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Vanja klagt gegen Deutschland: "Ich bin inter, nicht Frau"

Der Bundesgerichtshof lehnt das dritte Geschlecht ab. Vanja will jetzt bis vors Bundesverfassungsgricht ziehen. Wir haben mit Vanja gesprochen.

von Sofia Faltenbacher
05 August 2016, 11:38am

Foto: pexels 

Vanja (26) wollte als "inter" ins Geburtenregister eingetragen werden, laut Genanalyse ist Vanja weder Mann noch Frau. Der Bundesgerichtshof erklärte: Das ist nicht möglich. In Deutschland leben nach Angaben der Bundesregierung etwa 8.000 bis 10.000 Intersexuelle. Interessenverbände schätzen die Zahl auf bis zu 80.000.

Aktuell können sie das Feld Geschlecht freilassen, der BGH sagt, das reiche, um gleichberechtigt zu sein. Vanja jedoch möchte inter angeben können. Vor zwei Jahren stellte sie ihren ersten Antrag ans Amtsgericht Hannover, im September will Vanja Verfassungsbeschwerde einreichen.

VICE: Hallo Vanja, seit heute weißt du: Der Bundesgerichtshof hat die Klage zurückgewiesen. Ein Rückschlag?
Vanja: Ich habe natürlich schon gehofft, dass der BGH unseren Antrag annimmt, aber ich habe damit gerechnet, dass die Entscheidung vor das Bundesverfassungsgericht geht. Es geht schließlich um eine neue Option, sein Geschlecht anzugeben, das ist keine kleine Sache.

Du willst mit der Klage bis vor das Bundesverfassungsgericht. Warum hast du angefangen zu klagen?
Ich stand vor der Frage, meinen Geschlechtseintrag ändern zu lassen. Dort steht weiblich. Im Alltag werde ich eher als männlich zugeordnet. Die Änderung ist viel bürokratischer Aufwand. Ich dachte also: Wenn schon, dann möchte ich auch als das bezeichnet werden, was ich bin, und zwar intersexuell.

Wie sprechen dich andere an? "Er"? "Sie"?
Menschen, die mich besser kennen, versuchen, die Pronomen abzuwechseln oder wegzulassen, tendenziell aber eher "Er". Wir klagen jetzt seit zwei Jahren. Ich bin froh, dass ich das mit anderen gemeinsam mache. Müsste ich da alleine durch, wäre das sehr anstrengend. Für die anderen ist es entweder persönlich relevant, inter als Geschlecht angeben zu können, oder sie unterstützen den Schritt einfach.

In Ländern wie Australien ist Intersexualität als Geschlechtsangabe eine Option. In Deutschland können Intersexuelle das Feld Geschlecht leer lassen, auch nachträglich. Hast du dir das überlegt?
Als ich zum ersten Mal vor der Frage stand, gab es die Option noch gar nicht. Aber nein, dieses Weglassen, die Leerstelle, fühlt sich nicht gut an. Alle andere können mit Selbstbewusstsein sagen: Ich bin Frau, ich bin Mann. Also muss ich auch sagen können, dass ich inter bin. Mit staatlicher Anerkennung wird es, denke ich, auch einfacher zu zeigen, dass es uns wirklich gibt. Das wir nicht "eigentlich Frau" oder "eigentlich Mann" sind.

Was heißt es, intersexuell zu sein?
Wir sind Menschen, die biologisch nicht auf allen Ebenen in eine Kategorie—weiblich oder männlich—passen. Das liegt an Chromosomen, Hormonen oder der Anatomie, also ob der Mensch Brüste, Eierstöcke, Vagina, Hoden oder Penis hat. Es ist oft nicht einfach, weil es überall nur zwei Optionen gibt: im Sportclub, in der Umkleide, auf öffentlichen Toiletten.

Wann hast du gemerkt, dass du intersexuell bist?
Als ich in die Pubertät kam. Beziehungsweise eben nicht in die Pubertät kam, weil die entsprechenden Hormone bei mir nicht da waren. Bei anderen kann man das schon im Kindesalter sehen.

Jetzt wollt ihr die Klage bis vor das Bundesverfassungsgericht bringen. Dein Gefühl?
Es ist das höchste Gericht in Deutschland. Ich bin aufgeregt.