VICE Autor Robert Hofmann sitzt alleine auf einem Spielplatz. Er fragt sich, ob er Vater sein möchte und warum
Alle Fotos: Philipp Sipos
Menschen

Alle meine Freunde werden Vater und ich pimmel hier noch rum

Warum wollen die mit Anfang 30 alle erwachsen werden? Wie machen die das überhaupt?
8.4.21

Der erste war Christian. Der heißt eigentlich anders, wie alle Menschen, die hier vorkommen. Sie werden sich aber wiedererkennen können und hoffentlich merken, wie gern ich sie habe. Christian und ich kennen uns aus dem Studium, beide Geschichte, er auf Lehramt, ich auf 16 Semester. Bei meiner Abschiedsparty in meiner Stammkneipe fragte meine damalige Freundin mehr augenzwinkernd übergriffig als interessiert, wann es denn bei ihm so weit sei. Als er daraufhin betreten in die Runde blickte und sagte, dass er das gerne anders verkündet hätte, aber dass, ja, seine Freundin schwanger sei, war die Überraschung nicht besonders groß.

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Bei Christian war das für mich noch in Ordnung. Ich mag ihn zwar sehr gern, er ist ein gutmütiger Typ, der trotzdem wahnsinnig witzig sein kann und immer das Richtige sagt. Aber unsere Leben waren da schon komplett unterschiedlich. Ich zog am nächsten Tag nach München, um mit Anfang 30 nochmal eine Ausbildung anzufangen, er arbeitete schon seit Jahren als Lehrer. Außerdem war er ohnehin nie ein exzessiver Mensch, er trinkt nicht mal und hatte deswegen kaum etwas zu verlieren. 

Schwieriger war es, als mein jüngerer Bruder kurz darauf so weit war. Seine Tochter wurde in der Nacht geboren, in der ich auf dem Oktoberfest alles gegeben hatte. Gut, mein Bruder war schon mit Mitte zwanzig irgendwie Ende vierzig in seiner Ernsthaftigkeit, seiner Zielstrebigkeit und seiner Selbstdisziplin. Aber mit dem Kind kamen die Fragen meiner Mutter, ehrlich interessiert, aber trotzdem ungesund indiskret, wann es denn bei mir und meiner Freundin so weit sei. Darauf hatte ich keine Antwort, aber ich wusste, dass ich nun eine Haltung entwickeln musste. Die würde im Laufe der nächsten Jahre immer dringender und drängender werden. 


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Ich musste mich entscheiden, ob ich Vater werden will. Ich war Anfang 30, eigentlich ein Alter, in dem die Frage legitim ist. Aber mein Kopf dröhnte halt auch noch vom Oktoberfest, oder dem Wochenende danach oder dem danach. Nicht, dass dröhnende Köpfe ausbleiben, wenn man Kinder hat. Sie sind nur nicht mehr Resultat eines wilden Wochenendes, sondern eher eines eintönig überforderten Lebens. 

Kinder zu kriegen ist natürlich eine gute Sache. Schon weil man damit Menschen erschafft, die einmal genauso toll werden wie man selbst. Vielleicht sogar toller, weil man ja sicher ist, zu wissen, an welchen Reglern man drehen muss, um die eigenen Unzulänglichkeiten zu vermeiden. Man erschafft außerdem Menschen, die einen mögen, selbst wenn man mal ein Arsch ist.

Robert Hofmann füttert Vögel vor dem Urban Krankenhaus in Berlin

Wenigstens die Vögel bleiben, so lange ich sie füttere

Um mich herum werden es mittlerweile immer weniger. Alle meine Freunde werden Vater. Für sie ist das schön, sie "wagen den nächsten Schritt". So nennt man das ja seit einem halben Jahrhundert, als das christliche Idealbild der Kernfamilie auf die Anfänge der Individualisierung traf. Ich habe dabei ein anderes Gefühl. Für mich beginnt kein neues Leben, wenn sie eins in die Welt setzen. Für mich endet eines, nämlich das meiner Freunde, die aus meinem Leben verschwinden. 

