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The True Crime Issue

Auf der Suche nach einem mexikanischen Auftragskiller

Er war bisexuell und seine bevorzugte Waffe war eine Uzi, mit der er seine Opfer bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt hat.
1.12.14

Wir waren hinter einem Mann her, der sich dafür bezahlen ließ, Menschen zu ermorden. Er war bisexuell und seine bevorzugte Waffe war eine Uzi, mit der er seine Opfer bis zur Unkenntlichkeit verstümmelte. Er wurde von einer mächtigen Organisation bezahlt, die viel Geld besaß, aber auch viel zu verlieren hatte. Und eines Tages saß ich in Denver in meinem verbeulten Subaru und überwachte die Wohnung seiner Freundin, in der Hoffnung, dass er irgendwann auftauchen würde, aber insgeheim hoffend, dass er es nicht tat.

Ihre Wohnung befand sich im ersten Stock eines Wohnblocks am Rande der Stadt. Dahinter erstreckte sich unter einem Schleier von Smog die Ebene bis hin zu den Bergen. Jeden Nachmittag parkte ich meinen Wagen vor ihrem Haus. Meine Freundin hatte mich ein paar Monate zuvor verlassen und ich wohnte in einem Motel im Schatten der Flatirons. Aber auch wenn mir klar gewesen wäre, was für ein Risiko ich eingehen würde, hätte ich es vermutlich getan. Ich war ein junger und unerschrockener Chronist der Taten anderer, und diese Eigenschaften hat mein Chef sicher sofort als hilfreich für seinen Nebenjob erkannt, bei dem er manchmal Unterstützung brauchte. Christof und ich arbeiteten zusammen in einem Resozialisierungszentrum für verurteilte erwachsene Straftäter aus der Strafanstalt von Cañon City. Nebenher betrieb er außerdem eine Kopfgeldjäger-Agentur, die Leute verfolgte, die furchtbare Dinge getan hatten. Auf den Verbrecher, den wir suchten, war ein Kopfgeld von 250.000 Dollar ausgesetzt.

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Seine Freundin war zehn Jahre älter als ich. Sie trug Trainingsanzüge von Nike und ihre langen dunklen Haare zu einem Zopf geflochten auf dem Rücken. Von meinem Aussichtsplatz, den ich jeden Nachmittag mit meinem Auto einnahm, hatte ich einen direkten Blick auf ihr Profil, während sie auf der Couch saß und fernsah. Aufgrund der Tageszeit nahm ich an, dass sie Soaps schaute. Sie telefonierte auch häufig und zog das Telefonkabel aus der Küche hinter sich her. Etwa einmal in der Stunde stand sie auf und holte sich einen Joghurt, einen Teller Cracker oder ein Getränk aus der Küche. Meistens sah sie fern, telefonierte und las gleichzeitig. Manchmal legte sie auf, legte die Zeitschrift zur Seite und ging ins Badezimmer.

Ich starrte auf die Tür und wartete. Inzwischen hatte ich mich daran gewöhnt. Aber eigentlich war nicht ich es, der wartete, sondern mein anderes Ich, Christofs Partner mit dem falschen Namen. Ich hatte das Gefühl, ich würde mich selbst genauso beobachten wie meine Figuren im Buch; nur dass es sich hier um echte Menschen mit echten Waffen handelte, und das war gefährlich, denn diese Menschen hätten etwas dagegen, wenn sie wüßten, dass sie beobachtet wurden.

Ein Halbmond bestrahlte schwach die Bucht von Olas Alta. Ich lehnte mich auf eine Ufermauer und beobachtete die Ratten im milden Schummerlicht am Strand. Christof stand neben mir, in seinem weißen Leinenanzug. Er war etwa 1,80 Meter groß und wog 100 Kilo, und sein Cowboyhut aus Stroh saß schräg auf seinem Kopf. Im Dunkeln sah sein Schnauzbart noch schwärzer aus als sonst. Er zitierte ein Gedicht von Neruda auf Spanisch.

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Es wäre einfacher gewesen, wenn wir unseren Killer in Denver aufgespürt hätten, aber die US-Marschalls hatten uns informiert, dass er in Mazatlán gesehen worden war, das außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches lag, aber nicht außerhalb des unseren. Wir wollten ihn finden, seinen Aufenthaltsort an Christofs mexikanische Freunde weitergeben, die ihn fangen, fesseln und auf ein Boot bringen würden, das ihn die Küste hoch nach San Diego schippern würde, wo die US-Marschalls und die Drogenbehörde ihn in Empfang nehmen konnten. Die sechsstellige Belohnung kam mir dabei so unwirklich vor, dass ich nicht darüber nachdachte.

