​Wie ein querschnittsgelähmter Syrer zum Nothelfer für Tausende Flüchtlinge wurde
Alle Fotos: Feliks Todtmann
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​Wie ein querschnittsgelähmter Syrer zum Nothelfer für Tausende Flüchtlinge wurde

Seine Nummer kennen tausende syrische Flüchtlinge—jeden Tag rettet Abu Amar Dutzende Leben. Von einem Elmshorner Krankenhauszimmer aus.
12 November 2015, 10:20am

„Hello, Abu Amar?", krächzt die Stimme aus dem Smartphone. Ein junger Mann, rund 3.000 Kilometer entfernt. Er möchte wissen, wann die beste Zeit zum Ablegen ist. „Wo bist du?", fragt Abu Amar auf Arabisch. An einem Strand bei Izmir, antwortet der Anrufer, seine Gruppe bestehe aus 39 Leuten, darunter Frauen und Kinder, das Schlauchboot stehe bereit, die Koordinaten schickt er per WhatsApp. Heute Nacht will die Gruppe versuchen, die griechische Insel Lesbos zu erreichen, nur wenige Kilometer vom türkischen Festland entfernt, doch um diese Jahreszeit beherrschen die Herbststürme das Mittelmeer. Innerhalb von Sekunden überprüft Abu Amar per App die Wind- und Wellenprognose für die Route. „Sieht gut aus für heute. Fahrt los, wenn es dunkel ist und schickt mir eure Koordinaten", sagt er. Einen kurzen Moment lang herrscht Stille, dann sagt der Anrufer: „Sei bei uns nachher, Abu Amar, bitte sei bei uns."

Mohammad Abu Amar, 31, geboren und aufgewachsen in Damaskus, verheiratet, Vater von zwei kleinen Kindern, von Beruf Stuckateur, ist momentan so etwas wie die Notrufzentrale für syrische Flüchtlinge, die über die Westbalkanroute nach Nordeuropa gelangen wollen. Die erste Adresse, bei der sie sich melden, wenn sie nicht weiterwissen—oder wenn sie selbst einen günstigen Weg, der etwa nicht bewacht wird, gefunden haben und weitergeben möchten. Ein Ein-Mann-Betrieb, der keine Arbeitszeiten kennt und niemals Pause macht. Beinahe im Sekundentakt klingelt eines seiner zwei Smartphones und Menschen, Tausende Kilometer entfernt, teilweise seit Wochen auf der Flucht, bitten ihn um Hilfe.

Während er täglich Flüchtlinge über den Westbalkan dirigiert, liegt Abu Amar allein in einem sterilen Zweibettzimmer im Krankenhaus von Elmshorn, einer Kleinstadt nördlich von Hamburg. Anfang Dezember 2012 erreichte der syrische Bürgerkrieg die Hauptstadt Damaskus. Abu Amar war auf dem Weg zur Arbeit, als neben ihm eine Panzergranate in ein Wohnhaus einschlug. Soldaten der syrischen Armee hatten sein Viertel in Damaskus—eine Hochburg der Aufständischen—unter Beschuss genommen. Ein Splitter drang in Abu Amars Wirbelsäule ein und verletzte sein Rückenmark, seitdem kann er seine Beine nicht mehr bewegen. Das war vor beinahe drei Jahren. Ein Arzt in Damaskus entfernte damals die Splitter und empfahl ihm, nach Europa zu gehen—in Syrien könne man ihm nicht mehr helfen.

Seine eigene Flucht aus Syrien führte ihn und seine Familie zunächst nach Ägypten, wo er—im Rollstuhl sitzend—, seine Frau, seine Mutter und seine beiden kleinen Kinder versuchten, mit einem Boot nach Italien zu kommen. Die ägyptische Polizei stoppte sie jedoch noch am Strand und steckte die ganze Familie für zwei Wochen ins Gefängnis. Danach stellten die ägyptischen Behörden sie vor die Entscheidung: Entweder sie gingen zurück nach Syrien, oder sie kämen in ein Flüchtlingslager in der Türkei. Sie entschieden sich für das Lager in der Türkei.

Der nächste Anrufer. Ein Mann hat über Nacht mit seiner Gruppe die Grenze zwischen Griechenland und Mazedonien überquert und möchte wissen, wohin sie jetzt gehen sollen. Abu Amar lässt sich ihren Standort schicken und sucht die nächstgrößere Stadt mit Busanbindung raus. „In Gevgelija fahren Busse nach Skopje. Von dort könnt ihr weiter nach Serbien." Die Koordinaten des unbewachten Grenzabschnittes postet Abu Amar in seine Facebook-Gruppen, für spätere Flüchtlinge.

