Das Leben mit Emetophobie: der Angst vor Kotze

Der Gedanke, der im Wachzustand (und manchmal im Schlaf) von meinem Gehirn Besitz ergreift, ist: "Werde ich mich heute übergeben?"

von Anonym
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27 April 2015, 12:00am

Es war die Möhre, die mich am meisten nervte. Unter all den fröhlichen Obst- und Gemüsegemälden war ein Banner, auf dem in kindlicher Krakelschrift geschrieben stand: „Damit wir alle gesund bleiben". An der Wand hingen noch viele andere datierte Bilder von Grundschulkindern, aber die Möhre fühlte sich wie ein Schlag in die Magengrube an—sie hatte ein lachendes Gesicht, als würde sie sich lustig machen über mich.

Ich stand vor der Eingangstür der psychiatrischen Klinik.

Ich hatte an diesem Morgen alles „richtig" gemacht, und dennoch über eine Stunde gebraucht (wenn es eine halbe Stunde hätte dauern sollen) dort anzukommen. Ich hatte meinen faden, unbedenklichen Haferbrei gegessen. Ich hatte eine Flasche mit Wasser gefüllt. Ich hatte für den Notfall, falls ich kotzen müsste, eine sorgfältig zusammengelegte Plastiktüte eingepackt. Ich hatte die Kaugummis eingesteckt, die ich immer dabei habe, um meinen Mund von jeglicher Art Geschmack zu befreien, von dem mir schlecht werden könnte. Und trotzdem überkam mich eine vertraute Welle an Furcht, sobald ich die Tür öffnete um das Haus zu verlassen.

Ich sehe mich als einen einsamen Kämpfer gegen das Erbrechen. Ich habe seit inzwischen fast drei Jahren eine schwere Emetophobie, aber genau genommen leide ich schon seit über einem Jahrzehnt in unterschiedlich starker Ausprägung daran. Der Gedanke, der mein Gehirn, wenn ich wach bin (und manchmal sogar im Schlaf) komplett übermannt, ist: „Werde ich heute kotzen müssen?" Worauf die prompte Antwort ist: „Ja, werde ich."

Seit drei Jahren ist das jeden Tag mein erster und wichtigster Gedanke. Die Übelkeit ist echt und unerträglich. Die plötzlich ansteigende Körpertemperatur, der kalte Schweiß und das Zittern deuten alle darauf hin, dass ich kotzen muss.

Das ist der Moment, in dem ich kotzen werde. Es ist mein Körper. Ich kann ihm nicht entkommen. Ich stecke fest. Ich werde kotzen. Ich werde kotzen. Ich werde kotzen.

Ich bin 24. Ich habe in meinem Leben bislang vier Mal gekotzt.

Ich ernähre mich von sicheren, geschmacklosen Nahrungsmitteln, weil ich das Risiko einer Lebensmittelvergiftung vermeiden will. Ich bin übertrieben hygienisch und wasche mir die Hände weit öfter als es nötig wäre. Wenn die Leute, mit denen ich zusammenwohne, aus dem Haus sind, wische ich alle Türgriffe und Wasserhähne mit anti-bakteriellen Tüchern ab. Jeder Winter wird zu einem neuerlichen apokalyptischen Albtraum, wenn es in den Nachrichten heißt, dass sich das Norovirus zu verbreiten beginnt. Für mich fühlen sich diese Berichte an, als würde man einer normalen Person sagen: „Hey! In deinem Hinterhof steht ein Mann mit einer Machete, verschmiert vom Blut seiner Opfer und weißt du was? Du bist als nächstes dran!"