Christof und ich waren vorher in einer Schwulenkneipe namens Caballo Loco gewesen, die unser Killer wohl des Öfteren frequentierte. Die Bar war warm und schwach beleuchtet, die Fensterläden waren geöffnet und ließen die salzige Seeluft herein. Boden und Wände waren mit braunen Porzellankacheln gefliest, die an den Rändern mit Rebstöcken bemalt waren. Eine Jukebox in der Ecke spielte Julio Iglesias. Der Raum war voller Männer, von denen einige am Tresen standen und andere zu zweit an kleinen Holztischen saßen. Manche rauchten, andere küssten sich oder hielten Händchen.

Christof trug Ledersandalen, besagten weißen Leinenanzug und ein halb aufgeknöpftes Seidenhemd. Im schwachen fla­ckernden Licht am Tisch sah er gesund und schwul aus. Und das sollte ich wohl auch. Und erneut verschwammen die Grenzen zwischen meiner Fantasiewelt auf dem Papier und meinem wahren Leben, der Tatsache, dass ich in dieser Bar in Sinaloa saß und in die Haut von jemand anderem geschlüpft war; dieses Mal in die eines Schwulen mit fremdem Namen, den nicht mal die Bundes- und Staatsbeamten kannten. Kurz bevor wir nach Mazatlán geflogen waren, hatte Christof mich nach Denver geschickt, um die neuesten Polizeifotos unseres Killers abzuholen. Der zuständige Beamte war Mitte 50 und trug ein rosa Hemd und eine graue Krawatte. Der Griff seiner Pistole war aus geöltem Walnussöl. Er schob mir von der anderen Seite des Empfangstisches aus die Fotos rüber. „Seien Sie vorsichtig da unten. Die Leute dort sind nicht nett."

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Ich bedankte mich und zog wieder ab. Im Aufzug sah ich mir das Gesicht des Killers an. Ich hatte schon vorher Bilder von ihm gesehen, aber das hier waren scharfe Nahaufnahmen, und es war, als würde ich das Foto eines verstorbenen Cousins betrachten, den ich nie kennengelernt hatte. Es rief ein Gefühl der Verbundenheit hervor. Er war 29, halb Italiener, halb Ire, ein Junge von der Straße, der seine Wut zum Beruf gemacht hatte. Und er war nicht unattraktiv, ähnlich den kleinen Gangstern aus der Textilstadt, in der ich aufgewachsen war.

Ein Junge unter 20 mit nacktem Oberkörper kam an unseren Tisch. Er hielt ein leeres Tablett und Christof bestellte sich einen Brandy und mir ein Mineralwasser. Es war kein langer Flug, aber es war unglaublich, wie weit wir uns in solch kurzer Zeit von unserer eigenen Welt entfernt hatten. Wir saßen hinten in einem weißen Shuttle-Bus und ich starrte nach draußen, auf Büsche und Pflanzen unter der sengenden Sonne der Hügellandschaft. Und dann kamen die Behausungen der Armen. Kleine Hütten, zusammengebastelt aus ausrangierten oder gestohlenen Straßenschildern, Teilen von Plakatwänden, die für Carta Blanca oder Coca-Cola warben, Wellblech für die Wände oder ein halbes Dach, während die andere Hälfte mit zerrissener Abdeckplane, Bauplanen oder Segeltuch bedeckt war. Dann fuhren wir in die engen Straßen von Mazatlán, mit seinen Stein- und Gipsfassaden mit Läden und Wohnhäusern, von denen viele angegliederte Höfe im Schatten von Kokospalmen hatten, wo die Blumen die Wände hochrankten und auf der anderen Seite darüberhingen: Kardinal-Salbei, Amaryllis und rosa Trompetenwein, und eine Pflanze, die sie hier mala ratón nennen. Die Namen hat mir auch alle Christof genannt, und ich habe gelernt, wie wichtig Namen und Wörter sind: Erst wenn man die Namen der Dinge kennt, kann man sie richtig einordnen.

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Wir blieben nur einen Drink lang im Caballo Loco; länger brauchten wir nicht, um zu sehen, dass unser Killer nicht hier war. Zwei Tische weiter saß der einzige andere Weiße im gesamten Lokal. Er war klein, hatte graue Haare, die er auf die Seite gekämmt hatte, trug ein lavendelfarbenes Hemd mit Knöpfen und seine Hand lag in der Hand eines jungen Mannes aus Mazatlán, der etwa in meinem Alter war. Er hatte langes schwarzes Haar, das unregelmäßig geschnitten war, und trug ein schmutziges T-Shirt, zerrissene Jeans und Sandalen.

