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Reisen

Ich habe in einem psychedelischen Boot Camp eine Menge Drogen genommen

Mithilfe von Ayahuasca, Mescalin, Ibogain, Hunger und Sonnenschein verspricht das African Savannah Transformation Retreat seinen Teilnehmern ein neues Lebensgefühl.

von Conor Creighton
01 April 2015, 8:52am

Kurz vor Weihnachten habe ich mich für eine Therapie namens African Savannah Transformation Retreat angemeldet. Dabei handelt es sich um eine zehntägige Versammlung in Südafrika, bei der die Kombination aus Hunger, Sonnenschein und psychedelischen Drogen die Teilnehmer grundlegend verändern sollte.

Genauer gesagt stehen dabei Ayahuasca, Mescalin und Ibogain auf dem Programm—auch wenn die Teilnehmer diese drei Substanzen Mutter, Vater und Großvater nennen. Das hat mich am Anfang erstmal verwirrt.

„Hast du schon mal die Mutter genommen?"

Wie bitte?

Insgesamt waren 25 Teilnehmer zu verzeichnen, die meisten kamen dabei aus Nordamerika und Europa. Altersmäßig war zwischen von 22 bis 50 alles vertreten. Als ich sie fragte, warum sie sich für das African Savannah Transformation Retreat angemeldet hätten, wurde am Anfang noch die Neugier vorgeschoben. Im Laufe der Veranstaltung und mit fortschreitendem Wohlbehagen kamen jedoch immer mehr Geschichten über Heroinsucht, Kindesmissbrauch und fehlgeschlagene Suizid-Versuche ans Licht. Ich will damit jetzt nicht sagen, dass die Teilnehmer irgendwie einen besonders schweren psychischen Schaden haben, aber man meldet sich jetzt auch nicht unbedingt bei einer sehr experimentellen, kaum legalen und potenziell gefährlichen Drogentherapie an, weil man Pauschalurlaube zu langweilig findet. Viele hatten schon einen Entzug oder eine traditionelle Therapie hinter sich und waren an einem Punkt ihres Lebens angelangt, an dem sie schon so an das ständige beschissene Gefühl gewöhnt sind, dass ein zehntägiges Psychedelika-Boot-Camp gar nicht mal so abwegig scheint.

Ich muss gestehen, dass ich zwar auch schon viele Drogen ausprobiert habe, dabei aber nie wirklich auf irgendetwas hängengeblieben bin. Ich rauche noch nicht einmal regelmäßig. Ich kaufe mir immer eine Schachtel Zigaretten, vergesse sie, finde sie dann Wochen später in einer Jackentasche wieder und denke mir selbstkritisch: „Ich muss mich mehr anstrengen!"

In nicht mal 24 Stunden werden wir uns jedoch schon im Beisein der Anderen die Seele aus dem Leib kotzen und in unkontrollierbare Weinkrämpfe ausbrechen.

Am ersten Tag kommen wir bei strahlendem Sonnenschein im Erholungszentrum ungefähr eine Stunde außerhalb von Johannesburg an. Wir sind umgeben von hohen Mauern und Überwachungskameras—das ist allerdings der Normalfall bei jedem südafrikanischen Grundstück, das nicht von Kabelbindern und Sand zusammengehalten wird. Jeder ist ein bisschen nervös und ich fühle mich zurückversetzt an meinen ersten Schultag—ich befinde mich jetzt eben bloß an der Psychedelika-Schule. In nicht mal 24 Stunden werden wir uns jedoch schon im Beisein der Anderen die Seele aus dem Leib kotzen und in unkontrollierbare Weinkrämpfe ausbrechen. Die Nervosität wird uns dann genauso fremd sein wie Schlaf, angenehmer Atem und regelmäßige Mahlzeiten.

Fabian ist der Kopf hinter African Savannah Transformation Retreat. Ursprünglich kommt er aus Deutschland, hat dann aber in London eine Menge Geld im Finanzsektor verdient und alles für eine Schamanen-Ausbildung im peruanischen Dschungel wieder ausgegeben. Laut eigener Aussage hat Fabian schon so oft Ayahuasca konsumiert, dass es bei ihm keine Wirkung mehr zeigt. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Als ich das erste Mal Ayahuasca nahm, dachte ich, ich müsste sterben. Die Droge ist so stark, dass man sich sogar manchmal einscheißt oder sich in den Mutterleib zurückversetzt fühlt—dann rutscht man den Eileiter entlang und tritt anschließend zurück ins Leben. Bei Fabian haut jedoch inzwischen eine Tasse Rooibos-Tee stärker rein. Er meint, dass man irgendwann an einem Punkt angekommen ist, an dem dir die Mutter einfach alles gesagt hat.

