Unser Autor Sebastian Goddemeier.
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Menschen

Alleine während Corona: So drehst du nicht völlig durch

Selbstliebe bedeutet, sich, seine Gefühle, Zweifel und Ängste zu akzeptieren.
28 April 2020, 12:39pm

Meine Nachbarin sitzt jeden Tag für ein paar Stunden an ihrem Schreibtisch direkt am Fenster, kocht zwischendurch Mittag und spricht nebenbei in ein Headset. Gegen 20 Uhr verlässt sie ihren Schreibtisch wieder und zieht die Jalousien zu. Ich gehe davon aus, dass sie nach der Arbeit noch ein bisschen entspannt. Sie scheint die perfekte Corona-Routine gefunden zu haben. Zu Beginn des Lockdowns habe ich sie beneidet: So wär ich auch gern.

Mein Alltag sieht zu diesem Zeitpunkt nämlich so aus: Irgendwann aufstehen, Tee trinken, Serien schauen, lesen, Unmengen Zucker zu mir nehmen, spazieren und dann wieder schlafen. Meine Vorhänge ziehe ich an manchen Tagen erst gar nicht auf. Und mit der Zeit bekomme ich Angst. Angst vor der Einsamkeit.

Für Menschen, die psychisch vorbelastet sind, ist der Corona-Lockdown besonders herausfordernd. Einsame werden einsamer. Süchtige werden rückfällig. Depressionen häufen sich. Suizidraten steigen. Auch in meinem Kopf werden die negativen Gedanken immer mehr. Ich lasse mich gehen, verbringe zu viel Zeit in meinem Kopf, grüble. Meine Krise in der Krise lautet: Wie gehe ich gut mit mir selbst um?


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Gesellschaftliche Krisen triggern persönliche Krisen. Jetzt mehr denn je. Seitdem das Coronavirus ausgebrochen ist, fühle ich mich zunehmend schwerer. Ich wohne allein. Die meisten meiner Freunde sind vergeben und isolieren sich zu Hause mit ihren Partnern. Wenn ich nicht arbeite, swipe ich durch Dating-Apps, telefoniere mit Freunden, gehe spazieren. Je länger der Lockdown andauert, desto mehr spüre ich, was ich bin: ein soziales Wesen. Ohne Kontakte werde ich unglücklich. Im schlimmsten Fall sogar depressiv. Ich merke immer mehr, ich kann und will nicht allein sein – dabei sollte ich mir doch selbst genügen, oder?

Es gilt als Stärke, gut allein sein zu können. Sich selbst zu genügen, das ist Selbstliebe. Bis zu einem gewissen Grad ist das auch richtig: Alleinsein hilft, sich selbst kennenzulernen.

Ich versuche seit Jahren alles, mich selbst mehr zu lieben und mit mir allein sein zu können. Aber Corona hat mich zurückgeworfen: Kleine Dinge werden immer größer. Oh je, was ist das für ein Gefühl? Da zwickt es mich. Wo kommt dieser Gedanke her? Wer sind meine wahren Freunde? Bin ich attraktiv? Finde ich Speckbäuche wirklich geiler als Sixpacks? Wo will ich hin? Liest irgendwer eigentlich meine Texte? All diese Dinge werden in meinem Kopf groß und angsteinflößend – bis alles, was ich glaube, über Selbstliebe und mich selbst zu wissen, verschwindet.

Was dann?

Ich nehme mir ein Beispiel an meiner Nachbarin. So schwer es mir am Anfang auch fällt, gebe ich meinem Tag mehr Routine. Mein Handy schläft von nun an in der Küche und weckt mich jeden Tag um 08:55 Uhr. Ich muss aufstehen und in die Küche stolpern, um den Alarm auszustellen – auch wenn ich mich danach mit einem Kaffee wieder ins Bett lege und weiter döse – zumindest bin ich aufgestanden. Es sind die kleinen Siege, die zählen.

Ich habe noch nie gerne gekocht, bin lieber essen gegangen oder habe schnell ein paar Gnocchi mit Pesto aufgewärmt. Der Aufwand schien mir für eine Person immer zu groß. In der Isolation greife ich zum ersten Mal zu diesem veganen Low-Carb-Kochbuch, das ich vor drei Jahren gekauft und nie wieder angerührt habe – und koche dreimal am Tag zu festen Zeiten. Für mich. Einfach nur für mich. Die Mahlzeiten geben mir Stabilität. Ich habe die Zeit.

