Sex

Fetischisten erzählen, wie sie ihre Leidenschaft trotz Lockdown ausleben

"Leute, die ich kenne, mussten bis zu 25.000 Euro Strafe zahlen."  
15.2.21
Eine in rotem Latex gekleidete Person als Symbol für BDMS-Fetischisten, die wegen Corona ihre Leidenschaft nicht ausleben können
Symbolfoto: VICE

Momentan sind nicht nur große Geburtstagsfeten verboten, auch Gruppensex ist untersagt. Die Pandemie schränkt nicht nur das soziale Leben ein, sonder auch das Miteinander in der BDSM-Szene. Auf Fetischpartys und analogen Spanking-Workshops konnten sich die Menschen früher austauschen, ihre Interessen und Vorlieben teilen. Das fällt nun größtenteils weg. Für Kinkster ist die BDSM-Welt aber mehr als Sex. Freunde und Partnerinnen aus der Szene ersetzen bei vielen die Familie – treffen durften sie diese über die Feiertage allerdings nicht. 

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Wir haben Menschen auf Szene-Portalen angeschrieben und wollten wissen, wie sich Corona auf die BDSM-Welt auswirkt und wie sie ihren Fetisch in der Pandemie ausleben. Nicht jeder hält sich dabei an die Regeln.

Anne*, 36, Mutter von drei Kindern und arbeitet in der Internetbranche

Mein Mann und ich leben in einer offenen Beziehung. Im ersten Lockdown haben wir abgemacht, keine weiteren Partnerinnen und Partner zu daten. Wir mussten unsere Vereinbarung aber ein wenig lockern, sonst wären wir durchgedreht. Im Herbst habe ich meine sozialen Kontakte dann doch etwas beschränkt. Zum einen sind die Infektionszahlen gestiegen, zum anderen habe ich mitbekommen, dass private Partys von der Polizei aufgelöst worden sind. Leute, die ich kenne, mussten bis zu 25.000 Euro Strafe zahlen.  


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Ich bin im regelmäßigen Austausch mit meinen Spielpartnern. Das sind vier Leute. Mehr schaffe ich ehrlich gesagt auch nicht – das wird sonst zu stressig. Früher war ich eine Mistress, dominant. Das hat sich im Laufe der Pandemie ein wenig verändert. Heute stehe ich auf Primal Prey. Das ist im BDSM eine Bezeichnung für ein Rollenspiel zwischen Jäger und Beute. Ich bin dabei aber immer noch der dominante Part, der Prädator – sozusagen das Raubtier. Meine Spielpartner treffe ich nach wie vor regelmäßig. Dazu kommen Extra-Treffen wie Dreier, Vierer oder Fem-Dom-Abende. Bei Letzterem, treffen sich Dominas, laden einen Sub ein und haben gemeinsam Spaß. Im Sommer war ich zweimal bei einer privaten Veranstaltung mit zehn bis zwanzig Leuten dabei, das war illegal. Ich habe das gebraucht, sonst hätte ich das Gefühl gehabt, innerlich zu vertrocknen. Zu diesem Zeitpunkt kam alles zusammen: Depression, Libidoverlust, kein Spaß am Leben. Viele Bekannte gehen mittlerweile zu einem Therapeuten, für mich ist das aber nichts.

Ich habe mehrere Kinder zu Hause und uns nimmt das alles sehr mit. Mir hat der Ausgleich gefehlt. Mein Mann und ich bekommen mit, dass nach wie vor kleinere private Partys mit bis zu zehn Personen stattfinden. Wir hingegen treffen uns seit diesem Jahr jeweils nur noch mit einem oder einer anderen Sexpartnerin in der Woche – nicht bei uns zu Hause – und zählen zu den vorsichtigeren Personen. Innerhalb der Community stößt das auf Unverständnis. Mein letztes Treffen liegt deswegen etwas zurück: Das war nach Weihnachten mit einer Fünfer-Gruppe. Jetzt habe ich mich aber dazu entschlossen, das alles vorerst sein zu lassen. Die ansteigenden Zahlen bereiten mir und meinem Mann Sorgen. Ich habe Angst, dass sich meine Kinder anstecken könnten. Deswegen versuche ich zwischen Spaß und Vorsicht abzuwägen. So wie es sich für mich richtig anfühlt. Es gibt zwar die Möglichkeit, Online-Workshops oder Partys zu besuchen, aber das reizt mich nicht. Stattdessen schaue ich viele Pornos oder berühre mich selbst. Bei meinen Sexpraktiken hat sich nichts verändert, ich kann meine Vorlieben genauso ausleben wie vor der Pandemie. Es ist zwar gut, dass es Regeln gibt, aber ich halte mich nicht immer daran. Regeln sind zum Brechen da. Ausnahmen sind wichtig. 