Wir stiegen aus der Pulmonía und gingen ins Hotel, das eine weiß-rosa Gipsfassade hatte und einen Bogeneingang, der die Seeluft hereinließ. Während eines Karnevalballs 1944 war der Gouverneur von Sinaloa in der Lobby erschossen worden. Sein Mörder hatte eine .45-Kaliber-Pistole benutzt und die Kugeln waren in die geflieste Säule hinter ihm eingedrungen. Als ich jetzt an der Säule vorbeiging, blieb ich stehen, um mir die nickelgroßen Einschusslöcher anzusehen.

Am nächsten Morgen saß ich im Schatten einer Hanfpalme auf dem Mercado Pino Suárez. Ich schlürfte meinen Kaffee und sah zu, wie Christof an die Sordomudos, die Taubstummen von Mazatlán, Geschenke verteilte. Die Jungen lebten auf der Straße und waren zwischen 18 und 9 Jahren alt, und weil Christof schon seit Jahren herkam und sowohl die Gebärdensprache als auch Spanisch beherrschte, hatte er sich mit ihnen angefreundet und brachte ihnen immer neue Converse- oder Nike-Turnschuhe, T-Shirts, Shorts und Socken mit. Es machte ihm sichtlich Spaß. Er saß auf einer Bank, sein Gesicht war von seinem Strohcowboyhut überschattet und er sprach langsam auf Spanisch für die, die Lippen lesen konnten, und verteilte einen Karton nach dem anderen an die Jungen, denen die Schuhe zum Teil nicht mal passten, die sie aber sofort über die nackten Füße zogen.

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Ich sah Wagen mit geflochtenen Sombreros, die an Haken hingen, zusammengefaltete, orange, gelb und rot gestreifte Schals, mit einem Rot, das an den Sonnenuntergang erinnerte. Ich sah Ketten mit Glasperlen, Kruzifixe und geschnitzte Jesusfiguren neben einem Kleiderständer mit schwarzen T-Shirts, die die knallrosa Aufschrift „Mazatlán" trugen. Im Schatten hinter mir saßen alte Männer auf einer niedrigen Steinmauer, unterhielten sich, rauchten Zigarren und spuckten immer wieder in den Staub zu ihren Füßen. Hinter ihnen stand eine Reihe von Banyanbäumen, deren graue Wurzeln ihren eigenen Stamm hochkrochen, wie Geister der Vorfahren, die sich nicht von den Lebenden lösen können. Oben in einer Baumkrone saß ein Papagei, dessen Geschrei vom Stimmengewirr am Boden, dem Hupen der Pulmonías auf der Straße und einer Gitarre, die spanische Akkorde anschlug, übertönt wurde. Und zeigte Christof den tauben Jungen wirklich Fotos von unserem Killer? Ja, das tat er, denn niemand kümmerte sich um die obdachlosen tauben Jungs, erklärte er mir. Man behandelte sie, als wären sie gar nicht da, unterhielt sich ganz offen vor ihnen über alles Mögliche, weil sie nicht als vollwertige Menschen angesehen wurden. Wenn man den Sordomudos einen Tag und eine Nacht Zeit geben würde und unser Mann noch in der Stadt war, dann würden sie herausfinden, wo.

Zwölf Stunden später saßen wir auf dem Rücksitz eines Taxis, das eine ausgefahrene Landstraße entlangruckelte. Der Fahrer hatte es nicht eilig und sein Wagen holperte von einem Schlagloch zum nächsten, während Christof betrunken ein spanisches Liebeslied vor sich hin trällerte. Der Fahrer ignorierte ihn. Seit ich Christof vor ein paar Monaten kennengelernt hatte, hatte ich ihn noch nie betrunken erlebt. Und unter den gegebenen Umständen schien mir sein Zustand nicht gerade vorteilhaft.

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Wir hatten gerade Marlin-Tacos in einem Freiluft-Restaurant an der Plaza Machado gegessen, und während Christof Margaritas getrunken hatte, hatte ich mich mit Mineralwasser begnügt. Da ich nun wusste, dass wir unseren Killer im offenen Gelände jagen würden, wurde ich etwas nervös und wollte so wach wie möglich sein. Ich sagte Christof, dass ich mich wohler fühlen würde, wenn wir Waffen hätten.

„Warum?"

„Weil er sicher auch welche hat, oder nicht?"

Christof zog die Augenbrauen zusammen und schürzte die Lippen unter seinem Schnauzbart. In einem anderen Restaurant auf der anderen Seite des Platzes wanderte eine Mariachi-Band von einem Tisch zum anderen, ihre schwarzen Sombreros hatten sie fürs Spielen zurückgeschoben.

„Ich mache das schon sehr lange, und ich habe noch nie eine Waffe gebraucht."

„Und was ist, wenn wir dort tatsächlich auf ihn treffen?"

„Dann rufen wir meinen Freund an."

„Hat der denn Waffen?"

„Klar. Massenhaft."

