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Ich hätte eine Abtreibung sein sollen – stattdessen wurde ich Pflegekind

Ist mein Vater manisch, fühlt er sich wie Gott. Doch wenn er depressiv ist, kann er nicht einmal eine Teetasse halten.
8.6.21
Pflegekind Lara sitzt auf dem Boden und
Alle Bilder: Privat

Ich habe viele Erinnerungen an meine Kindheit. Friedo, der an meiner Seite im Buchladen steht, mit seinem Hut und seinem Altherrenmantel. In meinen Händen halte ich eines der ersten deutschen Exemplare von Harry Potter. Das Buch ist dick und schwer und ich presse es an meine Brust wie einen Schatz.

Irma, wie sie mir Käsespieße auf mein Zimmer bringt, die ich mir in den Mund stopfe, während ich mit gekreuzten Beinen lesend auf dem Boden sitze. Ich lese, bis mir die Augen zufallen und vergieße bittere Tränen, als Dumbledore tot und Harry, das Waisenkind, nun ganz allein ist.

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Friedo und Irma sind die Menschen, bei denen ich aufgewachsen bin. Aber sie sind nicht meine Eltern. Eigentlich hätte ich eine Abtreibung sein sollen – stattdessen wurde ich ein Pflegekind.


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Meine Eltern lernen sich Anfang der 90er in einer Psychiatrie kennen. Sie ist 20, er Mitte 30. Beide haben mit schweren psychischen Störungen zu kämpfen. Es ist eine ungeplante Beziehung, eine ungeplante Schwangerschaft, eine ungeplante Ehe.

Ich komme im September zur Welt, mit drei Wochen Verspätung. In einer Nacht im Dezember greift mein Vater zum Telefon. "Es geht so nicht weiter", sagt er. "Bitte helft uns."

Meine Eltern lehnten immer ab. Bis zu dieser Nacht.

Am anderen Ende der Leitung sind Irma und Friedo, ein Ehepaar um die 60, das mein Vater aus der Kirchengemeinde kennt. Friedo ist Seelsorger und hat schon einige Gespräche mit meinen Eltern geführt. Er und Irma sind Eltern von vier erwachsenen Kindern, drei davon adoptiert. Mehr als einmal haben die beiden meinen überforderten und psychisch instabilen Eltern ihre Hilfe angeboten. Meine Eltern lehnten immer ab. Bis zu dieser Nacht.

Ich bin drei Monate alt, als Friedo und Irma mich zu sich nehmen. Erstmal nur vorübergehend, inoffiziell, ohne Jugendamt. Ein Freundschaftsdienst sozusagen. Bis sich die Situation zwischen meinen Eltern normalisiert und es ihnen besser geht. Meine Eltern sehen mich regelmäßig. Mal geht es ihnen besser, mal schlechter. Normal ist es nie so richtig.

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Bei Irma und Friedo habe ich es gut, finden sie. Es wird also amtlich: Friedo und Irma werden meine Pflegeeltern. Was als Übergangslösung gedacht war, wird zu meinem Zuhause.

Als ich eingeschult werde, mache ich kein Geheimnis daraus, dass ich bei Menschen wohne, die so alt sind wie die Omas und Opas der anderen. Die Kinder löchern mich mit Fragen.

"Ist das deine Oma?"

"Wo sind deine Eltern?"

"Warum wohnst du bei so alten Leuten?"

Auf zwei Bildern halten Erwachsene ein fröhliches Kind, es sind Friedo und Irma

Laras Ersatzeltern, Friedo und Irma

Ich mag es, dass ich anders bin. Die Fragen beantworte ich gerne, auch wenn es immer dieselben sind. "Meine Eltern konnten sich nicht um mich kümmern, weil sie krank waren", sage ich sachlich und freundlich.

Irma und Friedo lieben mich bedingungslos. Wenn ich nachts weinend aus Albträumen erwache, wiegt Irma mich in ihren Armen, singt mir vor. Als ich anfange, eigene Geschichten zu schreiben und ganze Notizbücher fülle, zeigt mir Friedo, wie man am Computer schreibt.

Sonntags gehen wir in die Kirche. Religion wird zu einem großen Teil meines Alltags. Jeden Tag wird bei uns zuhause mehrmals gebetet, im Kindergottesdienst lerne ich alles über Gott, Jesus Christus und die Bibel.

Mein Leben ist schön, weil es in einer schillernden Blase stattfindet.

Mama und Papa sind zwar nicht mehr zusammen, aber an den meisten Wochenenden bin ich entweder bei ihr oder ihm. Dann unternehmen wir lauter spannende Sachen. Mama bespielt mir Kassetten mit meinen liebsten Liedern, Papa lässt mich so lange aufbleiben, wie ich will.

Meine Eltern sind für mich wie mystische aufregende Wesen aus einer fernen Welt, fremd und gleichzeitig vertraut. Wenn sich meine und ihre Welt berühren, ist es jedes Mal wie ein kleines Wunder. Verbringe ich Zeit mit ihnen, ist es, als machte ich Kurzurlaub in einem anderen Leben. Ich vergöttere sie beide.

