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Sex

Was wir von den Bravo-Fotolovestorys über Liebe gelernt haben

Die Friendzone gibt es nicht, nur Machos wollen Sex und was uns das Foto-Äquivalent zu einer RomCom sonst noch über Beziehungen und Gefühle verrät.

von Lisa Ludwig
23 Juli 2015, 10:46am

Mussten wir aus rechtlichen Gründen Fotolovestory-Szenen nachstellen? Vielleicht. Foto: Grey Hutton

Ihr mögt es uns nach unserem letzten Artikel zwar nicht glauben, aber: Wir lieben die Bravo. Nicht nur wegen ihren unfassbar unterhaltsamen Flirttipps oder Styling-Guides, mit denen man auch als süßes Girl endlich aussehen kann wie Justin Bieber. Nein, das wahre Highlight waren immer (und sind nach wie vor) ihre Fotolovestorys. Flippig erzählte Geschichten direkt aus dem Leben der Zielgruppe, in denen nach einigen Irrungen und Wirrungen endlich das zusammenkommt, was zusammengehört—das schüchterne Girl und der romantische Boy.

Neben der Tatsache, dass es irgendwie sexistisch ist, dass nahezu jede Geschichte aus der Perspektive eines Mädchens erzählt wird und es in jeder Fotolovestory, die wir bisher zu Gesicht bekommen haben, ausschließlich um heterosexuelle Beziehungen ging, hat Deutschlands bekanntestes Teenie-Magazin uns dabei in den vergangenen Jahrzehnten sehr wichtige Dinge über Sex und Liebe mit auf den Weg gegeben. Und wären wir VICE, wenn wir sie nicht großmütig mit euch teilen würden, um euer aller Leben besser zu machen? Natürlich nicht.

Man kann die Liebe seines Lebens in JEDER Situation kennenlernen

Gerade auf dem Weg zur Ballettstunde und ihr hasst mal wieder alles? Euer Freund verbringt seine Freizeit lieber im Plattenbau als im Kino, weil sich zu Das Schicksal ist ein mieser Verräter einfach nicht so gut auf Menschen einprügeln lässt? Verzagt nicht, eure wahre Liebe könnte schon hinter der nächsten Ecke auf euch warten. Ihr müsst nur erst einen emotionalen Zusammenbruch erleiden! Das ist wichtig, denn nur wer sich mit teenagertypischer Hysterie die ganzen alten Gefühle und den Schmerz der schiefgelaufenen Liebe aus dem Körper geweint hat, ist bereit für den Boy/das Girl, das er wirklich verdient hat.

Denkt daran, wenn ihr das nächste Mal beim Pfandflaschenabgeben einen post-alkoholischen Nervenzusammenbruch bekommt, weil der Automat die Glasflasche mit der Bio-Mate einfach nicht annehmen will. Vielleicht ist die Person, die euch fragt, ob ihr ihr euren Pfandbon schenken möchtet, die Liebe eures Lebens!

Ihr wolltet schon immer mal sexy Bumsmusik hören, während euch jemand die Fotolovestory vorblättert? Auf YouTube ist Verlass.

Es sind nur wahre Emotionen, wenn sie von dramatischen Gesten begleitet werden

Ich glaube, das ist eine Lektion, die wir uns alle zu Herzen nehmen sollten. Wie oft wurden wir schon missverstanden, weil wir einfach nicht eindeutig genug auf irgendetwas reagiert haben? Herablassendes Grinsen oder Schlaganfall? Flirten die zwei da drüben frech oder bahnt sich gerade eine Massenschlägerei an? Die Grenzen verschwimmen viel zu oft. Schluss damit! Ihr habt nicht umsonst zwei Hände und Hunderte Gesichtsmuskeln—nutzt sie! Ihr seid schockiert? Reißt den Mund auf und legt eure Hände an die Wangen! Ihr seid traurig? Tragt Mascara auf und verschmiert sie anschließend. Ihr habt noch nie so viel Liebe für jemanden empfunden? Übt den Stevie-Wonder-am-Klavier-Blick zu Hause vor dem Spiegel und schmachtet, als gäbe es kein Morgen mehr. Wir leben in einer Welt voller selbstgerechter Soziopathen—da kommt man nicht weit, wenn man sich auf subtile Zwischentöne verlässt.

