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Dank des neuen Magazins smartWoman lernen Frauen zu telefonieren

Und Smartphones zu putzen.

Paul Garbulski

Als ich vor einigen Jahren die völlig absurde Nachricht las, Charlie Sheen habe Tigerblut getrunken, war meine erste Reaktion „Im Ernst jetzt?!". Ähnlich ging es mir, als ich davon hörte, jemand habe so heftig in eine British-Airways-Maschine geschissen, dass sie zwangslanden musste, und als ich gestern das neue Magazin smartWoman als PDF auf meinem Rechner ‚durchblätterte', machte es sich der Irrsinn erneut in meinem Kopf gemütlich. Für nur 3,90 Euro pro Ausgabe ermöglicht die WEKA Mediengruppe allen Frauen, in die Wunderwelt der Technik einzutauchen. Ist kein Hexenwerk, liebe Damen.


Es hat einige Anläufe gebraucht, bis ich das Konzept dieses einmal pro Quartal erscheinenden Magazins erahnte. Doch der Reihe nach. Allein der Name „smartWoman" ist verwirrend. Man liest ihn und denkt sich: „Ah, smartWoman, also ein Magazin für smarte Frauen." Dann schweift der Blick auf dem Cover umher und findet neben der jungen, schönen Frau das Titelthema: „Ihre ersten Schritte mit dem Smartphone—Kaufen, einschalten, loslegen". Auch gut: „Zielsicher—Mit dem Smartphone navigieren". Natürlich bietet die Wortkombination „smart Woman" durchaus Spielraum für Interpretationen, nur ging ich bislang davon aus, dass selbst unterdurchschnittlich mit Verstand gesegnete Personen wüssten, wie man eine PIN ins Handy tippt oder den Akku daran schließt—für smarte Frauen sollte das eigentlich locker machbar sein. Und wenn eine Frau wirklich smart ist und tatsächlich Erstkontakt mit einem Smartphone haben sollte, ist sie dann wirklich auf ein zusätzliches Magazin angewiesen, reicht ihr nicht die Bedienungsanleitung des technischen Geräts? Die sollen angeblich auch Bilder enthalten.

Zum Glück wird jedem Magazin ein Editorial vorangestellt, bei dem die Redaktion sich selbst und ihr Konzept den Leser_Innen vorstellt. Auf Seite 3 ist es dann auch so weit: „Willkommen bei smartWoman, dem Praxisheft für alle Frauen, die mitten im Leben stehen. Wir möchten Sie mit dieser viermal im Jahr erscheinenden Zeitschrift unterstützen, die Technik des Alltags zu bewältigen—sei es zu Hause, unterwegs, bei Ihrem Hobby oder in Ihrem Verein. In smartWoman bekommen Sie alles reich bebildert und in einfacher Sprache erklärt."

OK, nun sind wir im Bilde: smartWoman verfolgt einen Bildungsauftrag. Frauen, die mitten im Leben stehen, soll die Technik endlich verständlich gemacht werden... „reich bebildert und in einfacher Sprache erklärt", weil mit Fremdwörtern und abstraktem Denken haben es Frauen ja nicht so. Das Magazin müsste also richtigerweise „How to be a smart Woman" heißen. Unterhaltsames Lesevergnügen wünscht übrigens Projektleiter von smartWoman Holger Lehmann. Wer, wenn nicht Holger und Chefredakteur Jörg Hermann können mitten im Leben stehenden Frauen am besten erklären, wie man eine smarte Frau wird? Und was zeichnet eine smarte Frau mehr aus als die Fähigkeit, eine WhatsApp-Nachricht zu verschicken?

Und wenn die smarte Frau erst einmal dank Jörg und Holger gelernt hat, ein Smartphone zu bedienen, dann kann sie auch gleich lernen, wie man es richtig putzt ...

