FYI.

This story is over 5 years old.

News

​"Arbeit mach frei, ihr Spastnutten!" – Diese Frau hat den 1. Mai gerettet

Mitten im Flaschen- und Steinehagel hat diese Frau eine neue Protestform erfunden: Twerken gegen den Kapitalismus.
3.5.16
Screenshot: Youtube

Der 1. Mai in Berlin war dieses Jahr überraschend zahm. Vielleicht lag es an den internen Auseinandersetzungen, die der Revolutionären-1.-Mai-Demo dieses Jahr ein bisschen die Luft aus den Segeln genommen haben. Vielleicht lag es auch an den Tausenden Feiernden, die mit ihrem Bier vom Späti und ihrer guten Laune das revolutionäre Potenzial durch Masse erstickt haben—auf jeden Fall gab es in Berlin vergleichsweise wenig Krawall.

Anzeige

Während sich zum Beispiel im sächsischen Plauen Neonazis Straßenschlachten mit der Polizei lieferten, mussten sich die Demo-Fotografen in Berlin um den einzigen Demonstranten mit einer Kopfverletzung fast schon prügeln—und selbst das machte keinen Spaß mehr, als der Typ anfing, Selfies von sich und seinem Verband zu schießen. Das Konzept, die politische Dimension des Tages durch ein konturloses Straßenfest komplett zu übertönen, ist gründlich aufgegangen. (So gründlich, dass jetzt sogar Leute die Entwicklung "zu einem kommerziellen Fest des Konsums" kritisieren, die selber maßgeblich dazu beigetragen haben.)

Alles in allem konnte man sich am Sonntag kaum noch gegen den Eindruck wehren, dass der 1. Mai mit jedem Jahr ein bisschen mehr zur Berliner Version des Oktoberfests wird, nur dass es eben auf der Straße stattfindet und die Leute weniger Probleme mit Joints haben. Die Trupps von schwer gepanzerten Bereitschaftspolizisten gehören einfach zum Lokalkolorit, genau wie die 15-Jährigen mit Antifa-T-Shirts. Wenn die beiden aneinandergeraten, muss man eben ein Stück zur Seite gehen, dafür bekommt man aber auch ein bisschen was zu sehen.

Das hätte also der ganze 1. Mai dieses Jahr sein können, und das wäre ziemlich traurig gewesen—wenn da nicht die betrunkene Twerk-Königin von der Skalitzer Straße gewesen wäre:

Was für eine Frau! Von nichts lässt sie sich einschüchtern: Weder von den grimmigen Menschenpanzern vor ihr noch von den Pflastersteinen und Flaschen, die in ziemlich großer Zahl rund um sie herum auf den Asphalt platzen. Die Gefahr bedeutet ihr nichts, denn erstens ist sie betrunken, und zweitens hat sie eine Mission. Sie muss ihrer Wut freien Lauf lassen, und sie tut es auf die einzige Art und Weise, die gerade möglich ist: Twerken.

Anzeige

Wir wissen nicht, was ihre Wut ausgelöst hat. Wir wissen nicht, welchen sozialen Missstand sie mit ihrem nackten Hinterteil anprangern will. Vielleicht geht es gar nicht um ein konkretes Problem oder eine greifbare Ungerechtigkeit, sondern eher um ein allgemeines Gefühl der Entrechtung. Vielleicht steckt sie der Staatsmacht als Ganzes ihren entblößten Arsch entgegen, weil sie den Kapitalismus, den dieser Staat beschützt, als eine große Verarschung durchschaut hat. Aber eins ist klar: Der Hintern dieser Frau ist das neue Gesicht des politischen Aktivismus im 21. Jahrhundert.

Screenshot aus dem YouTube-Video '1 Mai Demo Kreuzberg Berlin Randale 01.05.2016' von Demo Reporter

Irgendwann, nachdem sie schon einmal umgerannt worden ist (was sie natürlich nur noch mehr anspornt), findet die Frau endlich die Worte, um ihre Wut zu artikulieren: "Arbeit macht frei! Aber ich möchte eure Arbeit nicht bezahlen, ihr Spastnutten!"

Mit diesen kraftvollen Worten hat die Frau im schwarz-weißen Schlüpfer es nicht nur geschafft, die deutsche NS-Vergangenheit, Kapitalismuskritik und die Kritik am staatlichen Gewaltmonopol in zwei knappe Sätzen zu verdichten. Sie hat auch der diffusen Verzweiflung einer ganzen Generation Ausdruck gegeben: Arbeit macht frei, das haben wir euch geglaubt. Jetzt arbeiten wir uns ehrfürchtig von iPhone-Release zu iPhone-Release, und wir sind noch unfreier als vorher. Während unsere Eltern in unserem Alter schon Häuser und Autos besessen haben, müssen wir unsere WG-Zimmer auf Airbnb vermieten, um unser unbezahltes Praktikum zu finanzieren, und Rente werden wir auch nie bekommen.

Vielleicht ist es Zeit, dass wir alle öfter blank ziehen. Vielleicht ist der schwabbelige Anger-Twerk die letzte wahre Ausdrucksform, die uns bleibt. Statt sie mit Torten zu bewerfen, könnten wir Beatrix von Storch von ihrem Stuhl bei Maischberger einfach runtertwerken. Die AfDler könnten ihre Wut auf Merkel artikulieren, indem sie symbolisch zu Hunderten das Kanzleramt von der Seite antwerken, um es in die Spree zu drücken. Beim nächsten Erdogan-Besuch werden wir Ziegen trainieren, die dann die Bodyguards des türkischen Oberchefs antwerken und in erhebliche Verlegenheit bringen sollen.

Und die Bewegung könnte wachsen: Deutschland könnte zum Epizentrum einer sich kreisförmig ausbreitenden Welle von auf- und abhüpfenden Arschbacken werden, die die Erde zum Zittern bringen, saudische Könige vom Thron stoßen, syrische Massenmörder in die Flucht schlagen und bei der NSA einen Signal-Overload verursachen, dass die Festplatte klappert.

Das alles können wir erreichen. Wir müssen nur genauso fest an uns glauben wie die Twerk-Königin von der Skalitzer Straße. Wenn das nicht reicht, dann helfen uns nur noch 15 Beck's in kurzer Reihenfolge. Spätestens dann können wir uns die Welt ertwerken, ihr Spastnutten.