Am Nebentisch fing eine Amerikanerin an zu lachen und beugte sich zu ihrer Begleitung hinüber. Sie hielt den Finger am Rand ihres Weinglases und sprach leise mit ihm, wobei sie lächelte. Ich hörte mich selbst zu Christof sagen: „Ich würde gerne wissen, wie das ist."

„Qué?"

„Dafür zu bezahlen. Irgendwo hinzufahren und eine wildfremde Frau dafür zu bezahlen."

Nach dem Abendessen mietete Christof ein Taxi. Während wir aus Mazatlán herausfuhren und uns immer weiter vom Meer entfernten und tiefer in das Gewirr der kleinen Seitenstraßen vordrangen, sahen wir die Behausungen der armen Arbeiter: einstöckige Einzimmerbaracken aus gebleichtem Holz und abbröckelndem Putz, aus Schutt und Steinen hinter Zäunen aus verrostetem Draht oder verbeulten Brettern, über die sich Hanfpalmen niederbeugten. Dann sahen wir acht oder neun junge Männer, die auf die Ladefläche eines Pick-ups stiegen. Jeder von ihnen hatte entweder ein Gewehr oder eine Pistole bei sich. Einer hatte sich ein rotes Tuch locker um den Hals gebunden. Wir konnten sie im Licht der Taxischeinwerfer sehen, als sie losfuhren und sich zwei oder drei von ihnen zu uns umdrehten.

„Was haben die denn vor?"

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Christof nahm meine Frage zur Kenntnis. Er wandte sich an den Fahrer und fragte ihn etwas auf Spanisch. Dieser antwortete knapp in zwei, drei Worten.

„Sí, sí." Christof sah mich wieder an. „Drogen. Eine Gang zieht los, um eine andere fertig zu machen."

Dann fuhren wir im Mondlicht weiter durch niedrige, trockene Hügel hindurch und ruckelten zwischen den tiefen Fahrspuren hin und her. Christof sang „Cucurrucucú Paloma". Irgendwo hinter uns Richtung Westen, weit weg von den Touristenhotels der goldenen Zone, waren die Jungs von vorhin sicher schon dabei, sich mit anderen Jungs eine Schießerei zu liefern. Jemandem eine Waffe an die Brust zu halten und den Abzug zu betätigen war auch nicht viel schlimmer, als jemanden zusammenzuschlagen und ihn gegen den Kopf zu treten.

Oder doch? Jedenfalls war beides Teil des gleichen Kontinuums, in das man fällt, wenn man den Teil seiner selbst zerstört hat, der sich nicht wieder reparieren lässt. Aber was mir widerfahren war, kam mir-im Vergleich zu dem, wie diese Jungen lebten und starben-harmlos vor, und als der Fahrer im Dunkeln vor einem halb verlassenen Motel stehen blieb, fühlte ich mich jung und verletzlich und wesentlich leichtsinniger, als mir guttat, vor allem, als der Fahrer wendete und davonfuhr und ich seine Scheinwerfer durch den Staub flackern sah, den die Räder aufgewirbelt hatten. Wir standen vor einem Betongelände. An einer Ecke weiter hinten kreisten Motten um eine Außenlampe, die Unkraut und ein Stahlfass beleuchtete, das in zwei Teile geschnitten worden war. Dahinter lag das zu dem Gebäude gehörende Schild, das aber völlig verrostet und nicht mehr lesbar war. In der offenen Tür war schwaches blaues Licht zu sehen. Freddy Fender sang auf der Jukebox, und Christof und ich gingen hinein. Das blaue Licht kam von einer Neonreklame für eine Tequila-Marke, von der ich noch nie gehört hatte. Es hing über dem Tresen zu unserer Rechten. Der Mann an der Bar nickte uns zu, als wir hereinkamen. Die Barhocker waren leer. In dem Raum verteilt standen kleine Falttische mit Stühlen, die nicht zueinander passten, und es war so dunkel, dass ich die 12 oder 13 Frauen, die entlang der Wand saßen, zuerst gar nicht gesehen hatte. Einige von ihnen rauchten und unterhielten sich, während Freddy Fender weitersang, und als der Song endete, konnte ich ihre Stimmen hören: der alltägliche Klang von Frauenstimmen beim Friseur. Neue Musik setzte ein, diesmal mit mehr Blasinstrumenten, und der Sänger sang mit feierlich getragener Stimme auf Spanisch.

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Christof und ich setzten uns an einen Tisch mitten im leeren Raum. Eine Frau in weitem T-Shirt und Jeans kam zu uns, und im blauen Kneipenlicht konnte ich sehen, dass sie schon älter war, Mitte 50 oder 60. Ihr Lippenstift wirkte schwarz im blauen Licht. Sie erklärte uns etwas auf Spanisch.

