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Wir haben mit einem peruanischen Ayahuasca-Schamanen über ahnungslose Touristen gesprochen

Inmitten des Ayahuasca-Tourismus-Booms wollten wir herausfinden, wie es einem lokalen Schamanen ergeht, der mit der bewusstseinserweiternden Medizin Krankheiten behandelt.

von Didem Tali
07 Juni 2016, 4:00am

Das ist Victor in seiner Schamanen-Praxis | Alle Fotos: bereitgestellt vom Autor

Ayahuasca ist den meisten Menschen inzwischen schon ein Begriff. Die halluzinogene und medizinische Pflanze wird vor allem von indigenen Völkern in Mittel- und Südamerika genutzt und soll eine heilende Wirkung besitzen. Andere würden jedoch eher behaupten, dass es sich dabei um ein Kraut handelt, das einen ausflippen und intensiv kotzen lässt. Da sich inzwischen auch Tausende Außenstehende für die Pflanze sowie die Tradition dahinter interessieren, hat sich das Ganze in eine Art Heimgewerbe voller Opportunisten verwandelt.

Als ich in Peru unterwegs war, habe ich mich mit Victor Cauper Gonzales getroffen. Victor ist ein 55 Jahre alter Schamane aus Pucallpa, der dort vor allem dafür bekannt ist, komplizierte Krankheiten zu heilen. Sein Arbeitsethos ist vorbildlich und er behandelt niemanden, der nicht ernsthaft krank ist. In unserem Gespräch ging es dann um verschiedene Themen: die sieben Jahre, die er vor seinem Schamanen-Dasein im Dschungel verbracht hat, die Gefahr, die von Pfuschern ausgeht, und die Folgen, die der Ayahuasca-Tourismus-Boom für seine Heimatstadt hat.

VICE: Hey Victor. Wie kam es, dass du Schamane werden wolltest?
Victor Cauper Gonzales: Vor 36 Jahren fasste ich den Entschluss, Schamane zu werden. Damals studierte ich gerade Grundschullehramt. Der Schamanismus hat in meiner Familie auch Tradition: Mein Großvater war ein berühmter Schamane und hat mir viele Dinge beigebracht. Er nahm immer Ayahuasca und reiste so an verschiedene Orte und auf verschiedene Planeten. Die Erkenntnisse, die er dort dann machte, teilte er mir immer mit.

Du bist also quasi in die Fußstapfen deines Großvaters getreten?
Trotz meiner Kindheit entschied ich mich zuerst für ein normales Studium. An der Universität wurde ich jedoch nie richtig glücklich, weil ich tief in mir drin trotzdem immer wusste, dass ich dazu bestimmt war, die Familientradition fortzuführen. Deswegen habe ich mein Studium dann abgebrochen und bin alleine in den Dschungel gegangen, wo ich sieben Jahre lang gelebt habe—und zwar komplett ohne Geld oder andere Besitztümer. Aber ich habe genauso wie unsere Vorfahren überlebt, indem ich einfach nur die Pflanzen gegessen und gefischt habe. Nach sieben Jahren wusste ich dann, dass ich dazu bereit war, ein Schamane zu werden und andere Menschen zu heilen.

Hat dich dabei irgendjemand ausgebildet?
Nein. Zwar kann ein Meister, der einem den Weg aufzeigt, sehr wichtig sein, aber als Schamane braucht man vor allem Intuition und Geduld. Man muss in der Lage sein, eine Verbindung zu den Pflanzen herzustellen. Und genau das muss man Schritt für Schritt selbst erlernen. Wenn man das nicht kann, ist selbst die beste Ausbildung nutzlos.

Wie sah deine erste Erfahrung mit Ayahuasca aus?
Im Dschungel folgte ich einem sehr strengen Ernährungsplan. Dabei habe ich mich auch mit allen medizinischen Pflanzen beschäftigt und ganz alleine überlebt. Eine Ayahuasca-Lebensweise gibt vor, dass man komplett auf Zucker, Salz, Alkohol sowie Sex verzichtet. So konnte ich mich komplett dem alten Wissen widmen, das mir von meinen Vorfahren übermittelt wurde. Die sieben Jahre im Dschungel waren jedoch nur so etwas wie meine Vorbereitung, denn damals habe ich noch kein Ayahuasca konsumiert.

Als ich mich endlich dafür bereit fühlte, sollte sich zeigen, dass sich die lange Wartezeit wirklich gelohnt hatte, weil mich die Erfahrung richtig umgehauen hat. Da ich meinen Körper und meinen Geist vorher so lange so gut vorbereitet hatte, war es mir schon bei meinem ersten Ayahuasca-Konsum direkt möglich, in andere Zeiten und Dimensionen zu reisen. Ich konnte mich mit dem Geist meines Großvaters verbinden und auch mit den Geistern der Pflanzen reden. Seit diesem Tag ist Ayahuasca ein unglaublich wichtiger Bestandteil meines Lebens.

