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Generation Generationsporträt. Oder: Warum wir immer alles labeln müssen.

Wir sind jetzt anscheinend die "Generation Maybe". Früher waren wir mal die Generation Y. Fran Osrecki hat uns erklärt, warum wir so ein Interesse an solchen Beschreibungen haben.
27.2.14

Wir sind die Generation Maybe. Zumindest hat das der Wiener Journalist Oliver Jeges 2012 in einem Aufsatz in der Welt behauptet. Seine Kernthese: Wir hätten zu viele Möglichkeiten und verlernt uns zu entscheiden. Vieles davon erscheint einleuchtend: Um uns herum wimmelt es schließlich von Leuten Ende 20, die noch nicht wissen was sie beruflich wirklich machen wollen. Und jeder kennt Menschen, die seit Jahren in Halb-Beziehungen leben (das neue Wort dafür ist übrigens „Mingels“). Seine These war offenbar so einleuchtend, dass das Stück knapp 100.000 auf Facebook geteilt wurde.

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Diese Woche erscheint „Generation Maybe“ als Buch. Es ist aber ja bei weitem nicht das erste Mal, dass irgendein Trend zu einer „Generation“ ausgerufen wird. Offenbar lesen wir so etwas gerne. Warum eigentlich? Warum müssen wir aus allem immer sofort eine Generation machen?

Der Wiener Soziologe Fran Osrecki hat seine Dissertation zum Thema Zeitdiagnostik geschrieben. Im Interview hat er uns erklärt, was ein „Detektiv der Populärkultur ist“, warum sich Menschen früher null für die Gegenwart interessiert haben und was der Aufstieg von West Coast HipHop damit zu tun hat.

VICE: Fangen wir ganz simpel an. Was sind Generationbeschreibungen, und warum hat der moderne Mensch das Bedürfnis, aus allem eine Generation zu machen?

Fran Osrecki: Es sind stark pointierte Gesellschaftsbeschreibungen und gleichzeitig massenmediale Konstrukte, die in der Regel von sozialwissenschaftlich und historisch interessierten Journalisten angefertigt werden. Aber man muss eigentlich mit einer anderen Frage anfangen.

Mit welcher?

Generationenmodelle sind Teil einer größeren Bewegung, die man Zeit- oder Gegenwartsdiagnostik nennen kann. Warum interessiert sich die moderne Gesellschaft für ihre eigene Gegenwart? Das kommt uns heute ganz normal vor. Aber historisch betrachtet ist das sehr ungewöhnlich. Für die europäische Gesellschaft bis ins 17. Jahrhundert war die Gegenwart das Uninteressanteste überhaupt.

Moment. Warum war die Gegenwart uninteressant?

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Man wusste genau, wohin die Geschichte steuert, nämlich auf die Apokalypse. In dieser permanenten Endzeiterwartung gab es die Vorstellung, dass sich in der Gegenwart bis auf weiteres nichts ändert. Es ging ja in eine Zukunft, die man eigentlich schon kennt. Ab dem 18. Jahrhundert wird die Gegenwart dann aber erklärungsbedürftig. Man nähert sich ihr so, als sei sie etwas, das man nicht kennt.

Jede Woche erscheinen nach unbestätigten Gerüchten 12,7 Generationsporträts und man hat viel damit zu tun, sie zu lesen. Foto von Brandon King.

Hat sich das Verhältnis des Menschen zur Gegenwart in den letzten 250 Jahren geändert?

Im 19. Jahrhundert waren Gegenwartsbeschreibungen auf ein bildungsbürgerliches Publikum ausgerichtet. In den letzten 60 Jahren wurden solche Thesen immer pointierter. Das passiert oft mit den „Bindestrich-Gesellschaften“: Die Industrie-Gesellschaft, die Risiko-Gesellschaft, die Netzwerk-Gesellschaft usw. Die heutigen, massenmedialen Darstellungen der Gegenwart sollen für jeden verständlich sein. Das erkennt man übrigens leicht daran, dass sich die meisten gegenwärtigen Generationenmodelle stark auf Konsumverhalten und Alltagskultur konzentrieren: Welche Autos fahren Menschen, welche Musik hören sie, welche Filme mögen sie? Das ist eine Taktik, ein möglichst breites Publikum anzusprechen. Wenn ich alle Menschen erreichen will, muss ich mich auf Objekte konzentrieren, die jeder in der Gesellschaft kennt.

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Welche Perspektive nehme ich ein, wenn ich eine Generation beschreibe? 