Die Autorin steht mit ihren Pflegeeltern vor einem roten Auto und sitzt schreibend an einem Laptop

Mein Leben ist schön, weil es in einer schillernden Blase stattfindet, die Irma und Friedo um mich herum errichtet haben. Es ist eine perfekte Illusion der Harmonie, in der Probleme keinen Platz haben.

Ich bekomme alles, was ich will, wenn es das ist, was sie wollen. Entspreche ich ihren Erwartungen, überschütten sie mich mit Liebe. Wenn nicht, werde ich bestraft. Zuwendung ist unsere Währung. Das System funktioniert gut, bis ich älter werde und unsere Erwartungen sich zunehmend voneinander unterscheiden. Bis die Blase Risse bekommt.

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Mein Leben als Pflegekind ist nie auf diese filmreife Art dramatisch, die sich die meisten vorstellen. Ich werde nicht von einer Pflegefamilie zur anderen gereicht, und meine Pflegeeltern sperren mich nicht tagelang in einen dunklen Keller.

Mit meinen wenigen Freundinnen darf ich Samstag abends nicht verabredet sein - ich muss schließlich sonntags in die Kirche.

Auf dem Gymnasium gibt es die Normalen, die Coolen. Und es gibt mich. Ich bin die Komische mit der Brille, der Zahnspange und den peinlichen Klamotten, die mit den religiösen Pflegeeltern, die ihr am liebsten auf Schritt und Tritt folgen würden um sicherzustellen, dass sie auch ja brav ist. Ich bin die, die in den Pausen allein in der Schulbibliothek sitzt und liest. Wenn die anderen in meiner Klasse über mich lachen, lache ich mit, obwohl mir nach Heulen zumute ist.

Mit meinen wenigen Freundinnen darf ich Samstag abends nicht verabredet sein - ich muss schließlich sonntags in die Kirche. Unter der Woche muss ich für die Schule lernen. An Halloween würde ich gerne mit den anderen um die Häuser gehen, doch Irma lässt mich nicht. "Halloween ist ein heidnisches, unchristliches Fest", sagt sie und verteilt Bibel-Flyer an meine Freundinnen. Schule und Kirche sind Priorität, das hat Irma so entschieden. Ich werde nicht gefragt.

Ich sehne mich nach Normalität. Manchmal fühle ich mich von meinem Zuhause so erdrückt, dass ich am liebsten schreien würde. Manchmal liege ich einfach nur da und wünsche mir, dass alles aufhört.

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Ich fühle mich schrecklich schuldig: Gegenüber Irma und Friedo, weil ich so unglücklich und undankbar bin. Gegenüber Mama und Papa, die es so viel gekostet hat, mich loszulassen um mir dieses Leben zu ermöglichen, das ich immer öfter nicht mehr will. Und gegenüber Gott natürlich. Ich bin eine schlechte Pflegetochter, eine schlechte Tochter und eine Sünderin noch dazu, denke ich. Herzlichen Glückwunsch.

Viele der Abenteuer, die er mir verspricht, erlebe ich nur in meinem Kopf.

Die Veranlagung zu psychischen Erkrankungen liegt in den Genen. Über die bipolare Störung meines Vaters sagt Friedo einmal: "Ist er manisch, fühlt er sich wie Gott. Doch wenn er depressiv ist, kann er nicht einmal eine Teetasse halten."

Mein Vater verschwindet immer mal wieder für längere Phasen aus meinem Leben. Taucht er wieder auf, sprüht er vor Energie und unternimmt Ausflüge mit mir. Einmal fahren wir zu einem Segelflugplatz am Stadtrand. Er verspricht, dass wir beide auch mal mit so einem fliegen werden. Wir fliegen nie. Viele der Abenteuer, die er mir verspricht, erlebe ich nur in meinem Kopf. Trotzdem kann ich mich nicht erinnern, ihm je böse gewesen zu sein.

Meine Mutter hat Depressionen und zieht sich nicht zurück, wenn es ihr schlecht geht. Manchmal ist es, als hinge ihre Traurigkeit greifbar im Raum wie eine dunkle Regenwolke. Wenn diese Wolke aufbricht, trifft der Regen uns beide. Ich fürchte mich vor Mamas Regen und setze alles daran, dass erst gar keine Wolken aufziehen, wenn wir zusammen sind.

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Wahrscheinlich wollen meine Pflegeeltern mich mit ihrer frommen Harmonie vor der Dunkelheit in meiner DNA beschützen. Aber sie verschwindet nicht. Sie wächst und dehnt sich aus, unter der Oberfläche. Und eines Tages bricht sie aus und verschlingt alles um sich herum.

Ich weiche zurück, bis ich die Wand im Rücken spüre, sage nichts und wünsche mich weg.

Mit fünfzehn bin ich am Ende meiner Kräfte. In der Schule werde ich gemobbt, nach der Schule verletze ich mich heimlich selbst. Nachts liege ich oft stundenlang wach. Morgens nach dem Aufwachen muss ich weinen. Ich habe Depressionen und denke ans Sterben. In unserem großen Haus komme ich mir vor wie ein Eindringling.