„Sí, sí", sagte Christof. Er nickte und sagte noch etwas anderes, woraufhin sich die Frau umdrehte und zum Tresen zurückging. Ich fragte ihn, was sie gesagt hatte.

„Sie hat mir die Hausordnung erklärt."

Ich sah wieder zu den Frauen hinüber. Einige von ihnen saßen, andere standen. Die meisten trugen Miniröcke oder enge Kleider, und selbst in dem blauen Schummerlicht konnte ich ihren dick aufgetragenen schwarzen Lippenstift und Eyeliner erkennen. Sie alle starrten uns an.

„Und wie lautet die Hausordnung."

„Wir müssen uns eine aussuchen. Dadurch wird internen Streitigkeiten zwischen den Señoras und Señoritas vorgebeugt."

Die ältere Frau stellte einen Brandy vor Christof auf den Tisch und einen eisgekühlten Drink vor mich hin. Ich sagte „Gracias" und nippte an meinem Mineralwasser mit Limettensaft, und jetzt war ich nicht mehr so neugierig wie in Mazatlán. Eine auszusuchen wäre, wie ein Stück Fleisch auf dem Mercado auszusuchen. Entschied ich mich für eine, entschied ich mich damit gegen eine andere. Und wie konnte ich so was überhaupt tun? Dadurch würde der Arsch, für den sie arbeiteten, nur noch reicher und die Maschinerie, die sie ausnutzte, ewig am Laufen gehalten. Der Gedanke, mit einer von ihnen zusammen zu sein, erregte mich nicht im Mindesten. Ich wollte bloß wissen, wie es wäre, es zu tun, aufzustehen und durch die blaue Dunkelheit auf die Reihe von Frauen zuzugehen, die an der Wand aufgereiht waren, und mir schnell das Mädchen mit den kurzen Haaren und dem hübschen Gesicht auszusuchen, das mich anlächelte, seine Zigarette auf den Boden warf und mit dem hohen Absatz ihres Schuhs austrat. Sie stand auf, nahm meine Hand und führte mich zurück zu unserem Tisch.

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Ich hatte es hinter mich gebracht, bevor mir mein Adrenalin zu Hilfe kommen und bevor ich zu viel darüber nachdenken konnte.

Neben Christof saß eine zweite Frau. Sie war pummelig, hatte nackte Schultern und ihr Busen quoll fast aus dem Ausschnitt ihres Kleides. Sie sprach laut Spanisch und versuchte, die Musik zu übertönen, ihre Hand lag auf seiner. Ich hatte nicht gesehen, wie er sie ausgesucht hatte. Später sagte er mir, er hätte der älteren Frau erzählt, dass nur ich mich für die Mädchen interessieren würde, also hatte sie ihm eine andere geschickt, um mit ihm zu trinken und ihm nachzuschenken.

Die Frau, die ich ausgesucht hatte, saß eng neben mir. Sie roch nach Nikotin und Lippenstift und flüsterte mir auf Spanisch ins Ohr. Sie legte mir die Hand auf den Oberschenkel und nippte an einem Drink, den sie bestellt hatte, sobald sie am Tisch saß. Die Frau neben Christof sprach nun leiser und lächelte ihn an. Christof schüttelte den Kopf und lächelte zurück. Es sah aus, als würde er gleich einschlafen, und ich musste an seine Freundin in Denver denken, die eine Boutique mit exklusiver Mode betrieb. Wollte er ihretwegen am Tisch sitzen bleiben? Oder hoffte er, dass unser Killer in die Bar kommen würde? Oder hatte er moralische Einwände gegen das, was ich tat? Oder war er einfach nur zu betrunken?

„Ficken und blasen?" Die Frau drückte mein Bein. Zum ersten Mal schaute ich ihr direkt in die Augen, und ich sah, dass von ihrem Vorderzahn ein Stück fehlte und sie viel älter war als ich, zwischen 35 und 40.

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„Ficken und blasen, sí?"

„Sí."

Wir standen auf und ich folgte ihr durch den Zigarettenrauch der anderen Frauen, die ich ignorierte. Wir gingen durch eine offene Tür nach draußen, und vor uns lag eine lange Reihe von Motelzimmern, mit roten und weißen Glühbirnen über jeder zweiten Tür. Die Fliesen unter meinen Füßen klapperten lose und rechts neben mir spross aus einem rechteckigen Loch im Boden Unkraut wie langes Haar. Auf das Ende des Sprungbretts hatte jemand einen Bambusstuhl gesetzt, dessen vier Beine in die Höhe ragten, und auf der anderen Seite waren noch mehr Zimmer, aus deren Fenstern kein Licht drang. Einige von ihnen hatten Sprünge oder waren eingeschlagen. Sie blieb stehen und schloss eine Tür auf, und ich folgte ihr ins Zimmer.