Wir haben die Flirt-Tipps der Bravo nach Gruseligkeit sortiert.

Es gibt nichts Schlimmeres als „zickige Girls" und „Machos"

Gerade als junger Mensch ist man sich ja nicht immer so ganz sicher, auf welche Art von Verhalten das andere, aufregende Geschlecht steht. Während gerade Mädels dabei dramatisch unterschätzen, dass Teenager-Jungs nicht gerade übermäßige Ansprüche an ihre ersten sexuellen Kontakte haben, solange irgendwie Brüste involviert sind, und deswegen durch möglichst „souveränes" Verhalten auffallen wollen, sitzen pubertierende Boys oft dem Irrglauben auf, dass sie einfach nur möglichst „maskulin" agieren müssen, um bei Schulfreunden und potentiellen Fummelpartnerinnen gleichermaßen gut anzukommen. Das ist natürlich Unfug. Umso besser, dass die Bravo es als ihren Auftrag begreift, gegen derartiges Verhalten rabiat vorzugehen.

Zickige Girls erkennt man daran, dass ihre Mundwinkel immer ein bisschen nach unten zeigen und sie gleichzeitig von mindestens zwei ebenfalls zickigen (aber nicht ganz so zickigen!) Freundinnen mit exakt gleichem Gesichtsausdruck flankiert werden. Zickige Girls tauchen in aller Regel nur auf, um herablassende Kommentare zum süßen Girl (in 90 Prozent der Fälle die Protagonistin) loszuwerden oder sich dem männlichen Love-Interest aufzudrängen. Das wiederum eint sie mit den Machos, sehr häufig die männliche Form des Lovestory-Antagonisten, deren Aktionsradius sich irgendwo zwischen minderjähriger Triebtäter und Statist aus einem Bosstransformationsvideo bewegt.

Machos graben bei jeder sich bietenden Gelegenheit Girls an und machen dabei nicht mal vor den Zicken halt. Dabei ist es ihnen total egal, ob sie Girlherzen brechen, und wenn sie das bekommen haben, was sie wollen (Sex!), vergessen sie den Namen ihrer 16- bis 17-jährigen Gespielin direkt wieder. Was zum einen die Frage aufwirft, warum sämtliche Protagonistinnen in Fotolovestorys sich in genau diesem Alter befinden, und uns zum anderen direkt zum nächsten Punkt bringt:

Nur böse Boys und Machos wollen Sex

Löscht eurer Online-Dating-Profil, verbrennt die sexy Unterwäsche und entmatcht euren Cousin dritten Grades (es ist nur Inzest, wenn man zu denselben Familienfeiern eingeladen wird!) bei Tinder. Seit Jahrzehnten weiß die Bravo, dass der Wille zum Sex der Anfang vom Ende einer jeden Liebesgeschichte ist. Küssen ist OK, sobald sich aber die erste schwitzige Teenager-Hand in Richtung BH-Verschluss verirrt, weiß das romantische Girl: Die Beziehung ist zum Scheitern verurteilt. Sex, liebe Kinder, ist nämlich nichts, was Frauen bewusst selbst wollen—außer sie sind zickige Girls, die den schüchternen Girls die süßen Boys ausspannen. Sex ist etwas, das Jungs wollen und wozu sich Mädels erst dann widerwillig bereiterklären, wenn sie ihren Boyfriend nicht länger hinhalten können. Nach dem Akt liegt die Beziehung in Scherben („Da Ole Marias Namen vergessen hat, nennt er sie nur Baby!"), schließlich hat der Macho nun alles bekommen, was er sich von seiner Freundin überhaupt nur wünschen konnte.

Immerhin hat der süße, romantische Boy nun die Chance, alles wieder gut zu machen. Kein Geschlechtsverkehr, nur umarmen und knutschen und strahlend in die gemeinsame Zukunft blicken. Ganz ohne Erektion, Körperflüssigkeiten und beidseitigem Oralverkehr. Deswegen endet eine Fotolovestory auch immer mit dem großen, finalen Kuss und nicht mit der Frage, wie gut das Girl seinen Würgereflex kontrollieren kann.

Falls ihr ein böser Boy oder Macho seid, noch eine kleine Info am Rande. Es gibt entgegen den Dingen, die man auf Pornoseiten sieht, nur eine Sexposition: die Missionarsstellung. Und BH und Socken bleiben dabei auch an!

