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Sex

​Was ich von 'Sex and the City' gelernt habe

Was lehrt uns diese Serie über New Yorker Single-Frauen auf der Suche nach der großen Liebe und großen Lovern?

von Verena Bogner
09 November 2015, 11:40am

Foto von VICE Media

Sex and the City ist wahrscheinlich die Serie, die ich in meinem Leben am öftesten gesehen habe. Seit Jahren studiere ich die Weisheiten von Carrie, Miranda, Charlotte und Samantha eingehend und hoffe gleichzeitig, dass nicht alles, was in SATC passiert, auch im echten Leben möglich ist. Und falls doch jemand mit mir auf einem Post-it Schluss machen sollte, dann gnade ihm Gott. An dieser Stelle ein herzliches "Fick Dich" an Jack Berger.

Auch wenn es kitschig klingt, fühle ich mich als junge Frau in einer großen Stadt von SATC irgendwie verstanden. Weniger wegen der Tatsache, dass man in New York als Journalistin offenbar für jedes getippte Wort sieben Dollar verdient und sich als Kolumnistin einen Schrank voller Manolo Blahniks leisten kann, sondern weil SATC – zugegebenermaßen überspitzt, aber einfach verdammt lustig – zeigt, wie manche Frauen ticken können, in all unserem Wahnsinn und unserer Zauberhaftigkeit. Auch wenn die Serie in mancher Hinsicht mittlerweile veraltet und auch ein bisschen reaktionär daherkommt. Aber dazu unten mehr.

Jedes Mal, wenn ich einen SATC-Marathon mache, merke ich, wie ich mir die Sprache von Carries Erzählerstimme aneigne. Und so kam ich nicht umhin, mich zu fragen ... Was lehrt uns diese Serie über New Yorker Single-Frauen auf der Suche nach der großen Liebe und großen Lovern?

Sex ist wichtig

Natürlich spielt Sex in einer Serie, in der das Wort im Titel vorkommt, eine große Rolle. Aber die Serie zeigt auch, wie wichtig Sex für zwischenmenschliche Beziehungen und das eigene Seelenheil ist. Als Carrie eine kleine Trockenzeit durchlebt, nimmt sie eine ganze Zugreise auf sich, um sich endlich wieder mal von Mr. Big durchbumsen zu lassen (und die Lesung, zu der sie eigentlich muss, rückt völlig in den Hintergrund). Als Charlotte mit Trey verheiratet ist, zerbricht ihre Ehe an seinen Erektionsstörungen. Und dass Sex für Samantha lange Zeit die wichtigste Sache der Welt ist, muss ich wohl niemandem erzählen, der diesen Artikel liest.

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SATC lehrt uns, dass es das Normalste der Welt ist, dass Frauen am Frühstückstisch über Tea-Bagging, Schwanzgrößen oder "Lochus Lingus" reden, manchmal einfach nur bumsen wollen und dazu nicht immer die große, alles verzehrende Liebe suchen. Die Frauen aus SATC nehmen sich alles, was sie wollen, haben keine Angst vor Liebe und auch keine Furcht vor Sex ohne Liebe. Und das Wichtigste: Sie sagen es so laut, dass man es nicht überhören kann. Davon sollten wir uns alle eine Scheibe abschneiden.

Freundschaft ist wichtiger

In einer Folge sinniert Carrie über das Wort "Soulmate". Sie überlegt, ob man wirklich jemals seinen Seelenverwandten finden kann und wer denn eigentlich ihrer ist. Mr. Big ist es zu dieser Zeit jedenfalls noch nicht. Und da Carrie prinzipiell den Großteil ihrer Zeit damit verbringt, über Männer nachzudenken (was wohlgemerkt an sich nicht sonderlich emanzipiert ist), vergisst sie dabei völlig, dass sie ihre drei Seelenverwandten schon längst gefunden hat, als Dauerwellen und Schulterpolster noch in waren.


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Charlotte drückt es ziemlich treffend aus, wenn sie sagt: "Was, wenn wir füreinander nun Seelenverwandte wären und wir die Männer einfach die tollen Jungs sein lassen, mit denen wir Spaß haben?" Worum sich SATC nämlich eigentlich dreht, sind nicht die Männer. Während der 94 Folgen kommen (no pun intended) und gehen ziemlich viele Männer, die Freundinnen bleiben jedoch – und begleiten sich gegenseitig durch jeden noch so absurden Scheiß. Egal, ob Miranda von einem Toten versetzt wird, Carrie wegen Big ihre Beziehung mit Aidan völlig in den Graben fährt oder Samantha gegen den Brustkrebs kämpft, die wohl wichtigste Sache, die man von den New Yorkerinnen lernen kann, ist wohl, dass mit richtig guten Freundinnen alles gleich ein bisschen weniger beschissen ist.

