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Sex

„Sei ein gutes Mädchen“—mein Orgasmus unter Hypnose

Eine Orgasmus-Hypnose verspricht einen sexuellen Höhepunkt ohne jegliche körperliche Berührung. Ich hab es ausprobiert.
27.10.14
Illustration, ein Mann leckt die Brust einer Frau
Alle Illustrationen von Barbara Nino Carreras

Der weibliche Orgasmus sei ja so wahnsinnig kompliziert: Die endlose Suche nach dem G-Punkt, vorgetäuschte, klitorale, vaginale und jetzt also auch noch mentale Orgasmen.

Dank der Orgasmus-Hypnose soll Frau sich beim Sex besser gehen lassen können und so einen (oder einen intensiveren) Höhepunkt erleben. Das Nonplusultra wäre, einen Orgasmus ohne eine einzige Berührung durch seine eigene mentale Vorstellungskraft zu erreichen.

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Eigentlich konnte ich mich beim Sex ganz gut gehen lassen. Auch mit dem Kommen hatte ich noch nie Probleme. Aber es wäre trotzdem eine nützliche Fähigkeit, einen Orgasmus mit reiner Vorstellungskraft zu erreichen. Orgasmus durch das Pendel—here I cum (oder eben nicht).

Der Höhepunkt-Magier J. begrüsst mich an einem Samstagnachmittag in seiner minimalistisch eingerichteten Praxis. Ein runder Tisch, ein Flipchart, ein schwarzer und ein roter Sessel, auf dem ich Platz nehme. Keine Liege—schade eigentlich.

Wie bei jeder anderen Hypnose ist auch bei dieser wichtig: Man muss es wollen, ansonsten klappt es nicht. Darum gebe ich mich völlig den Anweisungen von Hypnotiseur J. hin. Zeig was du kannst! Bring mich in Ekstase!

J. spricht nun etwa zwei Oktaven tiefer. Ich solle mich auf einen Punkt im Raum konzentrieren und langsam die Augen schliessen. Während er mit mir spricht und mich in Trance versetzt, falle ich in einen Dämmerzustand und finde diesen Zustand überaus schön. Ich fühle mich, als würde ich schweben. Ich fühle mich, als wäre ich high. Ich verliebe mich in diesen Zustand des Fliegens und verliere das Zeitgefühl.

Damit ist es allerdings wieder vorbei als J. mit Barry White-Bariton meint: „Feminismus ist schön und gut, aber damit das jetzt klappt und du zum Orgasmus kommst, musst du dich einem Mann unterwerfen."

Hä? Wie bitte? Dieser Satz zerstört meine Schwerelosigkeit. Ich mich einem Mann unterwerfen? Dazu noch einem fremden? No way! Trotzdem versuche ich, die Abscheu zu unterdrücken. Sie soll sich verpissen, denn ich will diesen Orgasmus. „Du spürst, wie deine Lust steigt und durch deinen ganzen Körper fliesst."

Ich darf die Augen öffnen. J. fragt: „Wie hoch ist deine Lust? Von 1 bis 10?" Wäre ich nicht im Halbschlaf und auf meinen Orgasmus fixiert, würde ich in schonungslos kindisches Gelächter ausbrechen.

„Ehm. Zwischen 5 und 6." „Gut, stell dir vor, ich würde an einem Regler drehen und deine Lust steigt." Ich schliesse meine Augen wieder und konzentriere mich auf meine Lust. Ein leichtes Zucken in meinen Armen macht sich bemerkbar. „Denk daran, wie deine Lust steigt und du meine Stimme in deinem ganzen Körper fühlst. Denk daran, dass du zum Orgasmus kommen willst."

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„Öffne deine Augen. Sprich mir nach. Du bist einfach zu hypnotisieren." „Ich bin einfach zu hypnotisieren." „Du lässt dich gerne von mir hypnotisieren."—„Ich lasse mich gerne von dir hypnotisieren." „Du bist sexy."—„Ich bin sexy." „Du bist stark."—„Ich bin stark." „Du bist unwiderstehlich."—„Ich bin unwiderstehlich." „Du kommst gerne zum Orgasmus."—„Ich komme gerne zum Orgasmus."

