Sex

Was diese Frau gelernt hat, als sie 46 untreue Männer interviewte

Alicia M. Walker ist Seitensprung-Expertin. Wir haben mit ihr über ihr aktuelles Forschungsprojekt geredet.
25.5.21
Ein oberkörperfreier Mann mit den Worten „Free Kisses“ auf der Brust blickt bei einem Festival in die Kamera; wir haben mit einer Expertin geredet, die 46 untreue Männer interviewt hat
Symbolfoto: Chris Bethell

Ein Seitensprung ist nichts, dass viele Leute einfach so zugeben würden. Deswegen ist es fast unmöglich, bei diesem Thema genaue Zahlen zu nennen.

In einer Studie heißt es, dass Fremdgehen in 70 Prozent aller Ehen vorkommt. Eine unabhängige Expertin deutet an, dass das Ganze in 20 bis 60 Prozent der Beziehungen passiert. Zwar unterscheiden sich die Angaben sehr, aber bei einer Sache sind sich die Statistiken einig: Männer neigen eher zum Fremdgehen als Frauen.

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Alicia M. Walker beschäftigt sich wissenschaftlich mit intimen Beziehungen, Sexualität und Untreue. 2017 schrieb sie das Buch The Secret Life of the Cheating Wife – das Resultat einer einjährigen Studie der Affären verschiedener Frauen. Inzwischen ist auch ihr zweites Buch Chasing Masculinity: Men, Validation and Infidelity erschienen. Es basiert auf Interviews mit 46 Männern, die den speziell für Seitensprünge gedachten Dating-Service Ashley Madison nutzen. Die Plattform geriet 2015 in die Schlagzeilen, als Hacker damit drohten, die Nutzerdaten von 37 Millionen Usern zu leaken. 

Wir haben mit Walker über ihre Forschungsarbeit und die Interviews mit den Fremdgehern gesprochen.


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VICE: Hat es dich verwundert, dass die Männer bereit waren, mit dir zu sprechen? Immerhin machen sie etwas, das besser nicht rauskommen sollte.
Alicia M. Walker:
Ich habe Folgendes beobachtet: Wenn man etwas tut, um das ein solches Geheimnis gemacht wird, dann ist man fast schon froh darüber, wenn man mit einer neutralen, außenstehenden Person darüber reden kann. Während der Interviews erzählten mir irgendwann alle Männer mehr über sich selbst, ihre Social-Media-Profile, ihre Beruf und so weiter. Ich glaube, sie wollten sich alle in einem positiven Licht darstellen.

Gab es noch andere Antworten, die dich überrascht haben?
Einer meiner Gesprächspartner war total enthusiastisch. Zwei oder drei Wochen nach unserem Interview schickte er mir eine E-Mail, in der er mir sehr detailreich von einem Nachmittag mit einer Frau erzählte. Er schrieb ausführlich, wie unattraktiv er diese Frau eigentlich fand – so nach dem Motto "Ich bin so ein netter und großzügiger Mensch, weil ich Sex mit einer Frau habe, mit der sonst niemand schlafen will".

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Ich glaube, er wollte, dass ich ihm zurückschreibe, wie toll er doch sei. Das tat ich aber nicht. Deswegen wurde er richtig sauer und fast schon übergriffig, schließlich schrieb er: "Ich wünschte, ich hätte niemals mit dir geredet." Meine Antwort: "Alles klar, ich lösche alle deine Daten aus der Studie." 

Wie denkst du darüber, dass man 2015 die Männer so schnell verurteilte, die Ashley Madison nutzten und Opfer des Hacks wurden? Wie ordnest du die Suizide in Zusammenhang mit dem Datendiebstahl ein?
Es war schrecklich, dass man die User damals erpresste. Ein total unnötiger Verlust von Menschenleben. Manche sagen, dass diese Männer das bekommen hätten, was sie verdienten, aber warum sollte es OK sein, die Privatsphäre andere Menschen zu verletzen?

Es wird immer eher die Person verurteilt, die auf Fotos nackt zu sehen ist, als die Person, die diese Fotos klaut. Ich finde, das sagt total viel über unser Unbehagen beim Thema Sex und menschlicher Körper. Ashley Madison ist ein millionenschweres Unternehmen, es bietet vielen Menschen einen dringend nötigen Service an. Es wäre viel produktiver, wenn wir sagen: "Was können wir tun oder ändern, damit weniger Leute das Gefühl haben, so etwas tun zu müssen."