Ich glaube, dass Menschen, gerade während der Pandemie, die Spießigkeit des Lebens suchen und entdecken. Sie haben das Bedürfnis nach der bedingungslosen Nähe von Menschen, nach Familie. Sex hätten sie auch so, denn was sollten Paare dieser Tage anderes tun? Aber nun werden auch Familien gegründet. Einfach um Menschen an sich zu binden, die den nächsten Lockdown mit ihnen durchstehen müssen. Wenn man diese Familie schon ist, schafft man sich noch einen solchen Menschen. Damit man zu zweit nicht mehr so alleine ist.

Mit jeder Familiengründung fühle ich mich ein bisschen mehr alleine. Wenige Monate nach meiner Nichte gab es Neuigkeiten von Jonas und Rabea. Beide um die 30, seit einem Jahr verheiratet, zurückgezogen, ernst. Sie waren immer die Couple-Friends meiner Freundin und mir. Wir gingen zu viert ins Kino oder essen und tranken Cocktails vor dem Fernseher. 

Eigentlich hatten sie immer gesagt, dass sie keine Kinder wollen, zu zweit wären sie glücklich genug. Wenn man das angezweifelt hat, wurden sie sauer. Man solle sich nicht in ihr Leben einmischen. Sechs Monate später kam das Kind und ich traue mich nicht, zu fragen, ob sie vorher gelogen haben oder nur ihre Meinung geändert. Meine Freundin war da bereits meine Exfreundin, einige Wochen vorher hatte sie sich von mir getrennt. Als Couple-Friends hatten wir uns also zuerst disqualifiziert.

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Aber halt auch als das Paar, das gemeinsam Kinder kriegt. Auch wenn das nie im Raum stand. Zumindest nie wirklich. Wir haben nie darüber gesprochen, aber wenn man fünf Jahre zusammen ist, dann schwingt die Frage ja doch immer irgendwie mit. "Wollen wir nicht mal zusammenziehen?" Ich wollte nicht so richtig. Ich wollte weiterhin jedes Wochenende die Möglichkeit haben, auf dem Oktoberfest alles zu geben.

Im Prinzip ist die Entscheidung, ob man Kinder haben will, die zwischen der sofortigen Befriedigung geiler Bedürfnisse und der langen, zähen, dafür aber womöglich unendlich viel schöneren Belohnung am Ende. Und na ja, ich bin eher so der Typ 350-Gramm-Haribo-auf-einmal.

Nach der Trennung muss ich mich also einer weiteren Frage stellen: Will überhaupt jemand ein Kind mit mir machen? Mit dem Typ, der mit Mitte 30 seinen ersten Job hat, der lieber eine ganze Tüte Haribo isst, als sich in regelmäßigen Abständen über eine wohlportionierte Menge zu freuen. Und der sich während der Pandemie mehr auf das Wochenende freut, an dem er mit Freunden mal wieder Ecstasy nehmen kann, als auf den Besuch bei der Familie. 

Denn, das ist ja die nächste Frage: Will ich überhaupt Kinder? 

Am schmerzhaftesten war der Dezember, als drei Freundschaften auszubluten begannen. Am ersten Adventswochenende lud Matthias mich zum Glühwein-Spaziergang ein. Darauf freute ich mich wochenlang, weil er seit einem guten Jahr mit Johanna zusammen war, und seitdem kaum noch das Haus verließ. Jetzt also mal wieder ballern, wie schön.

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Am Vormittag vor dem Treffen, ich liege noch im Bett, ruft mich Daniel an, einer meiner liebsten Freunde. Wir haben schon Magazine zusammen gegründet, Urlaub gemacht und mehr Schnaps getrunken als normale Hirne aushalten dürften. Mittlerweile wohnt er im Süden, wir sehen uns selten aber wenn, dann intensiv. Er wird Vater, erzählt er. Jetzt noch sechs Monate. Okay, denke ich mir, mit seiner Freundin ist er schon ewig zusammen, die beiden führen ein geregeltes Leben, das klingt logisch.