Romano*, 41, veranstaltet Fetisch-Workshops und arbeitet als Kommunikationsdesigner und Fotograf

Mein Fetisch: Spanking und Bondage. Das leben meine Freundin und ich mit unseren jeweiligen Partnerinnen und Partnern aus. Das sind mehrere – zu viele, um das aktuell mit jedem oder jeder ausleben zu können. Eine gemeinsame Partnerin von uns wohnt beispielsweise in einem Drei-Generationen-Haus, da ist der Ansteckungsfaktor zu hoch. Wir möchten nicht, dass irgendetwas passiert. Deswegen wägen wir immer ab, wie hoch das Risiko ist. Neben den Partnerinnen bekomme ich regelmäßig Besuch für Shootings – aber nur ein bis zweimal im Monat. Wir beide müssen uns beschäftigen, um zumindest etwas Normalität zu empfinden. Wir haben uns wegen der Treffen aber schon mehrmals gestritten, weil wir häufig unterschiedlicher Meinung sind. Ich mache mir eher weniger Sorgen, dass etwas passieren könnte, weil ich mich eigentlich an die Regeln halte. Das ist aber Auslegungssache. Das fängt schon bei der Frage an: Was ist eigentlich ein Haushalt? Ich bin relativ risikobereit, meine Partnerin weniger. Würden wir die Regeln streng befolgen, könnte die Beziehung darunter leiden. Ich rechne dann mit ernsthaften seelischen und psychischen Krankheiten. Warum? Weil es die Freiheit zu sehr beeinträchtigt. 

Wir Kinkster werden in der Pandemie weder respektiert noch unterstützt – stattdessen als Perverse bezeichnet. Viele unterscheiden auch gar nicht zwischen "legal" und "illegal" pervers. Konform ist momentan die Ehefrau oder die Verlobte, alles andere wird kaum unterstützt. Es wird bei Entscheidungen missachtet, dass es auch alternative Beziehungsmodelle gibt und dass nicht jeder monogam leben möchte.

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Nicht jeder Mensch lebt in einem "klassischen" Beziehungsmodell und Sexualität ist nicht immer gleich. Dem einen reichen Plüschhandschellen, andere brauchen eine härtere Nummer. Den Grad des Fetischs sollte man aber nicht bewerten, da gibt es kein richtig oder falsch, gut oder schlecht. Das ist subjektiv. Ich lebe meinen Fetisch und BDSM seit über 16 Jahren aus.

Alle Leute, die ich aus der BDSM-Szene kenne, sagen das Gleiche: Sie möchten ihre Freundinnen und Freunde, sowie ihre Bekannten häufiger sehen und wollen ihren Fetisch endlich wieder intensiver ausleben. BDSM ist eine Form von Sexualität, die Leute ausleben möchten, weil sie für die jeweilige menschliche Entwicklung wichtig ist. Auch Vergnügen abseits der Sexualität wie Partys gehören zu den Bedürfnissen und sind wichtig, um den Stress im Alltag auszugleichen. BDSMler finden diesen Ausgleich vor allem innerhalb der Fetisch-Community. Gerade beim Eintritt in die Szene sind vertrauensvolle Personen wichtig. Schließlich geht es bei BDSM um Kontrollabgabe und da sind viele Risiken mit verbunden. Diese Risiken versuchen wir digital zu besprechen. Die Online-Workshops rund um Fetisch und BDSM können aber niemals ein Face-to-Face-Meeting ersetzen. Gerade wenn es um nonverbale Kommunikation, Körpersprache, Gefühle und Haptik geht. 

Marla*, 25,  arbeitet als persönliche Pflegekraft und Assistentin für einen Menschen mit Behinderung

