotion/Event-Unternehmen The High Five arbeitet, verteilte Cannabis-Saft-Proben sowie kleine Goodie Bags, die mit cannabis-haltigen Pflegeprodukten wie etwa Körperbutter oder Peelings gefüllt waren. Sie erzählte mir, dass Gras für ihr strahlendes „420-Gesicht" verantwortlich sei und dass Leute mit Hautproblemen sowie Schmerzen wirklich darüber nachdenken sollten, solche Produkte zu verwenden.

Der 30-jährige Brian Kierans arbeitet normalerweise beim Fernsehen, hat sich mit seiner Dovercourt Bakery und seinen „aufgepimpten" Plätzchen jedoch ein zweites Standbein geschaffen. Das Backen ist schon immer seine Leidenschaft gewesen und dazu konsumiert er aus medizinischen Gründen schon seit langer Zeit Marihuana. Vor gut einem Jahr hat er sich dann dazu entschlossen, diese beiden Umstände zu verbinden. Als ich ihn zu der aktuellen Entwicklung bezüglich Cannabis-Süßigkeiten befragte—in Vancouver wurden diese verboten, weil sie für Kinder zu verlockend anmuten—, meinte er, dass es dabei doch nur um gesunden Menschenverstand gehen würde.

„Wir haben hier in Ontario die Chance, dem Rest Kanadas zu zeigen, wie man das Thema Cannabis-Süßigkeiten verantwortungsvoll angeht", erklärte er mir. „Man braucht nur die richtige Dosierung und die richtige Aufmachung bzw. Verpackung. Ich meine, man lässt seine Kinder doch auch nicht so einfach an seine Medikamente."

Angeblich waren auch Vertreter aus dem Finanz- und Immobiliensektor anwesend, weil sie neue potenzielle Kunden finden wollten, aber getroffen habe ich persönlich niemanden.

Meine Fotografin und ich verloren uns schließlich kurzzeitig aus den Augen, bis ich sie in einem großen, roten Zahnarztstuhl sitzend wiederfand. Ihre Haare waren dabei total zerzaust und ihr Blick ziemlich glasig.

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„Ich habe Dabs geraucht", meinte sie. „Ehrlich, ich spüre mein Gesicht nicht mehr." Das überzeugte mich davon, es ihr gleichzutun. Danach fläzten wir uns auf eine Couch und diskutierten darüber, wie oft wir uns schon von diversen Veranstaltungen weggeschlichen haben, weil wir einfach zu breit waren. Und genau das machten wir dann auch.

Rückblickend ist mir klargeworden, dass der Cannabis-Ball nicht nur wegen seiner Atmosphäre so neuartig daherkam—es schien dort auch keiner der Anwesenden Angst davor gehabt zu haben, dass plötzlich die Polizei auftaucht, und mir ist es bisher auch noch bei keiner Berichterstattung über Drogen passiert, dass niemand anonym bleiben wollte.

In Kanada hat es in Bezug auf Marihuana in letzter Zeit viele positive Entwicklungen gegeben—so eröffnen im ganzen Land zum Beispiel immer mehr ausgewiesene Gras-Läden und viele Richter und auch Politiker sehen die antiquierten Drogengesetze inzwischen als lächerlich an. Pragmatiker mögen also vielleicht immer noch davon ausgehen, dass eine Legalisierung noch in weiter Ferne liegt, aber auf gewisse Art und Weise scheint sie dann doch schon hier zu sein.