Christof war auf Cola umgestiegen und nicht mehr betrunken. Als wir im Taxi zurückfuhren, sprach er von unserem Killer und sagte, dass er wahrscheinlich früher hier gewesen war oder später kommen würde oder dass die Sordomudos sich vielleicht im Ort geirrt hatten. Ich nickte. Das Gesicht des Taxifahrers war von einer batteriebetriebenen Lampe beleuchtet, die auf der Seite des Beifahrers befestigt war. Er hatte Ein-Tages-Bartstoppeln auf Kinn und Hals, und im Radio liefen die Top 40 aus den USA, die mich an Polyester-Hemden und Bars erinnerten und daran, morgens verkatert neben einer nackten Frau aufzuwachen, die man nicht kannte. Die Erfahrung, die ich gerade gemacht hatte, hatte mir überhaupt nichts gebracht. Es war ein liebloser Akt wie viele andere zuvor. Es gab einen kurzen Augenblick des köstlichen Loslassens und dann eine hohle Leere, als der Körper die Seele zu einem Ort mitnahm, an dem es nur Echos gab. Alles, was dort passiert war, hätte ich mir auch ausmalen können. Aber dass ich das nicht getan hatte, machte mich irgendwie klein. Unser jetziger Fahrer fuhr schneller als der letzte, und wir rumpelten brutal von einem Schlagloch zum nächsten, während die Lichter seiner Scheinwerfer vor uns auf- und abhüpften. Zu meiner Rechten lag ein Feld mit Büschen und Mesquitebäumen im Mondlicht; meine Schulter drückte schwer gegen die Autotür.

Bald kamen wir wieder an den Behausungen der Armen vorbei. Im Radio hatte ein neuer Song begonnen und Christof war still und wirkte nachdenklich. Ich musste wieder an die Jungs in meinem Alter auf der Ladefläche des Pick-ups denken und stellte mir vor, wie zwei oder drei von ihnen tot im Mondlicht lagen, während ihr Blut langsam in den Staub sickerte.

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Über den einstöckigen Hütten und durch die Würgefeige hindurch drang das Licht der goldenen Zone zu uns herüber. Dann waren wir plötzlich wieder mittendrin, im Neonlicht und inmitten der Palmen, zu unserer Rechten die mondbeschienene Bucht von Puerto Viejo. Ich bekam ein wenig Angst. Die Frau, mit der ich geschlafen hatte, der Killer, den wir suchten, die Taubstummen, die wir ganz offen bestochen hatten, um an Informationen zu kommen, und Christof, der sich sinnlos betrunken hatte … All das fühlte sich an wie eine kosmische Schuld, die ich sicher bald würde begleichen müssen.

Ich drehte das Fenster herunter und roch toten Fisch und feuchten Sand. Am Strand lagen Fischerboote aus Holz in einer Reihe, viele von ihnen auf Holzrahmen mit einer Achse und zwei Fahrradrädern, mithilfe derer die Fischer die Boote alleine ins Wasser ziehen konnten.

Bald tauchten wir in die dunkleren Straßen des Centro Histórico ein, bis der Taxifahrer vor dem rosa-weißen Eingang unseres Hotels anhielt. Christof gab ihm eine ganze Menge Pesos und der Fahrer bedankte sich dreimal. Dann gingen Christof und ich durch die Lobby mit ihren Topfpalmen und gefliesten Säulen. Diesmal ließ ich die Säule mit den Gedenk-Einschusslöchern links liegen und folgte Christof zu unserem Zimmer. Aber irgendwas war anders: ein vier­eckiger Lichtfleck, wo er nicht hingehörte. Er kam von links, und die Tür zu unserem Zimmer stand weit offen. Ein Stück Holz vom Türrahmen lag auf der Schwelle.

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Christof blieb still stehen und hielt die Hand hoch. Jetzt hätten wir eine Waffe gebrauchen können. Oder ein Messer oder einen Baseballschläger oder einen Montierhebel. Meine Zunge fühlte sich ungewöhnlich dick an, und ich ging hinter ihm ins Zimmer. Unsere wenigen Habseligkeiten, die wir mit nach Mexiko genommen hatten, lagen auf dem Boden verstreut: T-Shirts, Shorts, Unterwäsche und ein Roman, den ich gelesen hatte. Die Matratzen hatte man umgedreht, und eine lag seitlich, mit abgerissenem Laken, über dem Bettrahmen.

Christof lief schnell ins Badezimmer, drückte die Tür auf und ging hinein.

„Wir sind allein."

Ich starrte auf die Pesos, die ich neben meinem Notizblock auf dem kleinen Tisch liegengelassen hatte. Christof hatte mir geraten, nicht so viel Bargeld bei mir zu tragen, also hatte ich es im Hotel gelassen. Ich hörte, wie er hinter mir aus dem Badezimmer kam. Ich zeigte auf das Geld. „Warum haben die das nicht mitgenommen?"

