Anzeige
Dieser Artikel ist vor mehr als fünf Jahren erschienen.
Stuff

Rocket Beans: zu alt für YouTube?

Ein Gespräch über Geldprobleme, Kreativitätsarmut und „Hitlers dicke Titten".

von Lisa Ludwig
04 November 2014, 3:24pm

​ Auf der größten Videoplattform der Welt kann es jeder schaffen, der einen Camcorder bedienen und ansatzweise unfallfrei in eine Kamera sprechen kann, könnte man meinen. Doch YouTube scheint sich in den letzten Jahren von der kreativen Spielweise zum knallharten Geschäftszweig entwickelt zu haben. Wer von seiner Kreativität leben möchte, muss bestimmte Spielregeln befolgen. Ein Thema, über das wir ​vor kurzem schon mit LeFloid gesprochen haben.

Simon Krätschmer, Nils Bomhoff, Etienne Gardé und Daniel Budiman begannen ihre Karriere bei GIGA Games, bevor sie mit  ​Game One die erste Gaming-Sendung fürs deutsche Musikfernsehen produzierten. Nach der Gründung der eigenen Produktionsfirma Rocket Beans, wollten die vier Hamburger es kreativ noch mal so richtig wissen und launchten 2012 mit Rocket Beans TV ihren ersten YouTube-Kanal. Nun, rund zwei Jahre später, die große Enttäuschung: Das ambitioniert aufgezogene Projekt trägt sich nicht. Jetzt hoffen die Hanseaten, den Sendungsbetrieb durch Spenden weiterfinanzieren zu können. Wir haben bei Simon und Nils nachgefragt, wie das eigentlich so ist, sich mit Mitte 30 gegen Schminktutorials, mafiös strukturierte Netzwerkgiganten und „Hitlers dicke Titten" behaupten zu müssen. Und natürlich, wie ihre Zukunft in der deutschen Medienbranche aussieht.

VICE: Ihr gehört mit Game One zu den etabliertesten Gaming-Medien in Deutschland. Warum also eine Stufe runtergehen mit dem Content, den man zusätzlich anbietet, und ihn auf YouTube hochladen?
Nils Bomhoff: Man muss zum Einen wissen, dass die Marke Game One uns nicht gehört. Die Rechte gehören Viacom, einem riesigen globalen Konzern. Wenn die irgendwann sagen „Wir haben andere Pläne für die Zukunft und die involvieren euch nicht", stehen wir ohne irgendwas da. Rocket Beans ist zu hundert Prozent unsere Sache und das lässt sich auch ganz klar von Game One abgrenzen.

Simon Krätschmer: Es gibt auf YouTube viele Möglichkeiten, Formate anzubieten, an die vielleicht wirklich noch niemand gedacht hat. Als Beispiel: Ich mache diese kleine Reihe namens „Erwachsene Männer hören Jan Tenner" und die gibt es eigentlich nur, weil es sich reimt. Für mich ist es eine Herzensangelegenheit, weil ich das als Kind so geliebt habe, dann findet man ein paar andere, die das auch mal wieder hören wollen, und schon hat man eine Sendung, die niemand mit Blick auf Zuschauerzahlen produzieren würde. 60-Minuten-Talkvideos mit drei 30-Jährigen zu Quatsch und realen, wichtigen Themen gibt es als Format halt sonst noch nicht.

Nils: Ich glaube, wir befinden uns da an so einer Schnittstelle. Die meisten Leute auf YouTube sind jünger. Sowohl die, die das konsumieren, als auch die, die Inhalte erstellen. Unsere Zielgruppe ist schon ein bisschen auf der Kippe und alles, was nach uns kommt, ist eigentlich schon zu alt für YouTube.

Ihr habt offen zugegeben, dass ihr eure YouTube-Aktivitäten nicht mehr selbst finanzieren könnt. Hattet ihr euch das zu Beginn anders vorgestellt?
Nils: Wir zäumen das Pferd immer von der anderen Seite auf, als das Firmen machen, die in erster Linie Geld verdienen wollen. Wir sind inhaltlich getrieben und machen Sachen, die wir gut finden und hinter denen wir stehen. Der zweite Gedanke ist der, wie man damit überhaupt Geld verdienen kann. Oder vielleicht eher: Wie kann man damit kein Geld verbrennen? 

Wir wollten eine Sensibilität dafür schaffen, dass man so etwas nicht für immer umsonst machen kann und sich Gedanken über eine Art Abo-Modell machen sollte. In erster Linie sind neben dem Geld aber vor allem die E-Mails, die wir bekommen, total rührend. Heute kam ein Junge mit einem selbstgemalten Bild und wollte uns einfach ein bisschen moralische Unterstützung geben.

Bild mit freundlicher Genehmigung von Rocket Beans Entertainment GmbH

Simon: Wir waren einfach ehrlich und haben gesagt: Game One finanziert alle anderen Projekte die ihr mögt, Podcasts, gameone.de, YouTube und all den anderen Kram, den wir sonst noch machen, mit. Diese Einnahmen sind jetzt aber halbiert (Anm. d. Red.: Game One wird nur noch 14-tägig ausgestrahlt) und wir müssen nach anderen Finanzierungsmöglichkeiten suchen. Wir planen ein Abomodell für die Leute, die für unsere Inhalte wirklich bezahlen wollen. Der Rest kann gerne zukucken.

Wir sind nicht sehr populär in der Art, wie wir Videos machen. Das wissen wir ja. Uns wird vorgeworfen, wir wären stur und würden YouTube nicht verstehen. Mit GIGA und Game One haben wir aber gelernt, dass es wichtig ist, Bock darauf zu haben, was man macht. Und dass das auch eine Möglichkeit ist, gute Inhalte zu schaffen.