Ich weiß, es ist seltsam, und ich weiß, es ist irrational, und letztes Jahr habe ich mehrere Monate lang darüber fantasiert, mich umzubringen, weil ich die permanente, nicht nachlassende Angst und Übelkeit nicht mehr ertragen konnte. Meine Angst ist keine Angst vor dem Tod, denn wenn man stirbt, kotzt man nicht mehr. Und selbst wenn, ist man ja tot, und muss es nicht mehr durchleben. Ich hatte es bis ins kleinste Detail durchgeplant und die Vorstellung tot zu sein war und ist, allerdings in einem viel geringeren Maße, immer noch akzeptabler für mich, als die kotzen zu müssen. Das einzige, was mir durch diese Phase hindurch geholfen hat, war eine enge Gruppe unglaublich hilfreicher Freunde, Therapeuten und Psychiater.

Das war auch der Punkt, als mein Hirn beschloss, sich zu verabschieden. Ich habe dann rasch gelernt, dass mein Gehirn anscheinend zwei Einstellungen hat: permanent überarbeitet oder komplett funktionsunfähig. Wie es aussah, hatte es die Schnauze voll von diesem Kotzangst-Schwachsinn und beschloss in Urlaub zu fahren—ohne mich. Ich durchlebte eine intensive Depersonalisation.

Ich spazierte wie eine Art Alien durch die Welt—in der Lage, andere zu sehen, aber nicht, mit ihnen in Verbindung zu treten. Ich schaffte es kaum, ein Gespräch am Laufen zu halten und konnte den Leuten nur schwer in die Augen schauen. Ich erinnere mich, wie ich einen Gang in einem Supermarkt entlang ging und dachte, dass nichts um mich herum real sei, dass ich selbst nicht mal ein Mensch sei. Das war nicht das erste Mal, das ich eine Depersonalisation erlebte, aber während es zuvor maximal ein paar Minuten pro Anfall gedauert hatte, war es nun so gut wie konstant. Mir wurde schließlich eine Depression diagnostiziert, aber ich glaubte nicht daran. Ich hockte ja nicht den ganzen Tag in meinem Zimmer und weinte—wie ich mir, naiverweise, eine Depression vorstellte. Ich war nicht traurig. Ich fühlte einfach gar nichts, als würde ich existieren, aber nicht leben. Selbst während des Tiefpunkts dieser Depression, ließ die Angst und ständige Erwartung erbrechen zu müssen aber nie nach. Die Gefahr fühlte sich sehr real an.

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Nach dieser Episode brauchte ich ein paar Monate, bis ich die Antidepressiva wirklich regelmäßig einnahm. Ich lag mehrere Monate lang flach auf meinem Bett, ohne mich einen Zentimeter zu bewegen, damit es der Kotze auf keinen Fall gelingen würde, mir irgendwie aus dem Mund zu tropfen. Jedes Mal, nachdem ich eine Tablette genommen hatte, weinte ich leise vor mich hin und wartete darauf, von den Medikamenten erbrechen zu müssen. Das Antidepressivum, das man mir verschrieben hatte, zählte nicht so witzigerweise Übelkeit zu seinen häufigsten Nebenwirkungen, also verbrachte ich die komplette erste Nacht, nachdem ich die erste davon geschluckt hatte, weinend und zitternd in meinem Zimmer—in kompletter Dunkelheit für den Fall, dass der Anblick irgendeiner hellen Farbe meine sowieso schon unerträgliche Übelkeit noch weiter verschlimmern könnte—und hoffte verzweifelt, dass mein Körper durchhalten würde.

Die Vorstellung tot zu sein war und ist immer noch akzeptabler für mich, als die kotzen zu müssen.

Ein paar meiner Freunde merkten, dass etwas nicht stimmte, als ich depressiv wurde. Einer sagte, meine Gesichtsfarbe hätte sich geändert, und dass ich „nicht gut aussähe", aber bis dahin hatten nur sehr wenige Leute überhaupt eine Ahnung, wie es um meine psychische Gesundheit bestellt war. Die, die es wussten, fanden es meist heraus, weil sie in meiner Nähe waren, während ich mitten in einer Panikattacke steckte und mir, wie immer in diesen Momenten, sicher war, dass ich in Kürze den ganzen Raum mit einer Flut von Kotze überschwemmen würde, und es mir daher auch schon egal ist, ob es jemand mitbekommt.