Das Fluchthilfenetzwerk von Abu Amar funktioniert viral. Über seine privaten Facebook-Gruppen „Flucht und Migration ohne Schleuser" und „Die Marineorganisation für Retten und Helfen" erreicht er jeweils etwa 35.000 Leute, seine private Seite hat rund 7.000 Likes. Seine Telefonnummern verbreiten sich unter syrischen Geflüchteten in den Lagern im Libanon und in der Türkei per Mund-zu-Mund-Propaganda. Er hat mehrere WhatsApp-Gruppen mit Hunderten Mitgliedern, sortiert nach den verschiedenen Stationen der Fluchtroute. Sein WhatsApp zeigt 2.074 ungelesene Nachrichten an. Andere Menschen macht die Zahl im roten Feld schon im einstelligen Bereich nervös. Aber obwohl so viele Syrer ihn kennen, war er im Westen völlig unbekannt, bis er in der bewegenden Fluchtgeschichte eines Syrers auftauchte, die im New Yorker nacherzählt wurde.

Hinter jedem Nutzer steht meist eine Gruppe von Leuten, kaum jemand flieht allein—sodass sich die Zahl der erreichten Personen noch einmal potenziert. Die Idee dahinter: Flüchtlingen auf der Westbalkanroute eine Plattform zur Selbstorganisation zu geben, um die Abhängigkeit von Schleppern zu verringern. Sie teilen Informationen über die europäische Asylpolitik, unbewachte Grenzabschnitte, Patrouillen der Küstenwachen, über Hostels, die Geflüchtete aufnehmen, über Schleuser, Busverbindungen, Preise für Überfahrten, das Wetter. Abu Amar ist das Gehirn dieses Netzwerkes. Egal ob griechische Inseln in der Ägäis, die Wälder Mazedoniens, serbische Landstraßen oder ungarische Großstädte, Abu Amar weiß immer einen Rat.

„Vor zwei Tagen habe ich mitten in der Nacht einen Anruf erhalten von einem Boot, das auf dem Weg nach Griechenland vom Kurs abgekommen ist und langsam mit Wasser volllief", erzählt Abu Amar, während er die Aufnahme einer verzweifelten Frau vorspielt. Er hat sich ihre Koordinaten schicken lassen und zusammen mit einem Text, den er mit Google-Translator übersetzt hat, an die WhatsApp-Nummer der griechischen Küstenwache weitergeleitet. Um drei Uhr morgens kam die Nachricht im Krankenhaus in Elmshorn an: alle gerettet.

Wenn man ihn fragt, wie er zu seiner Berufung kam, erzählt Abu Amar folgende Geschichte: Im Juni 2013 waren er und seine Familie in einem Flüchtlingslager in der Türkei untergebracht. Er saß im Rollstuhl, konnte nichts machen. „Ich habe Geschichten gehört von Flüchtlingen, die auf dem Balkan ausgeraubt worden waren", erzählt Abu Amar, von Frauen, die von Schleppern vergewaltigt oder festgehalten und zur Prostitution gezwungen worden waren. Zudem verlangen Schleuser viele tausend Euro für Überfahrten von den Flüchtlingen. Also begann er, Karten zu studieren und die Routen der Schleuser nachzuzeichnen. Er las im Internet Berichte über die früheren Fluchtbewegungen von Afghanen und Irakern—und fand schnellere und sicherere Wege. Er gründete die erste Facebook-Gruppe und postete Karten mit günstigen Reiserouten.

Flucht und Migration gab es schon immer, doch die sozialen Netzwerke haben die die modernen Flucht- und Migrationsbewegungen grundlegend revolutioniert. Schon der Beginn des Arabischen Frühlings 2011 in Tunesien war geprägt von Facebook, Twitter und Co. Rianne Dekker und Godfried Engbersen, Soziologen an der Universität Rotterdam, schrieben bereits 2012, dass soziale Medien „Migrationsnetzwerke aktiv verändern und dadurch die Hemmschwelle für Migration senken." Menschen in Krisenregionen würden sich dank digitaler sozialer Netzwerke eher auf die lange, gefährliche Flucht begeben, da sie die Möglichkeit hätten, Kontakte nach Hause zu pflegen und sich in einer großen virtuellen Gruppe zu organisieren.

MOTHERBOARD: Das Reisebüro der Facebook-Schleuser

Abu Amars Community wuchs so schnell, dass sie zur Gefahr für die etablierten Schmuggler wurde. Schleuser in der Türkei fragten auf der Straße nach seiner Adresse, schickten ihm Morddrohungen, wollten ihn töten lassen. Abu Amar ist schlecht fürs Geschäft. Mehrfach wurden in seinen Facebook-Gruppen Nacktbilder gepostet, damit Facebook sie sperrt.

