Politik

Das Privatleben von Gerhard Schröder ist peinlich – fast so peinlich wie sein Berufsleben

Der Ex-Kanzler soll 22.000 Euro an den Ex-Mann seiner Frau zahlen. Das passt ins Bild eines Mannes, der sein Denkmal einreißt, bevor jemals jemand vorhatte, ihm eins zu bauen.
2.6.21
Ex-Kanzler Gerhard Schröder in Anzug und Fliege bei einer Veranstaltung; wir haben seine politische Laufbahn und sein Leben seitdem genauer unter die Lupe genommen
Bild: IMAGO / Emmanuele Contini

Helmut Schmidt wurde seriös, Willy Brandt internationalistisch und Helmut Kohl blieb schwierig. Wer einmal Bundeskanzler war, erkennt meistens, was nach der Amtszeit gut für ihn ist. Ein bisschen Prominenz bewahren, im Gespräch bleiben oder sich daraus zurückziehen, ohne das, was man erreicht hat, zu gefährden. Nur einer weiß es besser. Das ist Gerhard Schröder.

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Der ist mittlerweile recht offen zum Chef-Lobbyisten des russischen Regimes und dessen Wirtschaft geworden. Innenpolitisch benimmt er sich wie ein wildgewordener Boxtrainer, der in das Handtuch schifft, statt es zu werfen, es wild über dem Kopf herumwirbelt und damit seinen Schützling vollspritzt, der gerade versucht, die Strategie, mit der Schröder vor anderthalb Jahrzehnten blutig gescheitert ist, hinter sich zu lassen. 


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Privat ist er dieser Tage in den Schlagzeilen, weil er dem Ex-Mann seiner neuen Frau 22.000 Euro zahlen soll, weil er die Ehe der beiden zerstört habe. Schröder ist peinlich auf allen Ebenen und schadet dabei nicht nur dem eigenen Andenken, sondern auch der eigenen Partei. Aber das passt irgendwie. 

Wer nicht weiß, wer Gerhard Schröder eigentlich ist, weil er 2005, als Schröder sich aus der Politik zurückzog, noch 16 Jahre jünger war, hier eine Auffrischung: Gerhard Schröder war von 1998 bis 2005 Bundeskanzler. Ihr sagt jetzt: "Moment, wird man nicht für vier Jahre gewählt?" Und die Frage ist berechtigt. Nur hat Schröder einen Trick angewandt, um noch mal gewählt zu werden. Er hat seine Amtszeit künstlich verkürzt, um Neuwahlen zu provozieren, die er dann verloren hat. Um seine Partei und Person stand es da nämlich schon nicht mehr gut. Dabei war er mal der Wahlgewinner, die sozialdemokratische Ein-Mann-Armee, dem die Sozialdemokratie reichlich egal war.

In seinem Wikipedia-Eintrag steht heute ein Satz, der sich liest, als habe Schröder ihn selbst eines Nachts besoffen ins Internet gepupst: "Gerhard Schröder hat zwischen 1990 und 2002 auf Landes- und auf Bundesebene fünf Wahlen in ununterbrochener Folge als Spitzenkandidat seiner Partei gewonnen und ist in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland der einzige Politiker, dem dies bisher gelang." 

Bevor er Bundeskanzler wurde, war er nämlich Ministerpräsident von Niedersachsen. Davor war er Juso-Bundesvorsitzender, was traditionell eine eher linke Position ist, die dann, wenn man einmal in die Führungsebenen der SPD aufgestiegen ist, schnell vergessen werden darf.

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Aber warum gelang ihm das? Womöglich weil Schröder so etwas war wie der erste Kanzler des Reality-TV-Zeitalters. Der erste Politiker, dem Prominenz wichtiger war als Seriosität. Als Ministerpräsident hatte er eine Gastrolle bei GZSZ, ging zu Wetten, dass..? Und war stolz, behaupten zu können, dass "Bild, BamS und Glotze" ihm zum Regieren reichten. Geschichten und Geschichtchen von ihm kursieren früh – etwa die, als er vor seiner Wahl zum Kanzler besoffen am Gitter vor dem Kanzleramt rüttelte und verkündete, dass er da rein wolle. Schröder war früh präsent, er war da und er war unterhaltsam. Das Phänomen kennen wir mittlerweile aus den USA, und auch da wurde schnell deutlich: Die Leute mögen das.

In Niedersachsen hat Schröder die Grünen in die Regierung geholt und das 1998 auf Bundesebene gleich noch mal getan. Kurz darauf schickte er zum ersten Mal in der bundesrepublikanischen Geschichte deutsche Soldaten in einen Kampfeinsatz, senkte den Spitzensteuersatz und privatisierte die Altersvorsorge teilweise. Alles in allem machte er also so linksextreme Politik, dass ein großer Teil der linkeren SPD sich abspaltete und ein paar Jahre später mit der PDS, der Nachfolgepartei der SED, zur Partei Die Linke fusionierte.

Schröder selbst sagte einmal, er setze sich nicht für eine "sozialdemokratische" Wirtschaftspolitik ein, sondern für eine "moderne". Immerhin hat er sich geweigert, mit den USA Krieg gegen den Irak zu führen.

Ein großer Sozialdemokrat war Schröder nicht. Erst das Land, dann die Partei, so sein Motto. Und wem genau im Land seine Loyalität galt, das blieb dann offen. Man bezeichnete ihn gelegentlich als Genossen der Bosse, weil Schröder mit der Wirtschaft kungelte und sich selbst in Luxus präsentierte. Teure Anzüge, Rotweine und Zigarren begleiteten massiven Sozialabbau und eine Liberalisierung des Arbeitsmarkts, die man heute noch unter Hartz IV kennt – und wovon die SPD sich bis heute nicht mehr befreien konnte. 

