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Was steckt hinter den Aggressionen der Muslimbrüder?

Ich habe den Muslimbruder Omar kritisch über das aggressive Vorgehen der Muslimbrüder, ihre Waffen, seine verstorbene Freunde, wer die Verantwortung trägt—und letztendlich, was ihr Ziel ist ausgefragt.

von Sebastian Backhaus und Alaaeldin Abdallah Eid
30 August 2013, 3:38pm


Omar (unten)

In Kairo traf ich letzte Woche Omar, ein 22-jähriges Mitglied der Muslimbrüderschaft (MB), der seit seiner Kindheit engagiertes Mitglied dieser islamistischen Organisation ist. Bis vor ein paar Monaten noch waren die MB mit ihrem Präsidenten Mohammed Mursi in Ägypten an der Macht—demokratisch gewählt. Inzwischen ist die Islamistenorganisation von der Übergangsregierung verboten worden. 

Dann entmachtete das Militär die MB und hält Mursi seit dem an einem geheimen Ort gefangen. 

Massenproteste gegen die MB, die im gesamten Land ausbrachen und am 3. Juli ihr Finale nahmen (dem Tag an dem Präsident Mursi gestürzt wurde) verstand das Militär als Auftrag des Volkes, um die MB zu entmachten und ihren Präsidenten Mursi abzusetzen—so die offizielle Version. Seitdem werden die MB verfolgt. 

Ich selbst habe mir meinen Vollbart abscheiden müssen, da ich in den Straßen Kairos mehrfach verdächtigt wurde, einer von ihnen zu sein.   

Die MB hatten sich in Kairo seit Ende Juni in zwei großen Protestcamps gesammelt und dort Zeltstädte errichtet. Sie wollten so lange bleiben, bis Mursi zurück in den Präsidentenpalast geschickt wird. Am 14. August wurden die Camps der MB von der Polizei gewaltsam geräumt—es kam zu einer Menge Toten.


Einer der ersten angeschossenen Demonstanten wird in Sichereheit gebracht. (Das Bild ist von einem Fotografen-Freund von mir, der später selber angeschossen wurde. Er möchte nicht genannt werden).

Ich habe mit Omar über diese Räumung ein Interview geführt. Er ist bekennender Muslimbruder und hat in den vergangenen Tagen in Kairo eine harte Zeit durchgemacht. Als das Protestcamp auf dem El Nahrda Platz vor der Uni Kairo von der Polizei angegriffen und schließlich geräumt wurde, war er dabei und es wurden fünf seiner engeren Freunde an diesem Tag erschossen. 

VICE: Omar, magst du von diesem Tag erzählen?  
Omar: Ich bin nicht traurig, weil diese [seine Freunde] für etwas starben, für unsere Sache, als Kämpfer. Es ist ein gutes Ende. Sie sind Helden. 

(An dieser Stelle wird mir unheimlich. Wir sitzen in einem Club in Kairo, hinter uns springen Kinder in einen Pool, der Kellner bringt uns frischen Mangosaft und Omar lächelt mich strahlend an, während er vom Tod seiner Freunde erzählt. Seine Augen leuchten und er unterbricht seine Antworten immer wieder durch eigenes Lachen.)

Ich war auf dem El Nahrda Platz als die Polizei uns dort am 14., morgens gegen 6.30 Uhr, angriff. Ich war die ganze Nacht wach und spielte Tischtennis. Wir hatten bereits durch Freunde, die beim  Militär sind, gehört, dass der Angriff an diesem Morgen passieren könnte. Ich musste weinen als die Polizei angriff. Als ich sah, wie sie die ersten von uns erschossen, fühlte ich, dass wir verlieren werden.


Ein Scharfschütze beobachtet die MB-Proteste.

Was ist genau passiert?
Die Bagger kamen und schoben alles weg [die errichteten Barrikaden aus Steinen]. Den Baggern folgten Hummer [gepanzerte Polizeifahrzeuge] mit einem computergesteuerten Geschütz auf dem Dach. 

Die schossen alles nieder. Das verrückte war, dass Mursi selbst diese Hummer angeschafft hatte. Dann folgten heftige Gas-Attacken. Die Gasbomben waren so heiß, dass sie unser Zeltlager in Brand setzten. Sogar unser Zelt, das wir erst Tage zuvor mit einem neuen Kühlschrank, einem Elektroofen, einem Boiler, einem 32-Zoll-Flachbildschirm und einer PlayStation 2 ausgestattet hatten, verbrannte.

Hattest du eine Gasmaske?
Dieses Gas war kein Tränengas. Bei Berührung, verursachte es eine chemische Reaktion auf der Haut. Es fühlte sich an, als würdest du brennen. Es war ganz ganz anders als das Tränengas mit dem wir sonst zu tun haben. Ich hatte eine Gasmaske. Doch für dieses Gas hat es nicht genutzt, da dieses die Haut angreift, durch die Kleidung, besonders empfindliche Körperteile …


Der Fotograf nachdem er versuchte einen Scharfschützen zu fotografieren; er wurde an Brust und Arm getroffen und überlebte. 

