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Krise in der Ukraine

Überlebenskampf auf dem Maidan-Platz in Kiew

Der Dienstag bedeutete ein Wendepunkt in der Geschichte der Proteste in der Ukraine. Wir waren vor Ort, als ein Wirbelwind aus Blut, Feuer und Gewehrschüssen durch das Zentrum der 4-Millionen-Stadt wütete.
19 Februar 2014, 3:00pm

Der Dienstag bedeutete ein Wendepunkt in der Geschichte der Proteste in der Ukraine. Gestern wütete im Zentrum der 4-Millionen-Stadt ein Wirbelwind aus Blut, Feuer und Gewehrschüssen.

Ein als friedlich geplanter Marsch auf das Parlamentsgebäude verwandelte sich schnell in eine Straßenschlacht zwischen Demonstranten und der Polizei, bei der mindestens 16 Zivilisten und neun Polizisten ihr Leben verloren.

Nach drei Monaten voller Proteste und mittlerweile insgesamt mindestens 30 Todesopfern hat die ukrainische Regierung immer noch kaum Zugeständnisse gemacht. Die wichtigste Forderung der Protestbewegung ist der Rücktritt des Präsidenten Janukowitsch und seiner Regierung. Bekommen haben sie bis jetzt nur den Rücktritt des Premierministers, der Rest der Regierung blieb. Als sich am Dienstag das Parlament versammeln wollte, um für einen neuen Premierminister zu stimmen, umzingelten Tausende aggressive Demonstranten die Schutzzone um das Parlamentsgebäude, so dass die Versammlung abgesagt werden musste.

„Das ist jetzt die einzige Sprache, die unsere Regierung versteht—diese Bastarde hören ja nicht auf friedliche Stimmen“, ruft mir ein radikaler Demonstrant zu, während er sich für einen Moment davon ausruhte, Steine auf die hinter Lastwagen an einer Kreuzung stehenden Polizeitruppen zu schleudern. In knapp 100 Metern Entfernung sieht man die graue Kuppel des Parlamentsgebäudes.

Schwer atmend erklärt mir der Mann namens Oleksiy, dass er bereits seit Dezember an den Protesten teilnimmt und die Schnauze voll davon hat, dass die Regierung die Forderungen der Bewegung ignoriert.

Viele der getöteten Zivilisten sind immer noch nicht identifiziert worden. Sowohl die Polizei als auch die Protestierenden benutzen mittlerweile Feuerwaffen, was es jetzt noch gefährlicher macht, sich in die Nähe der Kämpfe zu begeben.

Vor zwei Wochen war das Tragen von schusssicheren Westen und Gasmasken noch eine Vorsichtsmaßnahme. Seit gestern ist es für Demonstranten und Journalisten ein Muss.

Die Kämpfe rund ums Parlament dauerten bis fünf Uhr, als die Polizei die Protestierenden endlich zurückdrängen konnte. Als sich die Szene dann etwas beruhigte, fluteten verwundete Demonstranten die improvisierte Erste-Hilfe-Station in der Eingangshalle eines nahen Gebäudes.

„Wo kann ich meinen Kopf genäht kriegen?“, fragt ein Teenager die freiwilligen Helfer. Mit seiner oberflächlichen Verletzung gehört er zu den Glücklichen. Im selben Raum, in dem er jetzt verarztet wird, liegen die Körper dreier Getöteter auf dem Boden.

In der Nähe der Station steht die freiwillige Arzthelferin Tetiana und weint, während sie ihre verbundene Hand versteckt. Tetiana und zwei ihrer Kolleginnen wurden am Vormittag von Bereitschaftspolizisten zusammengeschlagen.

„Wir haben die Hände hochgestreckt, aber sie haben uns trotzdem geschlagen“, erzählt sie. „Ich fühlte ihre Knüppel und Stiefel in meinem Rücken. Meine Hand scheint gebrochen zu sein, aber ich kann nicht ins Krankenhaus. Die könnten mich da erkennen, ich mache schon länger als Freiwillige bei den Protesten mit.“

Zitternd schluchzte Tetiana, sie habe „noch nie Menschen gesehen, die sich so benehmen.“ Die Polizisten hatten sie und ihre Kolleginnen als „Schlampen“ beschimpft.