Kannst du Männer, die fremdgehen, inzwischen besser verstehen? Wie wirkt sich das auf dein Mitgefühl mit deren Partnerinnen und Partnern aus?
Ich will diese Männer auf keinen Fall komplett in Schutz nehmen, denn ich weiß genau, wie niederschmetternd es ist, wenn man herausfindet, dass der Partner einen betrügt. Aber hier denken wir gerne schwarz-weiß. Wenn man mit Leuten redet, die fremdgehen, findet man schnell heraus, dass es dafür Gründe gibt. Oft erfüllen sie sich damit ein unerfülltes Verlangen. Ohne dieses Verlangen geht es für sie nicht, aber sie wollen ihre ansonsten glückliche Beziehung nicht aufgeben.

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Ich weiß, das klingt total egoistisch. Aber ich denke mir dann meistens: "Eigentlich eine total traurige Situation für alle Involvierten." Wenn wir die Dynamiken verstehen wollen, die zu Untreue führen, müssen wir das so neutral wie möglich angehen. 

Wie hat sich die Forschung und Literatur zum Thema Fremdgehen entwickelt?
Früher hat man solche Umfragen noch von Angesicht zu Angesicht durchgeführt, heute läuft das meistens online ab. Da traut man sich natürlich, ehrlicher zu antworten. Deswegen glauben wir, dass die Zahlen inzwischen mehr der Realität entsprechen. Dennoch gehen wir allgemein davon aus, dass das Ganze nur lückenhaft dokumentiert ist. Wir haben zum Beispiel erst vor Kurzem angefangen, vermehrt auf die Rolle der Frauen beim Seitensprung zu schauen. 

In deinem ersten Buch hast du herausgefunden, dass Frauen vor allem wegen des sexuellen Vergnügens untreu sind. In deinem aktuellen Buch schreibst du, dass Männer vor allem aus emotionalen Gründen fremdgehen. Eigentlich das genaue Gegenteil unserer klischeehaften Vorstellungen.
Ich muss schon davon ausgehen, dass es etwas anderes ist, wenn sich jemand bei Ashley Madison ein Profil erstellt oder wenn sich jemand auf ein spontanes Techtelmechtel mit einem Kollegen oder einer Kollegin einlässt. Bei den Leuten, mit denen ich bei Ashley Madison geredet habe, kam jedoch wirklich der Eindruck auf, dass die meisten Frauen speziell für das sexuelle Vergnügen fremdgehen. Die gingen das extrem pragmatisch an.

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Die Männer erzählten da ganz andere Geschichten – nicht nur bezüglich ihrer Motivation, sondern auch zur Dynamik in ihren eigentlichen Beziehungen. Sie lieben ihre Frauen, haben aber das Gefühl, dass da die emotionale Intimität fehlt. Anfangs sah es also noch so aus, als ob es wirklich Unterschiede bei den Männern und Frauen gibt, aber sieben Frauen beschrieben dann ebenfalls Dynamiken bei sich zu Hause, die zu denen der Männer quasi identisch sind.

Hast du bei der Recherche und dem Schreiben des Buchs jemals gedacht, dass Monogamie vielleicht nicht das beste Konzept ist?
Es ist eigentlich unmöglich, in diesem Bereich zu forschen und nicht mindestens einmal diesen Gedanken zu haben. Die Hälfte der Frauen, mit denen ich für mein erstes Buch geredet habe, sagten: "Ich wünschte, ich könnte eine offene Ehe führen, dann wären wir alle glücklicher." Die Männer dachten da ganz anders.

Die Frauen sprachen davon, dass sie am Anfang mit ihren Affären genau darüber geredet hätten, was sie sich von der Sache versprechen. Mir sagten sie dann: "Ein solches Gespräch habe ich am Anfang meiner Ehe nicht geführt. Jetzt wünschte ich, ich hätte das getan." Was ich aus all dem schließe: Wir müssen viel reden, bevor wir eine Beziehung eingehen. Und auch wenn es schwer ist, diese Gespräche müssen dann während der Beziehung weitergehen.

Viele Leute sagen, dass untreue Menschen ihre eigentliche Beziehung besser beenden sollten, anstatt ein Doppelleben zu führen.
Es ist einfach zu sagen, dass Männer die Eier dazu haben sollten. Aber das klappt offensichtlich nicht. Es wird immer noch sehr häufig fremdgegangen. Anstatt diese Leute zu verurteilen, sollten wir eher versuchen, sie und die Dynamiken dahinter zu verstehen. Viele Menschen finden es sehr schwer, die Person zu verlassen, die sie lieben – auch dann, wenn in der Beziehung nicht alles perfekt läuft.

Die Männer, mit denen ich geredet habe, lieben und verehren ihre Frauen ja auch. In jedem Gespräch war ihr Fazit: "Das hier stärkt mein Selbstvertrauen, hier kann ich mein Verlangen stillen, aber ich wünsche mir wirklich, dass das mit meiner Frau passieren würde." Sie machen nicht Schluss, weil sie immer noch die Hoffnung haben, dass sich die Dinge zu Hause irgendwie verändern.

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