Nachmittags dann braucht Matthias zwei, drei Glühweine, bis er erzählt, warum er sich mit uns treffen wollte. Und mit einem Mal weiß ich, dass ich zwei Freunde verloren haben werde. Zumindest so, wie ich unsere Freundschaften verstanden hatte - als nie endenden Exzess. Und doch sehe ich bei Matthias die Logik nicht so offensichtlich. Das Jahr mit Johanna klang eher stressig als schön, alle paar Monate erzählte er von Streits, weil er seine Freunde treffen wollte, von Ultimaten und von Drohungen: Würde er mit uns in Urlaub fahren, wolle sie nicht mehr seine Freundin sein. Er fuhr trotzdem. Als er weg war, bemerkte sie die Schwangerschaft und gab ihm nochmal eine Chance. Ich kann mich nicht so richtig darüber freuen, dass ein Kind in die Beziehung geboren wird, die so toxisch wirkt und, viel schlimmer, aus der ich ausgeschlossen werde.

Ein paar Wochen später, in der Nacht vor Heiligabend, den ich alleine verbringen werde, nachdem ich ihn die letzten Jahre mit der Familie meiner Exfreundin gefeiert hatte, erklingt der dritte Schlag an das Tor meines Unheils. Diesmal ist es Manuel. Auch ihn kenne ich aus dem Studium, auch er ist einer meiner besten Freunde. Als ich Erasmus in Granada gemacht habe, war er dreimal zu Besuch. Einmal, auf dem Weg zum Busbahnhof, hat er neongrünen Schleim erbrochen. Damals war das lustig. Seinen Junggesellenabschied vorletztes Jahr hat er dann auch in Granada gefeiert, bei seiner Hochzeit war ich Best Man und wusste schon da: Ewig geht das nicht mehr, die neongrünen Zeiten sind vorbei. 

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Warum wollen meine Freunde alle erwachsen werden? Wie machen sie das überhaupt? Wie schafft man es, sich einer Sache zu verpflichten, für mehrere Jahrzehnte?  

Mein Leben und das meiner Freunde werden jetzt immer unterschiedlicher. Während in den Bäuchen ihrer Frauen die neuen Lebewesen reifen, eignen meine Freunde sich Wissen an, von dem ich keine Ahnung habe. Väterwissen. Sie überlegen sich schlechte Witze, eine herablassende Attitüde gegenüber den Lebensentscheidungen ihrer Nachkommen und kaufen sich deutsche Autos und Weber Grills. Das war es mit den gemeinsamen Urlauben, den Abenden in der Kneipe. Um 19 Uhr liegt das Kind im Bett, zur gleichen Zeit endet ihr Leben, während ich gerade wach werde. Habe ich etwas falsch gemacht?

Robert Hofmann sitzt auf einer Bank und schaut zur Seite. Hinter ihm rollt ein Kinderwagen ins BIld

Auch Captain America war manchmal einsam

Gut, ich habe eine Beziehung kaputtgehen lassen, nach fünf Jahren. Zumindest meine ich das. Aber vielleicht macht man das einfach nicht mehr, wenn man die 30 einmal erreicht hat. Aber warum gehen meine Beziehungen immer kaputt? Liegt das wirklich an mir? Ich finde mich eigentlich ziemlich liebenswürdig. Ich bin lustig und klug und stark und esse super gerne Haribo. Ich kann kochen und Auto fahren und Computer spielen. 

Und doch hat meine Exfreundin sich getrennt. Eine Entscheidung, die unwahrscheinlich unökonomisch war, zumindest für mich. Nach fünf Jahren Beziehung hat man doch eigentlich zu viel reingesteckt, was man verliert, auf Nimmerwiedersehen, wenn man sich trennt. Aber gut, sie ist erst 30, die Welt steht ihr noch offen. Vielleicht hat auch sie sich überlegt, dass sie diese Offenheit lieber mit jemandem nutzen möchte, mit dem sie sich eine Zukunft vorstellen kann. Für mich ist es nicht mehr so leicht, ich bin ja schon 34. 

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Aber wäre ich lieber für immer unglücklich, als nochmal von vorn anzufangen? Fünf Jahre waren wir zusammen, würde es bei der nächsten Frau nochmal so lang dauern, wäre ich fast 40. Ich verstehe ja jetzt schon nicht mehr, was die Jugend bewegt, warum sie Rezo toll findet oder TikTok. Ich bin froh, dass ich WhatsApp bedienen kann.