In psychedelischen Kreisen ist Fabian so etwas wie eine Kultfigur. Mit seinen langen Haaren, seinem Bart und seinem tagelang getragenen und nie gewaschenen T-Shirt sieht er auch so aus. Sein Umfeld liebt ihn. Er strotzt nur so vor Energie und man findet sich oft in einem seiner vielen Vorträge wieder—komplett gefesselt von dem, was er zu sagen hat.

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Fabian bereitet das Mescalin vor. Alle Fotos vom Autor.

„Er kann auf jeden Fall viel reden", sage ich zu Karin, einer deutschen Teilnehmerin.

„Ich wünschte, er würde nie aufhören zu reden", erwidert sie und geht weg.

Später erfahre ich, dass Karin ihr Haus verkauft hat, damit es ihr möglich war, das vergangene halbe Jahr bei Fabians Zeremonien auf der ganzen Welt dabei zu sein. Ihr Traum ist es, von Fabian ausgebildet zu werden.

Fabian und seine Frau Nicole haben sich in Südafrika niedergelassen, weil sie das Land lieben und weil dort die Durchführung ihrer Kurse viel unkomplizierter ist als in Europa oder Nordamerika. Fabian ist allerdings noch nie mit dem Gesetz aneinander geraten. Das liegt daran, dass er ziemlich clever agiert und sich die meisten Länder noch nicht wirklich mit dem Anstieg des Konsums von pflanzlichen Drogen auseinandergesetzt haben (in Südafrika ist DMT eine „Schedule 7 Drug", also eine kontrollierte Substanz mit dem gleichen gesetzlichen Status wie Heroin oder starke verschreibungspflichtige Medikamente).

Einige Pflanzen zur Drogenherstellung baut Fabian selbst an—er bezeichnet das Ganze jedoch als Medizin. Den Rest bekommt er von seinem Kontaktmann im peruanischen Dschungel auf dem Postweg zugeschickt. Wenn er sich nicht gerade in Südafrika aufhält, ist Fabian mit seinen Zeremonien in Städten wie New York, London oder Berlin unterwegs—wo eben gerade Nachfrage besteht. 2014 organisierte er fast 250 dieser Veranstaltungen.

Ich habe es auf die andere Seite geschafft und rauche draußen auf der Wiese eine Zigarette—dabei denke ich darüber nach, was mich als Erstes fertig machen wird: die Drogen, der Hunger oder das instabile W-LAN.

Am ersten Abend betreten wir das Zeremonien-Zimmer, was normalerweise als Yoga-Studio genutzt wird. Wir legen uns auf die Matratzen—die Kotzeimer stehen ebenfalls schon bereit—und nehmen unsere erste Dosis Ayahuasca. Begleitet werden wir dabei von Dschungelgeräuschen, die Fabian über kleine Lautsprecher abspielt. Ich habe ja bereits Bekanntschaft mit Ayahuasca gemacht und weiß deshalb, was ich zu erwarten habe. Innerhalb von 30 Minuten sehe ich Fraktale sowie aztekische Muster und die bis dahin nervige Musik wird für mich so natürlich wie mein eigener Herzschlag. Eine Stunde später habe ich es auf die andere Seite geschafft und rauche draußen auf der Wiese eine Zigarette—dabei denke ich darüber nach, was mich als Erstes fertig machen wird: die Drogen, der Hunger oder das instabile W-LAN.

Am nächsten Morgen reden beim Frühstück alle über die Erlebnisse des vorangegangenen Abends. Einige sind dabei ein wenig enttäuscht—wir haben ja schließlich alle richtig viel Geld für die Teilnahme bezahlt. Ein Typ namens Bill ist jedoch trotzdem richtig entschlossen. Er leidet aufgrund eines Autounfalls vor 20 Jahren an extremen Rückenschmerzen. Laut Aussage seiner Ärzte ist er geheilt, aber irgendwie scheint Bill an dem Schmerzgefühl festzuhalten.