Alle Strecken fahre ich mit dem Fahrrad, jeden zweiten Tag gehe ich fünf Kilometer joggen. Das stellt meinen Kopf ruhig und macht meinen Körper müde. Klingt nach Selbstoptimierung à la Instagram, wird in diesen Tagen aber essentiell für mein Wohlbefinden. Apropos Kopf: Ich muss sehr vorsichtig sein, womit ich meinen Kopf füttere. Zu viele schlechte Nachrichten erzeugen Ängste und Unsicherheiten. Ich schraube meinen Medienkonsum runter: 15 Minuten Tagesschau am Abend reichen. Das Buch Ein wenig Leben von Hanya Yanagihara lese ich nicht weiter. Es geht darin um selbstverletzendes Verhalten. Das kann ich zurzeit nicht lesen – macht nur traurig und beschwört Albträume. Dafür entdecke ich meine Liebe für Trash-TV wieder: Promis unter Palmen am Mittwoch- und Germany’s next Topmodel am Donnerstagabend. Da bin ich nicht der Einzige, die Pandemie ist für Heidis Einschaltquoten ein Segen.

In der Isolation kann sich jede kleine Tätigkeit wie ein großer Kraftakt anfühlen. Es ist OK, müde zu sein und sich antriebslos zu fühlen. Die Amerikaner sagen: Easy does, but you have to do it. Heißt: Alles entspannt angehen, aber es tun. Es ist OK, sich die Gegenwart anderer Menschen zu wünschen und needy zu sein. Bedürftig zu sein, bedeutet nämlich nur, dass die eigenen Bedürfnisse nicht befriedigt werden. Manche Bedürfnisse können derzeit einfach nicht befriedigt werden – in diesem Punkt bin ich neidisch auf meine vergebenen Freunde, die die ganze Zeit jemanden haben, der ihnen Nähe schenkt. Auch das ist OK.

Zwischenzeitlich öffnen Läden wieder, um die Wirtschaft zu unterstützen. Für Selbstständige wurden Hilfspakete geschnürt. Vor den Luxusboutiquen bilden sich schon wieder Schlangen. Das gibt mir etwas Hoffnung, dass der ganze Wahnsinn irgendwann vorbei sein wird und es wieder ein Sozialleben gibt. Denn was ich wirklich brauche, ist so simpel: eine Umarmung. Was zuvor reichlich vorhanden war, weiß ich nun zu schätzen.

Für gewöhnlich gehen mir Dinge leicht von der Hand, ich versuche, auf mein Bauchgefühl zu hören – momentan ist da aber nur mein Kopf, der mir alles mögliche sagt: Dieser Text ist mir zum Beispiel sehr schwer gefallen. Gefühle kommen hoch, Ängste werden getriggert. Panik entsteht, wenn ich mich allzu sehr auf meine Ängste einlasse. Manchmal zergehe ich im Selbstmitleid. Was hilft: Freunde anrufen und ihnen schonungslos ehrlich erzählen, wie ich mich fühle und was ich denke. Das bringt uns sogar ein großes Stück näher – wir lernen uns von ganz neuen Seiten kennen. Je mehr ich mich öffne, desto mehr erfahre ich auch über meine Freunde.

Wenn ich mich nur auf mich selbst konzentriere, kann meine kleine Welt sich sehr einsam und bedrohlich anfühlen. Um diesen Status zu durchbrechen, versuche ich, anderen zu helfen – meiner Oma zum Beispiel. Sie kann zurzeit nicht das Haus verlassen, weil sie zur Risikogruppe gehört. Also erledige ich Besorgungen für sie, gehe einkaufen, fahre mit dem Fahrrad durch die Stadt. Das gibt ihr ein Gefühl von Sicherheit und mir eine Beschäftigung für ein paar Stunden – wir gewinnen beide. Seit letzter Woche gehe ich jeden zweiten Tag mit einem Freund spazieren. Fühlt sich verdammt gut an.

Selbstliebe bedeutet, sich und all seine Gefühle, Zweifel und Ängste zu akzeptieren. Sich selbst zu sagen: "Alles ist gut, du machst das toll." Oder anderen zu helfen. Manchmal schmeckt Selbstliebe auch nach selbstgebackenem Käsekuchen.

Natürlich ist nicht alles perfekt. An manchen Tagen kann ich all diese Selbsterhaltungs-Tools nicht einhalten, bin gereizt, habe Angst oder einfach keine Lust. Selbstliebe braucht Zeit. Fortschritt statt Perfektion. Ein Gedanke tröstet mich besonders: Es wird besser werden, ein Tag nach dem anderen. Und auch wenn ich mich alleine fühle: Ich bin es nicht. Wir machen zurzeit alle dasselbe durch.

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