Bist du geflohen?
Ich war mit meinem jüngeren Bruder [15jährig] in dem Camp; wir rannten, um zu überleben. Wir flüchteten aus dem offenen Eingang. Das war gegen 8 Uhr. Und wir waren fertig, wegen der Reaktionen des Gases auf unserer Haut.

Wir waren zu viert oder zu fünft und überrannten einen Sicherheitsmann, der ein großes Haus bewachte. Ein Bewohner ließ uns in seine Wohnung. Nur so entkamen wir einer Verhaftung. Mit Pepsi spülten wir uns die brennenden Augen aus. Pepsi funktioniert da super! Wir versteckten unsere Schutzausrüstung und wuschen uns, um normal auszusehen. Nach einer viertel Stunde mussten wir die Wohnung wieder verlassen, da der Mann Angst hatte, selbst verhaftet zu werden, da er uns schützte.

Als wir wieder auf der Straße waren, trafen wir auf die Baltagiya [von der Polizei bezahlte Schlägertrupps, die hier wohl eingesetzt waren, um flüchtige Muslimbrüder aufzuspüren]. Wir gingen auf sie zu und fragten: „Was geht ab? Sind das die Muslimbrüder dort? Gott segne euch, dass ihr gegen Sie kämpft.“ Nur mit diesem Trick konnten wir entkommen.

Auf Videos sah ich MB, die aus den Camps auf die Polizei schossen. Hast du während deiner Zeit im Camp Waffen gesehen und wenn ja, welche?
Um ehrlich zu sein: Ja. Ich sah insgesamt ungefähr 10 Waffen. Die sahen aus wie Kalaschnikows, aber ich kenn mich damit nicht so gut aus. Die Waffen wurden von Oberägyptern [also keine Locals] mitgebracht. Einer dieser Bewaffneten war mit der Motivation angereist, sich für ein getötetes  Familienmitglied zu rächen… irgendjemand, der von der Polizei erschossen wurde. Er war aber kein MB-Mitglied. Er nutzte die Situation aus, um Rache an der Polizei zu nehmen.   


Schützen der Muslimbrüder. Ich kann nicht 100% bestätigen dass das hier MB sind, aber gehe schwer davon aus.

Ihr wusstet doch, dass wenn aus euren Reihen Waffen eingesetzt werden, aggressiv reagiert wird. Wieso habt ihr die Oberägypter nicht aus dem Camp geschmissen?
Wir waren nicht befugt diese rauszuschmeißen. Es ist schwierig mit diesen Leuten zu kommunizieren; es ist nicht einfach mit diesen Leuten überhaupt umzugehen. Wenn die sich entschieden haben, etwas zu tun, dann tun sie das.

Hattet ihr eine Strategie für den angekündigten Angriff der Polizei?
Ja, wir hatten eine Strategie: Diejenigen von uns, die eine gute Schutzausrüstung hatten, sollten an die Front und die Gasbomben einsammeln, um sie in Wasserbehältern zu versenken. Andere waren für die Ordnung zuständig, damit niemand in Panik überrannt wird. Andere haben Fluchtwege für Frauen und Kinder vorbereitet und frei gehalten. Andere waren für die medizinische Versorgung zuständig.

Aber die Strategie ist im totalen Chaos untergegangen, da wir niemals damit gerechnet hatten, dass scharf geschossen wird. Sie haben mit uns Call of Duty oder Counter Strike gespielt.

Schon vor der Räumung wurden täglich Schergen der Regierung auf uns angesetzt. Meistens griffen diese kurz nach Mitternacht an. Sie schossen von den Eingängen [des Camps] mit verschiedenen Waffen, töteten einige von uns und verschwanden wieder. Daher haben wir auch diese Schutzanlagen aus Steinen aufgebaut.


Überlebender nach dem Angriff (Bild von meinem verletzten Fotografen-Freund)

Viele Kinder waren dabei, ganze Familien haben in den beiden Camps gewohnt. Wo blieb da die Verantwortung der Eltern, wenn ihr doch wusstet, dass angegriffen wird?
Wir haben das Recht zu demonstrieren; da ist nichts Illegales dabei. Sie [die Familien] dürfen mit allem kämpfen was sie haben. Sie haben sich selbst geopfert. Außerdem hatten wir eine Kinderbetreuung mit Clowns und Bugs Bunny, wir waren 45 Tagen dort und haben den Kids viele Spielmöglichkeiten geboten. Mein Vater hat meinem kleinen Bruder die freie Entscheidung gelassen. „Wenn du wirklich willst, kannst du mitkommen.“ [sagte sein Vater seinem Bruder bzgl. der Teilnahme am Protestcamp]

Du siehst da echt kein Problem, dass Familien ihre kleinen Kinder mitbringen, obwohl ihr von einem Angriff wusstet?
Nein, wir hatten doch extra Rettungswege vorbereitet.