Zur Ehrenrettung der smartWoman-Redaktion muss gesagt werden, dass spätestens beim zweiten Durchblättern des Magazins oder bereits auf Seite 25 und der Anleitung, wie Frau richtig mit SIM-Karten hantieren soll, auffallen müsste, dass hier etwas nicht stimmt.

Niemand, nicht einmal Charlie Sheen, würde ein Magazin mit solchen Anleitungen füllen, wenn er es für Frauen konzipieren wollte, die wissen, was in der Welt so abgeht, die ihr Leben geschissen kriegen. Bei der Bezeichnung „mitten im Leben stehend" muss ganz offensichtlich das Problem der Äquivokation vorliegen. Es besteht eine Sachverschiedenheit bei Wortgleichheit, wir haben es hier mit einem Doppelsinn zu tun. Und tatsächlich: Wenn wir auf die Internetseite der WEKA Mediengruppe München gehen, die für dieses Sahnestück an Magazin verantwortlich ist, wird deren anvisierte Zielgruppe offenbar:

Sceenshot: Website von Weka


Gibt es überhaupt diese Zielgruppe von weiblichen, „aktiv" und „vielseitig" an Technik interessierten Leserinnen zwischen 50 und 65 Jahren, die dazu bereits „moderne Kommunikationsmittel im Alltag" nutzen, aber trotzdem ohne die Hilfe von smartWoman an Notebooks und Smartphones scheitern würden? Das klingt, als würde sich die WEKA Mediengruppe München ihre Zielgruppe selbst zusammenbasteln. Doch wir werden sehen; der mögliche Erfolg des frisch in den Kiosken ausliegenden Magazins wird als guter Indikator für den Existenznachweis der ominösen Frauengruppe dienen.

Mit „mitten im Leben stehenden Frauen" scheinen die Macher von smartWoman also jene zu meinen, die der böse Volksmund als „Muttis" oder „Kaffeetanten" bezeichnen würde und deren Auseinandersetzung mit moderner Technik sich auf das Ablesen des digitalen Preisschildes für ihre Coppenrath & Wiese-Schwarzwälderkirschtorte im lokalen REWE-Markt beschränken könnte. Obwohl, ... meine Oma trinkt auch gerne Kaffee und isst gerne Kuchen, ein Smartphone weiß sie trotzdem zu bedienen—und sie ist weit über das Alter von 50 bis 65 Jahren hinaus.

Wenn hier aber ein ganz spezielles Publikum der Apothekenrundschau-Abonnenten ins Visier genommen werden soll, warum wird es dann nicht auch im Magazin illustriert? Es gibt so viele Werbegesichter jenseits der 50, warum kommen sie bei smartWoman nicht zum Einsatz, sondern fast ausschließlich junge Frauen? Mut zur Ehrlichkeit. Auch weibliche Models jenseits der 50 haben neben der Werbung von Gebisshaftcremes ihre Daseinsberechtigung. Obwohl natürlich auch sie eine dicke, fette Lüge sind, denn selbst die wenigsten meiner jungen Bekannten sehen so frisch und strahlend aus wie die „reifen Damen" in den Magazinen. Dennoch sind selbst sie für smartWoman nicht modern und frisch genug, um das Motto zu transportieren: „Fahre Windows Vista hoch und fühle dich wieder jung wie früher!"

Was aber richtig nervt, ist der Name des Magazins. Wann ist es passiert, dass die Messlatte für Frauen, die als smart bezeichnet werden, so tief gesunken ist, dass es für sie ausreicht zu wissen, wie man ein Netzteil ans Notebook steckt? Kann sich jemand ein Magazin für Männer ab 50+ vorstellen, in dem 25-jährige Hipsterboys ihnen erklären, wie man die Teletextseite 303 aufruft, und das „smartMan" heißt? Als ernstzunehmendes Absatzmodell im Kioskregal ich jedenfalls nicht.

Paul hat mittlerweile gelernt Twitter zu bedienen, ihr könnt ihm folgen.