Doch ist es nicht nur die Politik Schröders, die der SPD heute schadet. Es ist auch Schröder selbst. Immer wieder meldet er sich zu Wort, spricht seinen Genossinnen und Genossen Kompetenz ab oder kritisiert ihre Entscheidungen. "Nicht mal sie selbst" würde behaupten, dass sie große Wirtschaftskompetenz besitzt, sagte Schröder einmal über die Parteivorsitzende Andrea Nahles, die nicht lange danach zurücktrat.

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Vor allem aber ist es das Verhältnis zu Wladimir Putin, mit dem Schröder alle irritiert, die sich das angucken. Als Putin einmal wieder wiedergewählt worden war, durfte Schröder ihm als zweiter von drei Männern öffentlich gratulieren. Der Sozialdemokrat direkt nach dem Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche. Das ist mehr als private Freundschaft, von der Schröder sagt, dass sie ihn und Putin verbinde. Aber Schröder sagte auch einmal, Putin sei ein "lupenreiner Demokrat". 

Jedenfalls sitzt Schröder seit 2005 in verschiedenen Gremien von Unternehmen und Institutionen, die allesamt mindestens mittelbar Putin unterstellt sind, und verdient damit jede Menge Geld. Falls ihr den Anfang des Textes vergessen haben solltet: 2005 ist das Jahr, in dem Schröder anfangs noch Bundeskanzler war und gegen Ende dann nicht mehr. Vorher aber hat er sich noch für die Pipeline aus Russland durch die Ostsee bis nach Deutschland und für einen Kredit für das russische Unternehmen stark gemacht, das diese bauen sollte. In den Aufsichtsrat dieses Unternehmens wechselte er dann auch.

Schröder war dabei immer schon peinlich. Extravaganz, Charisma und ein Gespür für die richtige Inszenierung zur richtigen Zeit waren wohl die wichtigsten Gründe für seine Wahlerfolge. Man nahm ihm die prollige Art ab, mit der er der Öffentlichkeit begegnete, und nannte sie "kernig". Wie Trump gab er nach der schmachvollen Niederlage nicht auf, sondern kritisierte erst die Medien für negative Berichterstattung, hinterfragte dann das politische System und gab auch dann keine Ruhe, als es lange still um ihn geworden war. 

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Schröders Eitelkeit stand dem unprätentiösen Männlichkeitsbild entgegen, das Schröder zelebrierte, wenn er sich laut eine Flasche Bier wünschte oder einführte, dass die Bundestagskantine jeden Tag Currywurst mit Pommes anbietet. Zu den Anzügen und Zigarren passte sie hingegen. So erstrebte er einst eine Unterlassungserklärung gegen die Nachrichtenagentur ddp, die geschrieben hatte, dass Schröder, der bis heute – mit 77 Jahren – volles dunkelbraunes Haar auf dem Kopf trägt, sich die Haare töne. Das war 2002.

Und irgendwann war es dann auch genug. 2005 verzichteten die Wählerinnen und Wähler auf eine dritte Amtszeit Schröders. Merkel kam an die Macht, und der Rest ist Gegenwart. Geschichte hingegen ist Schröders Auftritt am Wahlabend geworden, als er Merkel erklärte, dass er zwar verloren habe, aber die nächste Koalition mit der Union dennoch als Kanzler anführen würde. Er wirkte so überzeugt davon, dass es fast süß war. Natürlich war es nicht süß, sondern übergriffig und anmaßend und herablassend und auch irgendwie kernig. Jedenfalls merkten wohl die meisten in dem Moment, dass es ganz gut war, dass Schröder jetzt nicht mehr Kanzler sein würde.

Als er noch Kanzler war, nannte man Schröder ab und zu auch den Audi-Kanzler. Drei Scheidungen, vier Ringe, ihr versteht? Heute sind es fünf Ringe, Schröder hat nämlich noch mal geheiratet. Der Olympia-Altkanzler also. Zum Audi-Gag gehört natürlich erwähnt, dass Schröder sich immer wieder für die Autoindustrie eingesetzt hat.

Heute betreibt Schröders Frau einen Instagram-Account, auf dem sie ihn menschlich verkitscht zeigt, er selbst betreibt einen Podcast. Die Insta-Bilder seiner Frau Kim So-yeon zeigen ihn in verliebten Turteleien. Im Podcast versucht er, Politik zu machen, ohne Politiker zu sein – also irgendwie das, was er seit Jahren macht: Lobbyismus entweder für Russland oder für sich. Wobei man nie ganz weiß, wo da die Grenze ist.

Kürzlich erst kritisierte er Robert Habeck dafür, in der Ostukraine gewesen zu sein. Hier führt Russland einen Stellvertreterkrieg gegen den ukrainischen Staat, nachdem Putin 2014 sich bereits die Halbinsel Krim angeeignet hat - einen Vorgang, den Schröder erst relativierte, dann relativierend kritisierte.

Schröder, der Autokanzler, der Audi-Kanzler, der Putin-Versteher und der Cheflobbyist des Kremls. Dieser Schröder, Bundeskanzler a.D., ist heute eine Witzfigur, die für den Niedergang der SPD steht wie niemand sonst. Schröder hat als Kanzler die Sozialdemokratie kaputt gemacht. Und als er nicht mehr Kanzler war, hat er das bisschen Würde, das mit dem Kanzleramt einhergeht, gleich mit zerstört. Kaum etwas wäre absurder als die Vorstellung, eine Statue von Gerhard Schröder in einer deutschen Innenstadt zu sehen. Wahrscheinlich sähe Schröder eine solche ohnehin lieber auf dem Roten Platz in Moskau.

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