Was ist an dem Gerücht dran, dass die Führung der MB einen bewusst hohen Blutzoll provoziert hat, damit der Westen, die Armee verurteilt und in seiner Empörung die MB unterstützt und die Wiedereinsetzung Mursis vorantreibt?
Kennst du Mohammed Badia, den gesitigen Führer der MB? Sein Sohn wurde gerade erschossen. Würde er seinen einzigen Sohn für so ein Ziel opfern? Was für eine alberne Frage!

Für vorgestern hattet ihr, nur eine Woche nachdem die MB und ihre Unterstützer auf dem Ramsis Platz massakriert wurden, zum „Tag der Märtyrer“ aufgerufen. Aber die Straßen in Kairo waren leer. Habt ihr euren Widerstand aufgegeben?   
Wieso? Wir waren viele! Wir haben uns aber gut verteilt, da uns klar ist, dass große Ansammlungen direkt beschossen werden.


Ein Protestzug der MB wird durch Regierungskräfte am Ramsis Platz am 16.August beschossen, gefolgt von Rettungsmaßnahmen in der Moschee am selben Platz. Der Kameramann möchte aus Furcht vor Verfolgung anonym bleiben.

Warum nennen viele Ägypter euch nun Terroristen? Wieso sind so viele gegen euch?
Mehr als 60% nennen uns so … in den Medien! Sisi hat sieben Fernsehkanäle geschlossen, die gegen den Coup waren.

Ein Mitglied der MB sagte der Nachrichtenagentur AFP: "Wir erhalten keine Weisungen mehr. Wir wissen nicht was wir tun sollen, die meisten führenden Köpfe sind inhaftiert." Ist es richtig, dass die MB ohne Führung nicht handlungsfähig ist?
Nein, natürlich nicht! Sie haben uns zwar die erste, zweite und dritte Führungsebene genommen, aber wir kämpfen für die Sache und nicht für eine spezielle Person – du kannst die Person umbringen aber nicht die Idee.


Während des Angriffes erinnern nur noch die Topfplanzen auf den Barikaden an die schönen Sequenzen der zwei Monate des Widerstandes und der Gemeinschaft.  (Das Bild ist auch von dem gleich Fotografen-Freund von mir, der später angeschossen wurde.).

Was ist die Idee?
Wir kämpfen für das Ende unserer Versklavung; dafür, dass Ägypten eines der führenden Länder der Welt wird. Wir kämpfen für ein normales Leben; die meisten unserer Mitglieder führen ein armes Leben. Wir kämpfen für ihre Rechte.  

In all diesen Ideen erwähnst du mit keinem Wort den Islam.
Weil unsere Religion uns befiehlt, all das zu tun was ich erwähnte. Mensch zu sein, ist das Fundament unserer Religion. Meine Religion befielt mir, für die Menschen zu kämpfen … dass ich nicht an mich selber denke, sondern für Menschen da bin, die Hilfe brauchen.

Was glaubst du, warum der Ex-Ex-Präsident Hosni Mubarak aus dem Gefängnis entlassen wurde, während euer Präsident, der Ex-Präsident Mohammed Musi, eingesperrt wurde? Was bedeutet das für die MB?

Weil sie [die Armee] versuchen die Revolution vom 25. [25.1.2011] zu töten. Sie tun so, als hätte sich seit dem nichts geändert, sie wollen zurück in die dunkle Zeit. Die anderen revolutionären Parteien glauben, dass hier sei ein Kampf zwischen den MB und dem Militär. Sie sehen aber nicht, dass es ein Kampf gegen die gesamte Revolution ist. Erst jetzt, wo Mubarak entlassen ist, fangen sie an zu checken, was hier wirklich passiert.

Sebastian Backhaus dürfte sich wohl nicht als Fotograf bezeichnen. Er hat nie gelernt, mit einer Kamera umzugehen, hat keine Ahnung von ihrer Technik und fotografiert daher grundsätzlich im Autofokus. Wie ihm seine beeindruckenden Aufnahmen gelingen, weiß er wohl selber nicht. Vielleicht gleicht er diesen Mangel mit seinen engen Verbindungen in das extremistische Milieu Kairos aus. Großen Ärger machte er sich besonders dann, als er versuchte, seine Freunde des ägyptischen Black Blocks mit seinen islamistischen Freunden zum gemeinsamen Dinner an einen Tisch zu bringen. Das hat einmal funktioniert, seitdem lässt er das lieber. Sebastian führt zwei Leben gleichzeitig, die sich ähnlich wie sein ägyptischer Freundeskreis kaum vereinen lassen: In Deutschland geht er einem Job mit Hemd und Bügelfalte nach und stürzt sich, sobald er frei hat, in die Wirren des verlängerten Arabischen Frühlings.

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