Popkultur

Wer hat die krasseste Villa aller Zeiten: Wladimir Putin vs. Pablo Escobar

Stierkampfarena, Weinberge, Wasserdisco – in diesen beiden ultraluxuriösen Villen gibt es nichts, was es nicht gibt. Auf zum Duell.
28.1.21
Der mutmaßlich Wladimir Putin gehörende Palast am Schwarzen Meer
Bild: Anti-Corruption Foundation

Seit der russische Oppositionelle Alexej Nawalny ein Enthüllungsvideo über einen sagenhaften Palast von Wladimir Putin veröffentlicht hat, stellt sich vor allem eine Frage: Wer braucht schon vergoldete Klobürsten? Putin selbst jedenfalls betont, nichts mit dem Schloss am Schwarzen Meer zu tun zu haben. Zwar sind die von Nawalny vorgebrachten Beweise erdrückend, trotzdem sollte für diesen Text das Wort "vermutlich" vor jede Zuschreibung des Palastes zum russischen Präsidenten gedacht werden.

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Ob Nawalny wirklich alle Fakten sauber recherchiert hat, lässt sich indes kaum überprüfen. Auch er hat mit Teilnahmen an nationalistischen Märschen und kruden neoliberalen Äußerungen in seiner Laufbahn schon mal daneben gelangt. Aktuell kann ihm das nicht passieren. Seit seiner Rückkehr nach Russland – nachdem er sich in Deutschland von seiner Vergiftung mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok erholt hatte – sitzt er hinter Gittern.


Auch bei VICE: Wie Pablo Escobars Vermächtnis der Gewalt die Kartellkriege heute antreibt.


Pablo Escobar hat nie abgestritten, dass die Hacienda Nápoles ihm gehört. Im Gegenteil: Die Welt sollte seinen Reichtum sehen. Und das hat sie auch. Genauso wie sie gesehen hat, wie Escobar und sein Kartell Tausende Menschen umbrachten und ganz Kolumbien terrorisierten. Trotzdem – oder gerade deswegen – ist seine Hacienda heute eine Art kolumbianisches Disneyland.

Aber welche der beiden Luxusbuden ist die KRAVAZ – die krasseste Villa aller Zeiten? 

Lage

Bei Immobilien gilt ja die alte Makler-Weisheit, nach der nur drei Dinge zählen: Lage, Lage Lage. Die Hacienda Nápoles liegt mitten in Kolumbien, auf halbem Wege zwischen den Metropolen Medellin und Bogotá. Das offene Meer ist hier fast 300 Kilometer entfernt. Putins Palast liegt im Süden Russlands, direkt am Schwarzen Meer.

Die nächste Stadt ist Gelendschik, das man mit seinen gut 50.000 Einwohnern als russisches Stralsund bezeichnen könnte, wenn man ungenaue Vergleiche zu schätzen weiß. Die nächste Gemeinde von Escobars Villa aus ist Puerto Triunfo, nur halb so groß wie Gelendschik, dominiert vom Bergbau.

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Ein Blick aufs Wetter liefert eine Überraschung: Gelendschik rules. Das subtropische Klima an der russischen Schwarzmeerküste gönnt der Stadt heißere Sommer als Puerto Triunfo und das ganze Jahr über weniger Regen. Zwar sind die Winter in Kolumbien milder, aber... 

Putin: 1

Escobar: 0

Größe

Die härteste Kategorie, denn hier entscheiden objektiv die Zahlen. Wobei auch die nicht so objektiv sind, wie es scheint, denn zu beiden Grundstücken finden sich im Netz unterschiedliche Angaben. Putins Reich ist laut dem Nawalny-Video 7.800 Hektar groß, das wäre 39 Mal das Königreich Monaco. Escobar dagegen kommt vermutlich auf etwa 15 Monacos. Erstaunlich, wie genügsam sich der Drogenbaron gegeben hat.

Bei der eigentlichen Wohnfläche wird es endgültig unübersichtlich. Putins Hauptschloss bietet knapp 18.000 Quadratmeter, auf Escobars Anwesen gab es keinen vergleichbaren Bau. Dafür soll die Hacienda Nápoles bis zu zehn Villen beherbergt haben, bis zu 2.000 Bedienstete sollen dort gearbeitet haben. Aber hier sticht am Ende die größere Anzahl an Monacos.

Putin: 2

Escobar: 0

Offenheit

Putin streitet weiterhin ab, dass der Palast am Schwarzen Meer ihm gehört. Der FSO, ein spezieller Sicherheitsdienst, der für die Sicherheit des Präsidenten und russischer Regierungsmitglieder verantwortlich ist, schirmt das Gelände in alle Richtungen kilometerweit ab. Bauarbeiter und Bedienstete werden mehrfach durchsucht, bevor sie auf das Gelände dürfen. Sie dürfen nicht einmal ein einfaches Handy mitführen.

Escobar dagegen öffnete Teile seines Grundstücks der breiten Öffentlichkeit. Vor allem sein Privatzoo mit Giraffen, Elefanten, Kängurus und Nilpferden wurde schon zu seinen Lebzeiten zur Attraktion. Die Menschen kamen in Scharen. Ein Mörder, Hasardeur und Drogenboss, aber ein Mann des Volkes: Punkt für Escobar.

