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Diese Wissenschaftlerin untersucht seit 27 Jahren Drogen in Clubs

"Ich bin rund um die Uhr besessen von Drogen, ich rede von nichts anderem."

von Noisey Staff und Adam Bychawski
04 November 2016, 2:22pm

Foto: freestocks.org via Unsplash

Seit über zwei Jahrzehnten untersucht Fiona Measham alles, was wir in Clubs konsumieren. Measham hat mit 15 ihren ersten Job in einem Club bekommen und offenbar hat sie seitdem eine Menge Zeit darin verbracht. Als Teil ihrer Forschung hat sie jahrelang unzählige Clubgänger interviewt und erinnert sich an einige Sommer, die sie für eines ihrer Projekte in den Schwulenclubs von Vauxhall verbracht hat. Ihre Familie ist überraschenderweise weniger interessiert an den vielen Geschichten, die sie von ihren Erfahrungen im Club zu erzählen hat – obwohl man doch annehmen könnte, dass diese die Unterhaltungen am Esstisch aufheitern würden. "Ich treibe meine Familie in den Wahnsinn. Ich bin rund um die Uhr besessen von Drogen, es ist alles worüber ich reden kann", gibt sie zu.

Großbritannien scheint diese Besessenheit mit Measham zu teilen, denn laut Befragungen gab es keinen signifikanten Rückgang von illegalem Drogenkonsum. Besonders die Nachfrage nach Ecstasy ist gestiegen und Measham hat auch einen Anstieg von MDMA in ihren Proben festgestellt. "Man sollte nie die unersättliche Nachfrage nach MDMA unterschätzen", sagt sie.

Measham hat nicht nur eine Stelle als Professorin für Kriminologie an der Universität von Durham, sie ist auch die Mitbegründerin von The Loop. Seit letztem Jahr führt diese Organisation zusammen mit dem "Warehouse Project" Drogentests in Manchester durch. Ein Anstieg des MDMA-Anteils-laut Berichten seit 2009 um das Fünffache-setzt unachtsamen Clubgängern einem größeren Risiko der Überdosierung aus. Programme, die Clubbesucher vor verunreinigten oder falsch deklarierten Drogen warnt, retten deshalb sehr wahrscheinlich Leben. Ich habe Measham zu ihrem Programm befragt, und dazu, wie ein Club als Forschungsumfeld so ist, befragt.

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NOISEY: Wie schwierig ist es, Untersuchungen an Clubbesuchern durchzuführen, die Drogen nehmen?
Professor Fiona Measham: Ich forsche seit 25 Jahren und ich hatte noch nie irgendwelche Probleme. Sobald die Leute sicher sind, dass ich keine Polizistin bin – glücklicherweise besteht keine Verwechslungsgefahr, ich bin winzig und wenig bedrohlich – sprechen die Leute gerne mit mir. Hauptbedingung ist jedoch, dass du sie früh am Abend erwischst, bevor sie angefangen haben zu konsumieren, denn du willst sie nicht mitten in der Nacht nerven, wenn sie ausgelassen sind und einfach nur tanzen wollen. Wenn ich montagmorgens mit Leuten spreche, ist das immer interessant, da sie immer eine sehr andere Perspektive haben als freitagnachts.

Wie sehen deine Untersuchungen aus?
Im Moment habe ich meinen speziellen Laser, den ich benutze, um Drogen in Clubs und bei Festivals zu testen. Die Ergebnisse gebe ich an die Sanitäter und die Konsumenten weiter. Das Warehouse Project in Manchester, wo ich viele meiner Untersuchungen mache, hat ein Team, das sich um das Wohl der Besucher kümmert und sicherstellt, dass die Informationen die Runde machen. Letzten Samstag zum Beispiel haben sieben Freunde gedacht, dass sie Ketamin gekauft hätten und sie hatten eine schlimme Zeit; einige von ihnen mussten ins Krankenhaus. Nachdem ich die Drogen getestet hatte, konnten wir Warnhinweise verbreiten, dass Methamphetamine als Ketamin verkauft werden. Das Problem daran ist, dass Ketamin dreißig Minuten milde Halluzinationen bewirkt, während die Einnahme von Methamphetaminen zwei bis drei Stunden sehr intensive Halluzinationen bedeutet.

Wie lange dauert es, bis die Ergebnisse da sind?
Mit meinem Infrarot-Laser ist das eine Sache von Minuten. Es gibt in Großbritannien nur 15 von diesen Geräten für Drogentests, ich bin eine der wenigen, die es in einem Club nutzt. Die Polizei testet ebenfalls, aber sie brauchen 18 Monate, um ihre Ergebnisse zu veröffentlichen und damit ist keinem geholfen.

Wenn wir den Clubbesuchern noch in derselben Nacht die Informationen zukommen lassen können, dann können sie vernünftig dosieren. Die Gefahr ist die unterschiedliche Reinheit der Drogen innerhalb des illegalen Marktes: die Reinheit nimmt zu, die Leute sind überrascht und nehmen eine Überdosis. Wir haben das zum Beispiel bei Nick Bonnies Tod im Warehouse Project gesehen.