„Irgendetwas in mir drin will sich schlecht fühlen", sagt er. „Ich weiß nicht, um was genau es sich dabei handelt, aber diese Medizin hier heilt mich hoffentlich."

Ich frage Bill, was er so macht. „Ich lebe in einer umgebauten Garage und zahle fast keine Miete. Eigentlich mache ich nicht viel", antwortet er. „Früher war ich aktiver, aber dann kam die Sache mit meinem Rücken und ..." Er verstummt. „Das hier fällt mir echt schwer", murmelt er in seine Hände. „Ich habe schon lange nicht mehr mit so vielen Menschen gesprochen."

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Fabian ist einer der wenigen Schamanen, die ihr eigenes Ayahuasca komplett selbst brauen. Es riecht wie kochendes Stiefelleder.

An diesem Abend nehmen wir alle wieder Ayahuasca—Bill sogar die doppelte und dann die dreifache Dosis. Eine genaue Angabe ist mir nicht möglich, weil ich total drauf bin und meine Emotionen nicht mehr richtig kontrollieren kann. Ich weine und lache gleichzeitig. Ich bin mir jedoch sicher, dass Bill mindestens noch zweimal von seiner Matratze aufgestanden ist, um sich bei Fabian Nachschub zu holen. Sein Gang erinnert dabei an einen Boxer, der neun Runden lang richtig einstecken musste. Ich kann nicht mehr aufhören zu lachen. Fabian lacht ebenfalls. Kichernd wuselt er durch das Zeremonien-Zimmer. Ich bitte ihn um mehr Ayahuasca, aber als Fabian dann lachend zu mir rüberkommt, sieht sein Gesicht exakt so aus wie die Richard D. James-Masken im Video zu Windowlicker —ich bin schon wieder in intensive Halluzinationen zurückgefallen und lasse mich auf meine Matratze nieder.

Meine Halluzination: Ich falle durch dichte Bananenblätter und jage dabei einem Fuchs nach, der eigentlich aus Holz geschnitzt ist. Jedes Mal wenn ich in seine Nähe komme, verwandeln sich die Bananenblätter in Zweige, lange Gräser oder große Flügel und der Fuchs entwischt mir wieder. Meine Mutter hat ebenfalls einen Auftritt. Sie legt in der Straße, in der ich auch aufgewachsen bin, einen Powerwalk hin. Das ist ziemlich komisch, denn so etwas würde meine Mutter nie im Leben machen. Dann kommt der Fuchs zurück und ich kotze.

Ich bin in einem Kult gelandet und das W-LAN ist hier so unzuverlässig, dass ich mich mithilfe von Google Maps, Airbnb und Skyscanner nicht in Sicherheit bringen kann.

Am darauffolgenden Morgen nehmen wir dann Mescalin. Die Theorie hinter diesen unmittelbar aufeinanderfolgenden Exzessen besagt, dass sich die beiden Drogen sehr gut ergänzen. Mutter und Vater eben. Ayahuasca sorgt dabei für die tiefgreifende, umfassende und erschütternde Erfahrung, während Mescalin die pure Freude in einem dreckigen Shot-Glas darstellt. Fabian erklärt uns, dass dich das psychedelische Mittel tatsächlich so wie die Kaktuspflanze fühlen lassen kann, aus der es stammt. Für den Rest des Nachmittags sitzen wir bleichen Flüchtlinge der nördlichen Hemisphäre unter der heißen Sonne Südafrikas und heben unsere Arme wie Äste in die Luft.

Hinter dem Swimmingpool, wo das Gelände an eine Farm angrenzt, kann ich Karin dabei beobachten, wie sie einen Stein in ihren Armen wiegt und streichelt. Dahinter erblicke ich einen anderen Typen namens Keith. Zuvor hat er mir noch gesagt, dass er sich jetzt aufmache, um mit den Kühen zu reden. Durch seine Glatze sieht sein Kopf aus wie ein beschnittener Penis und Keith läuft oben ohne und barfuß immer und immer wieder in den Elektrozaun und bekommt einen Stromschlag. Wie Fabian kichert er dabei die ganze Zeit. Im Gras neben mir liegt eine mir noch unbekannte Frau und ist die ganze Zeit am Würgen. Sie kommt aus Deutschland, hat blondes Haar und trägt die gleiche Hose wie thailändische Fischer. Sie kann eigentlich nicht wirklich älter als 25 sein. Zwischen zwei Würgreflexen dreht sie sich zu mir und aus ihrem mit Kotze, Spucke und Schweiß verkrustetem Mund kommen folgende Worte: „So gefällt mir die Heilung."

