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Alles für die Wissenschaft: Katzen auf LSD

Damals war alles anders. Alles, was man für eine seriöse wissenschaftliche Studie brauchte, waren ein Haufen Katzen, etwas LSD und eine gewisse moralische Flexibiltät.
5.12.14

Diese Katze sieht zwar komisch aus, ist aber wahrscheinlich nicht auf LSD. Foto: Tricia | Flickr | CC BY-SA 2.0

Heutzutage ist LSD nur eine von vielen Drogen, die Menschen nehmen, weil sie nüchtern nicht klar kommen. Die Menschen nehmen es beim Kentucky Derby, um eine seltsame Erfahrung noch seltsamer zu machen, sie nehmen es, um mit dem Rauchen aufzuhören, sie horten es bei sich zu Hause und machen Kunst draus. Doch in den 60ern und 70ern galt Lysergsäurediethylamid als ein chemisches Element, das einer fundierten Erforschung durch Wissenschaftler und Philosophen würdig war. Weshalb Dr. Barry Jacobs es Katzen verabreicht hat.

Jacobs arbeitet als Professor am Institut für Neurowissenschaften der Princeton University. 1976 hat er zusammen mit einem Team von der Psychologischen Fakultät angefangen, die Auswirkungen von LSD auf Katzen zu untersuchen. Das mag bizarr scheinen, aber hey: sie hatten LSD, sie hatten Katzen. Was hätten sie sonst tun sollen?

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In mehreren Artikeln, die in Fachzeitschriften veröffentlicht wurden, erklärte Jacobs die Experimente. Sie verabreichten während einer Zeitraums von einigen Monaten Katzen 10 bis 50 Mikrogramm LSD pro Kilogramm Körpergewicht, um danach ihre Verhaltensreaktionen zu untersuchen. Tieren Psychedelika zu verabreichen, ist keine wirklich neue Idee (an Affen, Delfinen und einem glücklosen Elefanten namens Tusko wurde auch LSD-Forschung betrieben). Mithilfe der Katzen konnte man aber zumindest bestehende Theorien zu Substanztoleranz und—was noch wichtiger für Jacobs war—der Funktion eines bestimmten Serotoninrezeptors stützen, von dem vermutet wurde, dass er eine wichtige Rolle bei der Entstehung von Halluzinationen nach Einnahme von Drogen wie LSD spielt.

Was moralische Bedenken angeht, kann man nicht abstreiten, dass es nach einem Projekt für einen besonders perversen Taugenichts in einem Judd-Apatow-Film klingt, wenn man der Katze bewusstseinsverändernde Kristalle in die Milch mischt. Doch Jacobs versichert, dass die Tiere human behandelt wurden und sich eine gewissenhafte Expertengruppe in einer kontrollierten Umgebung um sie gekümmert hat. Um etwas über die Ergebnisse zu erfahren, habe ich Dr. Jacobs in seinem Büro in Princeton angerufen, um ihn zu fragen, was er in all den Jahren, während derer er Katzen auf LSD beobachtet hat, gelernt hat.

VICE: Wie sehen Katzen aus, wenn sie auf LSD sind? Hatten sie gute Trips?
Dr. Barry Jacobs: Wenn es Hunde gewesen wären, hätte ich dir das sagen können. Ein Hund würde mit dem Schwanz wedeln und grinsen. Das Einzige, das ich dir mit Sicherheit sagen kann, ist, dass keine der Katzen verängstigt war. Wir haben Katzen jahrelang in meinem Labor untersucht. Keine von ihnen ist an den Rand des Käfigs gekrochen, was eine normale Reaktion bei einer verängstigten Katze wäre. Die Käfige waren groß und sauber, die Katzen konnten sich darin bewegen. Sie wurden ausreichend gefüttert und hatten frisches Wasser. Keine von ihnen kroch in die Ecke und starrte dich verängstigt an. Manche von ihnen rannten herum und prallten vom Käfig ab. Waren sie glücklich? Das weiß ich nicht. Aber es schien so, als ob sie es genossen hätten. Sie haben kein angsterfülltes Verhalten an den Tag gelegt. Viele von ihnen starrten einfach nur für lange Zeit Löcher in die Luft.

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Wieso hast du deine Experimente an Katzen durchgeführt?
Die Reaktionen und das Verhalten von Mäusen zu untersuchen, schien mir unrealistisch—sogar das von Ratten. Aber Katzen sind unglaublich ausdrucksfähige Tiere, sowohl was ihr Verhalten als auch ihre Emotionen betrifft. Wir hatten zu der Zeit Tausende Ratten in unseren Laboren, das wäre also kein Problem gewesen, aber ich dachte einfach: Ich soll das Verhalten einer Ratte auswerten? Bestimmt nicht.

In deinen Arbeiten schreibst du darüber, dass die Katzen mit „Gliedmaßenzuckungen" oder „überflüssiger Fellpflege" auf die Droge reagierten. Wieso waren diese Verhaltensweisen so bedeutsam?
Erstens kann man das gar nicht wissen. Ich kann dir eine Interpretation anbieten, die wahrscheinlich korrekt ist … aber wer weiß das schon? Diese Verhaltensweisen treten sonst auch bei Katzen auf, es sind keine außergewöhnlichen Verhaltensweisen, die sonst nie jemand bei Katzen beobachtet hat. Durch die Droge traten sie in Wellen auf. Du könntest eine Katze zwölf Stunden am Tag beobachten und sie würde das ein- oder zweimal machen—oder vielleicht auch gar nicht. Aber unter Drogeneinfluss haben die das 100 Mal die Stunde gemacht. Die Häufigkeit hing eindeutig mit der Droge zusammen.


Im Affenlabor: Tierversuche an Primaten


Wieso haben sie ihre Pfoten so häufig geleckt?
Vielleicht—und an dieser Stelle rate ich—hatte es etwas mit der gesteigerten Empfindlichkeit in ihren Pfoten zu tun. Sie hatten das Gefühl, dass etwas auf ihren Pfoten herumkroch. Das würde auch zu der Halluzinationsthese passen.

Wurdest du nach Veröffentlichung der Studie von Tierschützern kritisiert?
Nein. Das ist ja auch schon lang her. Sobald wir überzeugt waren, dass wir den Ort im Gehirn gefunden hatten, an dem die Droge wirkt, habe ich das Interesse verloren und wir hörten von allein auf. Es war einfach viel zu teuer. Wir hatten Katzen von einem Pharma-Unternehmen. Es wäre viel zu teuer gewesen, selbst welche zu kaufen. Wir haben ja monate-, wenn nicht jahrelang mit den Katzen gearbeitet.

Würdest du dich selbst als Katzenmensch bezeichnen?
Nicht besonders. Ich bin allgemein kein Tiermensch. Ich habe keine Lust auf Scherereien wegen eines Tiers. Ich habe keine Lust, mit einem Hund Gassi zu gehen, besonders nicht im Winter. Ich will auch nicht, dass eine Katze mein Haus verwüstet. Ich habe kein Problem mit Tieren. Wenn ich jemanden besuche, der einen Hund hat, dann spiele ich gern mit dem Hund und streichle ihn. Wenn ich irgendwann alt und schwach bin, werde ich mir vielleicht sogar selbst einen Hund zulegen.