Weil ich mich seit einiger Zeit dunkel kleide und düstere Musik höre, wirft Irma mir vor, ich würde die Bibel verleumden und mich dem Teufel zuwenden. Ich streite mich mit meinen Pflegeeltern. "Wenn du weiter so ungehorsam bist, müssen wir mit dir zum Jugendamt! Dann kannst du hier nicht bleiben!", droht Friedo einmal und fuchtelt mit seinem erhobenem Gehstock in meine Richtung. Ich weiche zurück, bis ich die Wand im Rücken spüre, sage nichts und wünsche mich weg.

Strenge Regeln, Verbote und Drohungen sollen mich wieder auf den richtigen Weg bringen. Ich weiß, ich mache meinen Pflegeeltern Kummer, fühle mich egoistisch und falsch. Dann liest Irma heimlich mein Tagebuch - und trifft eine Entscheidung.

Ich komme in die Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dort ist es gar nicht so schlimm, wie ich dachte. Ich sehe Irma und Friedo an den meisten Wochenenden. Wir reden nicht darüber, was passiert ist. Ob ich Irma je werde vergeben können, weiß ich nicht.

Die Autorin sitzt auf einer Gartenliege und blättert durch die Wirtschaftswoche sie ist ein Kleinkind

Die Autorin und ihr Onkel Friedo

Auch meine Eltern sehe ich ab und zu. Ich glaube, sie fühlen sich schuldig. Mein Therapeut sagt, es sei ein Trauma, dass meine Eltern mich damals verlassen haben, und fragt mich, ob ich deshalb wütend auf sie bin. Das verwirrt mich. Ich fühle mich nicht traumatisiert.

Mit 16, nach meiner Entlassung, ziehe ich in eine betreute Jugendeinrichtung. Onkel Friedo stirbt, als ich 19 bin. Heute, mit 27, fehlt er mir noch immer. Tante Irma lebt jetzt allein in dem großen Haus. Ich besuche sie regelmäßig und wir schreiben uns Mails. Vergeben habe ich ihr schon vor langer Zeit.

Inzwischen weiß ich: Die eine "echte" Familie gibt es nicht.

Meinen Vater sehe ich ein paar Mal im Jahr auf eine Zigarette oder ein Stück Kuchen, meiner Mutter treffe ich mich alle paar Wochen zum Kaffee oder zum Kochen. Über manches, was in der Vergangenheit passiert ist, haben wir gesprochen. Über vieles nicht.

Unser Verhältnis ist gut, doch es wird wohl nie eines sein, wie andere es zu ihren Eltern haben. Genau danach habe ich mich immer gesehnt, lange ohne es zu wissen: Eltern haben, so richtig. Teil einer echten Familie sein.

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Viel zu spät habe ich begriffen, was ich verloren habe. Dass ich überhaupt etwas verloren habe. Etwas, das ich nie bekommen werde. Inzwischen weiß ich: Die eine "echte" Familie gibt es nicht. Nur in meinem Kinderkopf, eine Konstruktion erbaut auf einem Fundament diffuser Sehnsucht. Jener erste Psychiatrieaufenthalt blieb nicht der letzte in meinem Leben.

Manchmal denke ich noch immer, dass ich vom Moment meiner Empfängnis an ein Störfaktor war: in der Beziehung meiner Eltern, im jungen Leben meiner Mutter.

In der Kirche habe ich gelernt, dass alle Menschen Sünder sind und Gott um Vergebung bitten müssen. Wenn Gott gnädig genug ist, hat man nochmal Glück gehabt und kommt doch nicht in die Hölle. Darum, gnädig und fair mit sich selbst zu sein oder sich selbst zu vergeben, ging es nie.

Das kann man jetzt traurig finden. Irgendwie ist es das ja auch. Aber meine Kindheit war ebenso schön, wie sie schrecklich war. Dass gegensätzliche Zustände zusammen existieren können, weiß ich erst heute. Damals teilte sich mein Weltbild ein in "gut" und "schlecht", in "richtig" und "falsch".

Ich hätte auf meine Eltern wütend sein dürfen, weil sie mich weggegeben haben, und ihnen gleichzeitig dankbar dafür sein können. Ich hätte traurig sein dürfen, weil ich nicht mit ihnen zusammen war und gleichzeitig glücklich darüber, so großartige Pflegeeltern zu haben.

Du leidest an Depressionen oder sorgst dich um einen nahestehenden Menschen? Die Nummer der Telefonseelsorge in Deutschland ist 0800 111 0 111. In dieser Liste sind bundesweite Anlaufstellen für Menschen mit Depressionen aufgeführt. Die Nummer der Telefonseelsorge in der Schweiz ist 143. Die Nummer der Telefonseelsorge in Österreich ist 142. Den Notfallpsychologischen Dienst erreichst du hier unter 0699 18 85 54 00.

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