Ihn mir kommt ein schrecklicher Gedanke hoch: Ich bin in einem Kult gelandet und das W-LAN ist hier so unzuverlässig, dass ich mich mithilfe von Google Maps, Airbnb und Skyscanner nicht in Sicherheit bringen kann.

Tagsüber gibt es keinen Bissen zu essen. Für diese Taktik hat Fabian zwei Gründe: Zum einen lernt man durch freiwilliges Hungern Disziplin und zum anderen sind hungrige Menschen formbarer. Wenn dein Magen leer ist, wirken die Drogen schneller und dein Widerstand geht zurück. In meiner Tasche befindet sich jedoch ein Vorrat an Nüssen, Schokolade und Reis-Crackern. Ich nehme zwar die Drogen, aber ich kann einfach nicht hungern. Um keine Aufmerksamkeit zu erregen, stecke ich die Nüsse aus meinem Koffer vorsichtig in meine Hosentaschen und esse sie dann im Bad, während nebenbei die Dusche aufgedreht ist.

Jeden Morgen und jeden Abend hält uns vor der nächsten Dosis „Medizin" entweder Fabian oder Nicole einen Vortrag—und diese Vorträge sind lang. Sie reden davon, das Ego zu durchbrechen und der Mutter und dem Vater die Kontrolle zu überlassen. Die Macht der Medizin kann Krankheiten heilen und das Suchtverhalten beenden.

„Uns ist noch keine dumme Nuss über den Weg gelaufen, die wir nicht knacken konnten", meint Nicole und jeder lacht, obwohl sie gerade alle als dumme Nüsse bezeichnet hat und damit droht, uns zu knacken.

An diesem Abend wirkt das Ayahuasca, wie man es am Anfang gewöhnt ist: Fraktale, verzerrte Geräusche und das einheitliche Gefühl, das man bekommt, wenn man auf MDMA und Pilzen ist. Dann haben alle Dinge plötzlich eine variable und flüssige Gestalt und man denkt, dass man alles ist: man selbst, die Leute im Zimmer, der Mond im Himmel und selbst die Würgreflexe in Richtung des Eimers zwischen deinen Beinen.

Als wir damals noch unser ganzes Geld für Pillen auf den Kopf gehauen und die Dienstage am Rande des Selbstmords verbracht haben, gab es auch noch das Gefühl, das wir als „Pillenweisheit" bezeichneten. Dabei handelt es sich um den Moment, an dem man high ist und die ganze Angst zum Vorschein kommt. Dann bildet man sich ein, dass alles um einen herum irgendwie nicht echt und nicht wichtig ist—und schon wird man von einem Glücksgefühl erfüllt, man fängt an zu tanzen, kommt nach Hause und hört dann so lange das Lied Since I Left You, bis die Nachbarn sich zusammenschließen, einen Brief an den Vermieter aufsetzen und dich dazu auffordern, aus deiner Wohnung auszuziehen.

Irgendwie wirkt Ayahuasca genauso, bloß noch viel intensiver. Allerdings kommen hier zusätzlich noch deine Erinnerungen ins Spiel und Bilder aus deiner Vergangenheit werden wieder zum Leben erweckt—ungeliebte Gedanken sind dabei leider ebenfalls eingeschlossen. An einem Abend taucht plötzlich eine Ex-Freundin in meinem Kopf auf und ich spüre einen starken Drang, ihr den Entschuldigungsbrief zu schreiben, den ich immer vor mir hergeschoben habe.