Christofs Leinenanzug war zerknittert und er hatte dunkle Ränder unter den Augen, die ich noch nie bei ihm gesehen hatte. Er hielt etwas in der Hand, das er jetzt hochhob. Das Polizeibild des Killers, das mir der US-Marschall in Denver gegeben hatte.

„Das lag auf der Klobrille."

Er brauchte mir nicht erst zu sagen, was das bedeutete. Es war eine Warnung, nicht mehr und nicht weniger. Meine Beine gaben nach und ich zog den Rohrstuhl unter dem Tisch hervor, um mich zu setzen. Ich sah auf die offene Tür und den zersplitterten Türrahmen. Was würde ihn davon abhalten, mit seiner Waffe hier reinzumarschieren und uns abzuknallen?

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Ich schlug die Tür zu und klemmte den Stuhl unter den Türknauf aus Porzellan. Christof sammelte ruhig seine Kleider ein. „Jemand hat ihm von uns erzählt. Morgen früh müssen wir sofort verschwinden."

Wer, fragte ich mich? Aber warum sollte ein Profikiller, der immer auf der Hut sein musste, nicht Leute bezahlen, die für ihn die Augen offenhielten? Wie ich da so stand, kam ich mir jung und dumm vor. Ich hockte mich hin und fing an, meine Sachen aufzuheben und in meinen Rucksack zu stopfen. Den Roman legte ich auf den Nachttisch.

In der Nacht bekam ich wenig Schlaf. Wir schlossen die Fensterläden, um die Seeluft nicht hereinzulassen, und nun war es im Zimmer warm und stickig. Christof schnarchte neben mir auf seiner Matratze, und ich konnte den Tequila riechen, den er früher am Abend getrunken hatte, unseren Schweiß und die dünnen Baumwolllaken. Warum brachte unser Killer uns nicht einfach um die Ecke? Wir waren in Mexiko und standen nicht unter dem Schutz der Gesetzeshüter, die uns geschickt hatten. Mein Herz klopfte wie ein elektronisches Zählwerk hinter meinen Augen. Ich hatte so etwas noch nie zuvor getan, aber das schwarze Grauen, das sich in meiner Brust und meinen Eingeweiden auftat, war mir nur allzu vertraut.

Ich war der Sohn einer alleinerziehenden Mutter, die mit uns Kindern ständig von einer Mietwohnung in die nächste zog, in einem Jahr dreimal, immer auf der Suche nach billigeren Mieten. Ich war immer wieder der Neue, der auf dem Schulhof oder auf der Straße verprügelt wurde, bloß weil ich neu in der Stadt war. Mit 14 hatte ich dann die Nase voll und fing an zurückzuschlagen, mit Fäusten und Füßen, bis ich irgendwann nichts anderes mehr tat.

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Dann wurde ich erwachsen, schrieb jeden Tag, und versuchte mich mithilfe von Worten in andere Menschen zu versetzen. Und dieser Akt der Empathie machte es mir schließlich unmöglich, Menschen als gut oder böse zu sehen. Ich sah nur noch die Graustufen, dieses finstere Wirrwarr aus menschlicher Sehnsucht, Motivation, Verletztheit, Drang und Apathie, aus denen ein Leben besteht. Und dann stellte ich mir die Prostituierte wieder vor, die wahrscheinlich so alt war wie meine Mutter, die trübe gelbe Glühbirne, die über ihrem Kopf hing, wie sie auf Spanisch etwas zu mir sagte und auf eine Holzbank zeigte, die an der Wand stand, wo ich meine Sachen lassen sollte, und unter der Bank stand ein Paar weiße Babyschuhe. Hinterher sah sie mich an, als würde sie nach diesem Abend nie mehr in ihrem Leben an mich denken, und sei es auch nur für einen Augenblick.

So lag ich also halbnackt in dem stickigen Zimmer im Hotel Belmar und wartete auf unseren Killer und sein Maschinengewehr, während ich als Waffen nur meine Fäuste hatte. Ich fragte mich immer wieder, warum ich überhaupt nach Mexiko gekommen war. Ich wusste, dass es nichts mit dem Geld zu tun hatte, sondern einzig und allein dafür: um ins schwarze Herz der Gefahr geworfen zu werden und stärker und größer daraus hervorzugehen und mehr ich selbst zu sein.