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Gab es in letzter Zeit einen Anstieg beim Konsum von Ecstasy?
Die heutige Generation hat definitiv ein wiedererstarktes Interesse an Ecstasy. Ein Blick auf landesweite Umfragen zeigt, dass der Konsum nicht maßgeblich zurückgegangen ist: seit den 1990ern gab es einen Anstieg bis zu einem Höhepunkt 2002 und seither ist es nur wenig zurückgegangen. Zu diesem Zeitpunkt gab es glaub ich die Vorstellung, dass es eine altmodische Droge ist und es ein bisschen bescheuert ist, irgendwo in der Ecke Grimassen zu schneiden. Die Tage, an denen die Leute Fremde umarmt haben, waren Vergangenheit.

Ist an dem weitverbreiteten Glauben, dass die "Pillen damals besser waren" etwas dran oder ist das ein gängiger Mythos?
Als ich mit der Forschung angefangen habe, hat eine Tablette 15 Pfund gekostet, und hatte 100mg. Im Lauf der 90er ging der MDMA-Anteil zurück, ebenso wie der Preis: erst auf zehn Pfund, dann auf fünf Pfund und letztendlich gab es drei Stück für zehn Pfund. Der Preis ging also genauso zurück wie der MDMA-Anteil, bis wir 2008/09 in Europa an einen Punkt gekommen sind, an dem sich nicht mehr viel MDMA in Ecstasy-Tabletten finden ließ und zur selben Zeit kamen MDMA-Kristalle auf, was eine Art Reaktion darauf war. Am Ende hat eine Tablette nur noch ein Pfund gekostet.

Was nun interessant ist, ist, dass die durchschnittliche Reinheit von Ecstasy-Pillen in Großbritannien in den letzten fünf Jahren um das fünffache gestiegen ist: von durchschnittlich 20mg 2009 auf 100mg heute. Also stimmt es in gewisser Weise.

Denkst du, dass das eine Antwort auf die Trends in den USA ist?
Die USA scheinen uns in Sachen Drogen und Musik hinterher zu hinken, ich denke, sie machen das durch, was wir vor 10 oder 15 Jahren durchgemacht haben. Sie sind in ihrem zweiten Summer Of Love und wir sind in unserem vierten oder so. In den USA gibt es momentan definitiv eine große Nachfrage nach Ecstasy, aber über die ganzen 90er hinweg war es recht schwer, in den USA an Ecstasy zu kommen.

Ich erinnere mich daran, dass amerikanische Studenten nach Großbritannien gekommen und nach Manchester gefahren sind, um in Clubs zu gehen und sie konnten nicht glauben, wie leicht Ecstasy in Großbritannien zu bekommen war und wie verhältnismäßig günstig es war. Und die Leute denken das noch immer. Ich fahre zu Drogenkonferenzen auf der ganzen Welt und meine Kollegen aus dem Ausland befragen mich zum Preis von Drogen in Großbritannien. Sie sind immer total baff wie niedrig die Kosten von MDMA sind und wie leicht es zu bekommen ist.

Foto: Jacob Morch via Unsplash

Warum sind die Kosten für MDMA so niedrig?
Wir sind einen Steinwurf von den Niederlanden entfernt, wo das meiste MDMA für den europäischen Markt produziert wird, und die Nachfrage nach MDMA in Großbritannien ist auch nicht zu unterschätzen.

Welche Unterschiede gibt es in den Clubs bezüglich der beliebtesten Drogen?
Das kommt darauf an, wohin du gehst. Ich mache jeden Sommer in den Schwulenclubs Londons Untersuchungen und in Vauxhall war die letzten fünf Jahre Mephedron die beliebteste Droge. Im Warehouse Project oder den meisten Mainstream-Clubs ist es hingegen wahrscheinlich Ecstasy und du findest kaum GBL oder Methadon.

Warum ist das so?
Na ja, wenn ich Clubgänger in Vauxhall frage, dann sagen sie mir, dass die Wirkung kurz andauert, es stimulierend ist und großartig für Sex. Ich denke es liegt an den unterschiedlichen Funktionen verschiedener Drogen. Die Leute, mit denen ich dort gesprochen habe, waren also interessierter an Drogen, die gut für Sex sind, während die Leute, mit denen ich im Warehouse Project gesprochen habe, Drogen zum Tanzen genommen haben.

Aber in Vauxhall wird im Laufe eines Wochenendes viel mehr konsumiert, da die Leute manchmal von Freitag bis Sonntagabend ausgehen. Ich habe ein großartiges Foto von einem Typen in einem verrückten schwarzweiß gestreiften Outfit, von dem ich wusste, dass er das ganze Wochenende nicht geschlafen hatte, da er jede Nacht, in der ich da war, auch da war. Ich habe ihn gefragt, warum er sich nicht umgezogen hat und er hat geantwortet, dass er das nicht könne, da seine Mutter dieses Outfit für ihn gemacht hätte und sie ihn darin eingenäht hätte, damit er es nicht ausziehen kann.

Letzte Frage: Bist du jemals auf einen Simulator namens Drugwars gestoßen?
Nein, bin ich nicht, ich habe nie wirklich Videospiele gespielt.

Verständlich, ich nehme an, in deiner Freizeit willst du auch etwas machen, das nichts mit deiner Arbeit zu tun hat.
Eigentlich nicht, denn das würde es für mich interessanter machen. Ich treibe meine Familie in den Wahnsinn, denn ich bin rund um die Uhr besessen von Drogen, ich rede von nichts anderem.

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