Wir wachen auf und nehmen die nächste Dosis Mescalin. Der Mescalin-Rausch bereitet mehr Vergnügen und obwohl Fabian uns anweist, im Zeremonien-Zimmer zu bleiben und im Einklang mit dem heilenden Effekt der Medizin zu meditieren, zieht es die meisten Leute nach draußen. Es wäre wohl einfacher, einem Kind ein Spielzeug zu geben und ihm zu sagen, dass es nicht damit spielen soll. Ayahuasca wird mit dem Tod, der Beisetzung und der Vergangenheit assoziiert—Mescalin hingegen eher mit Sonnenschein und Licht. Die meisten von uns gehen raus und verfallen in diese Art der Afterparty-Gespräche, bei der es zwei Menschen schaffen, sich so lange so intensiv auf ein belangloses Thema zu konzentrieren, dass sie nicht mal merken, wenn alle nach Hause gehen und sich die Bar langsam leert. Ich spreche mit eine Frau aus Toronto mindestens eine Stunde lang über den Flughafen von Addis Abeba, obwohl wir beide noch nie dort waren. Am Ende meint sie dann noch abschließend: „Der befindet sich doch auf Mali, oder?"

Im Zeremonien-Zimmer geht Karin gerade durch die Hölle. Auf ihren Knien ist sie vornüber in den Kotzeimer gebeugt. Alle anderen sind draußen und lachen, betrachten ihre Hände oder streicheln Steine. Mescalin ist die wundervollste und fröhlich stimmendste Droge, die ich je genommen habe, und es bricht mir wirklich das Herz zu sehen, wenn jemand sie nicht genießen kann. Das Ganze ist auch ein eindeutiges Anzeichen dafür, wie schlecht es einem eigentlich gehen muss.

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Einer säubert den Pool, einer schläft seinen Mescalin-Rausch aus.

Am fünften Tag ist die Therapie in vollem Gange. Ein leerer Magen und zwei tägliche Dosen Psychedelika lassen einen Menschen wirklich komisch werden. Bill liegt rücklings im Gras und strampelt wie ein umgedrehter Käfer mit seinen Armen und Beinen. Die Mescalin-Dosis, die er vorher konsumiert hat, war ungefähr so groß wie ein ganzes Bierglas. Ich frage ihn, ob ich ihm auf die Beine helfen soll, aber er lächelt mich nur an. „Sie funktioniert", sagt er. „Diese ganze tolle, abgedrehte Sache funktioniert tatsächlich."

Zusammen mit Mark aus London rauche ich eine Zigarette. Am Morgen hat er mich dabei erwischt, wie ich mit einer Portion Reis-Cracker im Mund aus der Dusche kam—er lachte nur und bot mir eine Hälfte seiner Banane an. Ich glaube, ich kann ihm vertrauen.

„Machst du dir nicht zumindest ein bisschen Sorgen, dass wir hier in einem Kult gelandet sind?", frage ich ihn.

„Natürlich sind wir hier bei einem Kult", antwortet er. „Aber genau so muss das auch sein. Das Ganze hier funktioniert nur, wenn man ohne Wenn und Aber an das System glaubt. Wenn man nicht hundertprozentig dahinter steht, dann kann man es auch gleich ganz bleiben lassen—wie bei den Narcotics Anonymous."

Mark muss es wissen. Er war mal so kokainabhängig, dass er jetzt bestimmte Bereiche in London gibt, die er meiden muss, um nicht rückfällig zu werden. Das bedeutete zum Beispiel, dass er für seinen Weg zum Flughafen eine Stunde länger als normal gebraucht hat.

„Ich bin eigentlich genauso skeptisch wie du", meint er. „Aber ich bin auch ziemlich fertig und will schon daran glauben, dass das Ganze hier wirklich funktioniert."

Ich komme zu dem Schluss, dass ich nicht ganz so fertig, sondern nur ein hoffnungslos neugieriger Journalist bin. Während der Rest der Truppe wieder in das Zeremonien-Zimmer zurückkehrt, schleiche ich mich vom Gelände und fahre per Anhalter in das nächste Dorf. Ich halte einen Wagen an und frage den Fahrer, ob er mich irgendwo rauslassen kann, wo man etwas zu essen bekommt. Schließlich lande ich direkt vor einem Restaurant der Fastfood-Kette Wimpy's. Dort bestelle ich mir einen Veggie-Burger, Pommes und einen Schokoladen- sowie einen Bananen-Milchshake. Ich fange an zu essen und bekomme direkt Magenkrämpfe. Draußen auf der Straßen kommen Arbeiter nach Hause, freuen sich auf ihren Feierabend und flanieren mit Körben voller Kartoffeln über den Markt. Ein Junge rauscht auf seinem Fahrrad viel zu schnell und viel zu nahe an den Leute vorbei. Er streift eine stämmige Frau und sie wünscht ihm daraufhin den Teufel an den Hals. Da merkt man, dass man noch lebt.