In diesen Momenten, in denen ich versuche, meine Situation zu erklären, kommt alles blitzschnell aus mir heraus. Ich erzählte den Leuten, dass ich nicht außerhalb meiner Wohnung essen kann, dass ich meine Nahrungsmenge begrenze, dass ich nicht mehr reise, und dass meine Obsession mein Leben zerstört hat. Während die Worte aus mir herausprasseln, habe ich den Blick starr auf den Ausgang gerichtet, und wäge ab, ob es wohl besser wäre, hier im Zimmer zu kotzen, oder auf dem nahegelegenen Klo, oder draußen. Wenn ich versuchen würde rauszugehen, könnte ich es möglicherweise nicht schaffen, aber wenn ich bliebe, würden die Leute mich kotzen sehen. Jedes mögliche Szenario ist gleichermaßen albtraumhaft. Während mein Kopf rattert, erzähle ich ihnen aus lauter Verzweiflung weiter von meiner Panik, in der Hoffnung, dass sie durch das Erzählen weniger wird. Dass es weniger durchgeknallt aussehen wird, wenn ich es nur erklären kann. Wenn die Panik dann nachlässt, bereue ich sofort zutiefst, jemanden in meine Phobie eingeweiht zu haben.

Zu Reisen ist wirklich ein endloser Kampf—da kennt meine psychosomatische Reiseübelkeit nichts. Sie lässt mich immer die doppelte Fahrtzeit einplanen, da ich die ganze Strecke über mit dem Drang kämpfen muss, wieder nach Hause zu fahren, falls die Übelkeit doch ein Warnsignal sein sollte, dass ich gleich kotzen muss. In einem Restaurant zu essen ist so, als würde man mich auffordern, über einem Becken voller hungriger Haie auf einem Seil zu balancieren. Ich trinke keinen Alkohol mehr und ich gehe auch nicht mehr aus. Ich esse keine warmen Mahlzeiten mehr, es sei denn ich bin sicher, dass ich den Rest des Tages das Haus nicht mehr verlassen muss—nur für den Fall, dass ich von dem Essen eine Lebensmittelvergiftung bekomme. Ich steige eigentlich immer früher aus dem Bus aus, und nehme die längere Route, um Leuten aus dem Weg zu gehen, vor denen ich eventuell kotzen muss oder die vor mir kotzen könnten—und mache Dinge, die für Leute, die nichts von meiner Phobie wissen, den Eindruck erwecken, dass ich einfach extrem ungeschickt bin.

Ich habe wegen dieser bekloppten Phobie so viele wichtige Momente und Ereignisse verpasst.

Inzwischen habe ich wenigstens wieder mein Gehirn zurück. Ich habe neue Antidepressiva verschrieben bekommen, die die Übelkeit verhindern helfen und mir das Einschlafen erleichtern, so dass ich nunmehr statt jede Nacht nur noch ein oder zweimal die Woche mitten in der Nacht aufwache und Panik habe, erbrechen zu müssen—was für meine Verhältnisse einem Wunder gleichkommt. Ich nehme die Medikamente jetzt seit einem Jahr und, obwohl ich immer noch manchmal in meinem Gedankenkreisel hängen bleibe, fühle ich mich wieder wie ein lebender Mensch. Das ist ein echter Fortschritt für mich.

Ich mache wegen der Phobie vor dem Erbrechen jetzt auch eine Konfrontationstherapie. Ich kann Bilder von Leuten, die erbrechen müssen, anschauen ohne zusammenzuzucken und Videos von kotzenden Leuten anschauen, ohne davon aus dem Fenster springen zu wollen. Glaube ich, dass ich es aushalten würde in der Nähe zu sein, wenn wirklich jemand erbricht? Noch nicht, aber ich glaube, dass ich es dahin schaffen kann. Ich leide immer noch jeden Tag unter Übelkeit, aber ich komme damit klar. Ich beginne langsam, das Licht am Ende des Tunnels zu sehen.

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