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Popkultur

Alan Smithee, der schlechteste Hollywood-Regisseur aller Zeiten

Er ist verantwortlich für eine riesige Filmografie außerordentlicher schlechter Filme.
18 August 2015, 9:16am

Alan Smithee macht nunmehr seit fast 50 Jahren beschissene Filme. Nicht nur trashige Blockbuster, schmalzige Rom-Coms oder diese großen, ambitionierten Psychothriller, die absolut niemand außer den Autoren versteht—sondern wirklich beschissene Filme absolut jeden Genres. Arbeit, die so schrecklich schlecht ist, dass niemand sich jemals freiwillig damit in Verbindung bringen lassen würde.

Aber genau das ist der Grund, warum Smithees riesige Filmografie so außerordentlich schlecht ist: „Alan Smithee" (oder manchmal auch „Allen Smithee") ist ein Pseudonym, das über viele Jahre hinweg von verschiedenen Regisseuren verwendet worden ist, um sich von Filmen zu distanzieren, bei denen sie, aus welchem Grund auch immer, nicht genug kreativ Kontrolle ausüben konnten und die sie deshalb für filmischen Sondermüll halten.

Der erste Film, der Smithee zugeschrieben wurde, war der Western Frank Patch –Deine Stunden sind gezählt von 1969. Nachdem der Hauptdarsteller Richard Widmark sich während der Dreharbeiten über den ursprünglichen Regisseur beschwerte, wurde kurzerhand ein neuer eingestellt. Da keiner der beiden Regisseure mit dem fertigen Film etwas zu tun haben wollte, schrieb die Directors Guild of America den Film einem Allen Smithee zu—und damit war der Startschuss für eine sehr lange Regisseurlaufbahn gefallen. Zu der Arbeit, die Smithee im Laufe der Jahre abgeliefert hat, gehört eine Cowboy-Komödie mit David Hasselhoff, eine Fortsetzung zu Hitchcocks Die Vögel, eine Folge der unglücklichen Spinoff-Serie Mrs. Columbo und die verlängerte Fernsehfassung von Dune – Der Wüstenplanet von 1984, weil der Drehbuchautor und Regisseur des ursprünglichen Films, David Lynch, mit dem TV-Schnitt nicht einverstanden war. All das führte dazu, dass Smithee der „bekannteste Niemand in Hollywood" wurde, wie die Zeitschrift der Directors Guild es formulierte.

Professor Jeremy Braddock von der Cornell University, der das Buch Directed by Alan Smithee herausgegeben hat, hat mir erklärt, wie abhängig die Karrieren von Regisseuren von ihrem Ruf sind. „Ende der 1960er hatten Regisseure mehr Freiheiten beim Dreh ihrer Filme, mehr Freiheit, um sich als Künstler und Autorenfilmer zu etablieren. Das bedeutete auch, dass ihre Namen einer Produktion einen hohen Wert verleihen konnten oder mit schlechter Arbeit in Verbindung gebracht werden konnten. Kommerziell gesehen fing man damals an, den Namen des Regisseurs als Vermarktungswerkzeug einzusetzen."

In seinem Buch nimmt sich Braddock den Begriff des Autorenfilmers—der Regisseur als Autor und Künstler—vor und wendet ihn auf Smithees Filme an. Obwohl jeder Film von einer anderen Person gedreht worden sei, argumentiert Braddock, würden Smithee-Filme den Einfluss der Filmindustrie anstatt den Einfluss eines Individuums aufzeigen. Braddock schreibt, dies sei „an sich schon eine Form des Genies, das Genie des Systems. Wir können uns diese großen Studios also in gewisser Weise auch als Autorenfilmer vorstellen."

Rick Rosenthal führte 1983 bei dem Film Bad Boys — Klein und gefährlich (keine Verbindung zu dem Actionfilm mit Will Smith und Martin Lawrence) Regie, mit dem Sean Penns Schauspielkarriere ihren Anfang nahm, und ist nun als beratender Produzent für die von der Kritik gelobten Transgender-Serie Transparent tätig. Etwas, womit er seinen Namen nicht so gerne in Verbindung bringen lässt, ist die Fortsetzung zu Hitchcocks Klassiker, Die Vögel 2 — Die Rückkehr, bei dem er Regie führte und aus dessen Credits er sich hinterher streichen ließ. Tippi Hedren, die sowohl im Original als auch in der Fortsetzung mitspielte, sagte über den Film: „Er ist absolut furchtbar. Er ist mir unheimlich peinlich."

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Rosenthal behauptet, der Film sei für die Produzenten von Showtime ein Erfolg gewesen und seine Verwendung von Smithees Namen habe nichts mit einem etwaigen Misserfolg des Films zu tun. Anfangs habe man ihm zugesichert, dass Teile des Drehbuchs geändert werden würden, doch „die [geänderten] Szenen wurden entfernt und die ursprünglichen Szenen wurden wieder eingesetzt. Man sagte mir, ich müsse diese Szenen drehen. So fing es an, und der Film nahm letztendlich ganz andere Formen an als das, was ich zu drehen erwartet hatte."

