Von der Angst, erwachsen zu werden

Irgendwo zwischen mehr wollen, nicht genug wollen und der Angst vor Langeweile.

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27 September 2015, 4:00am

Foto: Public Domain | CC0 1.0

Ich kann jetzt Dinge unterzeichnen. Eigentlich kann und darf ich das schon ein paar Jahre, aber inzwischen ist es nicht mehr nur irgendein Wisch wie eine halbherzige Entschuldigung für Fehlstunden. Heute geht es um mehr. Wichtiges. Verträge. Diese Richtung.

Verantwortung ist so ein großes Wort, niemand will das wirklich. Vor allem will man sie nicht für etwas übernehmen, das so kaputt ist wie man selbst. Trotzdem entkommt man ihr ab einem gewissen Punkt einfach nicht mehr ganz.

Die Zwanziger sind so ein Punkt—und gleichzeitig auch eine ziemlich komische Phase im Leben. Mit 18 ist man zwar auf dem Papier volljährig, aber so richtig gilt das erst nach dem Ausflattern in die erste eigene Wohnung. Dann ist man die meiste Zeit damit beschäftigt, Dinge zum ersten Mal zu machen—und wenn es etwas gibt, wovon man in seinen frühen Zwanzigern genügend hat, dann sind das erste Male.

Noisey weiß, wie man sich mit Mitte Zwanzig auf einem Festival verhält.

Dazu zählen auch Dinge, die man zuvor einfach nicht tun durfte. Drinnen rauchen, Pizza um 3:00 Uhr morgens machen oder einfach nicht mehr aufräumen. Das sind Momente, in denen du dir unfassbar sicher bist, dass deine Zwanziger die beste Zeit deines Lebens sein müssen. Und vielleicht sind sie das auch, vielleicht wird's echt nicht besser. Es gibt aber auch viele andere erste Male, die einen immer ein bisschen nervös werden lassen—wegen der Verantwortung.

Das erste Mal einen Mietvertrag unterschreiben, das erste Mal selbst dafür sorgen, irgendwie dem Hungertod zu entkommen, das erste Mal eigenhändig ums Internet kümmern, das erste Mal mit Leuten pudern, mit denen man lieber nicht gepudert hätte. Und am Ende allein dafür einstehen müssen. Oder eben davor drücken.

Hauptsächlich geht es in den Zwanzigern darum, irgendwie mit diesem plötzlichen Erwachsensein klarzukommen, sich selbst Fragen zu stellen und—je nach Möglichkeit—zu versuchen, sie zu beantworten. Wo will ich mit meinem Leben hin? Planen oder passieren lassen? Bin ich jetzt alt? Ist es das jetzt? Kommt da noch was?

Vielleicht könnte ich meine Zwanziger auch dafür verwenden, die „Welt zu sehen". Das ist doch das, was einem diese ganzen Listen mit „20 Dingen, die man in seinen Zwanzigern machen sollte" immer so energisch befehlen: Aus seiner Komfortzone rausgehen und reisen, weil das ja das einzige ist, das einen reicher macht, obwohl man dafür zahlt, oder so.

In Wahrheit habe ich aber gar nicht das Gefühl, ich sollte diese Dinge so schnell wie möglich machen—oder sie überhaupt machen. Sollte ich wollen? Sollte ich jetzt schon wollen? Ich will ja wollen, aber mit der Vorstellung, ich müsste meine Zwanziger „auskosten" kann ich mich nicht so recht anfreunden. Dinge tun, „solange man noch kann", das hört sich für mich einfach mehr nach „erledigen" und „abhaken" als nach „leben" an.

Ich will mich nicht wegen jedem #travel-Hashtag in meiner Timeline schlecht fühlen müssen, weil ich meinen Sommer nicht auf Bora Bora verbracht habe. Als wäre Reisen das einzig wirklich Sinnvolle, mit dem man seine Zeit verbringen kann, ohne etwas zu verpassen. Wie lange musstet ihr eigentlich nach „Travel Quotes" googlen, um diese Hashtags zu finden?

Selbstgemacht

Ins Ausland gehen, mit dem Rucksack unterwegs sein, alles abgreifen, was geht, und am besten irgendwann ein paar Jahre nach Australien oder Asien ziehen, weil man sonst eigentlich gar nichts weiß, alles irgendwie ausprobieren, große Ambitionen haben, Herzblut fließen lassen. Brennen. Später dann Haus-Kinder-Hochzeit. Leben fertiggespielt.

Das Problem ist nicht mal, dass die anderen wollen, dass ich verreise oder so—sie wollen vielmehr, dass ich es will. Und irgendwie will man ja auch selbst wollen, aber die anderen wollen es immer ein bisschen mehr.

Dieses mulmige Gefühl, auch wollen zu müssen. Manche von uns sind von Natur aus ehrgeizig und wollen alles und noch mehr, andere wiederum sind glücklich dabei, schon mit 20 ungefähr zu wissen, wie ihr restliches Leben verlaufen wird. Ich bin wahrscheinlich irgendwo dazwischen, weil ich beide Typen nie so wirklich verstanden habe, aber für die letztere Art Mensch empfand ich immer so was ähnliches wie Mitleid, weil ich dachte, sie könnten nie wirklich glücklich werden, ohne je zu wissen, was es sonst noch gibt.