Menschen, die so ein Porträt anfertigen, sehen sich im Grunde als Detektive des Alltags, Detektive der Populärkultur. Sie sagen: Hey, ich hab festgestellt, dass sich in einer bestimmten Altersgruppe etwas abspielt, das ihr alle nicht seht. Da sie aber über Dinge schreiben, die jeder aus seiner näheren Umgebung kennt, haben sie immer ein Problem: Wenn ich neue Aussagen über den Alltag einer ganzen Generation tätige, muss ich begründen, warum das außer mir niemand sieht. Diese Leute haben dann eine Reihe von lustigen Taktiken, um zu erklären, warum das außer ihnen bisher noch niemand gesehen hat.

Zum Beispiel? 

Eine Variante ist die Alltäglichkeit des Neuen. Also dass man sagt, wir hätten uns bereits so daran gewöhnt, dass wir gar nicht mehr sehen würden, wie radikal neu unsere Generation funktioniert. Eine anderer beliebter Zugang sind die Avantgardemilieus: Was ich jetzt beschreibe, betrifft jetzt gerade nur eine kleine, privilegierte Gruppe – aber demnächst auch dich und alle in deiner Nähe. Eine dritte Taktik ist, anderen Beobachtern ein falsches Bewusstsein zu unterstellen. Also zu sagen: Klar, dass die anderen Journalisten und Wissenschaftler das Neue am Neuen nicht sehen, weil sie mit veralteten Begriffen arbeiten, sich zum Beispiel nur auf Finanzielles konzentrieren, obwohl der Wandel in Beziehungen viel gravierender ist.

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Der 31-jährige Soziologe in seinem natürlichen Habitat. Foto: Privat

Warum sind manche dieser Theorien erfolgreicher als andere?

Wenn es da ein Rezept gäbe, könnte man sehr viel Geld machen. Zu wissen, wer sich für die Thesen interessieren wird, ist sicher ein Erfolgskriterium. Vereinfacht gesagt: In einer Gesellschaft mit vielen Langzeitstudenten ist es sinnvoll, Bücher über Langzeitstudenten zu schreiben. Ulrich Beck, Autor von „Die Risiko-Gesellschaft“, hat damals zum Beispiel erkannt, dass es eine immer größer werdende grüne Bewegung gibt. Und hat ihnen dann die zu ihrer Ideologie passende Gesellschaftsbeschreibung geliefert, die sie noch nicht hatten.

Beck bringt mich aber auch zu einem weiteren Kriterium. Manchmal gibt es im Nachhinein große Veränderungen, auf die die Theoretiker aber gar keinen Einfluss hatten. Becks Buch ist zum Beispiel zeitgleich mit Tschernobyl herausgekommen. So erschien seine Theorie automatisch völlig einleuchtend—man hatte es ja in den Nachrichten gesehen. Man darf nicht vergessen: Es werden pro Jahr etliche solcher Modelle vorgestellt, und nur ein Bruchteil davon ist erfolgreich.

Wie blickt denn der Wissenschaftler darauf?

Es wäre falsch, das alles als massenmedialen Blödsinn zu verurteilen. Man muss aber bedenken, dass Generationenmodelle zwei große Mankos haben: Zum einen haben sie eine sehr reduzierte Sicht auf die Vergangenheit. Die Aussage, wir wären auf dem besten Wege zu einer „Generation Maybe“, basiert auf der Annahme, dass es früher keine entscheidungsschwachen Menschen mit zu vielen Optionen gegeben hätte, was natürlich Quatsch ist. Sehr pointierte Gegenwartsbeschreibungen reduzieren die Vergangenheit auf einen Typus, von dem sich die Gegenwart radikal unterscheiden kann. Man muss also erstmal schauen, ob die Beschreibung der Vergangenheit in diesen Generationenmodellen wirklich zutrifft. Meistens nicht.

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Du hattest ein zweites Manko erwähnt. 

99% der Generationenmodelle beschreiben eigentlich keine Generationen, sondern Milieus. Alle Leute, die innerhalb eines Jahrzehnts geboren wurden, über einen Kamm zu scheren, ist eine grobe, meist falsche Vereinfachung. Richtiger wäre zu sagen: Meine Aussagen treffen in bestimmten, engen, lokalen Milieus zu. Ich war mal auf einem Kongress zu Thema Zeitgeist, wo ein amerikanischer Wissenschaftler über das Verhältnis von Generation X und Grunge geredet hat. Er hat da etwas sehr Kluges gesagt: Wenn man einen 32jährigen aus Brooklyn nach den wichtigsten popkulturellen Ereignissender frühen 1990er fragt, wird er  wahrscheinlich nicht den Tod von Kurt Cobain nennen, sondern den Aufstieg von West Coast HipHop. Das ist ein gutes Beispiel.

Wer sich näher für das Thema interessiert kann gerne in Frans Buch weiterlesen:

Fran Osrecki (2011). Die Diagnosegesellschaft: Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität.

Folge Jonas auf Twitter: @l4ndvogt