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Putin: 2

Escobar: 1

Eingangspforte

Die Hacienda Nápoles wartet am Eingang mit einer Piper PA-18 Super Cub auf, einer Replika jenes Flugzeugs, mit dem Escobar zum ersten Mal Kokain auf dem Luftweg geschmuggelt haben soll. Eine eigene Landebahn hatte er auch noch.

Putin kontert mit einem goldenen, doppelköpfigen Adler – genau so einen Adler gibt es am Winterpalast in St. Petersburg. Hier hat früher der russische Zar residiert. Diesen allzu klaren Hinweis hätte jetzt keiner gebraucht, es wäre auch so klar gewesen, in wessen Nachfolge Putin sich sieht.

OK, der zaristische Adler ist beeindruckend, aber das Propellerflugzeug verwegener. 2:2.

Putin: 2

Escobar: 2

Soldaten posieren vor der Hacienda Napoles.

Foto: Robert Harding | Imago

Luxus (abgesehen von Klobürsten)

In dieser Kategorie einen Sieger zu finden wird extrem hart – beide Kandidaten beherrschen sie meisterhaft.

Escobar hatte eine Flugzeuglandebahn, mehrere künstliche Seen, Pferdeställe, einen Dinopark und eine eigene Stierkampfarena. Und natürlich seinen Zoo.

Putin hat zwei Landeplätze für Hubschrauber, unzählige Weinberge, eine eigene Eishockey-Arena, ein Theater, ein Kino, eine Wasserdisco. Und ein Château für Weinproben. 

Villa schwarzes Meer

Foto: Anti-Corruption Foundation

Beide können also Luxus, doch Luxus wird überbewertet. Kein Punkt für Niemand.

Klobürsten

Was hat sich Escobar nur dabei gedacht? Während Putins 700 Euro teure Klobürsten zum Symbol seines Schlosses geworden sind und russische Demonstrierende eben solche Klobürsten in die Höhe recken, um gegen ihren Präsidenten zu protestieren, schien Pablo Escobar keinen besonderen Wert auf Klobürsten zu legen. Hatte es der Mann einfach nicht so mit Hygiene? War der Weg aus Italien – da kommen Putins Klobürsten her – nach Kolumbien in einer damals weniger globalisierten Welt zu weit? Hatte Escobar einfach Besseres zu tun als Klobürsten zu shoppen? Wir werden es nie erfahren.

Putin: 3

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Escobar: 2

Eine Animation von Wladimir Putin mit einer vergoldeten Klobürste.

Foto: Screenshot aus "Putins Palace!"

Kulturerbe

Um Escobars Hacienda ranken sich zahlreiche, wenn auch zumeist unbestätigte Gerüchte. Angeblich stellte er den Chevrolet von Bonnie und Clyde dort aus, im Original, versteht sich. Vermeintlich sind die Rolling Stones dort aufgetreten. Vielleicht stimmt auch beides nicht. Aber Escobar hat sich jedenfalls weniger abgeschottet. Auch wenn der Mythos Escobar für das moderne Kolumbien weiterhin ein Problem darstellt, ist seine Existenz nicht zu leugnen. Ausgleich.

Putin: 3

Escobar: 3

Ein Poster von Pablo Escobar auf seiner Hacienda.

Foto: Imago

Style

Eine schwierige, weil weiche Kategorie. Zumal es bisher drei zu drei steht und sie deshalb darüber entscheidet, wer den KRAVAZ-Titel der "Krassesten Villa aller Zeiten" einheimst. 

Escobar profitiert eindeutig davon, dass er schon lange tot ist. Die meisten Machtmänner werden ja erst in der zweiten Hälfte ihrer Laufbahn so richtig heftig unangenehm.

Das erste Video zu Escobars Hacienda bei Youtube ist mit dem Theme-Song aus Der Pate unterlegt, alle Menschen tragen Schnäuzer und Siesta-gestählte Wampen vor sich her, das hat alles etwas Verspieltes. Selbstverständlich ist das nur Fassade, haben Escobar und seine Schergen Tausende Menschen umgebracht, ist sein Blutgeld nicht schönzureden. Aber stilistisch ist er nicht erst seit Narcos eine Blaupause. 

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Putin wirkt bei seinen ungelenken Versuchen, seine eigene Villa zu verleugnen, irgendwie verkrampft. Früher haben ihm russische Popsternchen Lieder gewidmet, aber der Hype scheint vorbei. Warum er sich gleich ein protziges Schloss in die Hügel über das Schwarze Meer setzen muss, falls er das wirklich getan hat, weiß am Ende nur er selbst, aber das alles wirkt doch irgendwie arg gewollt.

Vielleicht hat Escobar auch nur das Glück, in einer vermeintlich guten alten Zeit gelebt zu haben. Filmhelden sahen früher ja auch lässiger aus. Er gewinnt. 

Endstand:

Putin 3

Escobar 4 

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