Leute, mit denen ich in der Schule war, sind jetzt Eltern. Allein wie bizarr ich diese Tatsache finde, zeigt mir, wie viel weniger erwachsen als die ich wohl sein muss.

Sie nehmen Jobs an, mit denen sie sich abfinden, setzen sich in Nester, die ihnen vorgebaut werden, und lieben Menschen, die auch nicht viel mehr wollen als sie selbst. Sie nehmen den einfachen Weg. Vielleicht liegt da aber mein Problem—vielleicht ist es eben auch OK, nicht mehr zu wollen. Vielleicht haben die es begriffen, und sind mit dem, was sie haben, zufrieden genug, um sich nicht so gegensätzliche Gedanken zu machen wie ich. Die zerbrechen sich sicher nicht darüber den Kopf, ob sie vielleicht mehr wollen sollten oder andere vielleicht zu wenig wollen.

Menschen, mit denen ich gemeinsam in der Schule war, sind heute Eltern. Eltern mit Kindern, die gern spazieren gehen und ein eigenes Familienleben haben. Menschen, mit denen ich beim Rauchen erwischt wurde, schulen also inzwischen ihre Kinder ein. Allein, wie bizarr ich diese Tatsache finde, zeigt mir selbst, wie viel weniger erwachsen als die ich wohl bin. Nicht mal, wenn ich selbst Kinder wollte, könnte ich schon mit Anfang 20 welche haben. Andererseits waren meine Eltern im selben Alter, als sie mich bekommen haben und das musste ja auch mehr oder weniger funktionieren.

Foto via VICE Media

Diese ganze Geschichte mit dem Heiraten, Kinder kriegen, Familie gründen—ich weiß nicht, ob man das macht, weil man es wirklich will, oder weil man einfach denkt, es wäre mit Mitte 20 langsam an der Zeit dafür, ob man nun will will oder nicht.

Aber unabhängig davon, ob gewollt oder nicht—sind diese Leute jetzt eigentlich erwachsen? Also, so richtig? Wenn es tatsächlich so etwas Ähnliches gibt wie einen Punkt, ab dem man das ist, dann ist es wohl der, ab dem man selbst ein Kind hat. Oder man fühlt sich ab dann einfach dazu verpflichtet, dem eigenen Sprössling eine erwachsene Rolle vorzuspielen—zumindest eine, die das Kind als „erwachsen" definieren würde, bis es selbst älter wird und uns durchschaut.

Genau das ist mein Problem damit: Ich höre da nur „sollte, könnte, müsste eigentlich". Das ist alles so langweilig. Davor haben wir beim Erwachsenwerden wohl die allergrößte Angst—Langeweile. Dass nichts mehr wirklich aufregend sein könnte.

Es gibt Dinge, von denen ich dachte, sie würden sich ändern, wenn ich volljährig bin. Abgesehen vom Dürfen kommt nach 18 aber nicht mehr viel. Mit 21 kann man vielleicht noch internationale Volljährigkeit feiern, in Wahrheit bleibt aber eigentlich alles ziemlich gleich. Wir verhalten uns so, wie wir glauben, dass wir uns verhalten sollten, leben in diesem Muster, das wir von klein auf als „Erwachsensein" vorgeführt bekamen, und versuchen irgendwie, Sinn zu finden und Sinn zu ergeben. Wir spielen Erwachsensein.

In den Zwanzigern redet man sich gerne ein, das eigene Leben wäre noch im Loading ...-Stadium, quasi die unfertige Beta-Version von einem selbst. Die finale Version wird irgendwann schon noch kommen, ihr Narren. Immerhin wachse ich noch! Ich schaue mich gerade erst um, was das Leben für mich bereit hält, ich muss mich noch nicht niederlassen, mich für nichts Festes, nichts Endgültiges entscheiden. Alles locker.

Wenn es nun aber doch nicht so ist, und wir so bleiben, wie wir jetzt sind, und wir nie wirklich an den Punkt kommen, an dem wir alles verstanden haben? Wenn da keine Entwicklung mehr kommt und wir umsonst auf ein Update warten? Wenn das schon alles ist?

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Sich alles offen zu lassen, heißt wahrscheinlich auch, ein paar der guten Türen damit zu verschließen. Indem wir keine Wahl treffen, treffen wir eine Wahl. Für nichts Bestimmtes. Und irgendwo zwischen nicht mehr wollen und eben doch mehr wollen haben wir jegliche Orientierung darüber verloren, wer zur Hölle wir sind und wie wir jetzt eigentlich sein sollten.

Vielleicht ist man auch einfach erwachsen, sobald man anfängt, seine Kindheit zu vermissen. Trotzdem irren wir die meiste Zeit völlig planlos durch die Gegend, in der Hoffnung, das zu finden, was uns brennen lässt—und das Beruhigende daran ist, dass es irgendwie allen so geht.

Franz ist noch lange nicht erwachsen: @FranzLicht

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