Meine ersten Erfahrungen habe ich als Sub gesammelt, mittlerweile bin ich sowohl devot als auch dominant. Was ich momentan vermisse, ist Ausgehen und neue Leute kennenzulernen. Früher hatte ich regelmäßig auf Partys Gruppensex. Mich haben die Zuschauer und die Öffentlichkeit gereizt. Diese krass ausgelebte Sexualität fällt jetzt weg. Dafür bin ich jetzt online viel aktiver: Ich lade häufiger Fotos auf BDSM-Portalen hoch, beteilige mich mehr an Diskussionen, schreibe in Chats und nehme an Workshops teil. Das hält mich über Wasser. Es ist schön zu wissen, dass Menschen für mich da sind. Die digitalen Partys bieten ein wenig Abwechslung: Man zieht sich schick an, trinkt etwas, tanzt. Bei der letzten Halloweenfeier haben wir sogar miteinander Tabu gespielt. Das Körperliche und Sexuelle fällt aber größtenteils weg. Unter anderem weil die Kameras an sind und die Sorge besteht, dass jemand mitfilmen könnte. Trotzdem ziehe ich mir freizügige Kostüme an und schminke mich. Das ist eine Art kreative Ausdrucksform, die mir guttut und mir ein Stück weit das Gefühl von Normalität vermittelt.

Im Moment verabrede ich mich regelmäßig mit zwei Sexpartnern, hatte zwischendurch aber mal einen anderen Partner und einen Dreier mit zwei Menschen aus zwei verschiedenen Haushalten. Wir haben uns vor dem Treffen in häusliche Quarantäne begeben und sogar einen Schnelltest gemacht. Nicht jeder in der Szene hat so viel Verständnis und hält sich an die Beschränkungen. Ich habe über mehrere Ecken mitbekommen, dass im November private Partys veranstaltet wurden – anscheinend mit bis zu dreißig Menschen.

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Ich kann es nicht nachvollziehen, dass viele das Leben und die Gesundheit von Menschen für eine Party riskieren. Ich könnte mir das gar nicht leisten, da ich mit einer Risikogruppe zusammenarbeite und noch vorsichtiger sein muss als andere. 

Beim Sex an sich hat sich bei mir aber nichts verändert. Alle Praktiken kann ich nach wie vor ausüben. Ich kann mich nach wie von einer Person schlagen lassen, intensiven Sex und Deepthroats haben. Die Verbote schränken aber viele meiner Bekannten sehr sein. Schließlich ist das Sexleben, dieser Fetisch, eine wichtige Ausdrucksform und sorgt für Zusammenhalt. 

Da sehe ich auch das Problem bei den Kontaktbeschränkungen: Die Regelungen schreiben der Partnerschaft, Sexualität und Familie eine Norm zu. Über Weihnachten hieß es beispielsweise, dass man eine bestimme Anzahl von Menschen aus dem engsten Familienkreis treffen darf. Bei vielen Menschen spielt die biologische Familie keine große Rolle – stattdessen sind Freunde oder (sexuelle) Partner sehr wichtig. Bei den Regeln wurden alleinstehende Menschen, Singles, missachtet. Genauso, welche Auswirkungen das Verbot von Sexarbeit hat. Für die Fetisch-Community sind nicht nur menschliche Berührungen, Sex, und das Ausleben des Fetischs wichtig, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl. Viele schreiben in Chats, dass sie Depressionen haben. Das betrifft aber wahrscheinlich nicht nur Kinkster.

Jason*, 43, Fetischfotograf, arbeitet im wissenschaftlichen Bereich

Die neuen Regeln schränken mich insofern ein, dass ich nicht mehr auf Fetisch-Partys gehen kann. Das habe ich früher zwei- bis dreimal im Jahr gemacht. Grundsätzlich halte ich mich an die Regeln und bin sonst eher der solitäre Typ. Meinen Fetisch kann ich mit kleinen Einschränkungen nach wie vor ausleben. Ich bin nicht auf Gruppen angewiesen. Ich kenne aber einen Freund, dem das sehr fehlt. Der war eine Rampensau. 

Auf einem der Fetischportale habe ich für meine Tätigkeit als Fetischfotograf ein Künstlerprofil. Da waren vor der Pandemie viele "primitive" Männer unterwegs. Nur knapp zehn bis zwanzig Prozent haben sich ernsthaft für gut gemachte Bilder interessiert. Dieser Prozentsatz hat mittlerweile zugenommen. Ich bekomme vermehrt positive Rückmeldungen. Außerdem habe ich während des zweiten Lockdowns gemerkt, dass die Models viel aktiver geworden sind und immer mehr auf mich zukommen. Ob die einfach mehr Fotos machen oder lieber "spielen" wollen, kann ich nicht sagen. Für mich macht es das Ganze jedenfalls einfacher. Das ist aber nicht bei jedem so. 

Eine Bekannte von mir arbeitet als Domina. Obwohl es bei ihr nur Einzelbedienungen gibt, darf sie ihren Job nicht weiter ausüben. Das verstehe ich nicht als Corona-Maßnahme, sondern als eine politisch-kirchliche Entscheidung. Man möchte so etwas aus dem Stadtbild entfernen. Corona hilft natürlich, solche Einrichtungen zu schließen. 