Inzwischen kommen eine Menge Touristen nach Peru, um Ayahuasca zu nehmen, und manchmal bereiten sie sich dabei kein bisschen darauf vor. Was hältst du von dieser Entwicklung?
Das ist extrem gefährlich. Zum einen gibt es da die Reisenden, die sich auskennen und über die gesundheitlichen Vorteile dieser Medizin Bescheid wissen. Zum anderen kommen jedoch auch viele Touristen hierher, für die Ayahuasca nur eine interessante Möglichkeit darstellt, in den Rauschzustand versetzt zu werden. Wenn man sich allerdings nicht vorbereitet, sich nicht an die Vorgaben hält und eigentlich gar nicht weiß, auf was man sich da einlässt, dann bringt einem der Ayahuasca-Konsum sowieso keine Vorteile. So kommt es auch, dass viele Menschen schlechte Erfahrungen machen.

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Es wird ganz häufig angenommen, dass Ayahuasca eine Droge ist, aber das entspricht gar nicht der Wahrheit. Ayahuasca ist nämlich eine extrem starke Medizin, die zwar viele Krankheiten heilen kann, aber dennoch verantwortungsbewusst eingenommen werden muss. Außerdem braucht man dabei auch Geduld, weil es nötig ist, dass der ganze Prozess langsam, schrittweise und bewusst abläuft. Die meisten meiner Patienten haben Ayahuasca über einen langen Zeitraum hinweg Dutzende Male genommen. Viele Menschen bringen jedoch nicht so viel Geduld mit, weil sie beispielsweise in den Urlaub fahren und deswegen schnell gesund werden wollen. Geduld ist beim Ayahuasca-Konsum aber eines der Kernelemente.

Wenn du das Ganze mit deinen Anfängen als Schamane vergleichst, was hat sich dann verändert?
Inzwischen hat sich um Ayahuasca herum eine ganze Industrie entwickelt. Vielen Leuten aus der westlichen Welt ist klar geworden, dass sie damit eine Menge Geld verdienen können. So werden auch viele Ayahuasca-Zentren von genau diesen Leuten geleitet. Irgendwie lässt sich das auch ganz gut mit dem illegalem Bergbau vergleichen, weil sie einfach so herkommen, unser jahrhundertealtes Wissen stehlen und daraus Profit schlagen.

Als ich mit dem Ganzen anfing, ging es bei der Ayahuasca-Kultur vor allem darum, Diagnosen zu stellen und Menschen zu heilen. Jetzt gibt es jedoch verschiedenste Unternehmen, die das alles kommerzialisieren und damit auch verderben.

Die Schamanen-Kurse setzen dem Ganzen jedoch die Krone auf. Ich meine, die Teilnehmer kommen hierher, schreiben sich ein, absolvieren dann ein paar Kurse, bekommen vielleicht ein Zertifikat und nennen sich dann "Schamane". Anschließend behandeln sie andere Menschen, was unglaublich gefährlich ist. Man kann innerhalb von zwei Wochen nicht zum Schamanen ausgebildet werden. Ein Medizinstudent ohne Wissen oder richtiges Equipment darf doch auch nicht schon nach zwei Wochen operieren.

Richtig. Was motiviert dich dazu, trotz dieser vielen Veränderungen weiterzumachen?
Leute zu heilen, ist für mich unglaublich befriedigend. Manche meiner Patienten haben schon jegliche Hoffnung verloren, weil ihnen die moderne Medizin nicht mehr weiterhelfen kann. Also kommen sie zu mir. Ich habe dabei schon Leute mit Krebs, AIDS, Diabetes, Tumoren, Magenproblemen und so weiter behandelt. Die meisten von ihnen bleiben dann auch noch weiter mit mir in Kontakt und berichten von ihren Fortschritten. Außerdem rufen mich die dazugehörigen Familien an, um sich bei mir zu bedanken. Das ist ein tolles Gefühl.

Welche Menschen kommen zu dir, um sich behandeln zu lassen?
Früher waren es nur Leute von hier, aber im Laufe der letzten drei Jahre sind auch viele Auswärtige dazugekommen. Da ich keine Website oder Ähnliches habe, weiß ich jedoch nicht, wie Menschen aus China oder Tschechien überhaupt auf mich aufmerksam werden. Wahrscheinlich durch Mundpropaganda.

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Gibt es auch Leute, die du nicht behandelst?
Ich kümmere mich ausschließlich um Menschen mit ernsthaften körperlichen Leiden. Wer nur auf der Suche nach einem übersinnlichen Rausch ist, braucht gar nicht erst herkommen. Meine Pflanzen sagen mir direkt, wer Ayahuasca wirklich nötig hat und wer nicht.

Dich würde ich zum Beispiel nicht behandeln, denn die Geister der Pflanzen sagen mir, dass dein Körper völlig in Ordnung ist. Du bist vielleicht bisschen verwirrt und hast ein paar emotionale Probleme, aber das ist nicht weiter schlimm. Du brauchst kein Ayahuasca.

Nun, welcher junge Mensch zwischen 20 und 30 ist denn nicht ein wenig verwirrt und hat keine emotionalen Probleme?
Genau. Man kann eine Blume auch nicht dazu zwingen, aufzublühen. Irgendwann wird sie das von selbst tun. Durch Ayahuasca ist man nicht plötzlich zehn Jahre reifer. Im Leben muss man eben gewisse Dinge selbst lernen und erleben.

Vielen Dank für das Gespräch, Victor.