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Wie ich lernte, mit Schlafparalysen und der damit verbundenen Angst zu leben

Dank meines Zustands muss ich mit tauben Gliedmaßen, stillen Schreien und erdrückenden Dämonen zurechtkommen.
27 Juli 2015, 4:00am

Der Autor in seinem Bett | Fotos: bereitgestellt vom Autor

Schon seit der Grundschule gehört es für mich quasi zur nächtlichen Routine, wie gelähmt dazuliegen. Wenn es passiert, dann stecke ich irgendwo zwischen Schlaf und Wachzustand fest: Es fühlt sich so an, als wäre mein Gehirn voll da, aber aus irgendeinem Grund bin ich nicht in der Lage, mich zu bewegen oder zu sprechen. Ich muss mich schon richtig anstrengen, um einfach nur ein paar schwache Wimmerlaute von mir zu geben. Ich hatte lange Zeit keine Ahnung, was mit mir los war, aber inzwischen weiß ich, dass es sich dabei um eine Schlafparalyse handelt.

Eine Schlafparalyse ist ein Zustand, der vor allem Leute betrifft, die an einer der vielen Formen von Narkolepsie erkrankt sind. Im Grunde kann es jedoch jeden Menschen treffen. Schlafparalysen sind dadurch gekennzeichnet, dass man beim Einschlafen und beim Aufwachen seine Gliedmaßen nicht bewegen kann. Dabei sind Halluzinationen keine Seltenheit—am häufigsten kommt es vor, dass einen das gruselige Gefühl überkommt, nicht alleine im Schlafzimmer zu sein. Laut Webmd.com haben bis zu vier von zehn Menschen schon einmal eine Schlafparalyse erlebt oder werden eine solche irgendwann erleben.

Ich habe mein Problem nie wirklich mit meinen Eltern besprochen, aber ich bin auch der Meinung, dass es meine Persönlichkeit nachhaltig beeinflusst hat. Als Kind schlief ich immer bei meiner Mutter im Zimmer und wenn sie mich aufstöhnen hörte, weckte sie mich sofort auf. Das Ganze gab mir Sicherheit, so als ob ich eine Art Schutzschild besitzen würde. Als ich älter wurde, lehnte ich es schließlich kategorisch ab, alleine in meinem Zimmer zu schlafen. Es musste immer irgendjemand bei mir sein.

Die Schlafparalyse zeigt sich immer dann, wenn ich kurz davor bin wegzudösen. Ich liege dann einfach nur da und habe das Gefühl, mich nicht mehr bewegen zu können sowie von einem düsteren und verschwommenen Etwas umgeben zu sein. Dieser Schatten schwebt über meinem Körper umher und kommt mir schließlich unerbittlich immer näher, bis ich es endlich schaffe, die Augen zu schließen. Ich schwitze zwar wie verrückt, bin aber irgendwie auch von einem unerklärlichen, kühlen Windhauch umgeben, der mit dem eigentlichen Wetter nichts zu tun hat.

Bei mir manifestiert sich der „Eindringling" dann als feminine Gestalt—eine Art „dunkle Dame". Es gab allerdings auch schon Zeiten, in denen ich dazu noch eine maskuline Energie verspürte. Schließlich läuft alles immer gleich ab: Ich höre ein seltsames Geräusch und dann ist sie da. Ihr Schatten wird immer größer, am Anfang noch langsam, aber dann immer schneller. Die Gestalt setzt sich auf meine Brust und geht dort nicht mehr weg, bis ich absolut gar nichts mehr spüre. Ein paar Minuten später veräußerliche ich dann irgendwie meine Angst und kann mich auch unerklärlicherweise wieder bewegen.

Ich weiß gar nicht, wie oft das jetzt schon passiert ist. Es wäre gelogen zu sagen, dass ich mich inzwischen daran gewöhnt hätte, aber ich habe zumindest gelernt, damit zu leben. Irgendwie hat das Ganze etwas von einer mathematischen Gleichung, die man nie ganz lösen kann. Als Kind ging ich noch davon aus, dass nur ich von Schlafparalysen betroffen wäre, und habe deshalb auch nie wirklich darüber geredet. Erst Jahre später stieß ich als Teenager mithilfe des Internets auf Antworten und mir wurde klar, dass andere Menschen ebenfalls unter Schlafparalysen zu leiden haben.

Durch meine eigenen Nachforschungen erfuhr ich, dass dieser Zustand in unterschiedlichen Kulturen auch unterschiedliche Namen hat. In China nennt man das Ganze gui ya chuang, was so viel bedeutet wie „der Geist im Bett". In muslimischen Ländern benutzt man die Bezeichnung djinns, eine Art übernatürliches Wesen aus der Mythologie. In Kambodscha—wo übrigens auch meine Familie herkommt—reden die Leute häufig davon, erdrückt zu werden oder die Präsenz einer bösen Macht zu spüren. Im Mittelalter gab es die Vorstellung, dass als Succubi bekannte Dämoninnen Männer im Schlaf verführen. Laut dem Talmud und der Kabbala dienten diese Kreaturen Lilith, der ersten Frau Adams.

Der Autor im Kindesalter

Wenn ich meine Zustände logisch betrachte, dann ist es ziemlich offensichtlich, dass ich bei viel Stress auch viel unruhigere Nächte habe. Wenn ich mich jedoch selbstsicher fühle und entspannt bin, dann treten solche Zwischenfälle weniger häufig auf.

Ich habe auch gelernt, gegen meine Angst anzukämpfen. Inzwischen versuche ich, die dunkle Gestalt anzuschauen und mit ihr zu kommunizieren. Manchmal werde ich dabei sogar richtig aggressiv und beleidige sie. Früher habe ich noch eine Weile gebraucht, um wieder zur Besinnung zu kommen und irgendwann wieder einzuschlafen. Jetzt warte ich jedoch einfach nur darauf, dass die Erscheinung wieder verschwindet, und bin danach sofort im Reich der Träume.

Munchies: Das halluzinogene Bier der Schamanen—ein Selbstversuch

Trotz alledem werde ich meine Jahre als Teenager wohl nie vergessen—eine Zeit, in der das Phänomen schreckliche Ausmaße annahm und einen Großteil meines Lebens bestimmte. Einmal übernachtete ich bei Freunden und erlebte dort natürlich eine Schlafparalyse. Dieses Mal war die auftauchende Gestalt jedoch männlich. Das klingt jetzt vielleicht verrückt, aber ich dachte wirklich, dass sie mich vergewaltigen würde. Schließlich wachte ich auf und schoss aus dem Bett. Meine Freunde starrten mich total entgeistert und besorgt an. Ich wollte ihnen eigentlich alles erklären, ließ es dann jedoch sein. Das hätte einfach viel zu lange gedauert.

Aufgezeichnet von Mathieu Portogallo