Tetiana machte sich vor allem Sorgen um ihren Verlobten, der im Zentrum des Protests auf dem Unabhängigkeitsplatz war. Gegen 20 Uhr griff die Polizei den Platz an. Nach Berichten beschossen sie die Demonstranten teilweise mit ultravioletter Farbe, um sie in der Dunkelheit leichter treffen zu können. Die Demonstranten verteidigten ihr Lager, aber nach stundenlangem Kampf nahm die Polizei die Hälfte des Platzes ein. Die Behörden erklärten den Mittwoch zum geschäftsfreien Tag. Die U-Bahn wurde geschlossen, keine anderen öffentlichen Verkehrsmittel werden in die Innenstadt gelassen.

Am Mittwochmorgen um 5.30 Uhr gab Janukowitsch eine Erklärung ab. Er nannte die Ereignisse vom Dienstag „tragisch“ und beschuldigte die Führer der parlamentarischen Opposition, die radikalen Protestierenden ermutigt zu haben. Etwas später ließ der Staatssicherheitsdienst verlauten, dass gegen mehrere Politiker wegen des möglichen Versuch eines Staatsstreichs ermittelt wird. Ihre Namen wurden bis jetzt nicht bekanntgegeben.

Die Verhandlungen, zu denen sich die beiden Oppositionsführer Vitali Klitschko und Arseniy Yatsenyuk gestern nacht mit Janukowitsch getroffen hatten, haben zu nichts geführt. Janukowitsch hat verlangt, dass die Demonstranten nach Hause gehen sollen. „Wir stehen an der Schwelle zu der dramatischsten Seite der Geschichte unseres Landes“, erklärte Yatsenyuk der ukrainischen Presse, und bekräftigte das Recht der Demonstranten, auf dem Maidan zu bleiben. Klitschko rief gestern den Westen um Unterstützung an. Demokratische Staatsoberhäupter dürften nicht zusehen, „wie ein blutiger Diktator sein Volk tötet.“

Janukowitsch, der vor seiner Politikertätigkeit zweimal wegen Raubüberfall und Körperverletzung im Gefängnis gewesen war, wurde bei den Präsidentschaftswahlen 2010 mit 35 Prozent der Stimmen gewählt. Im Februar 2014 sind seine Umfragewerte auf 18 Prozent gefallen.

Seit dem Beginn des Konflikts vor drei Monaten hatte Janukowitsch kaum Unterstützung im Volk. Mehrere Male tauchten Gerüchte auf, dass die Pro-Janukowitsch-Demonstranten bezahlt worden waren.

Aber trotz der geringen Unterstützung im Volk befindet sich der staatliche Machtapparat in Janukowitschs Hand. Durch die Regierungspartei kontrolliert er das Parlament. Seine Minister halten ihm die Treue, und die Sicherheitskräfte führen jeden Befehl aus, auch wenn es darum geht, auf Demonstranten zu schießen (Vorsicht, das Video ist extrem brutal).

Während die Kämpfe in Kiew am Mittwoch weitergehen, sind in der West- und Mittelukraine ebenfalls Konflikte ausgebrochen. In Lviv eroberten Demonstranten das Gebäude der Lokalverwaltung, das Polizeihauptquartier und das Büro des Generalstaatsanwalts. Auch in Ternopil und Ivano-Frankvisk in der Westukraine wurden offizielle Gebäude von Demonstranten besetzt. In der Ostukraine, in der Janukowitsch noch mehr Rückhalt besitzt, beteiligen sich die Menschen noch nicht an den Aufständen.

Am Mittwochnachmittag haben sich wieder tausende Protestierende auf dem Unabhängigkeitsplatz versammelt. Gerade beten Priester zusammen mit der Menge für eine friedliche Nacht. Aber die Konfrontation ist noch nicht vorbei.