Jeder Mensch sollte einen Kurzsteckbrief besitzen


Ein echt zickiges Girl

Zeige mir eine kurze Übersicht mit Alter/Größe/Gewicht und Hobbys, und ich sage dir, was für ein Mensch du bist. Seit jeher werden zumindest die beiden Protagonisten (Boy, Girl. Manchmal auch ein zweiter Boy, der dem Girl erst das Herz brechen muss. Oder ein zickiges Girl, das der Protagonistin den süßen Boy ausspannen will) vor der Geschichte mit kurzen Steckbriefen vorgestellt, in denen wir die wirklich wichtigen Eckdaten erfahren. Das erweckt zum Einen die Illusion, dass wir es hier mit richtigen Menschen zu tun haben, die eine Art Backstory besitzen. Zum Anderen sind die Rollen für den weiteren Verlauf der amourösen Achterbahnfahrt klar verteilt.

Wer „Verpflichtungen" nicht ab kann und auf „Spaß" steht, ist ein ehrenloser Hurensohn, der seine Freundin betrügen wird. Wer hingegen „zickige Girls" hasst und auf „Ehrlichkeit" abfährt—vielleicht noch in Verbindung mit irgendeinem urban anmutenden Hobby—ist ein total cooler Skaterboy, der die Protagonistin am Schluss ins Nirvana knutscht. Informationen also, die im ganz realen Leben auch von großer Wichtigkeit sind, wenn man sich mal wieder nicht entscheiden kann, mit welchem Boy/Girl man nach Hause geht.

Man darf keine Angst davor haben, das Offensichtliche auszusprechen

Beziehungen (oder Affären) scheitern oft daran, dass einfach nicht ausreichend kommuniziert wird. Niemand möchte sich eine Blöße geben, klar. Sich super-souverän anzuschweigen, anstatt einfach mal klare Ansagen zu machen oder zu artikulieren, wie man was gerade empfindet, hilft aber auch niemandem weiter. Deswegen sollte die Bravo-Art, Dinge nicht nur in druckreifen Sätzen zu denken („Sie hält mich sicher für so `nen obercoolen Typen, dabei will ich nur meine Schüchternheit verstecken ..."), sondern es seinem Objekt der Begierde auch offen zu sagen, Schule machen.

Ihr müsst ja nicht mit den ganz großen Offenbarungen beginnen. Tastet euch zum Beispiel mit einem „Das tut so gut" bei der ersten, innigen Umarmung langsam an eure neue, offene Art der Kommunikation heran und denkt immer daran: So etwas wie „zu viel Information" gibt es nicht.

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Es gibt keine Friendzone

Gute Nachrichten: die Geißel aller Männer da draußen, die von sich selbst behaupten, keine Arschlöcher zu sein, ist eine Lüge. Unter Friendzone ist unter allen popkulturaffinen 9GAG-Usern da draußen ein Phänomen bekannt, bei dem eine Person eine andere zum ewigen Freund verdammt, anstatt sie endlich in ihre Hose zu lassen. Dem gängigen Klischee nach handelt es sich dabei vor allem um Frauen, die sich über die ganzen untreuen Bad Boys in ihrem Leben beschweren, während ihre superbesten Kumpels ihnen mit schmerzhaft pochendem Intimbereich die Zehennägel lackieren und innerlich nur diesen einen Satz in die Wüste brüllen, die ihr Herz ist: „Warum nimmst du nicht mich?!"

Wir freuen uns ehrlich, dass ein so relevantes und wichtiges Jugendmagazin sich derartigen Problemen stellt und der Gesellschaft den Spiegel vorhält. Wer lieb, treu, immer an ihrer Seite und ganz im Allgemeinen alles ist, was sich grob unter dem Begriff „süßer Boy" einordnen lässt, der bekommt am Schluss auch das Girl. Er muss nur immer irgendwo am Rand des Bildausschnitts lauern und den richtigen Moment abpassen—dann nämlich, wenn seine Flamme am Boden zerstört ist—, um sie heldenhaft in seine Arme zu schließen und dabei zu hoffen, dass sie seine beginnende Erektion nicht bemerkt. Nett sein zahlt sich nämlich aus, Leute! Zumindest bei den ganz großen Liebesgeschichten.

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