Wie vielen Menschen er in den vergangenen zweieinhalb Jahren bereits auf ihrer Flucht in den Norden geholfen hat, weiß er nicht. Er schätzt, dass es im Durchschnitt ein bis zwei Gruppen pro Tag waren, mit denen er direkten Kontakt hatte, jeweils mit 20 bis 30 Personen. Hinzu kommen die Leute, die sich spontan Informationen von einer seiner Seiten besorgen. Es müssen Zehn-, wenn nicht Hunderttausende sein.

Wieder klingelt das Telefon. „Wir sind in Belgrad am Busbahnhof. Welchen Bus müssen wir nehmen?", fragt die Stimme am anderen Ende. Abu Amar braucht nicht zu überlegen, er hat die meisten Verbindungen im Kopf. Er empfiehlt nach Zagreb zu fahren, um von dort weiter nach Österreich zu kommen. Der Weg durch Ungarn ist für syrische Flüchtlinge eine Sackgasse, seit die rechtspopulistische Regierung dort versucht, ihr Land mit Grenzzäunen abzuschotten. „Deutschland und Schweden sind die beliebtesten Ziele, alle wollen dort hin", erklärt der Fluchthelfer.

Er selbst hat die Westbalkanroute nie durchquert. Nach zwei Jahren in dem türkischen Auffanglager beschlossen er und seine Familie, im Sommer dieses Jahres noch einmal die Überfahrt mit dem Boot zu wagen. Sie gelangten nach Griechenland, und von dort mit gefälschten Pässen, die er für 13.000 Euro von einem griechischem Schleuser gekauft hatte, per Flugzeug nach Deutschland. Die Pässe habe er günstiger als üblich bekommen, sagt er. Der Schleuser hatte Mitleid mit dem jungen Familienvater im Rollstuhl. Er habe Syrien nie verlassen wollen, erklärt Abu Amar, der Großteil seiner Familie sei noch dort. Doch er hofft, in Deutschland die Behandlung zu kriegen, die er benötigt, um eines Tages wieder laufen zu können.

Sein Zimmer im Krankenhaus in Elmshorn ist spartanisch eingerichtet, obwohl er schon seit fast vier Wochen hier ist. Ein Koran, eine Gebetskette, eingeschweißte Datteln, das sind seine persönlichen Gegenstände. Das Essen im Krankenhaus könne er nicht essen, sagt Abu Amar, seine Frau bringt ihm täglich etwas, das sie selbst gekocht hat. Sie und die beiden sechs- und siebenjährigen Kinder haben eine kleine Wohnung in Elmshorn zugewiesen bekommen und besuchen ihn jeden Tag. Sie ist stolz—und sorgt sich zugleich um ihren Mann.

Denn der Stress ist enorm, auch emotional. Abu Amar sagt, er könne schon lange keine Nacht mehr durchschlafen. Ständig klingelten die Telefone. Die Menschen verlassen sich auf ihn, er trägt Verantwortung über Leben und Tod. „Wenn Dich jemand anruft und sagt, wir ertrinken gleich, dann kannst du nicht abschalten." Todesfälle gebe es jeden Monat. Einmal erhielt er eine Nachricht von einem Boot aus der Ägäis, das bereits gesunken war, den Anrufer konnte er nicht mehr erreichen, was mit den Menschen an Bord geschehen ist, weiß er bis heute nicht. Zeit innezuhalten, hat er auch nach einem solchen Unglück nicht, ständig kommen neue Anfragen. Abu Amar schreibt wieder Nachrichten, sucht Routen, übersetzt und teilt die neuesten Nachrichten über Grenzschließungen auf dem Balkan.

Seit Kurzem erhält Abu Amar Hilfe von einer Handvoll Exilsyrer aus Schweden, aus Dänemark und aus Deutschland. Eigentlich will er sich ganz auf seine Genesung, seine Physiotherapie konzentrieren. Seine Plan für die Zukunft ist, wieder laufen zu lernen. Deswegen wünscht er sich professionelle Unterstützung durch eine internationale Hilfsorganisation: „Es ist einfach etwas anderes, ob ich bei der griechischen Polizei anrufe, oder das Deutsche Rote Kreuz das tut." Projekte wie das „Watch The Med Alarm Phone" unterstützen bereits Bootsflüchtlinge über den gesamten Mittelmeerraum, wenn sie in Seenot geraten—doch sie sind kaum vergleichbar mit Abu Amars weitverzweigtem Fluchthilfe-Netzwerk.

Als wir uns von Abu Amar verabschieden, weht der Herbstwind vor dem Fenster die gelben Blätter in die Dämmerung. An einem Strand bei Izmir besteigen gerade 39 Menschen ein kleines Schlauchboot. Der Wind ist günstig für die Überfahrt. Abu Amar ist bei Ihnen. Er wird bald die griechische Küstenwache informieren, aber nicht zu früh—sonst besteht Gefahr, dass sie das Boot zurück in die Türkei schleppen.