Per Anhalter fahre ich wieder zurück zum Grundstück. Im Dunkeln spaziert Karin über die Wiese. Während den Zeremonien ist es üblich, weiße Kleidung zu tragen—so kann dich der Schamane auch nachts erkennen. Das Problem bei weißen Klamotten ist bloß, dass man jeden noch so kleinen Kotze- oder Grasfleck erkennen kann. Auf dem Rücken ist Karins langes, weißes Kleid voller matschiger Hunde-Abdrücke. Sie sieht aus wie eine weggelaufene Braut. Sie kommt zu mir und meint so aufrichtig, wie es nur geht: „Gerade hat die Mutter zu mir gesprochen. Sie sagt, dass du wieder in das Zeremonien-Zimmer zurückkommen musst. Colin, du brauchst keine Angst mehr zu haben. Alles wird gut."

„Die Mutter nannte mich Colin?", frage ich. Sie nickt. Ich gehe ins Badezimmer, drehe die Dusche auf und schlinge mein Studentenfutter runter.

Zu diesem Zeitpunkt gibt es nur noch zwei Arten von Programmteilnehmern: Diejenigen, die sich kaum mehr auf den Beinen halten können, und diejenigen, die über das Gelände hüpfen. Den Erstgenannten macht das fehlende Essen schwer zu schaffen. Sie schleppen sich herum wie jemand, der wochenlang unter einem Berg Schutt begraben war. Ihre Zungen hängen aus ihren Mündern. Sie wollen etwas sagen, bringen aber nur unverständliches Zeug raus. Die Zweitgenannten rennen hingegen mit einem breiten Grinsen im Gesicht zwischen den Anderen hin und her und reden dabei ständig davon, wie ihnen der Hunger nichts ausmacht, sie nicht müde sind und sie sich noch nie zuvor so gut, so frei sowie so lebendig gefühlt haben. Wenn die Wirkung des Mescalins jedoch nachlässt, sind sie genauso fertig wie die anderen Programmteilnehmer auch.

Ich bin mit Abstand der einzige Skeptiker der Therapie. Darüber spreche ich auch mit Fabian und erkläre ihm dabei, dass das Ganze vielleicht nichts für mich ist und dass ich den Gedanken an die Rückkehr ins Zeremonien-Zimmer, an die Kotze, an die anderen Teilnehmer und an das Rumgeheule nicht mehr ertragen kann. Fabian versteht mich total. „Einige Menschen brauchen eben mehr", meint er zu mir. „Wir werden dich auf keinen Fall dazu zwingen, die Medizin zu nehmen."

Als er das ausspricht, bin ich richtig erleichtert. Ich habe zwar immer gewusst, dass hier alles auf freiwilliger Basis abläuft, aber der Gruppenzwang, die Erschöpfung und die leichte Paranoia, die bei einem eine Woche lang andauernden veränderten Bewusstseinszustand eigentlich zu erwarten ist, haben mich dennoch nicht komplett daran glauben lassen, dass ich einen Rückzieher machen kann.

„Willst du trotzdem noch das Ibogain nehmen?"

„Ja, auf jeden Fall", antworte ich.

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Anthony, einer von Fabians angehenden Schamanen, umarmt eine Teilnehmerin.

