Anzeige
Drogen

Heute ist Weltkiffertag – und Deutschland merkt es nicht

Warum es für die Cannabis-Kultur in diesem Land schwierig ist, dass 4/20 und Hitlers Geburtstag auf einen Tag fallen.

von Michael Knodt
20 April 2016, 4:00am

Foto: imago | Christian Mang

In den USA und in Kanada ist „420" der Code für Kiffen und so ziemlich alles, was mit Cannabis zu tun hat. Deshalb hat sich der 20. April dort zu einem richtigen Kiffer-Feiertag entwickelt, zu dem in Toronto, Vancouver oder Seattle jährlich Zehn- oder Hunderttausende strömen, um in einer riesigen Graswolke lautstark für die Regulierung von Cannabis einzutreten. In Seattle ist das „Hempfest" nicht erst seit der Legalisierung von Cannabis in Washington State die größte Party des Jahres und somit auch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor.

Seit den 70er Jahren feiern die Studenten der Universität von Santa Cruz in Kalifornien am 20. April eine Art Kiffer-Feiertag—den „National Pot Smoking Day". Der wiederum beruht auf ein paar Kiffer-Kumpels, den „Waldos", die an einer kalifornischen High-School „4/20" als Codewort für ihr Hobby ausgemacht hatten. Die Waldos versammeln sich an jedem Tag nach Schulschluss um 16:20 Uhr an der Statue des französischen Mikrobiologen Louis Pasteur, um gemeinschaftlich zu kiffen, woraufhin sich der Code in den Folgejahren erst in der Gegend und dann viral verbreitet haben soll. Diese Version, bei der auch ein Grateful-Dead-Flyer eine Rolle gespielt hat, wurde nach intensiver Recherche seitens des High Time Magazine 1998 bestätigt. Früher wurde auch vermutet, dass der polizeiliche Funkcode für Gras 420 sei oder 420 chemische Verbindungen in Cannabis gefunden wurden. Doch was auch immer seine wahre Bedeutung ist, der „4/20 Day" hat sich fest in der Marihuana-Subkultur etabliert und wird seit der Liberalisierung in vielen Teilen der USA und Kanadas eher als Fest- denn als Protesttag begangen. Beim wohl größten „Pot-Picknick" am 20.04. dürfen die Joints selbstredend erst um 16:20 Uhr entzündet werden. Warren G. und Travis Barker (Blink182) hatten 2009 für diesen Tag eine Hymne namens „Let's get high" (420 Anthem) produziert. Inzwischen hat sich der „4/20 Day" zu einem weltweiten Phänomen gemausert, wie unzählige Artikel, Videos und Bilder im Internet beweisen.

420 – nie gehört

Doch in Deutschland wird der Tag, an dem anderswo um die Wette gekifft wird, außerhalb der Cannabis-Szene als solcher kaum wahrgenommen. Das liegt wahrscheinlich an der historischen Situation, denn der „Führergeburtstag" ist als einst von den Nazis verordneter Feiertag in Deutschland eher für braune Aufmärsche denn für einen „Smoke-in" bekannt. Selbst Günther Oettinger (CDU) wollte sich an einem 20. April nicht zum baden-württembergischen Ministerpräsidenten wählen lassen. Auch in diesem Jahr liest man in deutschen Medien mehr über Rechte, die den 20. April für ihre Zwecke nutzen wollen, als über provokante Kiffer. Hatten sich in Berlin vor einem Jahr noch ein paar Aktive im Görlitzer Park eingefunden, um Rauchzeichen zu setzen, wird in in diesem Jahr lediglich in Hannover ein „420 Smoke-in" zum Welt-Cannabistag stattfinden. Der ist sogar als solcher ganz offiziell angemeldet und auch gegen die Ankündigung, „Fake-Joints mit THC-armem Hanftee" zu paffen, hatten die Ordnungshüter nichts einzuwenden. Das war vor ein paar Wochen in Stuttgart, wo das örtliche Ordnungsamt beim Drehen von Fake-Joints mitmachen wollte, ganz anders.

Reclaim the Streets and the Date

Aber einen Smoke-in mit echten Joints würde jedes deutsche Gericht, anders als Fackelmärsche wie diesen hier in Jena am 20. April, nicht nur an diesem Tag grundsätzlich verbieten. Deshalb finden Events, bei denen es um das gemeinschaftliche Rauchen von THC-haltigen Joints geht, in Deutschland auch grundsätzlich nur spontan und ohne Anmeldung statt. Denn der eigentlich nicht strafbare Konsum setzt auch den Besitz voraus, der nach wie vor auch bei geringen Mengen zum Eigenbedarf strafbar ist. Sind Straftaten zu erwarten, wird eine Demo nicht genehmigt, schon gar nicht, wenn die wie bei einem Smoke-in im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen. Dabei wäre es doch in diesem Fall gar nicht so schlecht, mal von den Amis zu lernen, indem man das braune Gedankengut am 20. April kollektiv einfach in lustigen Rauch aufgehen lässt. Dann hätten nicht nur autonome Kiffer gegen Nazis gleich ein dem Anlass würdiges Datum für einen „Haschtag gegen Rechts". Kommen dann erst mal so viele Hänflinge wie nach Seattle, Vancouver oder San Francisco, gehören die Straßen am 20.04. harmlosen Kiffern und der Geburtstag von Adolf Hitler ist keinem mehr einen Spaziergang wert.