Unglücklicherweise für Regisseure in Rosenthals Lage ist es nicht immer so einfach, Smithee dazu zu kriegen, den Kopf hinzuhalten. Die Directors Guild bewertet jede Pseudonym-Anfrage individuell und verhandelt dann mit der Produktionsfirma des Films, was dazu führen kann, dass der Regisseur keine weiteren Tantiemen oder anderweitige Einkünfte von dem Film erhält. Rosenthal erinnert sich an seinen Besprechungstermin als eine positive Erfahrung—mir gegenüber beschrieb er es als „eine Art Heilungsprozess".

Tony Kaye, der Regisseur von American History X, war dagegen der Meinung, es verschlimmere alles nur. Er wehrte sich damals gegen den Einfluss des Hauptdarstellers Edward Norton auf das Filmstudio. Während des Schneideprozesses gab Kaye 100.000 Dollar für Anzeigen aus, um Norton in der Presse von Los Angeles anzuprangern. Er lud außerdem einen Rabbi, einen Mönch und einen Priester ein, um bei einem Meeting mit einem Studioboss zu vermitteln. Als er sich später von dem Film distanzieren und ihn Smithee zuschreiben wollte, entschied die Directors Guild, die Fehde sei zu publik gewesen, so dass ein Versuch von Seiten Kayes, sich zu distanzieren, sinnlos gewesen wäre. Sein Antrag wurde abgelehnt.

Rosenthal hat seine Geschäfte mit Filmstudios in der Vergangenheit auch schon sehr ernst genommen. Er hat seit Die Vögel 2 nicht mit Showtime zusammengearbeitet und die Brücken zu Warner Bros. Television stilvoll abgebrochen: „Ich habe ein Flugzeug angeheuert, das mit einem Banner über dem Studio meine Kündigung mitteilte", sagte er mir. „Da stand nichts furchtbar Schlimmes, aber ich habe eine Figur namens Uncle Richard gespielt und da stand ‚Bye Bye, Uncle Richard'. Das Ende vom Lied war dann, dass ich 11 Jahre lang nicht mehr für dieses Studio gearbeitet habe."

Auch wenn er sich wünscht, dass er schon früher auf Freunde gehört und an seine zukünftigen Projekte gedacht hätte, gibt Rosenthal zu, dass es sehr leicht ist, sich im Filmgeschäft irrational zu verhalten: „Du streitest mit jemandem und sagst dir dann: ‚Scheiß drauf, warum sollte ich weiterhin so hart für jemanden arbeiten, der es einfach nicht kapiert?'"

Der Trailer zu ‚Fahr zur Hölle Hollywood'

Offiziell ging Smithee in Rente, nachdem 1997 der Film Fahr zur Hölle Hollywood (Originaltitel: An Alan Smithee Film: Burn, Hollywood, Burn) erschien. In dieser mit großem Budget ausgestatteten Satire geht es um einen Regisseur namens Alan Smithee, gespielt von Eric Idle von Monty Python, dem aufgeht, dass er sich nicht von seinem Film distanzieren kann, weil er denselben Namen hat wie das Pseudonym der Directors Guild. Daraufhin stiehlt er den Film und droht damit, ihn zu zerstören. Ironischerweise war Fahr zur Hölle Hollywood so schlecht, dass der echte Regisseur des Films, Arthur Hiller, das Pseudonym Smithee wählte, um sich aus der Affäre zu ziehen.

Dabei handelte es sich auch nicht einfach um einen PR-Trick: Der Film gewann fünf Goldene Himbeeren, darunter die für den schlechtesten Film (die Himbeere für den schlechtesten Regisseur ging an Gus Van Sant für sein _Psycho_-Remake). Roger Ebert nannte den Film „spektakulär schlecht—inkompetent, unlustig, unausgereift, schlecht durchgeführt, langweilig geschrieben und von Leuten dargestellt, die an Rehe im Scheinwerferlicht erinnern." Er gab dem Film keine Sterne, was passend erscheint für einen Film über einen schlechten Film. Seitdem verwendet die Directors Guild andere Pseudonyme, doch wie Smithees IMDB-Seite zeigt, gibt es noch immer Regisseure, die sich hinter dem Namen verstecken.

Rick Rosenthal ist der Ansicht, dass neue Regisseure sich die kreative Kontrolle nur sichern können, indem sie Filme mit kleineren Budgets drehen, denn „sobald Autorenfilmer einen Misserfolg verbuchen, werden sie in ihren Freiheiten eingeschränkt. Es wird sehr viel schwieriger, die Kontrolle zu behalten, die sie vielleicht gehabt hätten, bevor ihnen ein großer Film gefloppt ist."

Smithee und die Studio-Einflüsse, die ihn geformt haben, werden in den immer extravaganteren Blockbustern weiterleben, die man uns im letzten Jahrzehnt beschert hat, denn die Masse des Publikums bleibt den Studios noch vor den Regisseuren treu. Alan Smithee wird wohl niemals einen Oscar gewinnen, doch die Filme, die ihm zugeschrieben werden, verdeutlichen, was passiert, wenn die Vision eines Individuums von der Filmindustrie erdrückt wird. Er mag kein echter Autorenfilmer sein, doch zumindest hat er uns einige denkwürdige (und denkwürdig schlechte) Filme beschert.