Die Regeln sind eher für die Leute gedacht, die sich wissenschaftlich nicht auskennen und nicht einschätzen können, welche Auswirkungen ein Treffen mit zwei, drei oder zehn Personen auf die Inzidenzzahlen hat. Deswegen brauchen sie konkrete Kennzahlen und Maßnahmen, an die sich halten können. Ich hingegen kann die Lage und mein Risiko selbst sehr gut einschätzen, weil ich im biologischen Bereich arbeite. Dass ich mich an die Corona-Regeln halte, kann aber auch an meinem Alter liegen. Ich glaube, es sind eher die jüngeren Menschen, die sich nicht an die Maßnahmen halten. Wenn sich andere Leute mit mehreren Partnern oder Freunden treffen, kann ich das ein Stück weit nachvollziehen, aber nicht befürworten. 

Sarah*, 33, promovierte Naturwissenschaftlerin, arbeitet im Management 

Meine Mutter hat mit mir immer offen über Sex und Kinks gesprochen. Deswegen war das für mich nie etwas Außergewöhnliches. Bereits vor Corona habe ich mich damit auseinandergesetzt, wie ich anderen Leuten helfen kann, die nicht so offen und positiv erzogen worden sind wie ich. Ich habe in Berlin mehrere Events organisiert und bin eine der Ansprechpartnerinnen der Fesselszene. Das wird ein richtiger Markt, Fifty Shades of Grey sei Dank – nicht. Ich persönlich halte von dem Buch gar nichts. Das ist alles Rape Culture. 

Wegen solchen Darstellungen nehmen an unseren Online-Workshops Menschen teil, die von sexualisierter Gewalt in Beziehungen betroffen sind. Sie werden geschlagen und glauben aufgrund solcher Bücher und Filme, dass das ein Fetisch ist. Dabei hat das wenig mit einvernehmlichen harten Sex oder BDSM zu tun. Die gehen in der Regel nicht zur Polizei, weil sie sich schämen. Die Pandemie hat das Problem nicht besser gemacht.  Wenn diese Menschen dann unsere mittlerweile nur noch digitalen Workshops besuchen, merken sie, dass das alles ganz anders – respektvoller, netter, schöner – abläuft als bei ihnen zu Hause. 

Nur weil dein Partner dich gerne dominiert, heißt das noch lange nicht, dass er das gut und richtig macht. Ein Negativbeispiel wäre, wenn er dir ins Gesicht schlägt und sagt, dass dir das gefallen muss, weil du Masochistin bist. Besser wäre es, beim Spanking mit einem einvernehmlichen Klapps auf den Po anzufangen  – und dich zu fragen, wie du das empfindest. Das kann man auf schöne, verspielte Art und Weise lernen. Deswegen bieten wir gemeinsame Spanking-Workshops an. Das klappt digital genauso gut wie analog. Wie Tennistrainer können wir als Online-Workshop-Leiter auch vor dem Bildschirm erkennen, ob der Schlag richtig ausgeführt wird. Auch einzelne Probleme können wir online genauso gut behandeln

Ich selbst fessle professionell Menschen. Zu 80 Prozent mache ich Shibari, japanisches Bondage. Ich unterrichte, deswegen kommen Leute allein zu mir, die Sessions oder Unterricht buchen. Die Kontaktbeschränkungen haben das bisher unter strengen Auflagen zugelassen. Ich mache das analog, aber auch online. Mittlerweile machen wir vermehrt Videokonferenzen zu Kink-Themen. Es ist extrem knuffig, wenn man einen Online-Workshop leitet und sieht, wie sich dreißig bis vierzig Leute gegenseitig auf den Arsch hauen.

Mein Lebenspartner ist ebenfalls kinky und mein Dom. In Nicht-Corona-Zeiten haben wir eigentlich einen sehr "inzestuösen" Zirkel, der aus zehn bis elf Leuten besteht, die sich alle untereinander treffen. Jetzt, während der Pandemie, verabreden wir uns nie alle gemeinsam – wir sind zusammen eigentlich nie mehr als drei Leute. Ich verstehe es nicht, wenn Menschen sich trotz der Pandemieregelungen in einer größeren Gruppe persönlich treffen und die Regeln nicht einhalten. Innerhalb von einem Jahr Pandemie sollte man es geschafft haben, ein Miteinander aufzubauen, in dem man sich nicht allein und isoliert fühlt. 

*Name geändert

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