Könnte ich jetzt überhaupt ein Kind großziehen? Wie soll ich mit meinem Einstiegsgehalt ein Kind ernähren, eine Frau? Ich bräuchte also eine, die gut verdient, eine Ärztin vielleicht, eine Anwältin oder Influencerin. Am liebsten eine Erbin, denn wenn ich ehrlich bin, habe ich keine Lust, aufzuhören zu arbeiten. 

Ich weiß nicht, warum es mich unter Druck setzt, dass meine Freunde ihr Leben anders führen als ich. Will ich mein Erbgut dringend weitergegeben? Möchte ich den Anschluss nicht verlieren? Glaube ich, meine Freunde leben besser als ich, erfolgreicher? Wenn ein Kinderwunsch aus Konkurrenzdenken erwächst, muss mein Kind doch eigentlich Christian Lindner werden. 

Wahrscheinlich ist es bei mir einfach der Wunsch, nicht allein zu sein, wenn das Alter einmal richtig kickt. Einen Haaransatz, der vor dem Blick meiner Mitmenschen flieht und einen Bauchansatz, der sich ihnen entgegenstreckt, kann ich noch ertragen. Aber was, wenn die Erinnerung irgendwann aussetzt, das Augenlicht schwindet, die Beine wackelig werden? Dann möchte ich doch jemanden haben, der mich in den Arm und mir die Angst nimmt. 

Robert Hofmann füttert Schwäne im Wasser

Schwäne sind widerlich, aber wenigstens leisten sie mit Gesellschaft

Immerhin gibt es noch Adrian, den letzten meiner wirklich guten Freunde, den ich regelmäßig treffe. Er ist in einer ähnlichen Situation wie ich. Seine Freundin hat sich vor zwei Jahren getrennt, was ihn sehr traurig gemacht hat. Für sie hatte er Häuser entworfen, Zukunftspläne gemacht und viele Nervigkeiten geschluckt. Sie war die Frau, mit der er eine Familie gründen wollte. 

Die Trennung hat ihn schließlich so niedergeschlagen, dass er von heute auf morgen alles in Frage gestellt hat. Und zwar zuerst seinen Kinderwunsch. Mittlerweile sagt er, wolle er keine Kinder mehr haben. Das nehme den Druck raus, wenn er Frauen auf Tinder, OkCupid und Bumble kennenlernt. 

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Ich habe mir vorgenommen, meine Freunde zu ersetzen. Nicht auszuwechseln, ich will sie weiter treffen. Ich begleite Christian, den ersten meiner Vater-Freunde, öfter, wenn er mit seinem Sohn auf den Spielplatz geht. Meinen Bruder kann ich jederzeit besuchen, bei ihm Homeoffice machen und meine Nichte mit Haribo beschenken, das ich dann selbst esse.  

Aber ich halte auch nach neuen Freunden Ausschau die ein Single-Leben führen.

Wenn ich also eines Tages wieder eine feste Beziehung habe, was auch immer das heißt, in der die Frage nach Kindern überhaupt denkbar ist, werde ich ihr offen gegenüber stehen. Nicht überschwänglich und unkritisch, aber ich will sie auf halbem Weg treffen, wo wir auf neutralem Terrain verhandeln können. Denn eigentlich will ich doch Kinder. Ich will nur nicht alles dafür opfern. Und ich will es nicht erzwingen. Denn wenn ich mit einer Frau Kinder kriege, die selbst hadert, wird das womöglich weder schön für mich, noch für die Frau und bestimmt nicht für die Kleinen. Wenn alles passt, wir einer Meinung sind, ein faires Konzept entwickeln, bei dem alle ihre Bedürfnisse artikulieren und, notfalls, gleichberechtigt aufgeben müssen, dann gibt es bald einen kleinen Robert oder eine kleine Loona auf der Welt, die genauso lustig, klug und stark ist wie ich.

Und wenn ich mir dann doch mal unsicher bin, werde ich meine alten Freunde von damals, deren Kinder mich dann schon als den komischen Haribo-Onkel kennen, bei ein paar Bieren in der Kneipe um Rat fragen und es wird alles so sein wie immer. 

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