Ich wusste längst, wie es war, auf den Hof voller schreiender Jungs zu treten, die herumliefen und nur darauf warteten, sich auf mich zu stürzen, weil ich der Neue war und nicht dazugehörte. Ich wusste, dass darauf Gewalt folgen würde, und auch wenn es nur Beleidigungen, Schläge oder Stöße und ein paar Tritte in die Rippen und in den Rücken waren, wusste ich, dass darauf die Stille folgte und die Angst, dass noch mehr kommen würde. Nachdem ich Jahre später einem Gauner aus der Nachbarschaft die Zähne ausgeschlagen hatte, wusste ich, dass das Auto voller junger Männer, das langsam an der Tankstelle vorbeifuhr, in der ich arbeitete, nur eines bedeuten konnte: Rache. Und jetzt drohte mir keine Prügelei, sondern eine Kugel in den Kopf. Seltsam, wie ähnlich sich das anfühlte, dass größere Gefahr nicht unbedingt einen größeren Lernprozess mit sich brachte.

Tief in der Nacht übermannte mich-gegen meinen Willen und mein besseres Wissen-schließlich doch der Schlaf. Dann weckte Christof mich. Er war schon angezogen, ich tat es ihm gleich, und wir traten den langen Weg durch den sonnenbeschienen Flur mit seinen offenen Fenstern an, die aufs Meer blickten, mit dem Gefühl der Blöße, ein leichtes Ziel darstellend.

Auf der Fahrt mit dem Shuttle-Bus aus der Stadt heraus waren Christof und ich die einzigen Gäste. Die Fenster waren geöffnet und der Fahrer rauchte eine Zigarette, deren Rauch uns ins Gesicht blies. Ich roch den Duft der Blumen, die an den Stuckwänden entlang wuchsen. Christof hatte wieder seinen Leinenanzug an und saß still und verkatert neben mir. Vermutlich malte er sich schon das Treffen mit den Bundesbeamten aus, die nicht begeistert sein würden. Aber das war mir egal. Ich genoss das flüchtige, hauchdünne Gefühl, dass wir gerade knapp einer Katastrophe entkamen. Wir fuhren weiter ins Landesinnere, und ich starrte auf die Hütten, die aus halbfertigen Betonblöcken, Plakatwänden und Blech zusammengezimmert waren. Ich sah den verrosteten Datsun, von dessen gesprungener Seitenspiegel die Sonne reflektierte, und während wir an ihm vorbeifuhren, drehte ich mich um und suchte nach den beiden kleinen Jungen, die gestern noch dahinter auf dem Boden gespielt hatten. Doch ich sah nur den Datsun und die Hütte und ein Stück zerrissene Plane über dem Coca-Cola-Schild, das als Wand diente. Ich drehte mich zurück und lehnte mich im Sitz zurück. Christof fragte mich, was ich gesehen hatte.

„Nichts."

Aber ich stellte mir vor, wie die beiden Jungen in fünf oder zehn Jahren bewaffnet auf der Ladefläche eines vorbeirasenden Pick-ups sitzen und wie ihre Haare im Wind flattern würden, während sie der Todesgefahr entgegenfuhren, und es würde kein Abenteuer und keine besondere Erfahrung sein, sondern ihr Leben, das ätzend, brutal und kurz sein würde. Ich hatte mir eingeredet, ich würde herkommen, um einen Job zu erledigen, aber ich kam mir immer mehr wie ein Dieb vor, wie ein weißer Raubvogel.

Vor uns lag der kleine Flughafen mit seinem schmalen Kontrollturm. Gerade erhob sich ein Flugzeug von der Rollbahn in die Luft. Bald würden wir auch in einem sitzen, und ich schwor mir, dass ich niemals hierher zurückkommen würde, nicht so, nicht als Tourist, der im Leid anderer schwelgt und es konsumiert wie eine Ware.

Als der Fahrer den Bus am Bordstein geparkt hatte, beugte ich mich vor und gab ihm alle Pesos, die ich hatte. Er hielt das Geld hoch, als hätte er eine Bombe in der Hand, und betrachtete es misstrauisch. Ich bat Christof, ihm zu sagen, dass er es behalten könne.

„Er könnte das als Beleidigung auffassen."

„Sag ihm, dass ich ihn nicht beleidigen will. Sag es ihm."

Als ich aus dem Bus stieg und meinen Rucksack über die Schulter warf, kam mir der Gehweg sehr hell und offen und ungeschützt vor. Ich eilte ins Gebäude und wartete dort auf meinen Boss und Dolmetscher, und als sich die Glastür hinter mir schloss, spürte ich in mir das Verlangen, schnell an den Schreibtisch zurückzukehren, in der Hoffnung, von nun an wahre Geschichten zu finden, ohne sie selbst erlebt haben zu müssen. Ich drehte mich um und lief auf eine Schlange von Männern und Frauen zu, die aus Nordamerika, Mexiko und Europa kamen. Aber was ich suchte, war das Gesicht, das jemand auf unsere Klobrille im Hotel in Mazatlán gelegt hatte, ein Gesicht, das ich nie wiederzusehen hoffte, ein Gesicht, das meinem nicht unähnlich war.