Da würde ich gerne einhaken. Zum einen: Wer wirft euch das vor? Zum anderen: Was genau sind die Punkte, die ihr angeblich falsch macht?
Simon: Gerade in den Comments gibt es immer wieder solche Stimmen. Ansonsten haben mehrere YouTuber kürzlich auch darüber diskutiert. Der eine hat uns alles Gute gewünscht und ein anderer sagt, dass wir halt 20 Leute da sitzen haben und man so viele einfach nicht für ein „Almost Daily" braucht.

Nils: Generell machen wir keine Inhalte mit dem Ziel, möglichst erfolgreich zu sein oder möglichst viele Leute anzusprechen. Wir machen Inhalte, die wir selbst cool finden und von denen wir hoffen, dass sie dann auch noch erfolgreich sind.

Der Inhalt ist nur die Spitze des Eisbergs und alle Erfolgsgeheimnisse darunter haben etwas mit Netzwerken zu tun. Dass man sich mit anderen YouTubern gegenseitig liked, dass man bestimmte Schlagworte in den Comments und den Beschreibungen der Videos verwendet, die aber überhaupt nichts mit dem Video zu tun haben ... Dadurch wird ein künstlicher Buzz generiert, der nichts mit dem Inhalt zu tun hat, und das wollen wir einfach nicht machen. Das kann man uns als Fehler vorwerfen, man kann es uns aber auch als Einstellung attestieren, dass wir da nicht mitmachen, weil wir es nicht cool finden. Nur weil wir auf YouTube senden, heißt das ja nicht, dass wir jetzt alle Spielregeln annehmen müssen, die irgendwer mal aufgestellt hat.

Haben Netzwerke YouTube kaputt gemacht? Eben dadurch, dass es so eine inzestuöse Clique geworden ist?
Nils: Ich würde vielleicht nicht so weit gehen, aber jetzt mal als Beispiel: Wir haben einen Anruf von dem Vertreter eines bekannten Netzwerks bekommen und der wollte, dass wir einen YouTuber als „Almost Daily"-Gast einladen. Wir kannten den alle nicht und der hatte zu dem Zeitpunkt nicht mal 100.000 Abos. Da wurde uns schon am Telefon gesagt: „Ey Leute, nehmt den mal, der wird jetzt richtig abgehen." Wir haben ihn nicht genommen, weil das irgendwie nicht reingepasst hat, aber ein halbes Jahr später hat der 2 Millionen Abos und ist einer der gefeiertsten YouTube-Stars der letzten Zeit. Der wurde so bewusst und kalkuliert gepusht, dass die schon vorher wussten, dass der erfolgreich werden würde. Das zeigt mir doch, dass das mittlerweile alles in der Hand von wenigen Entscheidern liegt, die genau wissen, wo sie die Hebel ansetzen können, um jemanden so groß zu machen.

Die Leute unterzeichnen knallharte Verträge, wo sie einiges abtreten. Zum Teil auch inhaltlich. Du musst jetzt bei dem YouTuber auftauchen, obwohl du ihn scheiße findest oder mit deiner eigenen Meinung nicht hinter dem stehen kannst, was der macht. Wenn das den Klickzahlen zuträglich ist, dann gehst du da hin, tauchst in dem Video auf und tust so, als ob ihr Buddys seid. Da sind wir vielleicht ein bisschen idealistisch, aber das ist für mich nicht mehr der ursprüngliche YouTube-Gedanke.

Habt ihr manchmal das Gefühl, dass ihr zu alt für YouTube seid? Dass man vielleicht einfach keinen Platz mehr in diesem Kosmos hat, wenn man ein bestimmtes Alter erreicht hat?
Simon: Es gibt ganz viele Gründe, die dafür sprechen, dass junge Menschen was mit YouTube machen. Was mir fehlt, ist die andere Seite. Mir fehlen die coolen Dokus, die Leute machen, die 40 sind, Cutter und mal ein halbes Jahr Zeit haben, weil sie gut bezahlt werden. Mir fehlen Sachen, wo Leute in meinem Alter was machen. International gibt es da sehr viel, deswegen muss man ganz klar sagen, dass Deutschland da ein Problem hat. Es gibt eingefahrene Rubriken und wenn du erfolgreich sein willst, musst du dir eine von den dreien aussuchen. Es gibt YouTuber, deren Dramaturgie besteht nur aus einem Teaserbild, Hitler im Titel und irgendetwas mit dicken Titten. Gib das bei YouTube ein und ich schwöre, du landest bei einem deutschen YouTube-Video und es gibt diese Tags: „Hitlers dicke Titten". Und wenn nicht, sollte unser nächstes Video diesen Titel haben!

Nehmen wir mal an, das mit Rocket Beans klappt alles gar nicht. Was ist Plan B?
Simon: Eigentlich sind wir von den Leuten her perfekt aufgestellt. Das sind ja alles Freunde, man weiß, was man von denen bekommt und wenn wir am Schluss nur noch fünf, sechs Leute sind, die alle Let's Plays machen, dann würde ich das wahrscheinlich immer noch mit Spaß machen. Ich denke einfach, dass wir das hier, ob in großer oder kleiner Konstellation, weiterführen werden. Aber irgendwie ist es bedenklich, dass wir keinen Plan B haben, wenn ich gerade mal so drüber nachdenke. Ich möchte Plan A wirklich brennen sehen, lange Zeit, bevor ich mich umkucke, was es sonst noch so gibt.

Folgt Lisa bei ​Twitter.

Tagged:
Gaming
Interview
Hamburg
Kultur
Videospiele
Deutschland
Vice Blog
LeFloid
Game One
Nils Bomhoff
Simon Krätschmer
Hitlers dicke Titten
Rocket Beans