Wir können froh sein, dass die 90er vorbei sind

Zugegeben, in SATC wirken die 90er ziemlich super. Der Großteil der Outfits ist gleichermaßen absurd wie fabulous und so schön klischeehaft 90s-Style, dass ich mir manchmal wünsche, diese Mode würde endgültig ihren Weg zu uns zurück finden (und das nicht nur in Form von neonfarbener Modeketten-Designs).

Die Mode ist aber so ziemlich das einzige, das ich mir aus den 90ern zurücksehne. Ja, SATC war wahrscheinlich eine bahnbrechende Serie, da sie selbstbewusste und starke Frauen zeigt, die offen mit ihrer Sexualität umgehen. Nichts desto trotz darf man nicht übersehen, dass vieles an der Serie veraltet und aus heutiger Sicht reaktionär ist. Wenn die vier Freundinnen beispielsweise beim Essen sitzen und Samantha etwas über Sperma erzählt, kommt es nicht nur einmal vor, dass Carrie "der Appetit vergeht" und sie die anderen bittet, sofort das Thema zu wechseln, denn schließlich sitze man hier beim Essen. Hier hört zumindest in SATC die sexuelle Offenheit auf, was sehr schade ist. Aber für eine Serie, die sich schon damals mehr auszusprechen getraut hat, als andere heute zu denken wagen, ist das auch völlig in Ordnung.

Gestört sein ist völlig normal

In SATC werden Frauen so gezeigt, wie viele von uns sind: Emotional, selbstsicher, verletzlich, aber auch selbst in der Lage, egoistisch zu sein, und nicht zu vergessen: wahnsinnig. Wenn Carrie auf Aidans Landhaus völlig durchdreht, weil sie ein Eichhörnchen gesehen hat, sich zu Tode schämt, weil sie vor Big gefurzt hat oder einem Mann in den Mund heult, schäme ich mich zwar bei jedem Ansehen wieder ein bisschen fremd.

Trotzdem sind diese Ausraster nur eine Analogie für jeden irren Moment, den meine Freundinnen oder ich jemals hatten. Ich drehe zwar nicht durch, wenn ich ein Eichhörnchen sehe, aber kann schon mal ausrasten, wenn jemand zu laut kaut. Oder zu laut atmet. Wir alle handeln manchmal irrational und vor allem sind wir nicht allein damit. Irgendwann treffen wir alle den Menschen, der kein Eichhörnchen auf dem Fensterbrett sitzen hat oder weiß, wie man wie ein normaler Mensch kaut.

Es kommt nicht auf klischeehafte Eigenschaften an

In einer Folge verknallt sich Charlotte in einen Typen, der sie in einer Bar vor einem Typen verteidigt, der sie offensichtlich belästigt. Charlotte denkt, er sei ein Beschützer und würde sich für sie einsetzen wie ein echter Mann. Bei ihrem nächsten Date in einem Restaurant schlägt er einen Gast nieder, der Charlotte versehentlich rempelt und ihr wird klar, dass ihr Angebeteter kein tapferer Traummann ist, der seine Geliebte verteidigt, sondern schlicht und einfach ein aggressiver Schlägertyp.

Am Ende von Charlottes Geschichte kommt es nicht auf vermeintlich ritterliche, männliche Eigenschaften an, von denen man versucht ist, sie zu idealisieren – eine Lektion, die wir alle irgendwann lernen müssen. Es ist egal, was im Lebenslauf eines Menschen steht, ob er besonders "männlich" ist oder ob er einen Urwald aus Haaren auf seinem Rücken hat, solange man sich schlicht und einfach gegenseitig versteht.

Es gibt für jeden Topf einen Deckel

Die beruhigendste Erkenntnis aus SATC ist, dass es für jeden von uns so etwas wie den fast perfekten Partner gibt. Auch wenn die Suche danach – und in Zusammenhang damit auch die Suche nach sich selbst – ein mühsamer Kampf voll von ermüdender und anstrengender Scheiße sein kann, finde ich die Hoffnung und den Glauben daran irgendwie angenehm. Und es ist völlig egal, ob man am Ende mit Mr. Big, dem eineiigen Vater des ungeplanten Kindes oder – so wie Samantha – ganz einfach mit sich selbst glücklich wird. Hauptsache man wird es.

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