Und so sitze ich—während sich der Rest der Gruppe in das Zeremonien-Zimmer begibt—am darauffolgenden Tag draußen im Schatten eines Baumes und probiere das Ibogain alleine aus. Wie auch der Rest der Pflanzen, die wir in dieser Woche konsumiert haben, schmeckt Ibogain wie etwas, mit dem man nichtmal einen Straßenköter füttern würde. Fabian löst das Ganze in einem Glas Wasser auf und ich trinke es in einem Zug leer. Ibogain ist auch bekannt als Wundermittel gegen Heroinsucht, denn irgendetwas in der psychoaktiven Zusammensetzung verändert die Opiat-Rezeptoren im Körper. Wenn man es korrekt einnimmt, kann es einen mehr als einen Tag lang außer Gefecht setzen. Der Großvater—so wie hier jeder das Psychedelikum nennt—ist unter den Drogen der Therapie das Prunkstück und versetzt dich in eine Art Wachtraum. Einige Menschen behaupten, dass sie tatsächlich mit der Droge sprechen und ihr Fragen stellen können—anschließend bekommen sie dann ein Feedback zu den Entscheidungen, die sie in ihrem Leben schon getroffen haben. Der junge Berliner Tommy hat schon fünfmal Ibogain genommen. Er sagt, dass ihm der Großvater dabei jedes Mal eine neue Information zu Tommys Traumfrau offenbart hat.

„Kennst du sie?"

„Oh ja, ich habe sie schon getroffen", meint er.

„Und hast du auch schon mit ihr geredet?"

„Ja", sagt er. „Ich habe ihr erzählt, was mir der Großvater mitgeteilt hat."

„Und?"

„Sie findet es komisch."

„Das glaube ich gern."

„Und ich bin ihrer Meinung nach auch komisch. Aber der Großvater sagte, dass das so kommen würde."

Weit weg von der Zeremonie entfaltet das Ibogain bei mir auf der Wiese so langsam seine Wirkung und es fühlt sich an wie richtig gutes Kokain. Meine Sinne sind geschärft. Meine Augen können alles in jeglicher Distanz fokussieren. Auch mein Hören ist plötzlich viel besser. Irgendwie ist es mir möglich, einzelnes Vogelgezwitscher auszumachen. Ich habe das Gefühl, dass in meinem Kopf etwas Bionisches vor sich geht. Das ist allerdings weit mehr als das sanfte Gefühl der Einheit, das Ayahuasca hervorruft: Dank dem Ibogain fühle ich mich wie das mächtigste Geschöpf im ganzen Universum, das wirklich alles machen kann. Aber dann überkommt mich der Heißhunger und ich trampe wieder in das Fastfood-Restaurant, wo ich mir erneut einen Veggie-Burger und Pommes bestelle. Begleitet wird das Ganze dieses Mal allerdings von einem Tutti-Frutti-Milchshake. Als ich meine Blase entleeren gehe, schießen tatsächlich goldene Flammen aus meinem Penis. Da ich allerdings schon seit acht Tagen am Halluzinieren bin, stört mich das nicht so sehr wie die Tatsache, dass ich als weißer Tourist gerade einen sauberen Fliesenboden eingesaut habe.

Würgegeräusche können lauter dröhnen als ein Schiffshorn.

Zurück auf dem Gelände erinnern die Geschehnisse langsam an Dawn of the Dead. Es sind noch ein paar Leute im Zeremonien-Zimmer, der Rest schlurft barfuß über den Rasen oder sitzt zusammengesackt in Gartenstühlen und versucht, Zigaretten aus Stummeln und Tabakresten zu basteln. Niemand hat Spaß. Würgegeräusche können lauter dröhnen als ein Schiffshorn. Sie lassen erst am nächsten Nachmittag nach.

Am letzten Tag dürfen wir dann wieder essen. Das soll eigentlich ein ganz besonderer Augenblick sein, aber alle wirken etwas betreten. Der Großvater ist anscheinend nicht aufgetaucht. Fabian versucht, alle ein wenig zu beschwichtigen, indem er sagt, dass die Pflanzen noch lange nachwirken werden. Für diejenigen unter uns, die ihre Wohnungen und Jobs aufgegeben und mehr als 3.000 Dollar ausgegeben haben, nur um hier zu sein, ist das nicht die ersehnte Antwort.

Karin kommt heraus und sagt, dass sie die ganze Woche nichts gespürt hat. Sie hat es kein einziges Mal geschafft zu halluzinieren. „Ich glaube, es liegt daran, dass ich kotzen muss, sobald es meinen Mund berührt", sagt sie. „Schon beim Gedanke daran muss ich mich übergeben."