„Stell dir vor, dass wir uns schon lange kennen. Du bist mit meiner Stimme vertraut." Schon besser. Ja, damit man sich gehen lassen kann, ist es sicher vorteilhaft, jemandem zu vertrauen. J. hat mir nach der Hypnose erklärt, dass sich die Orgasmus-Hypnose normalerweise über sieben Sitzungen erstreckt.

Es folgt ein Wechsel zwischen Augen öffnen—nachsprechen—Augen schliessen—meine Lust steigern. Bis die folgende unerwartete Frage auftaucht: „Wo spürst du deine Lust am meisten?" Ja, da unten halt. Was sag ich denn jetzt? Pussy? Muschi? Liebesspalt? „In der Vagina." So medizinisch wie möglich, denn ich will ihn keinesfalls erregen.

Und dann wird alles noch viel absurder: „Was siehst du in mir?" Jetzt aber! Dass J. sich selber ins Spiel bringt, hätte ich als Letztes gedacht. Was sag ich da bloss? Anziehend finde ich ihn nicht. Doch ich muss wohl etwas Nettes sagen. Ich lüge: „Einen starken Mann."

Hoffentlich hat ihn das nicht auch noch geil gemacht. Spätestens jetzt weiss ich, dass ich meine Lust auf irgendeine Art und Weise selber steigern muss. Also denke ich an einen athletischen, attraktiven Typen, der weiss, wo und wie er mich berühren muss, damit er mich zum Glühen bringt und ersetze J. durch ihn. Ich muss J. diese Maske des anderen Mannes aufsetzen. Es klappt: Ich werde feucht. Fantasie sei Dank.

Irgendwann war der Zeitpunkt des Orgasmus gekommen: „Ich zähle jetzt bis auf 10. Bei 10 kommst du. " Zwischen den Zahlen sagte J. so etwas wie: „Du spürst wie deine Lust steigt und du langsam kommst."

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Dann ist er bei 10 angelangt. Gekommen bin ich nicht. Die ganze sexuelle Erregung, das Zucken in meinem Körper, ist der Verdienst meiner Imagination. Ich mache mich selber geil. Mit der Hypnose, respektive der Wortwahl des Hypnotiseurs, hat das sehr wenig zu tun. Je mehr J.'s Worte in mein Gehör drängen, desto mehr verflüchtigen sich meine erotischen Fantasiebilder.

Beim zweiten Abzählspiel bin ich wieder nicht gekommen. Dann fragt mich J.: „Darf ich dich am Knie berühren?" Auch verlangt er, dass direkt in seine Augen schaue.

Der Abstand zwischen uns beträgt keinen halben Meter. J. klopft mit seinem rechten Zeige- und Mittelfinger auf mein Knie und zählt bis fünf. Auf dem Weg zum (Nicht-)Höhepunkt schliesse ich die Augen, um gedanklich bei meinem persönlichen Heros zu sein. J. vermasselt mir dieses Unterfangen gewaltig: „Halte deine Augen offen."

Die Orgasmus-Hypnose ist mentaler Sex zwischen zwei Personen. Auch wenn bei diesem Sex nicht zwei dazugehören, da ich bloss J.'s Anleitung folge. Und da liegt auch das Grundproblem: Ich soll mich ihm unterwerfen. Sind wir bald fertig? Nein, im letzten Versuch berührt mich J. nicht nur mein Knie—sondern auch am Ohrläppchen. Augenkontakt fordert er weiterhin.

Die ganze Situation erreicht das Höchstmass an Absurdität als J. folgenden Satz mehrmals fallen lässt: „Sei ein gutes Mädchen, Viviane, komm jetzt!" Oh, nein. Nein, nein, nein! Sei ein gutes Mädchen? Diese drei Worte sind für meine Libido der Fehlgriff schlechthin. Die Hypnose ist vorbei. Halleluja.

Gekommen bin ich kein einziges Mal. Denn Sätze wie „Was siehst du in mir?" oder „Sei ein gutes Mädchen" sind eher verstörend als antörnend. Etwas hat mir die Hypnose trotzdem einmal mehr gezeigt: Unsere Fantasie ist eine der erogensten Zonen überhaupt.

Mit etwas Training klappt es vielleicht mit dem mentalen Orgasmus, aber für mich ist die Erotik-Hypnose nichts. Zu zweit mit körperlicher Berührung ist es ohnehin schöner, also lasse ich lieber meinen Adonis ans Werk—glücklicherweise ist der nicht nur Fantasie.