Muhammad und seine Freunde, die zusammen im Irak skaten
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Fotos: So skaten Jugendliche durch Bagdad

Im kriegsgeplagten Irak rollen junge Skater durch kaputte Straßen, zwischen Staus und militärischen Stützpunkten.
15.12.20

"Wenn wir einen Kontrollpunkt in Bagdad überqueren", sagt der 16-jährige Muhammad Al Kaabi, "halten uns die Soldaten an und fragen: 'Was zur Hölle macht ihr hier? Was glaubt ihr, wo ihr hingeht?'" Muhammed geht im Viertel Adhamiyah zur Schule, das im Nordwesten der irakischen Hauptstadt liegt. Er skatet zumeist die hügelige Gegend zwischen seinem Zuhause und dem 'Save Iraqi Culture'-Monument im Stadtzentrum, wo er sich wöchentlich mit einer Gruppe von ungefähr 60 jungen Skatern trifft. 

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Die Gruppe wurde von den Skatern Hussein* und Abbas*, 22 und 19 Jahre alt, vor ungefähr einem Jahr gegründet. Skateboarding ist in der konservativen irakischen Gesellschaft verpönt. Die beiden Skater erstellten ein Profil auf Instagram und eine WhatsApp-Gruppe, um ihre wöchentlichen Treffen auf dem Al Thaqafa-Platz zu organisieren. Auch andere Treffen in der Stadt werden so geplant. Sie skaten auf den kaputten Straßen Bagdads, die seit der US-amerikanischen Invasion im Jahr 2003 nicht repariert wurden, inmitten von riesigen Verkehrsstaus und unzähligen Kontrollpunkten, mit deren Hilfe Sicherheitskräfte die Stadt vor Terrorangriffen schützen sollen. 

"Vor nicht allzu langer Zeit konnten wir kaum gerade stehen und keine Tricks machen", sagt Muhammed, der sein schwarz-weiß-gestreiftes Skateboard vor sich hält. "Aber dieses Jahr konnten wir eine Gemeinschaft aus Skatern hier im Al Thaqafa-Platz zusammenkriegen. Hier können wir in Ruhe skaten, ohne dass Menschen uns anstarren." 

Junge Skater nutzen eine Straße mit Autos

Junge Irakis sind in einem Land aufgewachsen, das durch die US-amerikanische Invasion, Religionskriege und die extreme Gewalt durch den IS destabilisiert worden ist. Mit gerade einmal zwanzig Jahren sind die meisten von ihnen schon mit dem Tod in Berührung gekommen: durch den Verlust von Familienmitgliedern, Freunden oder Geliebten. Sie haben die Menschenrechtsverletzungen durch US-Soldaten und die damit einhergehende anti-amerikanische Stimmung im Land erlebt. Trotz alldem fühlen sie sich von einem amerikanischen Sport angezogen.

Abbas, ein Student an der Akademie der Schönen Künste in Bagdad, skatet, seit er neun Jahren alt ist. "Als ich anfing zu skaten, war mir nicht klar, dass ich in der Schule und auf der Straße ausgelacht werden würde", sagt er. "Alle sagten mir, dass Skateboarding ein Sport für Jugendliche im Westen ist. Aber ich habe trotzdem weitergemacht." Er wünscht sich, dass Bagdad mehr Orte zum Skaten bekommt. "Einige Passanten machen unsere Skateboards kaputt", sagt er. "Aggressive Autofahrer versuchen, uns zu verletzen. Und wir stürzen oft, weil die Straßen so kaputt sind." 

Skater machen Tricks an einem großen Platz

Auf dem Al Thaqafa-Platz jubelt die Gruppe, wenn Skater einen Trick machen und schreien "Yalla shabab!", also "Los Jugend!" auf Arabisch. Andere quatschen und rauchen. Haider Ramadan, der 18 Jahre alt ist, kommt ursprünglich aus dem schiitischen Vorort Husseiniya, der an den ärmsten Stadtteil Bagdads grenzt: Sadr-City. Er ist lange angereist, um ein paar Stunden mit seinen Freunden zu rollen. "In meiner Nachbarschaft habe ich sehr viele Probleme beim Skateboarden", sagt er. "Die Gesellschaft toleriert uns einfach nicht." 

Ein Skater gleitet am Verkehrsstau vorbei

Im Oktober 2019 protestierten tausende Irakis, die meisten davon jünger als 30, gegen das korrupte und oligarchische Regime in ihrem Land. Die Demonstrationen wurden durch die Regierung niedergeschlagen. Haider sagt, dass Skateboarden ihm dabei helfe, mit dem Stress und der Gewalt im Land umzugehen. Sein Freund Muhammad* stimmt ihm zu. "Ich liebe Skaten, weil es mein einziger Ausweg ist", sagt er. "Hier habe ich eine Familie gefunden." 

Ein 18-jähriger Skater trägt eine Maske

Muhammad und Hussein haben ein Video der Pariser Skate-Crew Cinquième Terrasse geschaut, bevor Hussein mit Abbas eine eigene Gruppe in Bagdad gegründet hat. Hussein bekam sein erstes Skateboard 2016, aber er erzählt, dass es ohne richtige Ausstattung und einen Ort zum Skaten fast unmöglich sei, Fortschritte zu machen. "Es gibt keinen Ort, an dem wir komplizierte Tricks üben können", sagt er. "Das hält uns davon ab, besser zu werden. Und deswegen kennt uns auch niemand in der weltweiten Skateboard-Community." Letztens hatte er die Möglichkeit, das irakische Ministerium für Jugend und Sport nach einem Skatepark in Bagdad zu bitten. Ein Repräsentant versprach, dass in den kommenden Monaten einer gebaut werden würde. "Wir sind da aber nicht sehr zuversichtlich", sagt Hussein. 

Vor dem 'Save Iraqi Culture'-Monument treffen sich die Skater

Aufgrund von Importbeschränkungen sind Skateboards im Irak teuer und schwer zu kriegen. Ein richtiges Board kostet um die 250 Euro, was sich kein normaler Iraker leisten kann. Skater kaufen stattdessen gefälschte Bretter. "Viele Skater haben Unfälle und verletzten sich wegen ihrer Skateboards", sagt Muhammad. "Aber wir haben keine Wahl." In Bagdad gibt es einen Secondhand-Shop für Skateboards aus Europa. "Die Preise dort liegen zwischen acht und 41 Euro – das ist das beste Preisleistungsverhältnis im Land", sagt Muhammad. Andere, wie Ramadan, der die Schule geschmissen hat und momentan arbeitslos ist, teilen ihre Skateboards mit Freunden. 

Der Al Thaqafa-Platz ist der Ort, wo sich die Gruppe trifft

Die 16-jährige Tabarek* geht noch zur Schule. Sie hat vor drei Monaten mit dem Skaten angefangen und kommt jetzt regelmäßig zu den wöchentlichen Treffen der Gruppe. "Meine Familie unterstützt mich, aber das ist nicht bei vielen Mädchen der Fall", sagt sie. "Unsere Gesellschaft akzeptiert Mädchen nicht, die draußen Sport treiben." Am Anfang war sie nervös, weil sie nur von Jungs umgeben war, aber die Gemeinschaft hieß sie herzlich willkommen. "Jetzt fühle ich mich hier zu Hause." Muhammad und die anderen hoffen darauf, dass mehr weibliche Skaterinnen dazukommen werden. "Wir wollen eine diverse Gemeinschaft." 

Die Skater nahmen auch an den Protesten teil

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