Manche Leute spüren jedoch, dass eine richtige Transformation stattgefunden hat. Ein junger Typ aus New York—der jüngste Teilnehmer von allen—hatte in seinem ganzen Leben noch nie etwas Härteres als Alkohol probiert. Er erzählt mir, dass er hier nur teilgenommen hat, weil er sich von der Welt abgetrennt fühlt. Ich antworte, dass ich noch nie einen Menschen Anfang 20 getroffen habe, der sich nicht schon mal isoliert gefühlt hat. Daraufhin wirkt er plötzlich so, als hätte er sich gerade verliebt. „Ich weiß nicht, wie ich meiner Familie hiervon erzählen soll", sagt er. „Die glauben mir das nie."

Um ehrlich zu sein, weiß ich selbst auch nicht, wie ich den Leuten hiervon erzählen soll. Mein Haupteindruck ist, dass hier irgendetwas nicht ganz stimmt und dass Fabian die Langzeitfertigen ausnutzt—wenn er die Drogen Mutter, Vater und Großvater nennt, hat er für alle, die für ihr eigenes Leben lieber keine Verantwortung übernehmen wollen, ein Triumvirat aus Autoritätsfiguren erschaffen. Und das ist die Perspektive, die ich beim Schreiben dieses Artikels habe. Doch dann landen ein paar Wochen später E-Mails von anderen Teilnehmern in meinem Postfach.

Da ist zum Beispiel diese hier:

Alles, was mich davon abhielt, wirklich glücklich zu sein und mich zu der Frau weiterzuentwickeln, die ich sein soll, ist aus mir entwichen und dafür bin ich aus tiefstem Herzen dankbar.

Und diese:

Ich habe 60 Milligramm Fluoxetin und bis zu 80 Milligramm Ritalin genommen, weil ich mein ganzes Leben lang „hyperaktiv" war und depressive Tendenzen hatte, die in Wirklichkeit nur meine Reaktion auf eine sehr schwierige Beziehung mit meiner manisch-depressiven und alkoholkranken Mutter war. Seit der Therapie habe ich alle Medikamente abgesetzt und es ging mir noch nie besser.

Und dann noch diese:

Ich fühle mich wie neugeboren.

Als ich das erste Mal LSD nahm, befanden wir uns in einem Schlafzimmer. Wir waren Teenager, es war wahrscheinlich kalt und ich kann mich nicht mal mehr an die Musik erinnern. Ich weiß aber noch, dass ich mir dachte, dass nichts wieder so sein werden würde wie früher. Ich erinnere mich auch noch daran, dass ich mich transformiert fühlte und daran dachte, dass wir erwischt werden könnten oder dass die Wirkung des LSDs vielleicht nie nachlassen und einer von uns plötzlich den Verstand verlieren und durchdrehen würde. Was das psychedelische Bootcamp bot, war die verstärkte und ganzheitliche Version davon, bloß in einer sicheren und der Besinnung (und—wie beworben—der Transformation) zuträglichen Umgebung.

Die Leute wiederholten immer wieder, wie sie ihre Nervosität und Angst losgelassen und dadurch ein neues Gefühl der Selbstbestimmung gewonnen hatten. William Burroughs hat das den „vollkommenen, von seinen Ängsten befreiten, hundertprozentigen Amerikaner" genannt.

Von den 25 Teilnehmern spürte quasi jeder eine innerliche Veränderung—egal ob nun hervorgerufen durch das Hungergefühl, durch das Durchbrechen der täglichen Routine, durch die Geschlossenheit der Gruppe oder durch die heilende Wirkung des neuntägigen Psychedelika-Konsums. Auch ich merkte trotz meines Schummelns, trotz der Burger und trotz einiger nicht genommener Medizin-Dosen, wie ein Großteil der unnötigen Angst von meinem Leben abfiel. Ich wurde allerdings auch katholisch erzogen, also bin ich es gewohnt, ständigen überflüssigen Schuldgefühlen und Schmerzen ausgesetzt zu sein.

Aber dann gibt es da auch noch Karin, die auch Wochen später noch über Schlafprobleme und Depressionen klagt. Allerdings hat sie auch ein magisches Palindrom entdeckt, das ihr ein neues Ziel gibt. Dazu ist sie noch an einen neuen Schamanen geraten, der auch Hasch in seine Zeremonien einbaut. Sie meint, dass sie das Ganze wohl mal ausprobieren wird.